Die Fema

       
      Der Wolfsweg bildete die wichtigste Nord-Süd-Verbindung im westlichen Centratur und war breit und bequem. Die Könige hatten an seinem Rand in festgelegten Abständen, ähnlich wie an der Oststraße, steinerne Unterstände bauen lassen. Sie waren zum Teil noch intakt und boten Schutz vor dem beißenden Wind, der über die weite Ebene pfiff. Trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit war es noch einmal kalt geworden. Hin und wieder fiel sogar Schnee und überzog das Land mit einer sauberen, weißen Decke. Aber auch wenn es nicht schneite, lag am Morgen Reif auf den Büschen und auf dem Gepäck.

      Die drei Wanderer hatten Rudia umgangen und deshalb ihre Nahrungsvorräte dort nicht auffrischen können. Obwohl sie das Essen schon lange rationiert hatten, wurde es langsam knapp. Sie blieben hungrig, und ihre Stimmung wurde schlechter. Oft sprachen sie stundenlang kein Wort miteinander. Zudem war der Wolfsweg recht belebt. Ormors Truppen waren nach Norden und nach Süden unterwegs. Sie folgten Befehlen, deren Sinn schwer zu durchschauen war.

      Zum Glück wurde Marga durch die Vögel von dem Herannahen der Soldaten stets rechtzeitig gewarnt, so daß sie sich rechts oder links der Straße verbergen konnten. Aus ihren Verstecken sahen sie die Truppen vorüberziehen. Alle waren in Eile, und oft fuhren Wagen hinter den im Marschschritt laufenden Männern. Manche der Züge wurden auch von Reitern begleitet. in den letzten Tagen bekamen sie beinahe ausschließlich Orokòr zu Gesicht.

      »Da braut sich etwas zusammen", sagte der Zwerg. »Ormor bereitet eine Teufelei vor. Hoffentlich werden wir nicht hineingezogen! Überhaupt sollte man in diesen Zeiten nicht reisen. Wir taumeln auf unserer Fahrt von einer Gefahr in die nächste und entkommen ihr stets nur mit knapper Müh und Not. Kein Wunder, daß außer uns und feindlichen Kriegern niemand unterwegs ist.« Weil sie so häufig Soldaten ausweichen mußten, verloren sie viel Zeit. Stets galt es zu warten, bis die Truppen vorübergezogen waren, und auch dann noch auszuharren, falls Nachzügler kamen. manchmal erreichten sie verlassene Gehöfte, in denen stets ein heilloses Durcheinander aus modernden Möbeln, zerbrochenem Geschirr und kaputtem Werkzeug herrschte. Ratten und Mäuse huschten umher. Einige der Häuser waren niedergebrannt, und von anderen standen nur noch die Grundmauern.

      Eines Tages fragte Pet: »Dieses Land ist weit und wie mir scheint auch fruchtbar. Warum gibt es hier keine intakten Dörfer und Bauernhöfe? Die zerstörten Häuser auf unserem Weg sind doch nicht nur eine Folge dieses Krieges.«

      »Die Ebene von Dumalvi wurde schon vor langer Zeit verlassen«, erklärte Glaxca. »Einst war sie dicht besiedelt. Dorf reihte sich an Dorf, und überall gab es fruchtbare Felder. Hier lag die Kornkammer der Könige des Nordens. Doch irgendwann übernahm Ormor die Herrschaft und verbündete sich mit dem Zauberer Malomar in Darken. Beide wollten, so ist heute die Meinung der Geschichtskundigen, zuerst gemeinsam die Herrschaft über Centratur erringen, um dann gegeneinander anzutreten. Für diese Ziele brauchten sie Soldaten, die sie in diesem Landstrich aushoben. Gnadenlos ließ Ormor alle wehrfähigen Männer aus den Orten holen und verleibte sie seinen Truppen ein. Einen großen Teil der Bauern verkaufte er dann an seinen Rivalen in Darken. So kam es, daß diese Gegend bald ohne Männer war. Die Frauen bestellten noch eine Weile die Felder und hielten alles in Ordnung, aber sie starben eine nach der anderen, und viele zogen ganz einfach weg.

      Aber es ist dann doch ganz anders gekommen, als es Ormor geplant hatte. Als er nämlich den Diamantenkrieg eröffnete, hielt sich Malomar zurück. Er kam seinem Verbündeten entgegen aller Absprachen nicht zur Hilfe, und Ormor mußte den Kampf allein ausfechten. Er war auch lange Zeit siegreich, bis er schließlich von den vereinten Völkern besiegt werden konnte. Aramar hat dabei eine große Rolle gespielt. Man munkelt aber auch, daß Malomar seine Hände im Spiel gehabt haben soll. Er wollte den Erzrivalen nicht zu mächtig werden lassen. Schließlich wurde Ormor samt seinem Heer in einen Berg gebannt.

      Für dieses Land hier kam der Sieg über den Zauberkönig aber zu spät. Es war entvölkert, und niemand hat sich seither wieder hier angesiedelt.«

       

      Am nächsten Tag verschwanden die Büsche und Wälder rechts und links der Straße. Vor ihnen lag der Wolfsweg ohne jede Deckung. Angstlich berieten sie, wie sie sich in Zukunft vor Ormors Truppen verbergen konnten. Sie fanden keine Lösung. Aber nachdem sie alles erwogen hatten, beschlossen sie dennoch weiterzugehen. Nur über den Wolfsweg kamen sie nach Norden. Sie mußten das Risiko auf sich nehmen.

      Es ging zwei Tage gut. Schneetreiben schützte sie, und sie kamen rasch vorwärts. Doch am dritten Tag verließ sie ihr Glück. Etwa zwanzig Orokòr kamen aus dem Süden. Sie liefen in ihren schweren Schnürstiefeln im Dauerlauf und hatten die Wanderer bei diesem Tempo rasch eingeholt. Marga hatte keine Warnung erhalten, denn die Vögel verkrochen sich bei dem schlechten Wetter und waren nicht in der Luft. Als sich Pet umsah, war hinter ihnen der Trupp der schwarzen Krieger schon ganz nah. Der Erit stieß eine Warnung aus, und sie liefen nach Osten auf das freie Feld. Doch die Männer mit den Raubtierzähnen hatten sie schon erspäht und folgten ihnen. Eine wilde Jagd begann.

      Die Gefährten wären sicher nach kurzer Zeit gefangengenommen worden, wenn nicht ein heftiger Schneesturm ausgebrochen wäre, der sie der Sicht der Orokòr entzog. Die drei faßten sich an den Händen, um sich nicht zu verlieren und hasteten weiter. Sie sanken bis zu den Waden in den Neuschnee ein. Diese Flucht war so kräftezehrend, daß Marga bald nur noch taumelte. Doch noch immer verfolgten die schwarzen Krieger ihre Spur. Orokòr gaben so leicht nicht auf, sondern hielten witternd nach ihren Opfern Ausschau. Schließlich bildeten sie sogar eine Kette, damit ihnen das Wild nicht entging.

      Selbst Glaxca hatte inzwischen die Orientierung verloren. Er trieb seine Gefährten vorwärts durch die weiße Wüste, aber deren hungrige und ausgemergelte Körper versagten den Dienst.

      Da geschah etwas überraschendes. Gestalten sprangen vor ihnen aus dem Schnee und ergriffen die drei Freunde. Dann tat sich Vor ihren Füßen der Boden auf, und sie erblickten ein Erdloch, das mit dünnen Baumstämmen, Reisig und Moos abgedeckt war. Der Schnee hatte es völlig verborgen. Dort hinein stieß man sie. Sie fielen etwa sechs Fuß tief, dann wurde die Klappe wieder geschlossen. Da lagen sie nun auf Moos und trockenen Tannennadeln in völliger Dunkelheit. Sie spürten, daß sie nicht allein waren. Um sie herum kauerten andere Lebewesen. Waren es Menschen oder Tiere oder schlimmere Geschöpfe? Eines aber merkten sie sofort, in diesem Erdloch war es warm und die Gefahr schien zunächst gebannt. »Wer ist es?« ertönte auf einmal die Stimme einer alten Frau. »Zwei Männer und eine Frau.«

      »Werft die Männer raus, die Frau kann hierbleiben.«

      Schon wurde das Dach ein wenig gelüftet, und der Wind wehte eine Handvoll Schnee herein. Marga schrie auf und klammerte sich an Pet.

      »Sie scheint für ihn zu bürgen? Die Männer können vorerst hierbleiben.«

       Nachdem er den ersten Schreck überwunden hatte, stellte Pet viele Fragen in die Dunkelheit. Aber er erhielt keine Antwort. Statt dessen erhob sich ein leiser, monotoner Singsang, der alle gefangennahm, und in den mit der Zeit sogar die Männer einstimmten. Sie sangen Stunde um Stunde, während draußen der Schneesturm wütete. Die Orokòr waren jetzt weit weg, und die Gefährten wußten bald nicht mehr, ob inzwischen Tage, Monate oder gar Jahre vergangen waren. jedes Gefühl für Zeit war ihnen verlorengegangen. Sie waren ganz eingehüllt in den Gesang und fühlten keinen Hunger und keinen Durst. Schmerzen und Entbehrungen rückten in weite Ferne. Sie wurden nicht müde, aber auch nicht wach. Sie waren nicht glücklich und auch nicht unglücklich. Sie waren, und sie sangen, und das war alles, und das war genug.

      In den Gesang hinein, der leiser wurde, erzählte eine Stimme vom Leben. Sie sprach von den Quellen im Wald und von schönen Frauen, die die Wasser hüten. Von Frauen wurde geredet, die Steine in Tiere und Tiere in Menschen verwandeln können. Mädchen wachsen heran und schneiden sich die Haare ab und vermählen sich mit Felsen. In tiefen Seen leben Frauen, die nur selten ans Tageslicht kommen. Man weiß nicht, ob sie Oberhaupt Anteil an dem Leben der Menschen nehmen. Andere Frauen wissen um die Zukunft und weinen, wenn sie Menschen sehen.

      Dann brauste das Singen auf, denn die Stimme sprach vom Krieg und von Frauen, die mit Rehen und Bären in die Tiefe der Wälder flüchten. Dort tanzen die Frauen im Mondlicht, und die Tiere kommen, um ihre weißen Leiber zu bewundern. Frauen ziehen mit ihrem monatlichen Blut eine Grenze, die Männer nicht überschreiten dürfen. Dieses Blut düngt auch die Erde, und Pflanzen sprießen. Deshalb ist dort, wo die Frauen sind, der Reichtum, und wo sie nicht sind, herrscht Dürre und braches Land. Und die Frauen heilen die Menschen und die Wunden der Welt. Und durch das Blut der Frauen vergehen schließlich sogar die Narben.

       Plötzlich endete der Gesang. Alle legten sich zur Seite und schliefen ein. Als sie aus dem langen und tiefen Schlaf erwachten, hob jemand die Abdeckung des Erdlochs ein wenig, und durch den schmalen Spalt drang eisige Kälte und grelles Tageslicht herein. Nun erkannten die Gefährten eine alte Frau, um die in Kreisen andere Frauen saßen. Sie waren jung und alt, schön und häßlich. Alle trugen Felle und die Haare kurz geschnitten. Ein Mann war nicht zu sehen. Neben jeder Frau lagen Pfeile und Bogen und Messer.

      Die alte Frau im Zentrum öffnete ihren zahnlosen Mund und fragte nach dem Woher und Wohin der Fremden. Glaxca antwortete der Wahrheit entsprechend, verschwieg aber die Suche nach Aramar.

      »Wenn euch die Orokòrjagen, dann könnt ihr keine Feinde sein«, sagte die Frau schließlich befriedigt.

      »Doch wer seid Ihr?« fragte nun Marga begierig. Sie fühlte sich sehr wohl unter all diesen Frauen. Ein großes Vertrauen erfüllte sie, so als habe sie ihre Familie, ihre Schwestern getroffen.
      »Wir sind Fema, der Stamm der Jägerinnen.«
      »Und wo sind Eure Männer?«
      »Wir haben keine Männer, und wir brauchen keine Männer. Männer bringen Streit, Haß und Zwietracht. Männer machen Frauen schwach und hilflos und lassen sie dann allein. Durch die Männer kommt der Untergang. Mit Männern wollen wir nichts zu tun haben. «
      »Was bringt Euch zu diesem Urteil?" fragte Pet empört.
      Aber die Alte wies ihn zurecht. »Schweig! « sagte sie scharf, »hier reden nur Frauen. Männer antworten, wenn sie gefragt werden.« Die Abdeckung wurde noch weiter angehoben, und vier Frauen, die während des Schneesturms Wache gehalten und die Gefährten überwältigt hatten, krochen herein. Vier andere Frauen ergriffen ihre Waffen und schlüpften nach draußen. In dem grellen Licht sah Männer zu nichts taugen und nur Unglück über die Frauen bringen. Wir wurden Jägerinnen und leben seitdem glücklich.«

      »Ich habe hier junge Mädchen gesehen«, fragte Marga überrascht. »Wie sind sie zur Welt gekommen ohne Männer?«

      »Oh, hin und wieder fangen wir Männer und zwingen sie zum Spenden.«

       

      Das Dach des Erdlochs war wieder geschlossen worden, aber durch seine Ritzen fiel noch so viel Licht, daß man sich gegenseitig schemenhaft erkennen konnte. Nun machte die Alte mit der Hand ein Zeichen, und Frauen zogen aus einer Nische in der Erde einige Ratten und zwei Hasen hervor. Die Tiere kreischten und wehrten sich. Aber kräftige Hände hielten sie fest und schnitten ihnen die Kehlen durch. Die Frauen saugten gierig das warme Blut aus den Wunden, zerteilten dann die schlaffen Leiber und verteilten das Fleisch. Pet erhielt den fetten Hinterschenkel einer großen Ratte. Er war noch warm und blutig. Ihn ekelte. Die Frauen bissen gierig zu. Nur die Gäste drehten ihre Stücke verlegen in den Händen.

      »Eßt! « befahl die Alte. »Oder ist euch unsere Nahrung nicht gut genug?«

      Es war ein Ton in ihrer Stimme, der sie frösteln ließ. Gehorsam bissen sie kleine Brocken ab. Das Fleisch war weich und fad, aber sie würgten es hinunter.

      Als sie gegessen hatten, sagte Fema gedehnt: »Ihr müßt nun gehen. Es ist nicht gut, wenn Männer zu lange bei uns sind. Sie verwirren meine Frauen.«

      Nichts war Glaxca und Pet lieber als dieser Hinauswurf. Eilig packten sie ihre Sachen und wollten sich erheben. Aber ein scharfer Befehl der Greisin hielt sie zurück: »Bevor ihr gehen könnt, müßt ihr spenden. Kein Mann verläßt uns, ohne gespendet zu haben.«

      »Spenden?« heulte Pet entsetzt auf und stellte sich vor, was die alten Frauen mit ihm anstellen würden.

      Doch er wurde nicht weiter gefragt. Die stummen Frauen fielen über die Fremden her, hielten den Zwerg und den Erit fest und zogen sie aus. Nun begannen die Frauen wieder einen Singsang, aber diesmal klang er anders als am Vortag. Der Gesang war hell und klar, und das dunkle Erdloch verwandelte sich in eine Frühlingswiese. Währenddessen machten sich einige Frauen an ihren Gliedern zu schaffen, und irgendwann durchströmte Lust die Körper der beiden Männer. In diesem Augenblick huschten aus einer Ecke zwei junge Frauen hervor. Sie hatten sich bereits der Felle entledigt, beugten sich über die Besucher und begannen sich langsam zu bewegen. Die anderen Frauen sangen und streichelten die Körper der Paare. Endlich konnte sich Pet nicht mehr zurückhalten, und auch Glacxa atmete tief. Ermattet lagen sie da, und Pet überlegte, ob er sich wohl getäuscht hatte, oder ob die ihm zugeteilte Frau gelächelt und lustvoll gestöhnt hatte. Mitten in seine Überlegungen fuhr ein heftiger Schmerz. Die Frauen hatten dem Erit und dem Zwerg einen Kreis mit einem senkrechten Strich in die Oberarme geritzt.

      Nun erhob die alte Frau noch einmal die Stimme: »jeder, der bei uns gespendet hat, wird von uns als Spender gekennzeichnet. Obgleich ihr Männer seid, gehört ihr nun für immer zu uns. Ihr habt uns etwas dagelassen, das euch und uns für immer verbindet. Aber merkt euch, wir wollen euch hier nie mehr wiedersehen! «

      Dann standen sie im grellen Licht, und der weiße Schnee blendete sie. Als sie zurückblickten, konnten sie die Erdhöhle nicht mehr entdecken. Doch als sie weiterwanderten, bemerkten sie, daß die Frauen ihre Beutel mit Proviant gefüllt hatten.

       In den nächsten Tagen war Marga sehr schweigsam und wehrte Pets Zärtlichkeiten unwillig ab. Aber die Reisenden kamen ungestört voran und begegneten keinen Feinden. Der Kälteeinbruch hatte die Truppenbewegungen zum Erliegen gebracht. Selbst die Gegend um Roscio konnten sie ungestört passieren. Endlich tauchte nach langer Wanderung in der Ferne Weiler vor ihnen auf. Schon Tage bevor sie die Ortschaft erreichten, war das Wetter umgeschlagen. Es war wärmer geworden und bald lag kein Schnee mehr. Der Boden war feucht und matschig, die Nächte klar. Schon ein paar Wegstunden vor dem Ort berichtete Glaxca, daß er schon einmal in Weiler gewesen war und schlimme Erfahrungen gemacht hatte.


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