Band II: Die Macht der Zeitenwanderer
Willmar der Buddler
Der Mann hatte den ganzen Tag hart gearbeitet. Nun versank die Sonne hinter den Bäumen, Regenwolken zogen auf, und er war müde. Sorgfältig säuberte er seinen Spaten, den Pickel, die kleine Schaufel, den Pinsel und die drei Schaber. Das Werkzeug war sein kostbarstes Gut. Er verpackte es in ein Tuch, verschnürte und schulterte das Bündel und machte sich auf den Rückweg. Seine Schritte waren langsam und müde, denn er war alt. Das struppige weiße Haar hatte schon lange keine Schere mehr gesehen und reichte weit über die Schultern. Auch der Bart war lang und ungepflegt. Nur die Augen leuchteten jung und ungebrochen. Als Kleidung trug der Alte eine große Decke, in die Löcher für den Kopf und die Arme geschnitten waren.
Die Hütte war klein und aus rohen Balken achtlos gezimmert. Die Spalten hatte man mit Moos und Laub verstopft, so daß der Wind nicht allzu stark hindurchblies. Auf dem Dach wuchs üppiges Moos. Vor der Hütte war eine Feuerstelle. Dorthin schlürfte der Alte, schichtete trockenes Holz und Reisig auf und machte Feuer. Er wollte sich schon bücken, um mit Blasen die kleine Glut zu nähren, als ein kräftiger Windstoß hineinfuhr und helle Flammen aufzüngelten. Nun griff der Mann nach einem verbeulten Topf und ging zu einem kleinen Bach hinter der Hütte. Das Wasser floß über eine Steinkante in ein kleines, natürliches Becken. Dort wuchsen Wasserpest und Schilf. Der Alte hielt mit der rechten Hand - es fehlten an ihr der kleine und der Ringfinger, seinen Topf unter den Wasserstrahl und trug ihn dann vorsichtig zum Feuer. Bis das Wasser kochte, setzte er sich auf einen modernden Baumstamm und wartete geduldig. Es war nun beinahe ganz dunkel. Der Wind hatte an Stärke noch zugenommen. Als das Wasser sprudelte, warf der Mann einige Blätter hinein, die er am Tag gesammelt hatte. Dann ging er in die Hütte, holte einen halben Fladen Brot, etwas Salz und Butter. Die Bauern hatten ihm vor Tagen das Essen gebracht, und er hatte dafür ihre kleinen Gebrechen geheilt. Langsam und gedankenverloren aß der Mann und trank seinen Tee.
Die ersten Blitze zuckten über den dunklen Himmel, als ein Reiter auf die Lichtung trabte. Im fahlen Licht des aufkommenden Gewitters war sein schweres Kettenhemd, die Lanze und das Schwert zu erkennen. Er zügelte das Pferd, bis es völlig unbeweglich stand. Der Reiter gab keinen Laut von sich, sondern beobachtete den alten Mann am Feuer.
Dieser unterbrach sein karges Mahl nicht, sah auch nicht auf, sondern sagte nur: „Ich habe Euch schon erwartet. Kommt mit in die Hütte, es wird gleich regnen.“
In diesem Augenblick fielen die ersten, dicken Tropfen, und Donner ließ die Luft erzittern. Der Alte raffte sein Essen und den Teekessel zusammen und eilte in die Unterkunft. Während das Feuer zischend verlöschte, band der Reiter sein Tier unter dem kleinen Vordach an, nahm ihm rasch den Sattel ab und folgte dem Einsiedler in die Hütte. Der saß auf einer schmalen Pritsche, die neben einer Truhe die einzige Einrichtung war, und lud den Gast zum Sitzen ein. Der Fremde nestelte einen verbeulten Becher von seinem Gürtel und nahm sich ungefragt von dem heißen Tee.
„Was wollt Ihr?“ fragte der Alte mit ruhiger Stimme.
Der Bewaffnete wärmte seine Hände an dem Gefäß. Im Dunkel der Unterkunft konnte er sein Gegenüber kaum erkennen. Aber hin und wieder zuckte ein Blitz durch Ritzen und Fugen.
„Bist du Willmar der Buddler?“
„Woher kennt Ihr meinen Namen?“
„Ormor der Große schickt mich.“
„Das habe ich mir schon gedacht. Doch wie kann Euch der Zauberkönig Aufträge geben? Man hat ihn vor langer Zeit besiegt und in einem Berg gebannt.“
„Er wurde befreit!“
„Von wem?“
„Abgesandte einer fernen Macht haben sich darum gekümmert.“
„Aus welchem Grund?“
„Ich bin nicht hier, um dir Erklärungen zu geben. Lediglich eine Botschaft soll ich ausrichten: Ormor der Große wünscht dich zu sehen.“
In das folgende Schweigen mischte sich der tosende Donner eines mächtigen Gewitters. Regen fiel in Sturzbächen herab und donnerte auf das Dach der Hütte. Die ersten Wassertropfen sickerten durch das Moos und tropften auf die Männer. Es war nun so dunkel, daß sie sich gegenseitig nicht mehr sahen. Endlich sagte Willmar:
„Warum sollte ich Eurer Aufforderung folgen? Meine Arbeit ist hier, und sie ist an einem entscheidenden Punkt angelangt. Ich habe keine Zeit für eine Reise.“
„Wenn der Zauberkönig dein Kommen befielt, so frage nicht lange, sondern folge dem Ruf!“
Die Stimme des Bewaffneten war kalt.
„Was schert mich Euer Ormor? Ich gehöre nicht zu den Leuten, über die er Macht hat.“
„Ich werde dich zu ihm bringen, lebendig oder, wenn es nicht anders geht, auch tot.“
Der Alte lachte. Es war ein glucksendes Geräusch, das ganz tief aus seiner Kehle kam.
„Dein Lachen wird dir noch vergehen. Ich bin Gracchu aus Ormors Leibwache. Bisher hat mir kein Feind widerstanden, und alte Männer haben es erst gar nicht versucht. Folge freiwillig in Frieden und Freundschaft. Zwinge mich nicht, dich an mein Pferd zu binden und zu meinem Herrn zu zerren.“ Willmar lachte noch immer.
„Hör auf zu lachen!“
Der Krieger war nun wütend und langte nach dem Dolch an seiner Seite. Obgleich der Einsiedler dies nicht sehen konnte, verstummte das Glucksen abrupt.
Mit leiser Stimme sagte der Alte: „Laßt die Waffe stecken und ändert Euren Ton, sonst verlaßt ihr diesen Ort nicht lebend. Ihr seid in meinem Haus und hier bestimme ich. Unterschätzt mich nicht! Mir scheint, Euer Herr hat Euch nicht gesagt, zu wem er Euch schickt. Dies sieht ihm ähnlich. Er würzt noch immer jede Unternehmung mit einer kleinen Heimtücke.“
„Du hast recht“, preßte der Reiter hervor, „für jemanden wie dich brauche ich kein Messer. Ich bringe dir mit meinen bloßen Händen Gehorsam bei.“
Er tastete dorthin, wo er den Widerspenstigen mehr vermutete als sah. Doch der erhob sich, und mit ihm erhob sich ein riesiger Schatten. Er war dunkler als die Nacht und füllte die Hütte völlig aus. Dieser mächtige Schatten war im Dunkeln zu sehen und zu greifen. Die tiefe Schwärze erschien wie ein großes Loch im Raum. Der Krieger zuckte vor dieser Drohung zurück und duckte sich angstvoll. Wortlos setzte sich Willmar wieder, und damit verschwand auch der drohende Schatten.
„Ich habe es nicht so gemeint“, stammelte der Gracchu begütigend. „Laßt uns in Frieden miteinander auskommen! Der große König hat anscheinend mit Eurer Weigerung gerechnet. Deshalb trug er mir noch auf, Euch folgenden Satz auszurichten: Aramar ist wieder im Lande.“
„Das ist in der Tat eine wichtige Botschaft.“
Zum ersten Mal schien der Einsiedler überrascht.
„Erzählt mir, was in den letzten Jahren geschehen ist“, fuhr er fort. „Vielleicht lasse ich mich dann umstimmen und folge Euch.“
„Was wollt Ihr hören?“
„Alles, was seit der Befreiung Ormors geschehen ist. Ich habe mich nämlich schon lange aus der Welt zurückgezogen. Es gab für mich wichtigere Arbeiten zu erledigen, als mich in den Irrsinn der Menschen zu mischen.“
„Wo soll ich anfangen? Sie haben Ihn befreit, und dann hat der große Ormor die ihm zustehende Herrschaft angetreten. Anfangs ging alles gut, aber dann gab es einen Rückschlag. Wir mußten uns vor Hispoltai zurückziehen und kehrten von Roscio ins Dunkle Schloß zurück. Vor der Abreise beauftragte er mich, nach Euch zu suchen. Das ist alles.“
„Eure Rede ist sehr unklar. Nun weiß ich noch immer nichts. Beginnt im Berg und erzählt der Reihe nach.“
Der Krieger überlegte lange und die wohlgesetzte Rede fiel ihm offensichtlich schwer. Dann endlich begann er schleppend zu sprechen: „Es war vor langer Zeit, als unser Herr bereit war, der Welt seine Herrschaft angedeihen zu lassen. Doch ein törichter Teil der Menschen widersetzte sich ihm, und selbst die Achajer griffen zu den Waffen. So kam es zu einem schlimmen Krieg, den sie später den Diamantenkrieg nannten. Zum Glück war der Widerstand, den sie dem Herrn entgegensetzten, nicht von langer Dauer, denn sie stritten sich untereinander, wem die Führung ihrer Truppen zukomme. Deshalb verloren sie eine Schlacht nach der anderen. Schon sonnten wir uns in unserem gerechten Triumph, da kam plötzlich die Wende. Unsere Gegner einigten sich, und wir wurden in der entscheidenden Schlacht geschlagen.“
„Daran war Aramar sicher nicht unschuldig“, murmelte Willmar.
„Nicht lange danach fanden wir uns alle in tiefster Dunkelheit wieder. Die Sieger hatten uns nicht umgebracht, wie es für uns ehrenvoll gewesen wäre, sondern in einen Berg gebannt. Dort mußten wir über Jahrhunderte regungslos verharren, halb wachend, halb schlafend und mit schrecklichen Träumen. Aber endlich kamen zwei Männer in leuchtenden Rüstungen, und sie erweckten den großen Ormor. Dieser belohnte sie, indem er sie aus ihrer sterblichen Hülle befreite. Dann spaltete er den Berg, und wir verließen unser Gefängnis. Draußen warteten schon die Agenten auf uns, von denen die Befreier angeheuert worden waren. Es waren Männer aus dem fernen Land Vespucci. Ormor kannte sie und vertraute ihnen. Dann wurden Boten in alle Welt geschickt, und die Getreuen zusammengerufen. Alle kamen oder sandten Abordnungen. Man hatte den Herrn nicht vergessen, und in kurzer Zeit war er so stark wie zuvor. Begeisterung und Freude begleiteten Ormors Wiederkehr. Alle unsere Freunde hatten sich lange zähneknirschend zurückhalten müssen. Man hatte sie gedemütigt und unterdrückt. Wehe den Besiegten! Während wir nämlich im Berg gefangen saßen, hatte ein weiterer Krieg stattgefunden, den heute alle den ‘Großen Krieg’ nennen. Der Zauberer Malomar, ein Freund unseres Herrn, hatte ihn angezettelt. Er war der Herrscher über Darken gewesen und hatte rasch Verbündete gewonnen. Auch ihm war das gerechte Glück hold, und er siegte, bis sich wieder Menschen, Achajer und Zwerge verbündeten.“
„Und Aramar hatte seine Hand im Spiel?“ fragte der alte Mann, und aus seiner Stimme war zu hören, daß er die Antwort bereits kannte.
„Ja, dieser Hund hat auch die Pläne des rechtschaffenen Malomar vereitelt. Er trieb irgendwo Meliodas auf, der bis dahin noch ein Jäger aus dem alten Geschlecht der Habbas war, und ihn erkannten alle Feinde als ihren Herrscher und König an. Selbst die Achajer unterstellten sich seiner Führung. Damit aber nicht genug, Aramar beriet das vereinte Heer mit seinen teuflischen Plänen, so daß der Vormarsch der Krieger aus Darken aufgehalten wurde, und sie große Verluste hatten. Malomar soll zwar vor Wut geschäumt haben, aber er gab den Kampf noch lange nicht verloren. Schließlich waren seine Truppen weit in der Übermacht, und er hatte eine erheblich günstigere Ausgangsposition als dieser Meliodas mit seinen Leuten. Unser Freund aus Darken hätte auch den Großen Krieg trotz Aramars Eingreifen gewonnen, wenn nicht etwas Überraschendes geschehen wäre. Zwei kleine Leute aus dem Heimland, Erits nennt man sie, haben ihn getötet. Ormor mochte dieses Gewürm noch nie. Niemand weiß heute, wie diesen Ratten die ungeheuerliche Tat gelang. Sie wurden damals nicht zur Rechenschaft gezogen. Inzwischen werden sie aber alles bereuen, denn Ormor hat sich ihrer angenommen. Mit dem Tod Malomars war natürlich der Kampf der Männer aus Darken verloren, und die gute Sache verraten. Dieser Meliodas übernahm die Regentschaft als Hochkönig. Unter dem Vorwand, für Frieden und Gerechtigkeit zu sorgen, unterdrückte er unsere Freunde und demütigte sie. Doch kurz bevor Ormor der Große den Berg verlassen konnte, ertrank dieser anmaßende Hochkönig im Tessenfluß. Überall erhoben sich nun Könige und Fürsten. Sie wollten die Herrschaft über Centratur oder ganz einfach nur Beute machen. Diesem Treiben hat mein Herr ein Ende gesetzt. Er vereinigte die Heere, rief seine Orokòr aus den Tiefen der Gebirge und griff eine der mächtigsten Bastionen der Feinde an: Hispoltai, die Hauptstadt der Equaner. Zuvor aber ließ er das Heimland besetzen, um die Erits für all ihre Missetaten zu bestrafen. Doch die Geschichte der Welt ist geprägt von verhängnisvollen Wiederholungen. Wieder einmal waren unsere Truppen siegreich. Sie belagerten Hispoltai, und die Stadt stand kurz vor dem Fall. Doch im letzten Moment wendete sich das Blatt wieder zu unseren Ungunsten, und wir mußten fliehen.“
„Aramar?“ fragte der Einsiedler mit gebrochener Stimme.
„Ja, dieser verfluchte Zauberer ist uns schon wieder in die Quere gekommen. Deshalb hat mich mein Herr zu Euch geschickt. Er meint, Ihr wäret der einzige, außer ihm selbst natürlich, der Aramar die Stirn bieten kann. Und er meint auch, Ihr hättet mit diesem teuflischen Hund noch eine Rechnung zu begleichen.“
„Mag sein“, flüsterte der alte Mann.
„Natürlich sind wir noch nicht wirklich geschlagen. Noch haben wir genügend Reserven, und in Darken sammelt sich ein riesiges Heer. Wir werden Whyten und Equan wie der Sturmwind überrennen und unterwerfen. Wir werden ganz Centratur in unsere Gewalt bekommen und uns gefügig machen. Dann werden wir unsere Macht bis an die Grenzen der Welt ausdehnen. Durch das Schicksal sind wir zu den Herren der Welt bestimmt. Das Los der anderen Völkern ist es, uns zu dienen. Wir erfüllen deshalb mit dem kommenden Krieg den Auftrag des Schicksals. Aber die Vorbestimmung verlangt von uns auch Opfer, und wir sind bereit sie zu bringen. Wir werden unser Leben wagen für die Vorsehung. Wir werden Leid und Entbehrungen auf uns nehmen, und wir werden kämpfen wie die Teufel. Niemand kann uns widerstehen solange Ormor der Große uns führt. Wir werden die Erde in Brand setzen, und der Brand wird die Erde läutern. Wir werden mit Feuer und Schwert herrschen, und endlich wird Gerechtigkeit sein.“
Der Krieger hatte sich in Rage gesprochen und war in seiner Erregung aufgesprungen. Da stand er nun in der Dunkelheit und schrie die letzten Worte.
„Wenn es das Schicksal so gut mit Euch meint, und Ihr auf der Straße des Sieges seid, wozu braucht Ihr dann mich?“ fragte Willmar spöttisch.
„Damit uns Aramar nicht mehr in die Quere kommt. Der Herr will sich von diesem Hund nicht länger tyrannisieren lassen.“
„Ihr habt all die Heere und dazu noch das Schicksal auf Eurer Seite, was kann Euch da ein alter Zauberer wie Aramar anhaben?“
Gracchu schwieg bei diesem Einwand verdutzt, griff nach seiner Tasse und nahm einen Schluck von dem nun kalten Tee. Das Gewitter war inzwischen weitergezogen. Der Donner klang nur noch schwach aus der Ferne. Auch der Regen hatte nachgelassen.
„Wir wollen zu Bett gehen“, sagte der Alte endlich. „Morgen erwartet uns ein schwerer Tag. Wir haben eine lange Reise vor uns.“
Früh am nächsten Morgen, es war noch dunkel, brachen sie auf. Willmar hatte zuvor sein Werkzeug sorgfältig in der Hütte verstaut und die Tür abgeschlossen. Dann sprach er seltsame Worte, so als wolle er die Behausung beschwören. Er nahm nichts mit außer einem Tuch, in das er verschiedene Gegenstände gewickelt hatte, die er aber seinem Begleiter nicht zeigte. Gracchu bestieg sein Pferd, und der Alte schulterte sein kleines Bündel. Der Krieger sah beim Reiten auf seinen Begleiter herunter und konnte sich überhaupt nicht mehr vorstellen, daß er sich in der vergangenen Nacht vor diesem gebeugten Alten gefürchtet hatte.
Es wurde ein heller, klarer Tag. Der Himmel war nach dem Unwetter der letzten Nacht wie geputzt, und die Luft war wärmer geworden. Die Tannen tropften ihre Nässe auf den aufgeweichten Boden. Die Natur schien aufzuatmen, daß sie alles heil überstanden hatte. Bald erkannte Gracchu, daß es mühsam war, den Gang des Pferdes dem langsamen Wanderer anzupassen, und stieg ab. Es war ein weiter Weg von den Schwarzen Bergen durch das Hochgebirge nach Westen. Die einschüchternden Gipfel begleiteten sie Tag für Tag. Nachts schliefen sie an kleinen Feuern. Sie sprachen wenig, und wußten von einander, daß sie sich nicht mochten. Der Krieger verachtete den Einsiedler, Willmar hingegen langweilte der törichte Riese, der außer Kraft und Rücksichtslosigkeit nichts zu bieten hatte. Was hätte er mit diesem Kriegsmann schon reden können!Einmal fragte Gracchu: „Was habt Ihr all die Jahre in den Bergen gemacht?“
„Ich war der Vergangenheit auf der Spur.“
„Hattet Ihr nichts Besseres zu tun? Was vergangen ist, ist vergangen! Was kümmert es uns heute noch, was war?“
„Die Vergangenheit könnte Euch lehren, Eure heutigen Kriege entweder nicht zu führen oder zu gewinnen. Wenn wir nicht aus der Geschichte lernen, machen wir alle Fehler, die jemals gemacht wurden, immer wieder. Es gibt dann für uns keinen Fortschritt, weil wir immer wieder von vorn anfangen müssen.“
Der Alte sah den verständnislosen Blick seines Gefährten und lächelte. Er hatte sich gleich gedacht, daß dieser mit seiner Antwort nichts anzufangen wußte. Doch was hätte er ihm sagen sollen? Hätte er etwa von seinen Ausgrabungen erzählen sollen? Er hatte entdeckt, daß in diesen Bergen vor undenklichen Zeiten Wesen gewohnt und sogar Städte gebaut hatten. Und tausende Jahre vor ihnen war hier auch schon einmal Leben gewesen, hatten hier Leute gegessen, geschlafen, geliebt und vielleicht zu irgendwelchen Göttern gebetet. Immer wieder waren Dörfer und Städte gebaut worden, und jedesmal hatten ihre Bewohner geglaubt, sie seien die ersten. Und von all dem Leben, das hier in längst vergangenen Zeiten geblüht hatte, wußte niemand außer Willmar der Buddler.
War Vergangenheit wirklich nur ein Zwinkern im Auge Gottes? Immer wieder, in Zeitabständen von vielen tausend Jahren waren neue Kulturen entstanden und wieder vergangen, und die Menschen der einen Kultur wußten nichts von der anderen.
Willmar schmunzelte, als er an eine Inschrift dachte, die er auf einem uralten Stein entdeckt hatte: „Wir sind die Ersten, und wir werden die Letzten sein.“
Welch ein tragischer Irrtum verbarg sich hinter diesen Worten. Er hatte die Fundamente der Häuser ausgegraben, die diese Wesen gebaut hatten. Sie bestanden aus kunstvoll behauenen Steinen, die den Äonen hatten trotzen sollen. Röhren aus Metallen, die inzwischen verrostet und kaum noch erkennbar waren, hatten die Steine durchzogen. An einer Stelle fand er Überreste von Farbe auf den Steinen, die wohl von Bildern herrühren mochten. Leben hatte hier einst geblüht und war, aus welchen Gründen auch immer, vergangen. Und selbst die Kunde von dieser Kultur war vergangen, vom Atem der Geschichte verweht. Wie Inseln schwammen die einzelnen Kulturen im Ozean der Zeit, und wußten nichts voneinander. Nur die Zeitenwanderer kannten sie und Simonarum war wahrscheinlich einer von ihnen. Bei dem Gedanken an seinen alten Lehrmeister durchfuhr den Zauberer ein Schauder. Seine Jugend im Kloster Quantam fiel ihm ein, die glückliche Zeit mit Aramar. Aber er verdrängte die Erinnerung rasch und konzentrierte sich auf den steinigen Weg.Sie waren schon lange gewandert, befanden sich aber immer noch im Hochgebirge. Eines Tages, der Himmel glänzte freundlich, liefen sie durch ein enges Tal, das sich zwischen hohen Bergen hindurch zog. Auf seinem Grund war es düster, denn der Himmel war dort nur als schmales, blaues Band sichtbar. Plötzlich donnerte vor ihnen eine Steinlawine den Berghang herab und schnitt ihnen den Weg ab. Dann geschah das gleiche in ihrem Rücken. Sofort ließ Gracchu sein Pferd los, das nervös tänzelte, und zog sein Schwert. Er war ein Krieger, den so leicht nichts in Furcht versetzen konnte. Doch als er sah, was da hinter ihnen und vor ihnen auf den Weg sprang und sich drohend aufbaute, erbleichte er. Zwei Bergtrolle nahmen sie in die Zange. Gegen sie hätten auch zwanzig Krieger keine Chance gehabt.
Jeder war so groß wie zwei Menschen, die sich aufeinander stellten. Die Trolle waren am ganzen Körper behaart und trugen in ihren mächtigen Pranken eine Keule. Damit würden sie das Schwert von Gracchu wegfegen wie einen lästigen Stock. Dann würden sie die beiden Wanderer erschlagen und das Pferd essen. Zuvor jedoch würden sie die Fremden nach Schätzen durchsuchen. Trolle waren habgierig und kannten kein Mitleid.
Dem Krieger war klar, daß er am Endpunkt seines Lebens angekommen war. Gegen diese Ungeheuer gab es keine Verteidigung und auch keine Flucht. Die Trolle waren wie das Schicksal, das über einen kam, und das man hinnehmen mußte. Er hatte keine Angst vor dem Tod, dazu hatte er ihm zu oft in die Augen gesehen und ihn selbst ausgeteilt. Zwar wäre er gern auf andere Art gestorben, am besten im Kampf, umgeben von gefallenen Gegnern. Aber er hatte seine Verpflichtung gegenüber seinem Herrn nicht eingelöst und diesen seltsamen Willmar vor seinen Thron gebracht. Der Gedanke an sein Versagen beunruhigte ihn. Doch was sollte er tun? Es gab keine Rettung.
Der vordere Troll rülpste und schmatzte, so als freue er sich schon auf die kommende Mahlzeit. Seine Augen waren weit aufgerissen und ganz schwarz. Er tänzelte von einem Bein auf das andere, und sein mächtiges Glied schwang dabei hin und her. Verstohlen sah sich Gracchu um. Der Troll hinter ihnen war ein Weibchen. Unter dem langen Fell schimmerte eine rote Vulva. Die Trollin grinste und fletschte die Zähne. Endlich hatten die Unholde genug von der Vorfreude. Sie kamen langsam näher und wollten ein Ende machen. In diesem Augenblick streckte sich die gebückte Gestalt von Willmar, der bisher dem Schauspiel schweigend zugesehen hatte. Wie vor vielen Nächten schien der alte Mann zu wachsen. Sein Schatten breitete sich aus, und in dem Schatten verschwand alles wie in einem schwarzen Loch. Seine Schultern hatten sich gestrafft, und den Kopf trug er nun sehr aufrecht. Seine Stimme war klar und durchdringend.
Man konnte ihn bis an die beiden Enden des Tals und selbst noch oben auf den Berggipfel hören, als er sprach: „Geht nach Hause. Wir sind keine Beute für euch. Wir haben in dieser Welt noch einiges zu erledigen und sind noch nicht bereit.“
Aber die Trolle hörten nicht auf den Mann, sondern kamen unaufhaltsam näher. Noch einmal sprach Willmar, und ein Schauer erfaßte Gracchu, als er diese Stimme hörte, und er fürchtete sich vor seinem Begleiter mehr als vor den Trollen: „Ich befehle euch, kehrt um! Räumt die Steine beiseite und laßt uns in Frieden ziehen!“
Die beiden Ungeheuer stutzten, blieben kurz stehen und schoben sich dann doch vorwärts. Da dehnte sich der Schatten des Zauberers noch mehr aus, bis über dem ganzen Tal Dunkelheit lag. Er hob die Hand, und es schien, als schwebe sie über dem Tal. Dann senkte sich der Schatten der riesigen Hand langsam auf das Haupt des Trolls und drückte es nach unten. Die Bestie wand sich und schrie schmerzgequält auf. Aber die schattenhafte Hand ließ nicht nach. Sie drückte den Troll zu Boden und preßte weiter, bis Blut aus ihm hervorbrach. Dann krachten die Knochen und der Kopf platzte wie eine reife Frucht. Schließlich lag auf den Steinen eine verstümmelte Fleischmasse.Die Trollin hatte dem Ende ihres Gefährten mit Entsetzen zugesehen. Sie schrie und weinte und drehte sich wie irre im Kreis. Dann wieder fletschte sie wütend die Zähne und ging auf die beiden Männer los. Doch nach ein paar Schritten bekam sie es mit der Angst zu tun, blieb stehen und wich zurück. Noch immer waren die Wanderer von dem Steinschlag gefangen. Sie konnten mit dem Pferd weder vor noch zurück.
In ruhigem Ton sagte Willmar zu der Trollfrau: „Schaff die Steine weg!“
Sie sah in groß an und konnte nicht verstehen, warum dieser Mann keine Angst vor ihr hatte. Willmar wiederholte gelassen seinen Befehl. Da kam Leben in die Trollin. Sie drückte sich in großem Bogen an den Männern vorbei, stieg vorsichtig über ihren verendeten Gefährten und begann, die Steine wegzuräumen. Bald war ein schmaler Durchgang frei.
Gracchu ergriff mit zitternden Händen die Zügel seines Pferdes und zerrte das widerstrebende Tier an der mächtigen Trollfrau vorbei. Willmar folgte ihm langsam. Danach schritten sie kräftig aus. Während sich der alte Mann nicht umsah, schaute der Krieger aus den Augenwinkeln zurück. Er konnte es noch immer nicht glauben, daß sie mit dem Leben davon gekommen waren. Hinter ihnen stand die Trollin und sah ihren Opfern nach. Ihre Schulter hingen weit nach vorn und das Fell war grau und zottig. Gracchu wußte nun, warum sein Herr diesen schmächtigen, alten Mann sehen wollte, und seine Ehrfurcht vor der Klugheit Ormors wäre noch größer geworden, wenn sie noch hätte wachsen können.
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