Band I: Der Kampf um Hispoltai
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Aus der Vorgeschichte
Centratur ist ein Kontinent der Welt. Er wird regiert von Königen und ihren Vasallen. Die eigentliche Herrschaft aber üben Zauberer aus, von denen die einen gute, spirituelle und die anderen eigennützige, machtgierige Ziele verfolgen. Zwei der bösen Zauberer haben Centratur im Lauf der Geschichte bedroht: Malomar und Ormor. Beide wollten die absolute Macht erringen und die Erde unterjochen. Dazu war ihnen jedes Mittel recht. Jeder hat die Welt im Lauf der Geschichte in einen brutalen Vernichtungskrieg gestürzt: den Diamantenkrieg und den Großen Krieg.
Der Diamantenkrieg, vor etwa zweihundert Jahren, wurde von Ormor, dem Zauberkönig, angezettelt. Lange Zeit schien es, als ob er den Sieg davon tragen würde. Als Ormor jedoch voller Hybris immer mehr Völker in seinen Krieg zog, verbündeten sich die bedrohten Menschen. Es gelang, den Zauberkönig zu besiegen und in einen Berg zu bannen. Damit kehrte Friede in Centratur ein. Bis Malomar, der Dunkle Herrscher, etwa vor sechzig Jahren den Großen Krieg begann, der zehn Jahre dauern sollte. Wieder einmal schien ein Usurpator, der rücksichtslos seine Ziele verfolgte, zu siegen. Wieder einmal wurde die Welt in entsetzliches Leid und Elend gestürzt. Wieder konnten die vereinten, freiheitsliebenden Völker von Centratur Malomar schließlich doch niederringen. Seine endgültige Vernichtung aber hat die Welt zwei Erits aus dem Heimland zu verdanken.
Nach der Niederlage von Malomar konnte Meliodas, Nachfahre der alten Hochkönige, wieder die Herrschaft über Centratur übernehmen. Er war gerecht, sicherte den Frieden und schützte seine Völker. Der Zauberer Aramar hatte seit Generationen die Geschicke der Menschen aus dem Verborgenen gelenkt. Er war der eigentliche Widerpart Malomars im Großen Krieg gewesen. Dieser Zauberer, der die Menschen und besonders die Erits liebte, war der Meinung, die Bewohner von Centratur sollten nun für sich selbst verantwortlich sein und ihr Geschick allein bestimmen. Die Zeit der Zauberer sei vorbei. Deshalb zog er sich auf eine Insel zurück. Dies war sein großer Irrtum.
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Die Befreiung
Die sechs Reiter, die auf der Lichtung ihre Pferde festbanden, waren die besten ihrer Art. jeder hatte eine hervorstechende Eigenschaft, war auf seine Art geschickt, schnell und klug. Es gab, soweit man wußte, niemanden auf der Welt, der sie darin übertroffen hätte. Eines aber war ihnen allen gemeinsam: Sie schreckten vor keiner Gefahr zurück, und sie hatten keine Hemmungen zu töten. Ihre bisherigen Aufträge hatten sie ohne fremde Hilfe erledigt, denn jedem von ihnen war es zur Gewohnheit geworden, sich nur auf sich selbst zu verlassen. Sie brauchten in der Tat keine Unterstützung, denn jeder der sechs war so gefährlich wie Dutzende der besten Kämpfer, und keiner scheute ganze Heere als Gegner. Wer immer ihnen begegnete, fürchtete ihre Feindschaft und suchte ihre Freundschaft. Aber sie hatten keine Freunde, und sie hatten keine Feinde. Man bezahlte sie, sie erledigten ihre Arbeit und ritten weiter. Niemand sah sie gern, und dennoch waren sie sehr begehrt.
Die Agenten hatten diese sechs auf der ganzen Welt gesucht. Es hatte Jahre gedauert, bis alle Kämpfer aufgespürt worden waren. Über die Entlohnung mußte nicht lange gefeilscht werden, denn die Agenten waren bereit, jeden Preis zu zahlen. Nur die Auflage, den Auftrag zusammen mit anderen auszuführen, war von keinem der sechs zunächst akzeptiert worden. An dieser Bedingung wäre das Unternehmen beinahe gescheitert. Es bedurfte viel Zeit und großer Überredungskunst der Agenten, bis schließlich doch alle eingewilligt hatten. Endlich war es vollbracht, und das große Werk konnte beginnen. Die sechs Männer hatten sich in der großen Ebene getroffen und auf den Weg zum Berg gemacht. Sie ritten sorglos und stellten des Nachts keine Wachen auf, wußten sie doch um ihre Macht. Kein Wegelagerer und kein Herrscher dieser Welt hätte es gewagt, sie anzugreifen.
Nach einigen Wochen erreichten sie die Lichtung am Fluß und wurden sogleich vorsichtiger. Die Gegend um den Berg wurde nämlich bewacht. Die einen sammelten Holz, die anderen holten Wasser. Später tranken sie wohlschmeckenden Tee und aßen von ihren Vorräten. Der Wald und die Lichtung lagen ruhig in der untergehenden Sonne, und die Männer genossen den Frieden. Sie sprachen wenig und bereiteten sich in Gedanken auf ihren Auftrag vor. Nicht, daß sie Angst gehabt hätten. Keiner von ihnen hatte je einen Kampf verloren. Aber sie waren siegreich geblieben, weil Vorsicht zu jeder Zeit ihr Tun bestimmte und sie gut auf ihre Aufgaben eingestellt waren. Die Bohnen mit Speck, die sie sich später zubereiteten, schmeckten köstlich. Danach lagen sie satt und zufrieden mit den Köpfen auf ihren Sätteln und sprachen noch einmal alles durch. jeder wiederholte die ihm zugewiesene Rolle. Endlich schliefen sie einen tiefen Schlaf, und natürlich hatten sie Wachen eingeteilt.
Am nächsten Tag erhoben sie sich beim ersten Morgengrauen. Sie kochten Tee und frühstückten in aller Ruhe. Dann löschten sie das Feuer und traten auch noch die letzten Funken aus. Sie vergruben ihre Abfälle und gaben der Lichtung die Unberührtheit zurück, die sie vor ihrer Ankunft gehabt hatte.
Mit ihren kleinen Spaten stachen sie Grassoden in einem Quadrat von sechs mal sechs Fuß ab und stapelten sie zu einem Haufen. Sorgfältig glätteten sie den erdigen Boden und zogen mit Messern ein Gitternetz ins Erdreich. Darauf legten sie aus kleinen Steinen zwei überlappende Dreiecke, so daß eine Figur mit sechs Ecken entstand. Würdevoll stellten sie sich um das Sechseck, jeder an einer Spitze, und faßten sich bei den Händen. Dann fielen sie gemeinsam auf die Knie und senkten die Köpfe. Ihre Stimmen vereinigten sich zu einem monotonen Singsang, bis die Gruppe von einem matten Lichtglanz umgeben war. Der Schein schwebte nur wenige Sekunden über ihnen und verschwand dann wieder. jetzt erhoben sie sich und beseitigten mit großer Sorgfalt auch diese Spuren. Selbst die Soden legten sie wieder an ihren Platz.Gemessenen Schritts begab sich ein jeder zu seinem Pferd und kleidete sich um, Sie schälten sich aus ihren bequemen Reisekleidern. Die weiten Überhänge wurden abgestreift, die Hosen aus gefärbtem Wildleder ausgezogen, sorgfältig zusammengelegt und in den Satteltaschen verstaut. Einige hatten kecke Mützen mit langen Federn getragen, die sie nun vorsichtig abnahmen und an den unteren Ästen von Bäumen aufhängen, damit den Hauben während ihrer Abwesenheit nichts geschehe. Die Rüstungen, die sie nun anlegten, hatten jeweils eine andere Farbe und waren speziell für ihren Träger angefertigt worden. Sie waren schwarz, rot oder glänzten hell poliert. Allein das Anbringen der Magie, die auf jeder lag, hatte mehrere Jahre gedauert. Der Wert der einzelnen Rüstungen war größer als der von Königreichen. Zum Schluß legten sie ihre Waffen an. Auch sie waren bei jedem der Helden verschieden. Es gab kurze und lange Schwerter und solche, die man nur mit zwei Händen führen konnte. Sie schnallten sich Streitäxte um und schulterten Bogen und Köcher mit Pfeilen. Zwei von ihnen trugen Lanzen, und einer hatte sich zwölf Messer um den Oberkörper geschnallt, die er trefflich zu werfen verstand. Alle Waffen, selbst die Streitäxte, hatten berühmte Namen. Als sie gerüstet waren, machten sie sich auf den Weg. Sie wußten genau Bescheid über die Gegend. Man hatte ihnen rechtzeitig Karten zur Verfügung gestellt. Schon vor Jahren war alles auf das genaueste ausgekundschaftet worden. Die Agenten hatten damit die besten Späher beauftragt, die in der Welt aufzutreiben gewesen waren. Deshalb konnten sich die Kämpfer den Posten vorsichtig nähern und auch tödliche Fallgruben umgehen.
Die sechs bewegten sich trotz der schweren Rüstungen behende und lautlos. Sie verschreckten nicht einmal das Wild, das ihren Weg kreuzte. Selbst wenn man nur vier Fuß von ihnen entfernt gewesen wäre, so hätte man sie nicht wahrgenommen. Vor der ersten Wache schwärmten sie aus. Es war ein alter Mann in abgewetzter grüner Kleidung, der sich anscheinend auf Pilzsuche befand. Aber sie ließen sich von seiner Tarnung nicht täuschen. Drei von ihnen kreisten ihn ein und stachen gemeinsam zu. Lautlos sank der Alte zu Boden. Der Anfang war gemacht. Als nächstes überfielen sie eine alte Frau, die Beeren pflückte, und töteten sie. Sie hatten kein Mitleid, denn sie wußten, daß die Wachen gut getarnt waren und selbst gnadenlos jeden Angreifer umbrachten. Sie hatten schon die halbe Höhe des Berges erreicht und waren noch immer auf keinen Widerstand gestoßen. Dieser Umstand gab ihnen zu denken. Zwei sicherten nach hinten und zwei liefen als Späher voraus. Plötzlich wurde der linke Späher tot aufgefunden. Er lag in seiner schwarzen Rüstung hinter einem Busch. Nur seine Beine ragten hervor. Sein Hals war von einer scharfen Lanzenspitze durchbohrt. Die Überlebenden kümmerten sich nicht weiter um ihn. Aber sie waren froh, denn sie wußten nun, daß sie auf dem rechten Weg waren. Auf einer Lichtung traten ihnen zwölf Gewappnete entgegen und es kam zum ersten Kampf. Es gab ein wütendes Hauen und Stechen. ls die zwölf endlich im Gras lagen, waren die sechs auf vier zusammengeschmolzen. Kurz nachdem sie weitergegangen waren, löste sich eine mächtige Steinlawine am Berg und stürzte zu Tal. Die Kämpfer rannten um ihr Leben, aber einer mußte sterben.
Die letzten drei stiegen noch langsamer und noch vorsichtiger in einer Linie weiter. Sie wurden noch in viele Kämpfe verwickelt, die sie alle siegreich bestanden. Endlich erreichten sie den Gipfel. Dort trat ihnen eine hohe Gestalt in einem langen weißen Gewand entgegen. Sie hatte die Arme erhoben und die Handflächen ihnen zugewandt.
„Was wollt ihr?“ rief der alte Mann mit lauter Stimme. „Warum stört ihr den Frieden dieses Berges?“ Keiner antwortete ihm. Der Mann mit den Messern traf den Alten in die Brust. Dieser brach stöhnend zusammen und ein Blutschwall quoll aus seinem Mund. Sie stiegen über ihn, nach allen Seiten witternd und sichernd. Vor ihnen mußte das Tor sein. Es war nicht zu sehen. Kein Spalt zeichnete sich am Fels ab. Niemand, der nicht eingeweiht war, hätte hier den Zugang zum Herzen des Berges vermutet. Sie verloren mit der Suche keine Zeit und versuchten auch nicht, den magischen Schlüssel zu entdecken. Statt dessen packten sie die Zauberutensilien aus, die sie mitgebracht hatten und bauten sie sorgsam auf. Dann zogen sie sich zurück. Mit einem mächtigen Blitz vernichtete der Zauber die Spitze des Berges und gab den Gang, der in die Tiefe führte, frei. Ohne zu zögern traten sie ein und stiegen über die verkrümmten Gestalten, die im Inneren des Berges durch den Zauber getötet worden waren.Immer tiefer folgten sie dem Gang ins Dunkel des Berges. Sie hatten Fackeln entzündet und schritten mit der gebotenen Vorsicht aus. Zwei Fallen auf dem Weg konnten sie rechtzeitig entdecken, die dritte kostete einem von ihnen das Leben. Nun waren es nur noch zwei Kämpfer, die sich immer tiefer in das Gestein wagten. Sie trafen auf keinen Widerstand mehr und erreichten nach Stunden die Halle. Diese war so groß, daß man weder ihre Seiten noch ihre Decke in dem fahlen Licht der Fackeln sehen konnte. Die Luft roch modrig, war aber völlig trocken. Staub lag auf dem steinernen, unebenen Boden. Es war völlig still. Es schien, als schlucke die Dunkelheit jedes Geräusch. Stunden um Stunden wanderten sie durch die unheimliche Schwärze. Ihr Vorrat an Fackeln neigte sich dem Ende zu. Waren sie verbraucht, würden sie nie mehr den Weg aus der Dunkelheit heraus finden. Aber sie kümmerten sich nicht um diese Gefahr. Sie hatten einen Auftrag und würden nicht ruhen, bis er erfüllt war. Das riesige Kriegerheer, dem sie dann begegneten, verharrte in der Dunkelheit reglos und stumm wie aus Stein. Gewappnete Krieger saßen auf ihren Pferden, Wolfsreiter standen auf dem Sprung, Kobolde und andere Geschöpfe aus dunklen Tiefen, bewaffnet mit allem, womit man töten konnte, standen in Reih und Glied. Die beiden Kämpfer schritten mitten durch das Heer. Sie kannten keine Furcht, aber sie betrachteten die ungeheure macht, die hier versammelt war, mit Staunen.
In der Mitte der Höhle tat sich ein großer Kreis auf. Hier stand ein steinerner Tisch, und an ihm saß ein Mann. Er mußte schon sehr viele Jahre dort sitzen, denn sein langer Bart überwucherte und verdeckte die Steinplatte. Seine Hände lagen starr unter den Haaren. Die Fingernägel waren meterlang. Die beiden Männer gingen langsam um den Alten herum und .betrachteten ihn von allen Seiten. Die Agenten hatten ihnen genaue Anweisungen gegeben, wie sie mit ihm zu verfahren hätten. Nun war der Augenblick gekommen, den Auftrag zu vollenden. Ohne weiter zu überlegen, holten sie Scheren aus ihren Taschen und schnitten ihm die Nägel. Anschließend verschränkten sie ihm die Hände, so als wolle er beten. Dann scherten sie ihm den Bart. Die langen Strähnen fielen achtlos auf den Boden und sammelten sich zu einem grauen Teppich. Endlich holten sie aus ihrem Gepäck eine kleine Schale aus purem Gold. Da hinein gossen sie von der Flüssigkeit, die ihnen ihre Auftraggeber in einer Feldflasche mitgegeben hatten. Damit wuschen sie die Gestalt am Tisch. Zuletzt wickelten sie aus einem samtenen Tuch einen Edelstein. Sie legten den roten Kristall in die Hände des Mannes und achteten sorgfältig darauf, den Stein nicht zu berühren. Plötzlich begann der Kristall zu glühen. Er strahlte so große Wärme aus, daß die beiden Helden in ihrer Rüstung zu schwitzen begannen.
Dies war der Augenblick, da der Greis am Tisch die Augen aufschlug. Verwirrt sah er sich in der Dunkelheit um. Dann entdeckte er seine Retter und fragte mit heiserer Stimme: „Wer seid ihr?“
„Man hat uns geschickt, Euch zu erlösen.“
„Warum kommt ihr so spät?“
„Man hat uns nicht früher beauftragt.“
Da erhob sich der Mann am Tisch und sprach: „Kommt her, damit ich euch danken kann.“
Und als sie auf ihn zu traten, sagte er: „Kniet nieder!“
Als sie taten, wie ihnen geheißen, schlug der Alte dem einen, obwohl dieser einen starken Helm trug, den Schädel ein und dem anderen mit einem Schlag seiner Handkante den Kopf vom Hals. Ohne die beiden Toten, deren Fackeln am Boden verglommen, noch weiter zu beachten, reckte sich der Alte und streckte seine Arme in die Höhe.
„Wachet auf!“ rief er und seine Stimme war wie Donnergrollen, »wir haben zu lange geschlafen!“
Das mächtige Heer begann sich in der Finsternis zu regen. Dann erhob der Mann seine Stimme erneut und rief: „Öffne dich!“Bei diesen Worten brach der Berg auf. Donnernd stürzten riesige Felsbrocken zu Tal. Bäume wurden entwurzelt, knickten wie dünne Stäbe und rutschten die Hänge hinab. Die Erde bebte, und das Gestein teilte sich. Strahlendes Licht flutete in das tausendjährige Dunkel des Berges. Die Sonne drängte in ' die Halle der Nacht. Das Heer, aus seinem Schlaf erwacht, ordnete sich und nahm Aufstellung. Zuerst kamen die Reiter und dann die Fußtruppen. Ormor bestieg sein Pferd und setzte sich an die Spitze. Niemand sprach, als der Zug die Höhle verließ. Nur der Huftritt vieler Pferde und das Trampeln schwerer Stiefel durchbrachen die Stille. Am Fuß des Berges kamen die Krieger an einer Lichtung vorbei. Dort standen Pferde, und Mützen mit langen Federn hingen an Ästen; aber keiner der Vorüberziehenden achtete darauf.
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