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Leseprobe aus Band II: Die Macht der Zeitenwanderer

In der Wüste

Nach einer ruhigen Nacht erwachten sie mit steifen, schmerzenden Gliedern. Da sie nicht wußten, wann sie ihre Wasservorräte wieder ergänzen konnten, bekam jeder nur einen Becher voll. Das Wasser schmeckte köstlich in ihren trockenen Mündern und tat den geschwollenen Zungen wohl. Dann aßen sie ein wenig und warteten weiter.

Die geflohene Sklavin begann sich zu rühren. Sie hatte die ganze Zeit wie eine Tote geschlafen. Nun reckte sie sich und öffnete die Augen. Als sie die fremden Gesichter erblickte, die sich über sie beugten, stieß sie einen Schrei aus und hob ihre Arme schützend vor das Gesicht. Akandra und die Zauberin redeten beruhigend auf sie ein, bis sich ihr Körper entkrampfte und sie sich langsam aufrichtete. Man reichte ihr etwas Nahrung, die sie mit beiden Händen nahm und gierig verschlang. Obwohl sie noch jung war, sah ihr Gesicht verhärmt und faltig aus. Die Hände waren schwielig und die Farbe ihre Haares stumpf.

Qumara fragte, wer sie sei und woher sie komme. Nachdem die Frau gesättigt war, lehnte sie sich zurück und erzählte ihre Geschichte.

Sie komme aus Luran, erklärte sie, sei aber schon als junges Mädchen von den Vespucci verschleppt worden. Nicht von den Gnomen selbst, fügte sie sogleich hinzu, die würden nie selbst Hand anlegen, sondern stets ihre Schergen schicken. Es gäbe genügend Leute in der Welt, die für Geld zu allem bereit seien.

Eines Tages sei eine Meute schwer bewaffneter Männer in ihr Dorf gekommen, hätten den Dorfältesten in ihre Gewalt gebracht und ihm erklärt, sie würden jeden Bewohner töten, wenn man ihnen nicht fünfzehn Kinder ausliefere. Ihre Herren, die Vespucci, benötigten Kinder als neue Arbeitskräfte in ihren Anbaugebieten. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, zündeten die Strauchdiebe ein Haus nach dem anderen an.

Wegen ihrer armseligen Hütten haben sie ihre Kinder geopfert? dachte Akandra empört.

Als die Fremden auch noch gedroht wurde, einen Einwohner nach dem anderen umzubringen, hielten die Dörfler eine Beratung ab und entschlossen sich schweren Herzens, ihre Kinder, die älter als zehn Jahre waren, abzuliefern. Lomani, so hieß die entflohene Sklavin, war darunter. Der Abschied von den Eltern war bitter gewesen und Lomani hatte auf dem ganzen Weg in das fremde Land geweint.

Dort hatte man die Kinder auf die Felder getrieben. Sie mußten bei Sonne und Regen jäten, pflanzen und ernten. Es gab wenig zu essen, dafür um so mehr Schläge. Bewacht und zur Arbeit angehalten wurden sie von Männern und Frauen, die im Sold der Vespucci standen. Die Kinder bekamen die Kahlköpfe selbst nie zu Gesicht. Als Lomani fünfzehn Jahre alt war, wurde sie zur Aufseherin gerufen. Die teilte ihr mit, daß man einen Mann für sie ausgesucht habe, mit dem sie am nächsten Tag vermählt werde.

Das Mädchen war die ganze Nacht wachgelegen und hatte sich vor dem Morgengrauen gefürchtet. Sie wollte nicht heiraten. Männer machten ihr Angst. Doch in einem Lager der Vespucci gibt es keinen Widerspruch. Am nächsten Tag kamen ein paar ältere Frauen. Die bürsteten ihre zerrissenen Kleider, wuschen das mit Tränen überströmte Gesicht und setzten dem Mädchen einen Blumenkranz ins Haar. Dann wurde Lomani zum Verwaltungshaus geführt und dort sah sie ihren Mann. Er war ein wenig älter als sie, hatte starke Arme und einen schmalen Mund. Die Trauungszeremonie war kurz. Die Vorsteherin sagte nur, sie beide gehörten ab jetzt zusammen und sollten viele Kinder in die Welt setzen. Die Plantagen der Vespucci bräuchten Arbeitskräfte. Dann bekamen beide eine Extraration Essen und einen gemeinsamen Schlafplatz in einer der Hütten. An die folgende Nacht hatte Lomani schlimme Erinnerungen.

Bald darauf wurde sie schwanger, und als sich ihr Bauch rundete, durfte sie die schweren Arbeiten meiden und wurde in der Gemeinschaftsküche beschäftigt. Die Geburt dauerte zwei Tage. Das Kind kam tot zur Welt. Danach mußte sie wieder das Lager mit dem Mann, der so schmale Lippen hatte, teilen. Es dauerte nicht lange, und sie war erneut in guter Hoffnung. Diesmal gebar sie ein gesundes Mädchen. Es war ihre ganze Freude. Das Kind gedieh prächtig, und sie kümmerte sich so gut es ging um die Tochter, obwohl sie bald wieder auf die Felder zum Arbeiten geschickt wurde. Sie lieferte das Kind nicht in der Krippe des Lagers ab, sondern nahm es mit aufs Feld. Sie hatte sich angewöhnt, den Säugling auf den Feldrain zu legen, damit sie stets nach ihm sehen konnte. Dafür steckte sie so manche Schläge ein. Mutter und Tochter wurden unzertrennlich, und in der Nacht schliefen die beiden ganz eng aneinander gepreßt, und der Mann mit den schmalen Lippen griff nur noch ganz selten nach Lomani.

Als das Kind fünf Jahre alt war, kamen die Aufseherin und zwei Männer und holten es von der Mutter weg. Es war verkauft worden. Diesmal weinte Lomani nicht. Sie hatte keine Tränen mehr. Sie wurde schwermütig und ließ trotz der harten Strafen bei der Arbeit nach. Sie aß nicht mehr und magerte ab. In diesem Zustand brachte sie den Vespucci zu wenig Gewinn. Deshalb beschloß man, die junge Frau auf den Sklavenmarkt zu bringen, solange man ihr das Leiden noch nicht auf den ersten Blick ansah.

Eine Karawane nach Wunsiel wurde zusammengestellt, und Lomani sollte mit ihr auf die Reise gehen. Darüber war sie froh, denn sie hoffte, ihre Tochter wiederzusehen. Doch wie groß war ihre Enttäuschung, als sie unterwegs erfuhr, daß es nicht nach Süden, sondern nach Norden, nach Blutschah, ging. Von einem Sklaven, der neben ihr lief, hatte sie von dem geheimnisvollen Ring in der Wüste erfahren. In ihrer Verzweiflung wollte sie sich dorthin retten. Ihr Plan war, sich nach Süden durchzuschlagen, wenn sie erst den Aufsehern der Karawane entkommen war. Eine innere Stimme sagte ihr, daß dort ihr Kind auf sie warte. Bei einer Rast kroch sie davon, doch wurde ihr Verschwinden allzu bald bemerkt. Dies war die Geschichte ihres Lebens.

Qumara nahm die Sklavin wortlos in die Arme. Die Frau weinte bitterlich. Später berieten alle gemeinsam, wie es mit Lomani weitergehen sollte. Sie wollte unbedingt zu ihrer Tochter und vermutete sie noch immer im Süden. Die Zauberin und Akandra mußten aber nach Osten. Ihre Wege würden sich deshalb bald wieder trennen. Doch erst einmal mußte sich das Schicksal von Marc klären.

"Ich fürchte, unser Freund wird nicht wiederkommen. Wir müssen ohne ihn aufbrechen", drängte Akandra. "Wenn er auftaucht, kann er uns ja folgen."

"Wir bleiben, bis wir die Botschaft des Rings kennen", Qumaras Stimme duldete keinen Widerspruch.

Lomani wollte nicht mehr warten und erklärte, sie müsse nun weiter, denn sie höre ihr Kind nach ihr rufen. Es sei in Not und brauche die Hilfe seiner Mutter, deshalb dürfe sie nicht länger zögern.

Qumara riet ihr zur Vorsicht. Auf keinen Fall dürfe sie den Vespucci und ihren Schergen in die Hände fallen. Deshalb solle sie bei Nacht wandern und andere Reisenden, die sie unterwegs treffe, meiden.

Die Sklavin nickte, aber es war ihr anzusehen, daß sie mit ihren Gedanken längst bei ihrem Kind war, und Akandra zweifelte, daß sie sich an den wohlgemeinten Rat halten würde. Die Zauberin gab ihr etwas von den Vorräten und füllten ihr auch einen Lederbeutel mit kostbarem Wasser. Dann umarmte Lomani ihre Retterinnen und machte sich auf den Weg in die untergehende Sonne hinein.

Akandra und Qumara aber bereiteten sich zusammen mit den zurückgekehrten Kindern auf eine weitere kalte Nacht in der Wüste vor.



Die Insel der Kinder

Als die Erits wieder laufen konnten, führte sie die Zauberin tiefer in die Berge hinein. Dort gab es breite Bäche, Bäume und saftige Wiesen. Sie beschlossen, sich hier von den Strapazen der Wüste zu erholen. Es wurde eine herrliche Zeit. Qumara verschwand oft und kehrte mit Wurzeln, Früchten und kleinen Tieren zurück, deren Fleisch sie selbst zwar niemals anrührte, für ihre Schützlinge jedoch briet. Am Abend sangen sie oder erzählten Geschichten.

Einmal wandte sich Qumara an Bim.

"Du wolltest mir noch von den Schiffbrüchigen berichten, die du auf dem Weg zum Verlorenen Hof erwähnt hast."

Bim, stolz, daß man ihn nach etwas fragte, was die anderen noch nicht wußten, begann eifrig zu erzählen: "Die Schiffbrüchigen waren ganz naß und hatten wenig Kleider an. Man hatte sie unten am Strand aus dem Meer gefischt, wo sie mit einem Floß gestrandet waren.

Der eine Mann versicherte uns, wie dankbar sie alle für ihre Rettung seien, und eine der Frauen küßte unserem Vater sogar die Hand. Das war ihm unangenehm, und er verbarg sie rasch hinter seinem Rücken. Die Frau wollte auch die Hand von Mutter küssen, aber die war gewarnt und steckte sie in ein Falte ihres Kleides.

Dann wurden die Schiffbrüchigen in ihre Zimmer gebracht und kamen erst am nächsten Nachmittag wieder. Vater war über ihre lange Abwesenheit verwundert und bemerkte, daß sie extrem lange schliefen.

Als wir sie wiedersahen, trugen die Schiffbrüchigen schöne Kleider, die ihnen Mutter gegeben hatte. Die Frauen waren noch jung, aber die drei Männer hatten schon graue Haare.

Die Männer sagten, nun hätten sie zwar wieder Kleider und sie dankten auch dafür, aber sie brauchten noch Waffen, denn sie seien freie Männer. Für einen freien Mann sei es beleidigend, wenn er keine Waffen trüge.

Vater erklärte, daß sie bei uns völlig sicher seien, und niemand hier auf der Insel Waffen trage.

Damit waren die Schiffbrüchigen aber nicht zufrieden. Sie sprachen von fehlender Gastfreundschaft und die Frauen meinten, daß sie sich ohne Waffen bedroht und den Männern der Insel ausgeliefert fühlten.

Vater und Mutter versuchten, die Fremden zu beruhigen. Aber die regten sich mehr und mehr auf. Endlich gaben die Eltern nach, und Vater ließ für alle Dolche bringen. Sie hatten goldene Hefte und waren mit grünen, blauen und roten Steinen verziert. Die Schiffbrüchigen nahmen die Waffen und zogen befriedigt ab. Vater und Mutter sahen ihnen erstaunt und betroffen nach.

Sim und ich sahen die Fremden dann ein paar Tage nicht mehr, bis wir im Rosengarten spielten. Da tauchten plötzlich alle fünf auf, ergriffen uns und setzten uns die Dolche, die ihnen Vater gegeben hatte, an die Kehle. Dann riefen sie nach unseren Eltern und erklärten, sie wollten die Herrschaft auf der Insel übernehmen.

Vater sah sie lange an, und seine Augen waren groß und traurig. Kein Muskel regte sich in seinem schönen Gesicht. Auch Mutter verzog keine Mine. Ich spürte die Spitze des Messers an meinem Hals. Die Hand des Mannes zitterte, und es tat weh. Endlich reagierte Vater. Er riß die Arme empor, schlug die Hände zusammen und lachte. Mutter sah erst ihn an und dann uns, und dann lachte sie auch. Beide lachten aus vollem Hals. Ich hätte gerne mit gelacht, aber das Messer an meinem Hals schmerzte.

Völlig verdutzt blickten die Fremden erst uns an und dann unsere lachenden Eltern. Ihr Anführer schrie: "Sie werden sterben, glaubt es uns! Wir sind unbarmherzig und kennen kein Mitleid! Wir werden diese Kinder nicht schonen. Gebt nach und unterwerft Euch, wenn Euch das Leben Eurer Kinder lieb ist!"

Vater und Mutter achteten nicht länger auf sie. So, als hätten sie schon zu viel Zeit verloren, drehten sich um und gingen den Weg durch die Rosenbüsche zurück. Keiner von beiden blickte zurück. Wir blieben in den Händen der Fremden. Noch immer spürte ich den Dolch an meinem Hals. Als mir die Spitze des Messers durch die Haut drang, wurde ich wütend. Ich glaube, Sim wurde auch wütend. Deshalb gab ich dem Mann einen Stoß. Er flog quer durch den Garten und landete wegtragen. Mutter lobte uns."

"Was wollten die Angreifer?" fragte Akandra gespannt.

"Unsere Insel", bekräftigte Sim.

"Waren es wirklich Schiffbrüchige oder Räuber, die sich mit einem Trick eingeschlichen hatten?"

"Ihr Schiff war wirklich untergegangen", sagte Bim. "Aber ich glaube, als sie unsere Insel in all ihrer Schönheit sahen, gefiel sie ihnen, und sie wollten sie haben und behalten."

"Wie seid ihr Kinder mit den Angreifern fertig geworden?" Akandras Neugierde war noch immer nicht gestillt.

"Was meinst du mit fertigwerden?"

"Wie habt ihr euch befreit?"

"Wir waren nie gefangen. Warum sollten wir uns befreien?"

"Aber ihr wart doch in den Händen der Fremden und hattet Dolche an der Kehle."

Da lachte Qumara und sagte: "Du verstehst diese Kinder nicht. Sie sind mächtig, mächtiger als du es dir vorstellen kannst. Das mußten auch die Angreifer erfahren."

"Aber es sind doch Kinder", rief Akandra.

"Kinder ja, aber ganz besondere. Ich sagte schon einmal, nur Ormor selbst könnte ihnen gefährlich werden."

Von nun an war Akandra vorsichtig im Umgang mit Sim und Bim. Man könnte beinahe sagen, sie ging ihnen aus dem Weg.


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