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Die Ministerin und die Tibet-Mafia
1
Es war einer jener
unsäglichen Abende, die zum Pflichtprogramm einer Ministerin gehören. Der
Bundespräsident hatte zu Ehren ausländischer Staatsgäste zu einem Bankett ins
Schloss Bellevue geladen. Natürlich mussten an derartigen Feierlichkeiten nicht
alle Kabinettsmitglieder teilnehmen, aber diesmal hatte es sie erwischt.
Das Essen fand
im Großen Saal im Obergeschoss des Amtssitzes statt. Man traf sich im
Schinkelsaal mit dem riesigen Bild des Karl Friedrich Schinkel. Die
goldgerahmte ‚Gotische Klosterruine‘ dominierte auf unerträgliche Weise den
Raum. Davor standen die Männer wie Pinguine in ihren Fräcken um den Hals und an
den Frackbrüsten bunte Kreuze. Gemächlich stolzierten sie mit ihren Frauen von
der einen zur anderen Gruppe. Die Frauen hatten lange Kleider an und ihre
kostbarsten Brillanten und Perlen aus den Safes geholt. Dazwischen schlängelten
sich livrierte Diener und Dienerinnen hindurch. Auf ihren Tabletts standen
Champagnergläser, Fruchtsäfte und Mineralwasser. Man wartete in diesem eigens
dafür vorgesehenen Vorraum, bis sich die Türen zum Festsaal endlich öffnen
würden und man sich seinen vorgesehenen Platz suchen dürfte. Dieses gesellige
Zusammensein vor dem Entree zum Mahl gehörte zur Inszenierung derartiger
Festlichkeiten.
Auch Suzan
Bergstoh hatte sich für ein schwarzes langes Abendkleid entschieden, schlicht
aber sehr elegant. Sie wusste, dass sie noch immer eine gute Figur hatte, die
das Kleid prächtig zur Geltung brachte. Dazu trug sie eine Perlenkette und
Perlenohrringe. Im Gegensatz zu ihrer Gewohnheit, kaum Schminke zu verwenden,
hatte sie für den Abend nicht nur Lidstrich und Lippenstift, sondern sogar ein
wenig Make-up benutzt. Der Lidstrich war am wichtigsten, denn ihre Wimpern
waren so hell, dass das Gesicht ohne ihn seltsam blass und konturiert wirkte.
Der Abend würde
lang und unangenehm werden. Sie wusste nicht, wer neben ihr sitzen würde und
mit wem sie sich stundenlang unterhalten müsste. Deshalb hatte sich Suzan
Bergstoh für Mineralwasser entschieden.
Da sich ihr
Mann zurzeit in den USA aufhielt, hatte sie keinen Begleiter und stand etwas
verlegen in der Ecke. Sie war erst seit wenigen Monaten im Amt und kannte
deshalb nur einige der Anwesenden flüchtig. Ihr fehlte ein Gesprächspartner.
Ein Mann fiel
ihr auf. Er mochte sechzig Jahre sein, vielleicht älter vielleicht jünger,
durchtrainierte Figur, kaum Bauchansatz, weißes, dichtes Haar, sehr schönes
Gesicht. Auch er war ohne Begleitung, aber er bewegte sich zwischen all den
Leuten, als wäre er hier zu Hause. Irgendwann öffnete er einfach die Tür zum
Großen Saal und trat ein. Suzan Bergstoh, froh über die Abwechslung, tat es ihm
nach und schlüpfte ebenfalls in den Bankettsaal.
Sie beobachtete
ihn, wie er von Tisch zu Tisch schritt und in aller Ruhe die Tischkarten las,
ohne sich um das Personal, das letzte Hand an die Gedecke legte, zu kümmern.
Dann nahm er eine der Karten und vertauschte sie mit einer Karte von einem
anderen Tisch. Als er damit fertig war, bemerkte er die Beobachterin.
„Schauen Sie
nicht so böse“, sagte er und lächelte. Es war ein bezauberndes Lächeln. „Ich
weiß, dass die Leute vom Protokoll stundenlang an der Sitzordnung gefeilt
haben. Aber der Abend wird lang werden, und es gibt nichts Schlimmeres, als
eine langweilige Tischnachbarin zu haben, bei der schon nach wenigen Minuten
der Gesprächsstoff ausgeht. Das, was ich eben getan habe, ist nur
Selbstschutz.“
Weiter kam er
nicht, denn nun öffneten sich die beiden Türen des Saals und die Gäste strömten
herein. Jeder suchte seinen Platz und auch die Ministerin fand die Tischkarte mit
ihrem Namen. Zu ihrem großen Erstaunen saß sie neben dem Fremden. Auf der Karte
las sie einen hochtrabenden Namen: Graf von und zu Manderscheidt.
Der trat nun
auf sie zu, schüttelte ihr herzlich die Hand, tat als sei auch er überrascht,
und sagte gewinnend: „Welch eine angenehme Überraschung!“
Der Saal war
hell erleuchtet, unangenehm hell. An der Decke brannten kristallene Leuchter
mit vielen einzelnen Birnen und an den Wänden glitzerten ebenso viele
Wandlampen in der gleichen Art. Der Bundespräsident hatte schon im Schinkelsaal
jeden Gast mit Handschlag begrüßt, und nachdem sie Platz genommen hatte,
setzten sich alle.
Jeweils acht
Personen waren an großen runden Tischen gruppiert. Der Mann links neben Suzan
gehörte zu der ausländischen Gesandtschaft und sprach nur ein wenig Englisch
und kein Deutsch.
Da saß sie nun
zwischen diesem selbstbewussten Grafen und einem Gast, dessen Namen sie nicht
einmal aussprechen konnte.
‚Das kann ja
heiter werden‘, dachte Suzan. ‚Warum habe ich mir das angetan und mich nicht
einfach mit einer Ausrede entschuldigt. Aber die schlimmsten Strafen sind die,
die man sich selbst auferlegt. ‘
Höflich wandte
sich der neben ihr sitzende Graf an sie: „Liebe, gnädige Frau! Wie schön, dass
ich mich mit Ihnen unterhalten kann, und dass mir der Zufall eine Prominente
als Tischnachbarin geschenkt hat.“
Bergstoh lachte
ein wenig verlegen.
„Prominent bin
ich sicher nicht.“
„Sie sollten
nicht so bescheiden sein. Zumindest die Zeitungen berichten, dass sie dem
Kabinett unserer hochverehrten Bundeskanzlerin angehören. Was war doch gleich
Ihr Ressort?“
„Da sehen Sie,
wie prominent ich bin. Sie kennen nicht einmal meinen Geschäftsbereich.“
„Lassen Sie
mich raten! Außenministerium?“
Nun lachten
beide gleichzeitig so laut, dass sich alle Gesichter am Tisch ihnen zuwandten.
„Nein, zum
Glück nicht“, gluckste sie, „ich bin ein Reisemuffel. Und für eine
Vizekanzlerin bin ich wohl noch etwas jung.“
„Was nicht ist,
kann noch werden. Ich kann mir vorstellen, dass Sie eine ausgezeichnete
Außenministerin wären. Sie würden bei allen Staatsoberhäuptern den Kavalier
herauskitzeln. Wahrscheinlich würden Sie von jeder Dienstreise eine Menge
unanständiger Anträge mit nach Hause bringen.“
‚Dieser Graf
von und zu weiß gar nicht, wie recht er hat‘, dachte Suzan.
Laut sagte sie:
„Ich bin mit meinem Job als Ministerin für Umwelt und Naturschutz recht
zufrieden. Es ist eine wichtige und hochinteressante Aufgabe.“
Suzan Bergstoh
war eine schlanke, gepflegte Person und sah mit ihren dreiundvierzig Jahren
recht gut aus. Das rötliche Haar trug sie kurz und mit den Sommersprossen auf
der Nase sah sie noch jünger aus. Die Journalisten waren begeistert von der gut
aussehenden Ministerin, und der STERN hatte sie sogar auf die Titelseite als
Covergirl genommen.
Natürlich gab
es daher ständig irgendwelche Männer, die sich selbst beweisen mussten, in dem
sie Suzan anmachten. Aber das war sie gewohnt und wusste, damit umzugehen.
Sogar schon beim ersten gemeinsamen Treffen nach der Regierungsbildung, als
sich alle Minister zusammen mit der Kanzlerin den Fotografen präsentierten,
hatte der neue Innenminister leise zu ihr gesagt, sie sei eine Sünde wert.
Manche Männer,
selbst in hohen Positionen, halten noch immer starr an der Meinung fest, dass
Frauen nur auf anzügliche Komplimente warten und sich davon beeindrucken
lassen. Natürlich ist dieses Gerede nur Angeberei und dummes Geschwätz. Wenn
sie tatsächlich einmal echtes Interesse an einem Mann zeigte, so wurde der
rasch verlegen und machte einen Rückzug.
‚Männer mögen
keine starken Frauen‘, das wusste sie. ‚Jemand wie ich macht den Männern Angst.
Sie sind wie Pfauen, sie schlagen auch ein Rad, um zu imponieren. Doch ihre
bunte Angeberei fällt rasch in sich zusammen, wenn man sie beim Wort nehmen
will. ‘
Hätte sie ihren
Mann nicht schon vor vielen Jahren auf der Uni kennengelernt, als sie noch
beide Studenten waren, sie wäre sicher heute ledig.
Der Graf
unterbrach sie in ihren Gedanken: „Ich habe gelesen, Sie sind so etwas wie ein
politischer Shootingstar. Sie haben in Ihrer Partei nicht die Ochsentour
gemacht und es dennoch in wenigen Jahren zu einem Ministeramt gebracht.
Kompliment!“
„Ich glaube,
dass sich die Außenstehenden falsche Vorstellungen von der Politik machen“,
wies sie ihn zurecht. „Letztlich zählen in den Spitzenpositionen doch nur
Sachverstand und Können. Die treuen Parteisoldaten bleiben alle auf halber
Strecke hängen, auch wenn sie sich noch so anstrengen und intrigieren. Ich
glaube nicht an den Willen zur Macht. Solides Wissen, Fleiß und
Verhandlungsgeschick sind vielmehr Garanten für eine Karriere.“
Der Graf sah
sie skeptisch an.
„Sie müssen
es ja wissen“, sagte er endlich.
Das Essen war
ausgezeichnet, aber Suzan Bergstoh bekam wenig davon mit, denn ihr Tischnachbar
zog sie mehr und mehr in eine immer intensivere Unterhaltung. Dabei war es
schwierig sich zu unterhalten, denn der große Saal summte und brummte von all
den Gesprächen an den Tischen. Der Bundespräsident hatte ihre offizielle Rede
längst gehalten, der letzte Gang war abgetragen und Kaffee mit Cognac serviert
worden. Nun löste sich auch die Sitzordnung auf. Man setzte sich zu Bekannten
an andere Tische und sprach dem Wein ohne weitere Hemmungen zu.
„Ich glaube, hier
wird es jetzt ungemütlich“, sagte der Graf. „Was halten Sie davon, wenn wir uns
ein ruhigeres Plätzchen suchen.“
Dagegen hatte
die Ministerin nichts einzuwenden. Aber sie war gespannt, wo der Mann in dieser
Abendgesellschaft ein ‚ruhiges Plätzchen‘, wie er sagte, finden wollte. So
stand sie mit ihm zusammen auf und folgte ihm nach draußen. Sie durchquerten
den Schinkelsaal und landeten im Salon Luise. Dort war es dämmrig, denn es
brannten nur die vier Wandlampen neben den Türen. Als der Graf die Türen geschlossen
hatte, war es ganz still. Der Lärm und der Trubel der Abendgesellschaft waren
ausgesperrt, waren weit weg.
Als sie auf der
klassizistischen Sitzgruppe Platz genommen hatten, waren sie in einer anderen
Welt gelandet.
Und nun änderte
sich auch der Mann, der sie hierher gebracht hatte. Er sprach nicht mehr von
Politik und erzählte witzige Anekdoten über längst abgetretene Politiker.
Vielmehr berichtete er von längst vergangenen historischen Ereignissen, so als
sei er dabei gewesen: „Sie können sich nicht vorstellen, was für ein Gesicht
Ludwig der XV. machte, als ihn die Pompadour vor allen Leuten auf seine
nachlassende Potenz ansprach.“
Er hatte seine
ganze Aufmerksamkeit der Ministerin zugewandt, und diese hatte das Gefühl, dass
sie in diesem Augenblick für ihn der wichtigste Mensch auf dieser Welt war.
„Erzählen Sie
mir von sich“, bat er irgendwann, und sie tat es, ohne lange nachzudenken.
Sie berichtete
von ihrem Mann, einem Berufsschullehrer, der nun auch noch einen Beraterjob bei
einer Firma für Sonnenkollektoren hatte.
„Haben Sie da
nachgeholfen?“ fragte der Graf.
Sie schüttelte
den Kopf.
„Sie sind an
ihn herangetreten, und er hat nicht ‚nein‘ gesagt. War mächtig stolz. Ich habe
erst davon erfahren, als der Vertrag bereits unterschrieben war.“
„Vorsicht,
vorsicht!“ murmelte er. „So etwas macht Sie erpressbar.“
Suzan erzählte
von ihrem Elternhaus. Sie war als Jüngste von drei Schwestern aufgewachsen und
stets verwöhnt worden. Sie erwähnte sogar ihre erste Liebe und wie unglücklich
sie damals gewesen war.
Plötzlich kam
sie zu sich.
‚Bin ich denn
verrückt‘, schalt sie sich. ‚Ich sitze hier mit einem wildfremden Mann, von dem
ich nichts weiß, und schütte ihm mein Herz aus. Frau Minister reißen Sie sich
endlich am Riemen! ‘
Aber der Graf
war so sympathisch und geduldig und wusste die richtigen Fragen zu stellen,
sodass sie weiter erzählte.
Irgendwann
erschien ein Bediensteter, um das Licht zu löschen. Er war sehr erstaunt, als
er hier zwei Menschen vorfand und sagte, dass sich die Abendgesellschaft
bereits aufgelöst habe und nur noch wenige Gäste anwesend seien. Auch der Herr
Bundespräsident sei schon vor einiger Zeit gegangen.
„Dann werden
wir wohl auch gehen müssen“, sagte der Graf. „Darf ich Sie nach Hause fahren?“
„Mein Fahrer
wartet unten.“
„Dann schicken
Sie ihn nach Hause. Die Nacht ist so und so kurz für den Mann, schließlich soll
er Sie schon morgen früh wieder abholen.“
Suzan nickte.
Schaltete ihren Blackberry ein und sagte dem Fahrer, er brauche nicht auf sie
zu warten.
Der Graf schien
sich im Schloss Bellevue gut auszukennen, denn er führte die Ministerin auf dem
kürzesten Weg nach draußen. Als sie aus einer Nebenpforte in die Nacht traten,
war es kalt und Suzan fröstelte. Behutsam, wie um sie zu wärmen, legte er den
Arm um sie und sie ließ ihn gewähren. Der Mann führte die Ministerin zum
Parkplatz, wo sein Wagen wartete. Es war eine große, schwarze
Stretch-Limousine, wie sie in Europa unüblich wohl aber von wichtigen Leuten in
den USA gefahren wurde. Als der Fahrer seinen Chef kommen sah, sprang er aus
dem Auto und riss die hintere Tür auf. Die beiden kletterten hinein. Durch die
Standheizung war es angenehm warm. Die Fensterscheibe zum Fahrer war
hochgefahren und zusätzlich mit einem Vorhang verdeckt.
„Wo darf ich
Sie hinbringen?“ fragte der Graf, und Suzan nannte ihre Adresse.
Der Graf sprach
in ein verstecktes Mikrofon und der Wagen setzte sich in Bewegung. Nun öffnete
der Mann einen kleinen Kühlschrank und entnahm ihm eine Champagnerflasche, die
er routiniert öffnete. Er schenkte zwei Kelche voll und stieß mit seinem Gast
an.
Dann stellte er
die Gläser auf eine Ablage und begann ohne Umstände, sie zu küssen. Sie ließ es
verwundert geschehen. Die Küsse waren nicht intensiv und auch nicht
leidenschaftlich. Eher ein wenig zärtlich. Mehr so, wie ein Vater die Tochter
auf Wange, Stirn und Augen küsst.
Irgendwann
streifte er den Rock ihres Abendkleides hoch und begann sie zwischen den Beinen
zu streicheln.
‚Die Frau
Minister treibt Petting wie eine Sechzehnjährige‘, dachte sie noch verwundert,
bevor sie sich seinen Liebkosungen ganz hingab.
2
Am nächsten
Morgen war Ministerin Doktor Bergstoh wie immer pünktlich um sieben Uhr im
Büro. Sie war schlecht gelaunt, denn sie hatte kaum geschlafen. Sie war wütend
auf sich, dass sie sich von diesem Mann hatte verführen lassen. Aber, und das
musste sie sich nun bei Tageslicht hier in ihrem Büro eingestehen, sie hatte
noch nie einen Mann mit so erfahrenen Händen erlebt.
Die Ministerin
zwang sich zum Arbeiten, wühlte sich durch Postmappen und den Presseüberblick.
Für neun Uhr war die erste Konferenz angesetzt, und dann hatte sie im
Halbstundentakt Termine. Vor elf Uhr in der Nacht würde sie wohl nicht nach
Hause kommen.
Sie wurde in
ihren Gedanken von der Sekretärin, Frau Warnstrut, unterbrochen, die mit Blumen
ins Zimmer kam.
„Das wurde eben
für Sie abgegeben“, sagte sie erstaunt.
Blumen
erreichten die Ministerin in der Regel nicht. Sie werden unten an der Pforte
entgegen genommen und aus Sicherheitsgründen sogleich entsorgt. Doch diesmal
hatte einer der Sicherheitsleute den Strauß persönlich gebracht. Der Absender
hatte damit ein kleines Wunder vollbracht.
Als das Papier
entfernt worden war, kamen drei wunderschöne und wahrscheinlich kaum bezahlbare
Orchideen zum Vorschein. An einer war die Visitenkarte eines Grafen von und zu
Manderscheidt geheftet. Seine Titel nahmen die halbe Karte ein, aber eine
Adresse oder gar Telefonnummer standen nicht auf der Visitenkarte.
Auf der
Rückseite fand sich handschriftlich der Satz: „Danke für den wunderschönen
Abend. Er bleibt mir unvergesslich!“
Suzan war
geschmeichelt und lächelte. ‚Ein Kavalier der alten Schule‘, dachte sie sich.
Doch als die Sekretärin die Blumen in eine Vase stellen wollte, fiel Bergstohs
Blick auf die Klammer, die die drei Rispen zusammenhielt. Sie sprang auf und
nahm Frau Warnstrut den Strauß aus der Hand. Dann ging sie mit der Klammer an
Fenster, um im hellen Tageslicht besser sehen zu können.
Es war eine
Brosche aus Platin, zu allem Überfluss auch noch reich mit Brillanten besetzt.
Flüchtig bemerkte sie auf ihrer Rückseite die eingravierte Zahl 220, die ihr
aber nichts sagte. Deshalb dachte sie nicht weiter darüber nach, sondern
schätzte stattdessen den Wert dieses Kleinods einund kam auf mindestens
zwanzigtausend Euro. Suzan Bergstoh erbleichte. Wo war sie da hineingeraten?
Solche Geschenke werden nicht ohne Hintergedanken gemacht. Natürlich würde sie
das Schmuckstück unverzüglich zurückgeben und die dämlichen Orchideen gleich
mit. Was bildete sich dieser Mann nur ein?
Doch wohin
sollte sie das Paket schicken? Trotz Visitenkarte hatte sie weder eine Adresse
noch eine Telefonnummer. Sie kannte nur den Namen und die angeberischen Titel.
In jedem
Ministerium gibt es eine Stelle, bei der offizielle Geschenke abgegeben werden.
Schließlich erhält ein Regierungsmitglied eine Fülle von Geschenken und zwar
nicht als Person, sondern in seiner Funktion. Dorthin schickte Doktor Bergstoh
ihre Sekretärin Frau Warnstrut und ließ die Brosche abgeben. Die Quittung dafür
wurde abgeheftet.
Nachdem dies
geregelt war, wurden auch die Orchideen versorgt und auf ihren Schreibtisch
gestellt.
‚So schöne
Blumen kann man doch nicht verkommen lassen‘, dachte sie sich.
3
Die Tage
vergingen und die Erinnerung verblasste. Suzan Bergstoh war über Nacht in
politische Turbulenzen geraten. Eine vertrauliche Planung ihres Ministeriums
war einer Zeitungsredaktion in die Hände gespielt worden, und nun gab es in der
Öffentlichkeit große Aufregung und Proteste. Sogar ihren Rücktritt hatte man schon
gefordert. Eine Konferenz mit Spezialisten des Presseamtes jagte die Nächste.
Bergstoh führte eine Menge Gespräche mit Journalisten, um die Gemüter zu
beruhigen, telefonierte mit wichtigen Leuten in ihrer Partei, um sich
abzusichern und sich den Rücken stärken zu lassen. Endlich wurde sie von der
Kanzlerin angerufen. Die erklärte ihr, dass sie hinter ihr stünde und sich die
Bergstoh keine Sorgen machen müsse.
Suzan war
erleichtert, fragte sich jedoch, warum die Kanzlerin sich erst so spät vor sie
gestellt hatte.
Inzwischen war
auch ihr Mann aus den USA zurückgekehrt und hatte in der kurzen Zeit, in der
sie sich sahen, viel zu erzählen.
Suzan Bergstoh
hatte also wenig Zeit zum Nachdenken, und bald erschien ihr die Nacht in der
Stretchlimousine wie ein Fantasiegebilde. Da war nichts gewesen. Sie hatte es
sich nur eingebildet. Sie würde sich doch niemals mit einem Mann, den sie kaum
kannte, am ersten Abend auf so etwas einlassen. Und dazu noch im Auto, sie die
Ministerin, undenkbar.
‚Ich bin ganz
einfach überarbeitet‘, dachte sie, ‚wenn ich schon irgendwelche Fantasien für
real halte. ‘
Aber wenn eine
der vielen Sitzungen langweilig wurde und ihre Gedanken abschweiften, dann
spürte sie noch immer seine Hände.
Sie
kontrollierte dann sogleich ihre Gedanken und verdrängte diese absurden
Erinnerungen. Es konnte schon deshalb nichts gewesen sein, weil es nicht
gewesen sein durfte. ‚Du bist das, an was du dich erinnerst‘, hatte sie im
SPIEGEL gelesen.
Nur die
Orchideen verloren nichts von ihrer Pracht. Sie strahlten in der Sonne auf
ihrem Schreibtisch und wurden von jedem Besucher bewundert. Suzan konnte sich
den Schreibtisch ohne diese Orchideen schon gar nicht mehr vorstellen.
Die Ministerin
traf den Grafen überraschend auf einer Sitzung wieder. Geladen waren wichtige
Vertreter aus Wirtschaft und öffentlichem Leben. Es war ein erlauchter Kreis,
der sich da unter dem Vorsitz der Kanzlerin Kruschka zusammenfand. Aus dem
Kabinett waren der Wirtschaftsminister, der Innenminister und eben Bergstoh vom
Ministerium für Umwelt anwesend.
Suzan hatte
zusammen mit dem Präsidenten der Bundesbank den Sitzungssaal betreten. Sie
waren so in ihr Gespräch vertieft gewesen, dass sie den Grafen erst entdeckte,
als die Kanzlerin die Sitzung bereits eröffnet hatte. Er saß ganz am unteren
Ende des Tisches und meldete sich während der zweistündigen Diskussion kein
einziges Mal zu Wort. Die Kanzlerin hatte ihn nicht in seiner Funktion
vorgestellt, sondern nur seinen Namen, Graf Manderscheidt, genannt.
Die Versammlung
verbiss sich schließlich in zwei Alternativen, und man konnte sich für keine
der beiden entscheiden. Etwa die Hälfte der Anwesenden bevorzugte die eine
Lösung und die andere Hälfte die andere. Es wurde erregt debattiert, und ein
Ende des Streits war nicht abzusehen.
Da meldete sich
der Graf zu Wort. Er fasste kurz die wesentlichen Argumente zusammen und
empfahl dann als Lösung ein „aggressives Hinwarten“, wie er lächelnd sagte.
Nach
anfänglicher Verblüffung und Schweigen meldete sich einer nach dem anderen der
Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu Wort und unterstützte den Vorschlag. Damit
war er angenommen und die Sitzung beendet.
Später beim
Hinausgehen traf Suzan den Grafen, und er begrüßte sie herzlich. Seine lange,
schmale, gepflegte Hand, deren Finger sie noch immer in Erinnerung hatte,
umklammerte die ihre mit einem festen Druck.
„Wir sollten
zusammen essen gehen“, sagte er dabei.
Weiter kam er
nicht, denn eine Stimme sagte: „Sie kennen sich also?“
Es war die
Kanzlerin, die hinter ihnen stand und fortfuhr: „Dann muss ich Sie gar nicht
mehr vorstellen.“ Sie wandte sich an den Grafen und sagte: „Ich muss mit Ihnen
noch einiges besprechen. Darf ich Sie bitten, mich in mein Dienstzimmer zu
begleiten?“
Als ihre
Chefin mit dem Grafen abzog, blieb Suzan enttäuscht zurück. Erst nach einer
Weile wurde ihr klar, dass es ein Gefühl von Eifersucht war, das in ihr tobte.
4
Für diesen Tag
waren keine weiteren Konferenzen und Termine mehr angesetzt. Schließlich war
das Ende dieser so überaus wichtigen Sitzung unter der Leitung der Kanzlerin
nicht absehbar gewesen. Und obgleich ihr Schreibtisch mit unerledigten Aufgaben
bedeckt war, und sie eigentlich bis in die Nacht hätte aufarbeiten müssen, ließ
sich Suzan Bergstoh von ihrem Fahrer nach Hause bringen.
Die Zugehfrau,
die treue Seele, hatte für ihren Mann gedeckt und das Abendessen gerichtet.
Dort saß er im Speisezimmer ein wenig verloren an dem großen Tisch, las in
einer Zeitschrift und kaute dabei gedankenverloren auf seinem Brot.
Wie er so
einsam dasaß, tat er ihr sehr leid. Sie konnte auf ihn keine Rücksicht nehmen,
und er führte eigentlich das Leben eines Singles. Ob er sich wohl einsam
fühlte?
Sie wusste es
nicht. Sie wusste überhaupt nicht, was in ihrem Mann vor sich ging. Die Zeiten,
in denen sie vertraut waren und jeden Gedanken miteinander geteilt hatten,
waren längst vergangen.
„Was habe ich
mit diesem Mann noch zu schaffen?“ fragte sich Suzan.
Sie war
unbemerkt in der Tür stehen geblieben und beobachtete Simon. Er war so alt wie
sie selbst, aber während sie sich noch jung und tatkräftig fühlte, fielen ihm
bereits die Haare aus und sein Bauch wölbte sich mächtig nach vorn.
Unwillkürlich
musste sie an den Grafen denken, seine sportliche Figur, die kontrollierten
Gesichtszüge und das gepflegte Haar. Ob er wohl ein Toupet trug? Nein, das konnte
sie sich nicht vorstellen. Das hätte nicht zu seinem Stil gepasst.
Vielleicht
sollte sie sich von Simon scheiden lassen, dachte sie. Schließlich war er für
sie zu einem Fremden geworden. Es verband sie nichts mehr. Ihr Zusammensein war
eine Lüge.
‚Nach all dem,
was wir zusammen erlebt haben, hätte er mehr Ehrlichkeit verdient. Jetzt hatte
er noch die Chance eine Frau zu bekommen, die auch zu ihm passt. ‘
Aber eine
Trennung kam nicht infrage, solange sie noch in der Politik Karriere machen
wollte. Das hätte sie zu viele Wählerstimmen gekostet. So etwas konnte sich
vielleicht ein Paradiesvogel wie Joschka Fischer leisten, aber kein normaler
Politiker. Selbst dieser Seehofer war schließlich zähneknirschend zu seiner
Frau zurückgekehrt.
Nun bemerkt
Simon die Beobachterin und stand erfreut auf. Er und seine Frau umarmten sich
flüchtig, dann lief er in die Küche und holte Teller und Besteck für sie.
„Gab es heute
etwas Besonderes?“ fragte Simon, als sie sich gegenübersaßen.
„Nein“,
antwortete sie laut, „nur eine endlose Sitzung“ und dachte bei sich, ‚natürlich
gab es etwas Besonderes, ich habe den Grafen wiedergetroffen, und er hat mich
zum Essen eingeladen. ‘
Dann erinnerte
sie sich, wie die Kanzlerin ihn abgeschleppt hatte und dachte bitter: ‚Ob wohl
die Kruschka auch etwas mit ihm hat? ‘
Der Gedanke war
ihr unangenehm, und sie verdrängte ihn sogleich mit aller Macht.
Sie hatte eben
ihren Teller Suppe zu Ende gegessen und belegte sich eine Scheibe Toastbrot mit
ungarischer Salami, da klingelte das Telefon. Simon stand unwillig auf und hob
den Hörer ab.
Kurz darauf
sagte er: „Es ist für dich!“
Sie überlegte,
wer sie so spät noch zu Hause anrufen würde? Doch als sie die Stimme hörte,
blieb ihr beinahe die Luft weg. Es war er!
„Ich freue mich
auf dich“, sagte er mit seiner ruhigen, tiefen Stimme. „Bitte komme herunter,
ich warte hier auf dich.“
Bevor Suzan
etwas antworten konnte, hatte er bereits aufgelegt.
Sie starrte den
Telefonhörer an und bemühte sich, einen klaren Gedanken zu fassen. Endlich
hatte sie sich entschlossen.
„Ich muss noch
einmal weg“, sagte sie.
„Schade“, war
die Antwort. „Wir hätten uns endlich wieder einmal einen gemütlichen Abend
machen können.“
Seine Worte
reizten sie.
Wütend
antwortete sie: „Deine Klagen und Beschwerden kann ich nun gar nicht
gebrauchen. Du wusstest, als ich in die Politik ging, dass dies eine Belastung
für unsere Ehe werden würde. Ich habe es dir damals ausdrücklich gesagt. Und du
warst auch damit einverstanden, dass ich das Ministeramt übernehme. Was soll
also jetzt das Lamentieren. Ich kann eben nicht so frei über meine Zeit
verfügen wie du.“
Sie wartete
seine Antwort nicht ab, sondern ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal
um und sagte versöhnlich: „Vielleicht dauert es ja auch nicht lange. Ich werde
mich auf jeden Fall beeilen, dann habe wir doch noch etwas von dem Abend.“
Als sie langsam
die Treppe hinunterstieg, fragte sie sich, wie der Graf wohl an ihre
Telefonnummer gekommen sein mochte. Wie alle Minister hatte sie natürlich eine
Geheimnummer, die nur wenige Leute ausgehändigt bekamen.
Vor dem Haus
standen zwei Autos. Der Polizeiwagen mit den Beamten, die sie rund um die Uhr
bewachten, und die Stretchlimousine, die sie schon kannte.
Sie sah nach
oben zu ihrer Wohnung und meinte dort am erleuchteten Fenster eine Bewegung
gesehen zu haben. War dies Simon, der sie beobachtete?
Rasch stieg sie
in den schwarzen Wagen, der sogleich losfuhr.
Der Graf saß in
der Ecke. Es war dunkel, und sie konnte sein Gesicht nur schemenhaft sehen. Er
reichte ihr seine kühle, gepflegte Hand und sagte: „Schön, dass du gekommen
bist.“
Wie beim ersten
Mal öffnete er geschickt eine Flasche Champagner und schenkte zwei Sektkelche
ein. Er stieß nicht mit ihr an, sondern trank schlürfend einen Schluck. Dann
nahm noch einen Schluck und wandte sich seinem Gast zu.
„Bitte zieh
dich aus“, sagte er mit sanfter Stimme.
Suzan war es,
als habe sie nicht richtig gehört und eine Ohrfeige erhalten. Sie reagierte
nicht.
„Bitte zieh
dich aus“, wiederholte der Graf noch einmal.
Sie wusste
selbst nicht warum, aber nun knöpfte Suzan langsam ihre Bluse auf. Dabei
ärgerte sie sich über sich selbst. Was fiel diesem arroganten alten Typ
eigentlich ein? Er behandelte sie wie eine Hure. Dabei war sie eine wichtige
Persönlichkeit dieser Republik. Sie, Doktor Suzan Bergstoh verhandelte mit den
wichtigsten Politikern dieses Erdballs. Jede öffentliche Bemerkung von ihr
stand am nächsten Tag in der Presse, und Hunderte von Leuten rätselten, was sie
damit wohl habe ausdrücken wollen.
Nun aber saß
sie hier in diesem amerikanischen Angeber-Auto, fuhr völlig sinnlos durch die
Nacht und zog sich vor einem fremden Mann aus. Was war in sie gefahren? Welche
Macht übte dieser Graf auf sie aus? Ob er wohl mit der Kanzlerin auch so
umsprang?
Sie hatte nun
die Knöpfe der Bluse offen und zog sie aus. Da saß sie nun mit ihrem weißen BH,
der in der Dunkelheit leuchtete. Bis hierhin war sie bereit, diese Verrücktheit
mitzumachen, aber nun sollte es Schluss sein.
Doch der Graf
war nicht zufrieden. Er nippte wieder an dem Sektkelch und flüsterte: „Bitte
nun auch den Büstenhalter.“
Suzan wollte
widersprechen, nach dem Sinn dieser törichten Aktion fragen, doch er ließ sie
nicht zu Wort kommen.
„Bitte…“, sagte
er eindringlich.
Ohne dass sie
sich wehren konnte, griff sie nach hinten und öffnete den Verschluss. Der BH
fiel auf ihren Schoß, und ihre Brüste standen leuchtend weiß von ihrem Körper
ab.
„Danke“,
flüsterte er wieder. „Und nun die Hose. Bitte!“
Suzan wollte
erneut protestieren. Sich wieder anziehen, den Wagen anhalten lassen und
aussteigen. Sie würde mit ihrem Mobiltelefon ein Taxi rufen und nach Hause
fahren. Dieser Mann war ein Verrückter, ein Perverser. Wahrscheinlich war er
sogar gefährlich. Sie hatte alle Vorsicht außer Acht gelassen und war ohne
Personenschutz im Dunklen mit einem fremden Mann, den sie kaum kannte,
losgefahren.
Doch sie sagte
nichts, presste die Lippen aufeinander und begann, die Knöpfe ihrer Hose zu
öffnen. Als sie sich von dem Sitz ein wenig erhob, um die Hose abzustreifen,
bemerkte sie, dass sie erregt war. Und sie ärgerte sich noch mehr über sich
selbst.
Dann war sie
völlig nackt. Sie sah auf ihre Scham herunter und schämte sich.
„Du darfst
es jetzt machen“, sagte er sanft.
5
In dieser Nacht
schlief Suzan Bergstoh nicht eine Minute. Sie hörte das leise Schnarchen ihres
Mannes, während sie sich von einer Seite zur anderen wälzte. Was war nur in sie
gefahren? War sie von allen guten Geistern verlassen? Hatte sie den Verstand
verloren?
Sie war in das
Auto eines fremden Mannes gestiegen und hatte sich zu exhibitionistischen
Sexspielen verleiten lassen. Wenn sie jemand gesehen oder gar fotografiert
hatte, war sie erledigt. Paparazzi gab es schließlich überall, und für so ein
Bild wäre von den entsprechenden Redaktionen bis zu einer Million gezahlt
worden.
„Die Frau
Minister auf der Straße beim Sexspiel!“
Eine tolle
Schlagzeile – und sie wäre sogar wahr gewesen.
Wie hatte der
SPIEGEL einmal geschrieben? „Es ist eine Welt, in der Berühmtheit als Ware
gehandelt wird.“
Ihr Wert als
Ware wäre ins Unermessliche gestiegen.
Sie musste
unbedingt den Kontakt zu diesem perversen Grafen abbrechen. Sie würde keine
Sekunde mehr mit ihm allein verbringen. Diese Eskapaden waren Vergangenheit.
Sie würde sich nun wieder zusammenreißen.
Während sie so
im Bett lag und verzweifelt zu schlafen versuchte, fiel ihr auf einmal eine
Episode aus ihrer Schulzeit ein. Es war im Abiturjahr gewesen. Die Klasse war
auf einen Schulausflug nach Italien gefahren. Der sie begleitende Klassenlehrer
hatte Mathematik unterrichtet. Die weibliche Begleitung war eine Lehrerin aus
der Parallelklasse gewesen, die vor dem Mathekollegen großen Respekt gehabt
hatte.
Suzan wusste
nicht mehr genau, wie es dazu gekommen war. Sie hatten alle zusammen ein
Weinlokal besucht und auf dem Nachhauseweg war sie, ohne dass die anderen es
bemerkt hätten, mit dem Lehrer zurückgeblieben. Und dann hatte er sie geküsst
und ihr unter den Rock gefasst. Sie hatte es damals nicht geduldet, sondern
genossen.
Anschließend
hatte sie alles ihrer Freundin erzählt. Die war wahnsinnig neugierig und
aufgeregt gewesen.
O.K. dachte
sie, das damals war noch verständlich. Schließlich war der Lehrer eine
Respektsperson gewesen, und es hatte ihrer Eitelkeit enorm geschmeichelt, dass
er sich mit ihr abgab. Aber heute leitete sie eines der wichtigsten Ministerien
des Landes, eine gigantische Behörde. Heute müsste der Lehrer stolz sein, wenn
sie ihm überhaupt die Hand gab.
Bei dem Wort
Hand fielen ihr wieder die Hände des Grafen ein. Diese weichen, langen,
gepflegten Finger. An sein Gesicht konnte sie sich hier in der Dunkelheit nur
schwer erinnern, aber die Hände standen ihr ganz plastisch vor Augen.
Hatte ihr der
Lehrer damals einen psychischen Schaden zugefügt, sodass sie sich heute nicht
gegen diesen anmaßenden Grafen wehren konnte? Was war dies überhaupt für ein
Graf? Eine seltsame, dubiose Gestalt. Und da war auch noch die Bundeskanzlerin
Kruschka. Sie kannte den Grafen scheinbar recht gut. Ob er wohl mit ihr auch
diese Spielchen trieb?
Am nächsten
Morgen schaffte sie es erst gegen acht Uhr, im Büro zu sein. Natürlich brachte
die Verspätung ihren ganzen Tagesplan durcheinander. Nur einmal, als sie stark
erkältet gewesen war, hatte sie sich eine derartige Undiszipliniertheit
gestattet.
Als sie sich
mit schwerem Kopf hinter ihren Schreibtisch setzte, fiel ihr Blick auf die
Orchideen. Sie rief die Sekretärin und ließ die Blumen entfernen.
„Ich hab nun
lange genug auf diese Dinger gestarrt“, bemerkte sie dabei.
„Aber sie sind
noch immer sehr schön“, sagte die Sekretärin. „Darf ich sie im Vorzimmer
aufstellen?“
„Nein!“ war die
barsche Antwort. „Ich möchte, dass sie weggeworfen werden.“
Doch sie durfte
nicht länger träumen. Müde griff sie zur Unterschriftenmappe, öffnete den
teuren Parker Füller und machte sich an die Arbeit. Dabei fiel ihr Blick auf
ihre Finger und auf den Ring mit dem blauen Brillanten, der seit gestern Nacht
dort steckte. Als sei sie bei etwas Unanständigem ertappt worden, verbarg sie
sogleich mit ihrer linken Hand den Ring.
Dieser Ring war
das endgültige Zeichen ihrer Blödheit. Als sie wieder vor ihrer Wohnung
angekommen waren, und sie bereits aussteigen wollte, hatte ihr der Graf diesen
Ring entgegengehalten und sie mit seiner weichen Stimme gebeten: „Bitte trage
ihn ab jetzt ständig.“
Sie hatte nicht
geantwortet und auch nicht nach dem Sinn dieses Geschenkes gefragt, sondern sie
hatte sich den Ring übergestreift und war dann wort- und grußlos aus dem Auto
gestiegen und ins Haus geeilt.
Sollte sie
dieses Symbol ihrer Unterwerfung nun tatsächlich tragen? Sie verschob die
Entscheidung auf später und vertiefte sich erst einmal in die Post.
Doch sie hatte
erst die erste Mappe zur Hälfte abgearbeitet, da wurde sie von der Sekretärin
unterbrochen. Ein Bote habe wieder Blumen gebracht, erklärte sie und stellte
sieben langstielige Rosen vor Suzan auf den Tisch.
Ein kleines
Couvert war an einen Rosenstiel gebunden. Die Ministerin öffnete es und heraus
fiel die bekannte Visitenkarte mit der Bemerkung: „Um die Lücke zu füllen, die
die weggeworfenen Orchideen hinterlassen haben.“
Was war das für
ein Mann? Was wollte er von ihr? Was wusste er? Aber noch wichtiger war ihr die
Antwort auf die Frage, warum tat sie alles, was er ihr befahl? Warum erregte er
sie so sehr?
Ihm selbst
konnte es doch nicht um sexuelle Befriedigung gehen. Er machte nicht die
geringsten Anstalten mit ihr zu schlafen oder sich auf andere Weise befriedigen
zu lassen. Sie hatte nicht einmal eine Erektion bei ihm gesehen.
‚Vielleicht
sollte er eine dieser blauen Pillen nehmen‘, dachte sie und schmunzelte ungewollt.
‚Wahrscheinlich ist er impotent und gewinnt ein perverses Vergnügen, wenn er
Frauen in solche Situationen bringt. ‘
Andererseits,
wie ein alter Lustmolch sah er nicht aus und gerierte sich auch nicht so.
Welche Absichten verfolgte er? Was sollte das Ganze? Galt sein Interesse ihr
als Ministerin oder ihr als Frau? Aber alle diese Gedanken hatte sie bereits in
den langen Nachtstunden hin und her gewälzt, ohne eine Antwort zu finden.
Da standen nun
die Rosen vor ihr und zogen ihre Blicke auf sich. Obgleich sie es mit all ihrer
Energie versuchte, war Suzan nicht in der Lage, sich auf die Post zu
konzentrieren. Endlich gab sie auf. Sie rief die Sekretärin und ließ im
Vorzimmer der Bundeskanzlerin anrufen und um die Adresse des Grafen
Manderscheidt bitten. Doch sie erhielt die ablehnende Botschaft, dass diese
Adresse nur mit Zustimmung der Kanzlerin mitgeteilt werden dürfe.
Dies war mehr
als seltsam. Doch Bergstoh dachte nicht weiter darüber nach, sondern ließ um
einen raschen Termin bei der Kanzlerin bitten. Es würde nur ein paar Minuten
dauern.
Suzan wusste,
wie sehr die Kruschka derartige Überfälle hasste, aber sie sah keine andere
Möglichkeit, um ihre Ruhe wiederzufinden.
Sie erhielt
einen Termin um 11 Uhr 45 und beauftragte ihr Vorzimmer, alle Termine für
diesen Tag abzusagen. Ihre Mitarbeiterinnen sahen sie erstaunt und
verständnislos an. Die Chefsekretärin, Frau Huber, versuchte noch einige
Einwendungen. Ob die Frau Minister nicht wenigstens an der Sitzung um 15 Uhr
teilnehmen könne. Schließlich sei dieses Treffen wegen ihr bereits viermal
verschoben worden. Doch Suzan schüttelte nur unwillig den Kopf.
Um halb zwölf
ließ sie ihren Wagen vorfahren. Dann fuhr sie mit Blaulicht von der
Alexanderstraße zum Bundeskanzleramt. Es dauerte zehn Minuten. Dort gab es die
üblichen, wenn auch eingeschränkten Sicherheitskontrollen.
Das Kanzleramt
in Berlin ist ein Haus voller zeitgenössischer Kunst. Nach der Amtseinführung
hatte der Chef des Kanzleramts für alle Minister und Staatssekretäre eine
Führung gemacht und die Historie jedes einzelnen Kunstwerks beschrieben. In der
Tat, das Haus hat eine Menge Überraschungen zu bieten. Aber darauf achtete
Bergstoh heute nicht. Sie fuhr mit dem Fahrstuhl in den 7. Stock. Dort
residierte die Kanzlerin auf Augenhöhe mit dem Plenum des Bundestages.
Die hatte sich
bewusst einen Mann als Sekretär ins Vorzimmer gesetzt, der Suzan nun freundlich
bat, noch etwas zu warten. In dem danebenliegenden Warteraum wurden ihr Kaffee
und etwas Gebäck serviert.
Dort dachte
Suzan darüber nach, was die Kruschka wohl mit dem Mann in ihrem Vorzimmer
demonstrieren wollte. War es eine Geste an die immer noch starke feministische
Bewegung in Deutschland? Sollte es ein Zeichen für die Gewerkschaften sein?
Oder arbeitete Renate Kruschka einfach lieber mit Männern zusammen?
Suzan wusste,
dass die Kanzlerin bei allen Entscheidungen einen Hintergedanken hatte. Sie tat
nichts und ordnete nichts an, was nicht genau durchdacht war. Renate Kruschka
legte großen Wert auf symbolische Akte.
Bergstoh wurde
in ihren Gedanken unterbrochen und zur Kanzlerin gebeten. Die kam ihr schon an
der Tür entgegen und gab ihr herzlich die Hand. Zu ihrem Erschrecken sah Suzan,
dass die Kanzlerin den gleichen Diamantring trug wie sie selbst. Möglichst
unbemerkt drehte sie ihren Ring, sodass der Stein nun unter der Handfläche
verborgen war und nur noch der schmale Goldreif nach oben zeigte. Es hätte sich
nun auch um einen einfachen Ehering handeln können.
Ihr Blick wurde
wie immer von dem Bild an der Wand hinter dem großen Schreibtisch angezogen. Es
stellte den ersten Kanzler der Republik dar, Konrad Adenauer, gemalt von Oskar
Kokoschka. Doch die Kanzlerin führte sie nicht zu ihrem Schreibtisch. Sie hatte
sich angewöhnt, an einer Ecke des großen Besprechungstisches zu arbeiten. Von
da sei der Weg zum Büro der Sekretärin am kürzesten, behauptete sie.
„Ich habe in
der Presse von ihren erfolgreichen Verhandlungen mit RWE gelesen“, begann
Renate Kruschka das Gespräch. „Mein Kompliment, das haben Sie wunderbar
geregelt.“
Suzan bedankte
sich und erläuterte, dass man in ihrem Ministerium gerade an einer Richtlinie
für Reaktorsicherheit arbeite und eine entsprechende Vorlage in Bälde der
Kanzlerin vorgelegt werden könne.
„Ein
lobenswertes Unterfangen“, war die Antwort. Nach einer kleinen Pause kam die
Frage: „Was führt Sie zu mir?“
Suzan Bergstoh
beugte sich nervös vor und sagte: „Sie kennen doch den Grafen Manderscheidt?
Ich muss unbedingt mit ihm Kontakt aufnehmen, weiß aber nicht, wie ich ihn
erreichen kann. Er ist wie ein Gespenst. Er taucht einfach auf und verschwindet
dann wieder im Nichts.“
Nun lachte die
Kruschka herzlich: „Fürwahr eine treffende Beschreibung. Natürlich kann ich
Ihnen die Adresse des Grafen geben. Ich werde im Vorzimmer Bescheid sagen. Geht
es um eine wichtige Angelegenheit?“
„Wie man es
nimmt“, antwortete Bergstoh ausweichend. „Ich glaube schon, dass es von
Bedeutung ist. Wenn es Sie interessiert, werde ich Sie bei Gelegenheit
unterrichten.“
„Darum bitte
ich.“
Einer
plötzlichen Eingebung folgend fragte Suzan: „Wissen Sie eigentlich, wie alt der
Graf ist?“
Die Kanzlerin
sah sie erstaunt an, stand plötzlich auf und ging zum Fenster. Ihre Ministerin
folgte ihr. Die beiden Frauen sahen eine Weile schweigend auf den Tiergarten
und auf den Potsdamer Platz.
Endlich sagte
die Kruschka: „Der Jüngste ist er sicherlich nicht mehr. Er selbst sagt von
sich, er sei unendlich alt. Er nennt sich in persönlichen Gesprächen den Grafen
von Saint Germain. Wissen Sie, auf wen er dabei anspielt?“
Suzan hatte den
Namen schon gehört, wusste aber nicht genau, wer gemeint war. Irgendeine
historische Persönlichkeit.
Die Kanzlerin
sah ihre Unsicherheit und fuhr erklärend fort: „Der Graf von Saint
Germain war eine schillernde Persönlichkeit. Er lebte im 18. Jahrhundert.
In nüchternen Quellen wird er als Abenteurer, Geheimagent, Alchemist, Okkultist
und Komponist bezeichnet. In anderen gilt er als Wanderer durch die Zeiten, der
immer wieder als Reinkarnation auftaucht und die Geschicke dieser Welt
mitbestimmen soll. Da werden Namen genannte wie Merlin, Bacon oder Paracelsus.
Madame Blavatsky, Sie haben sicher schon von dieser Spiritistin
gehört, sie hat die Theosophie begründet. Also, diese Madam Blavatsky
hielt Saint Germain für einen der geheimen tibetischen Weisen.
Das alles ist
natürlich Unsinn, aber ich glaube unserem Grafen schmeicheln diese Legenden,
und er spielt mit ihnen.“
Die Kanzlerin
war ins Erzählen gekommen und rief sich nun wieder demonstrativ zur Ordnung.
„Ich bin doch
eine Plaudertasche und lasse mich einfach gehen. Bitte entschuldigen Sie mich.
Ich halte Sie auf und weiß doch, wie sehr Sie unter Zeitdruck stehen.“
Dieses
Abschweifen und dann diese demonstrative Selbstkontrolle hatte Suzan bei der
Kruschka schon häufiger beobachtet. War dies eine Inszenierung oder tatsächlich
ein Charakterzug von ihr. Klar war nur, dass die Besucherin jetzt gehen sollte.
Die Kanzlerin
begleitete ihre Ministerin zur Tür und gab im Vorzimmer Anweisung, die Adresse
des Grafen herauszusuchen.
Bevor sie sich
verabschiedete, sagte sie noch: „Bitte gehen Sie pfleglich mit dem Grafen um
und behandeln Sie ihn mit äußerster Vorsicht. Er ist sehr einflussreich.“
Ernest
Altmann, der engste Mitarbeiter der Kanzlerin, machte ihr einen Ausdruck aus
einer Computerdatei, und dann hielt sie tatsächlich die Adresse des Grafen in
den Händen. Adresse? Sechs Adressen! Eine davon im Villenvorort
Falkensee-Finkenkrug in Berlin.
6
Wieder in ihrem
Büro erklärte die Ministerin, sie wolle nicht gestört werden. Dann setzte sie
sich an den Computer und rief Wikipedia auf. Tatsächlich, dort fand sich ein
Eintrag zum Grafen von Saint Germain.
Danach ist ein
Mann mit diesem Namen im 18. Jahrhundert durch Europa vagabundiert. Er hatte
Zugang zu den höchsten Stellen, zu Fürsten und Königen. Er verfügte über große
Geldmittel, war gebildet und ein exzellenter Musiker. Dieser Mann gab an, Zeuge
wichtiger, weit zurückliegender historischer Ereignisse gewesen zu sein, die er
in genauen Einzelheiten schilderte und dabei sehr gute historische Kenntnisse
durchblicken ließ.
Die
Pompadour machte ihn mit dem französischen König Ludwig XV. bekannt. Der
richtete ihm im Trianon-Schlösschen in Versailles ein
Alchemisten Labor ein. Außerdem stellte er Saint Germain Räume im
Loire-Schloss Chambord zur Verfügung, wo dieser unter anderem an
neuen Methoden für die Textilfärberei experimentierte. Saint Germain
behauptete, Fehler in Edelsteinen beseitigen und kleine Diamanten zu größeren
verschmelzen zu können. Er lieferte dem König auch Proben ab, hütete sich aber,
in diesem Fall Tricksereien anzuwenden. Anscheinend war Saint Germain auch in
der Pharmazie bewandert und behauptete, ein Aqua benedetta zu
besitzen, das bei Damen das Altern stoppen konnte. Dies trug sehr zur
Beliebtheit des Grafen bei.
Doch die Gunst
des Königs schuf ihm auch mächtige Gegner, sodass er schließlich nach London
fliehen musste. Saint Germain mied nun eine Weile Frankreich und hielt sich
hauptsächlich in den Niederlanden und in Deutschland auf, wo er gerne den
Decknamen Welldone benutzte. Später soll er sogar eine wichtige Rolle beim Putsch
von Katharina II. 1762 in St. Petersburg gespielt haben.
‚Immer wieder
Frauen‘, dachte Suzan. ‚Ob er wohl auch mit der Pompadour oder Katharina seine
Spielchen getrieben hatte? Vielleicht in dunklen Kutschen?‘
Doch dann
schalt sie sich selbst. Nun ging sie doch tatsächlich dem Grafen Manderscheidt
auf den Leim und nahm seine propagierte Legende als Tatsache.
‚Das Einzige,
was die beiden Männer verbindet‘, sagte sie sich, ‚ist ihr Hang zum
Geheimnisvollen und zur Hochstapelei. ‘
Und noch etwas
hatten die historische Figur und der zeitgenössische Mann gemeinsam, sie
konnten Frauen um den Finger wickeln.
„Saint
Germain“, las sie weiter, „spielte in verschiedenen Freimaurerzirkeln eine
bedeutende Rolle. 1778 gelang es Saint Germain in Hamburg, die Freundschaft des
von Alchemie und Freimaurermythen begeisterten Karl von Hessen-Kassel, dem
Statthalter des dänischen Königs in Schleswig, zu erringen. Auf seinem
Sommerschloss richtete dieser dem Grafen ein Alchemisten Labor ein, und im
nahen Eckernförde gründeten beide eine Seidenfärberei.
Zu seinen
zahlreichen chemischen Entdeckungen zählte auch ein goldähnliches Metall. Er
nannte es Similor, also simil or – ähnlich Gold, auch als Carlsgold bzw.
Neu-Platinum bekannt.
„Wer war dieser
seltsame Graf?“ las sie auf dem Bildschirm. „Eine Hypothese ist, dass er
der Sohn der letzten spanischen Habsburgerkönigin Maria Anna von
Pfalz-Neuburg (1667–1740) und eines jüdischen Bankiers in Madrid, Comte
Adanero, war, den sie zu ihrem Finanzminister machte. Auch der
Saint-Germain-Forscher Charconac plädiert für die Pfalz-Neuburg-Variante und
gibt als Vater Jean Thomas Enriquez de Cabrera an, Herzog von Rioseco, elfter
und letzter Amirante von Kastilien, mit umfangreichem Besitz in Sizilien.
Saint Germain
war vielsprachig – er sprach perfekt italienisch, deutsch, spanisch,
portugiesisch, französisch, englisch und las einige tote Sprachen.“
Dann kam ein
äußerst interessanter Hinweis: Saint Germain soll einen prominenten Schüler
gehabt haben, nämlich den Arzt Franz Anton Mesmer. Mesmer wiederum gilt
als Entdecker der Hypnose und Begründer der hypnotischen Behandlung. War der
historische Graf etwa in der Lage, psychische Kontrolle über andere Menschen
auszuüben? Und hatte diese Fähigkeit vielleicht auch Graf Manderscheidt? Dies
würde ihre Willenlosigkeit in seiner Gegenwart erklären. Dann war sie bei
diesen sexuellen Eskapaden gar nicht bei Sinnen gewesen, sondern einem
Psychoguru aufgesessen?
Sie las dann
noch, dass die Zeitgenossen des historischen Grafen behaupteten, er wäre nicht
gealtert. Viele Memoirenschreiber wollen ihn noch bis weit ins 19. Jahrhundert
gesehen haben. Aber offiziell ist er laut Kirchenbucheintrag am
27. Februar 1784 in Eckernförde gestorben.
Sie klickte
sich weiter durch verschiedene Internetseiten und stieß dann auf die Eintragung
eines Horace Walpole, der 1745 über die Verhaftung eines Mannes namens Graf von
Saint Germain berichtete:
„Er war in
den letzten Jahren hier in England, will aber nicht sagen, wer er ist oder woher
er kommt. Er gibt an, dass er nichts mit irgendeiner Frau zu tun hat, noch zu
tun haben will. Er singt, spielt wundervoll Geige, komponiert, ist verrückt und
nicht sehr vernünftig.“
Nun war sie die Ministerin völlig verwirrt. Wie
erklärten sich die seltsamen Spiele in des Grafen Wagen? Wahrscheinlich waren
dieser Saint Germain und der Manderscheidt doch nicht identisch. Und doch,
musste sie vor sich zugeben, er hatte keinerlei Anstalten gemacht, selbst zu
einer sexuellen Befriedigung zu kommen.
7
Der Graf
empfing Ministerin Bergstoh in seinem Labor. Sie hatte in Wikipedia gelesen,
dass der Graf von Saint Germain bekannt für seine naturwissenschaftlichen
Experimente gewesen war. Trieb es dieser seltsame Graf bei seiner Imitation des
historischen Vorbilds so weit, dass er dessen Forschungen nachahmte?
Der Diener
hatte sie formvollendet angemeldet: „Herr Graf, Frau Minister Bergstoh wünscht,
Sie zu sprechen.“
Der Graf war
gerade damit beschäftigt, aus einer Flasche mit der Aufschrift „Schwefelsäure“
ein Reagenzglas zu füllen. Er trug keine Handschuhe, sondern benutzte die
blanken Finger. Etwas Unaufmerksamkeit, eine unachtsame Bewegung, ein kurzes
Zittern und diese Hände, diese magischen Hände, wären verätzt.
Oder war dies
etwa eine für sie inszenierte Show? War er rasch, nachdem er von ihrer Ankunft
erfahren hatte, in dieses Labor geeilt und hantierte lediglich mit Wasser? War
dieser Mann vielleicht der perfekte Selbstdarsteller?
Nachdem der
Graf das Reagenzglas abgestellt hatte, trat er mit einem strahlenden Lächeln
auf sie zu.
Er breitete die
Arme aus und rief: „Wie schön, nun sehen wir uns endlich auch einmal bei
Tageslicht.“
Doch Suzan
Bergstoh ließ sich nicht darauf ein. Bevor er sie berühren konnte, trat sie
einen Schritt zurück.
Er ließ die
Arme sinken, und sie fragte: „Wer sind Sie?“
„Ein Mensch!“
„Und was wollen
Sie von mir?“
„Dich!“
„Was heißt
das?“
„Ich will dich
ganz und gar.“
„Und ich werde
nicht gefragt?“
„Du willst es
doch auch.“
„Was?“
„Alles!“
„Nein! Bitte
lassen Sie mich in Ruhe!“
„Ich kann dich
doch nicht unglücklich lassen.“
„Ich bin nicht
unglücklich. Ich möchte von Ihnen nicht mehr belästigt werden.“
Mit diesen
Worten zog sie den Brillantring vom Finger und legte ihn auf den Tisch. Daneben
legte sie die wertvolle Spange, mit der die Orchideen geschmückt gewesen waren,
die sie aus dem Fundus hatte holen lassen.
Dann wandte sie
sich wortlos zum Gehen.
Sie hörte ihn
leise lachen und dann die Worte: „Mädchen, du weißt genau, dass du mir nicht
entgehen kannst. Alles, was ich von dir will, willst du doch auch. Sei endlich
einmal in deinem Leben ehrlich zu dir selbst!“
Suzan drehte
sich um und sah ihm in die Augen.
„Ich möchte
nicht länger von Ihnen vergewaltigt werden.“
„Ich
vergewaltige dich nicht. Ich helfe dir lediglich das zu tun, was du in deinem
Innersten willst. Ich befreie dein wahres Ich. Dafür solltest du mir danken.“
„Auf diese
Hilfe kann ich verzichten. Ja, Sie haben mich schwach erlebt, und Sie haben
diese Schwäche ausgenutzt. Doch nun bin ich wieder bei mir selbst. Ich weiß nicht,
welche Tricks sie angewandt haben, um mich gefügig zu machen, aber damit ist
nun Schluss! Noch einmal: lassen Sie mich in Zukunft in Ruhe!“
„Aber mein
liebes Mädchen, es hat dir doch Spaß gemacht.“
„Ich bin kein
Mädchen mehr. Merken Sie sich das! Nein, es hat mir keinen Spaß gemacht. Es hat
mich gedemütigt. Und ich weiß nicht, weshalb Ihnen meine Demütigung Genugtuung
verschafft. Ich weiß nicht, welche perversen Absichten Sie noch hegen. Ich bin
sicher auch nicht die einzige Frau, an der Sie Ihre Neigungen austoben. Aber
mit mir nicht mehr!“
„Habe ich dich
etwa zu etwas gezwungen? War nicht alles ganz freiwillig? Habe ich etwa keine
Lust auf deinem Gesicht gesehen und aus deinem Mund gehört?“
Darauf wusste
Suzan nichts zu antworten. Sie ging und sah sich nicht mehr um.
In ihrem
Dienstwagen mit dem vorausfahrenden Polizeiauto hatte sie Zeit zum Nachdenken.
Sie bat den Fahrer, das Telefon abzustellen und schaltete auch ihr Blackberry
aus.
Hatte sie eben
richtig gehandelt?
Die Warnung der
Kanzlerin klang ihr zwar noch im Ohr, aber sie hatte keine Angst vor seinem
Einfluss. Nun gut, dann sollte er ihr eben Schwierigkeiten machen. Sie würde
das schon überstehen. Aber sie würde sich nicht für ihren Job prostituieren.
Das kam nicht infrage.
Seine Hände
fielen ihr ein. Diese außergewöhnlichen Hände, mit denen er eben noch das
Reagenzglas gehalten hatte. Diese Hände waren so ungeheuer erotisch. Plötzlich
sehnte sie sich nach der Berührung durch diese Hände. Nach ihrem Auftritt eben
würde sie diese Hände nie wieder spüren. Ein Schmerz durchzuckte sie.
Vielleicht
hatte sie überreagiert, falsch gehandelt?
Sie erinnerte
sich an die erste Nacht in dieser Stretchlimousine. Was war das Auto überhaupt
für eine Marke? Ein Lincoln?
Unter diesen
Händen hatte sie sich völlig geborgen gefühlt. So geborgen, dass sie sich hatte
hingeben können. Das hatte sie noch nie zuvor in ihrem Leben erlebt.
Mit aller Macht
versuchte sie, diese Gedanken zu verdrängen. Sie dachte an ihre nicht
erledigten Aufgaben, an die Pressekonferenz morgen, die Besprechung mit den
Umweltschutzgruppen. Und sie wusste, in der Verfassung, in der sie war, würde
sie das alles nicht durchstehen.
Dann dachte sie
an Simon, ihren Mann. Sie kannten sich bereits über fünfzehn Jahre. Sie hatten
viel miteinander erlebt. Aber wirklich erregt hatte er sie nie. Da waren
natürlich auch noch andere Männer gewesen. Sie hatten ihrem Selbstwertgefühl
geschmeichelt, und sie hatte auch Sex mit ihnen gehabt. Aber nie war es so
intensiv gewesen wie im Auto des Grafen. Dieser Mann weckte irgendetwas
Verborgenes in ihr. Ließ etwas zum Durchbruch kommen, was sie bisher
unterdrückt und kontrolliert hatte.
Wie hatte er
gesagt: „Ich helfe dir lediglich das zu tun, was du in deinem Innersten willst.
Ich befreie dein wahres Ich.“
Woher konnte er
ihr wahres Ich kennen? Woher konnte er wissen, was sie wirklich wollte? Das war
eine dieser typischen männlichen Anmaßungen. Männer glauben immer zu wissen,
was für Frauen gut ist. Dabei sind sie so dumm und ignorant. Sie gehen immer
nur von sich selbst aus. Sie hatte noch keinen Mann getroffen, der sich in sie
hätte hineinversetzen können.
Stets wollten
sie immer und immer wieder nur das Gleiche: sie penetrieren.
‚Nein, das ist
viel zu harmlos ausgedrückt‘, dachte sie. ‚Männer denken nicht so, Männer sind
vulgär. Sie wollen ihren Schwanz in mich hineinstecken, und dann glauben sie,
dass sie mich damit glücklich machen. Sie gehen ganz selbstverständlich davon
aus, dass die Lust, die sie selbst empfinden, auch ich empfinde. Welch eine
Ignoranz! Männer sind so grenzenlos dumm! ‘
Zumindest hatte
sie es sich abgewöhnt, ihnen den Gefallen zu tun, und beim Sex etwas
vorzuspielen.
Aber der Graf
hatte bisher keinen Versuch in dieser Richtung unternommen. Und tatsächlich
hatte sie bei ihm zum ersten Mal in ihrem Leben wirkliche Lust verspürt.
Was war
eigentlich so schlimm an dem, was sie getan hatte? Hatte sie kein Anrecht auf
Lust? Warum sollte sie sich schämen?
Die
Wagenkolonne war vor dem Ministerium angekommen, und das Blaulicht wurde
ausgeschaltet. Ihr Fahrer sprang aus dem Wagen und hielt ihr die Tür auf.
Im Büro war die
Sekretärin schon ganz aufgeregt. Es hatte eine Fülle von Anrufen gegeben,
darunter sehr dringliche und wichtige. Die Rückrufliste, die es nun
abzuarbeiten galt, war lang. Auch ihr Mann hatte angerufen. Mit ihm ließ sie
sich zuerst verbinden.
„Was willst
du?“ fragte sie kurz angebunden.
„Ich habe
Theaterkarten besorgt und möchte dich anschließend zum Essen einladen.“
Wut stieg in
ihr hoch. Er wusste doch, dass er mit einer Spitzenpolitikerin verheiratet war,
und dass sie sich nicht einfach so mir nichts dir nichts einen Abend freinehmen
konnte. Sie war keine Sachbearbeiterin und auch keine Lehrerin. Sie war
Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit der Bundesrepublik
Deutschland. Und das sagte sie ihm auch.
Sie spürte,
dass er beleidigt war.
„Aber gestern
Abend bist du doch auch früh nach Hause gekommen“, wandte er ein.
„Gestern war
gestern und heute ist heute! Abgesehen davon, dass ich gestern auch wieder weg
musste.“
Er antwortete
nicht, und so schwiegen beide eine Weile. Endlich wurde es ihr zu viel: „Du
weißt ganz genau, dass ich es nicht mag, wenn du diese Kleinkindtour abziehst.
Mama ich bin so allein. Mama kannst du mich nicht ins Bett bringen.“ Sie
verstellte die Stimme und äffte ein kleines Kind nach.
„Nun gut“,
antwortete er daraufhin. „Wie du willst. Ich wollte uns beiden nur etwas Gutes
tun. Aber du hast Recht! Jeder von uns sollte seiner eigenen Wege gehen, ohne
an den anderen viele Gedanken oder gar Gefühle zu verschwenden.“
Damit legte er
auf.
Suzan starrte
noch eine Weile auf den Hörer. Sie hatte plötzlich ein schlechtes Gewissen. So
hätte sie ihn nicht abfertigen dürfen. Das wusste sie. Er hatte es doch nur gut
gemeint. Aber sie empfand Simon seit einiger Zeit wie einen Klotz am Bein.
Bewusst hatte
sie bisher keine Kinder zugelassen, obgleich über das Warum in allen
Klatschspalten gerätselt worden war. Nein, auf ein Kind konnte sie sich in
ihrem Leben nicht konzentrieren. Es wäre verantwortungslos gewesen, wenn sie
ein Kind in diese Welt gesetzt hätte.
Aber wenn sie
sich schon kein eigenes Kind gönnte, dann brauchte sie gewiss auch kein großes
Kind, keinen Mann, der an ihrem Schürzenzipfel hing. Wann begriff Simon das
endlich?
Dann stürzte
sie sich in die Arbeit, studierte Vorlagen, lehnte Anträge ab und machte sich
Gedanken über die große Rede, die sie in acht Tagen im Bundestag halten musste.
Zwei Referenten hatten ihr einen Entwurf geschickt, der ihr jedoch nicht
gefiel.
Um 6 Uhr ließ
sich noch Doktor Gültner melden. Es war ihr parlamentarischer Staatssekretär
und damit ihr Stellvertreter und beinahe genauso mächtig wie die Ministerin.
‚Nein,
mächtiger‘, entschied sie für sich selbst.
8
In dieser Nacht
kam sie spät nach Hause. Eine Delegation aus ihrem Wahlkreis war nach Berlin
gekommen. Die Ministerin ließ es sich nicht nehmen, persönlich den Abend mit
den Leuten zu verbringen. Es waren der Chef der Landesgruppe,
Ortsvereinsvorsitzende, ihre Stellvertreter und Stellvertreterinnen und andere
Leute, die dort eine wichtige Rolle spielten, wo man das Kreuzchen auf dem
Wahlschein für sie gemacht hatte.
Die Leute
hatten für sie gekämpft, hatten Plakate geklebt, Stunden an Informationsständen
in den Fußgängerzonen verbracht, am Abend Flugblätter ausgetragen, heiß
diskutiert und ihrer Hand für sie, ihre Kandidatin, ins Feuer gelegt. Ohne
diese Menschen wäre die Ministerin niemals in dieses Amt gelangt. Sie hatte
ihnen viel zu verdanken. Die Leute wussten das auch und forderten nun diese
Dankesschuld ein. Von den gewählten Abgeordneten verlangte der Wahlkreis eine
Art von Demut.
Natürlich wurde
auch erwartet, dass die Ministerin persönlich zum Telefonhörer greift, wenn in
ihrem Wahlkreis Hilfe von höherer Stelle nötig sein sollte. Sei es, dass der
Sohn des Landesgruppenchefs eine Assistentenstelle bei einem
Bundestagsabgeordneten anstrebt, sei es, dass die Kommune, in der ihre Partei
die Mehrheit hat, Probleme mit der Gewerbesteuer bekommt, oder wenn beim Kampf
um abgelehnte Zuschüsse für den Straßenbau eine Intervention nötig wird.
Am wichtigsten
aber waren die regelmäßige Präsenz im Wahlkreis, sowie die Betreuung von
Delegationen, wenn die schon mal den Weg nach Berlin fanden. Die Volksvertreter
waren für vier Jahre gewählt und wollten doch sicher noch einmal für vier Jahre
gewählt werden. Es war eine Symbiose. Die Ministerin brauchte den Wahlkreis,
und der brauchte sie. Das war das Kleingedruckte in dem ungeschriebenen Vertrag
mit ihrer Partei.
Morgen würde
die Gruppe durch das Ministerium und anschließend durch das Bundeskanzleramt
geführt werden. Auch eine Stadtführung war geplant und die Besichtigung des
Bundestages. Das alles und ganz besonders die Bewirtung des heutigen Abends
musste natürlich bezahlt werden. Die Parteifreunde erwarteten, dass man sie
frei hielt. Aber dafür gab es ja einen Bewirtungs-Font, über den jeder Minister
verfügen konnte. Er war zwar nicht für die Wahlkreispflege gedacht, denn die
gehörte nicht zu den offiziellen Aufgaben eines Ministers. Streng genommen war
der Einsatz dieser Mittel für die Besuche von Parteifreunden illegal. Aber alle
setzten den Font dafür ein, und deshalb tat die Ministerin das Gleiche und
dachte nicht weiter darüber nach.
Zwei ihrer
Referenten hatten sie begleitet und einer hatte auch die Rechnung mit der
offiziellen Kreditkarte bezahlt.
Am nächsten
Morgen wartete ein Team von „RTL Explosiv“ vor dem Finanzministerium auf sie.
Als sie aus dem Wagen stieg, wurde sie sogleich umringt. Eine Reporterin hielt
ihr ein Mikrofon unter die Nase und fragte inquisitorisch: „Frau Minister, ich
hoffe, Sie haben gestern einen schönen Abend verbracht?“
Suzan Bergstoh
lachte und antwortete: „Aber gewiss! Es ist immer schön, einen Abend mit
Freunden zu verbringen“
Und dann kam
die Bombe: „Frau Minister, lassen Sie sich Ihre Abende mit Freunden immer vom
deutschen Steuerzahler bezahlen?“
„Ich weiß
nicht, was Sie meinen?“
Die Stimme der
Journalistin wurde immer schärfer. Man hörte ihr die Empörung an.
„Wer hat denn
die Rechnung gestern Abend bezahlt? War das nicht Ihr Referent?“
Mit einem
Schlag wurde es der Ministerin heiß und kalt. Sie sah die Falle, in die sie
gelockt werden sollte.
„Natürlich hat
er dies in meinem Auftrag und mit meinem Geld gemacht.“
„Mit Ihrem
Geld? Wurde nicht vielmehr eine dienstliche Kreditkarte eingesetzt?“
„Dazu kann ich
Ihnen nichts sagen. Ich gehe davon aus, dass alles seine Richtigkeit hat. Und
nun entschuldigen Sie mich bitte. Auf mich wartet viel Arbeit.“
Die
Journalistin mit ihrem Mikrofon und der Kameramann rannten noch bis zur
Eingangstür neben ihr her, aber sie ließ sich zu keinem weiteren Statement
verführen.
Noch im
Fahrstuhl zücke sie ihr Blackberry und bestellte beide Referenten zu sich ins
Büro.
Vor ihren
Diensträumen wartete bereits ihr Büroleiter auf sie. Er hieß Doktor Friedrich
Brauer und war so etwas wie das Herz des Ministeriums. Während die Ministerin
in erster Linie repräsentierte und die Arbeit ihrer Behörde nach außen vertrat
und verkaufte, bereitete er die Entscheidungen vor und setzte sie auch durch.
Er war verantwortlich für das Personal und die ordnungsgemäßen Abläufe im
Ministerium.
‚Was würde ich
nur ohne Doktor Brauer anfangen‘, fragte sich die Ministerin, seit sie das Amt
übernommen hatte.
Suzan Bergstoh
war fest entschlossen, die Ausgaben des gestrigen Abends sofort an die
Regierungskasse zu überweisen, um jeglichen Angriffen den Wind aus den Segeln
zu nehmen. Doch dies erwies sich als nicht so einfach.
Ihr Büroleiter
erklärte ihr, dass dazu bürokratischer Aufwand erforderlich wäre. Es bedürfe
nämlich einer Sollstellung, einer Rechnung und eines Kassenzeichens. Würde sie
einfach das Geld überweisen, so könnte es in der Kasse nicht zugeordnet werden.
Eine Rücküberweisung wäre unvermeidlich. Aber er wolle sich darum kümmern, dass
der verwaltungstechnische Aufwand so rasch wie möglich über die Bühne ginge.
Inzwischen
waren auch die beiden Referenten erschienen und zu viert erörterten sie nun
lang und breit die Fragen: Wer hat geplaudert? Wer hat den Zahlvorgang gesehen?
Was war da eigentlich los?
Sie waren noch
intensiv in der Diskussion, als ein Anruf von RTL kam mit dem Hinweis auf die
Nachrichtensendung und der Bitte um ein anschließendes telefonisches Statement.
Mit ungutem Gefühl sagte die Ministerin zu.
‚Es handelt sich
um eine Lappalie‘, versuchte sie sich zu beruhigen. ‚Ich habe nichts Unübliches
gemacht. Aus so einer Kleinigkeit kann man mir keinen Strick drehen. In zwei
Tagen redet kein Mensch mehr darüber. Die Journalisten müssen ganz einfach
wieder einmal demonstrieren, dass sie investigativ arbeiten und die alten
Prinzipien der Branche hochhalten. ‘
Eine
versehentlich mit einer falschen Kreditkarte bezahlte Rechnung war doch keine
gute Story. Bergstoh war sich da ganz sicher.
Dann kamen die
RTL-Nachrichten. Inzwischen war der Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
und ihr Pressereferent zu der kleinen Gruppe gestoßen. Man saß im
Ministerzimmer im Kreis um den großen Flachbildschirm.
„Ein krasser
Fall von Betrug am Steuerzahler“, sagte der Anchorman bei seiner Anmoderation.
Bergstohs Abendessen war der Hauptaufmacher der Sendung.
Der Beitrag
begann mit der Außenansicht des leeren Lokals, in dem gestern Abend das
Zusammensein stattgefunden hatte.
„Hier“, so kam
der Ton aus dem Off, „fand gestern Nacht ein rauschendes Fest statt. Ministerin
Bergstoh gab eine Party für die Leute, denen sie ihr Amt zu verdanken hat und
auf deren Unterstützung sie auch weiterhin hofft.“
Ein Bild von
Suzan Bergstoh wurde groß eingeblendet.
„Und diese
Unterstützung wird die umstrittene Ministerin auch nötig haben. Kleine
Geschenke schaffen Freunde, heißt es, und nach diesem Grundsatz hat Suzan
Bergstoh bei ihren Parteifreunden auch gehandelt. Dagegen wäre nichts
einzuwenden, wenn für diese Geschenke nicht der deutsche Steuerzahler zur Kasse
gebeten worden wäre.“
Nun klingelte
das Telefon. Die zuständige Redakteurin war in der Leitung und teilte mit, dass
man die Ministerin gleich life zuschalten werde.
„Bezahlt hat
nämlich ein Mitarbeiter dieser spendablen Ministerin und zwar mit der
offiziellen Kreditkarte des Ministeriums.“
In Großaufnahme
erschien der Buchungsbeleg auf dem Bildschirm. Dann kam ein Interview mit dem
zuständigen Kellner, der erklärte, an diesem Abend sei das Beste gerade gut
genug gewesen. Den Höhepunkt des Berichts aber bildeten Interviews mit zwei
bewirteten Gästen aus dem Wahlkreis, die treuherzig in die Kamera sagten:
„Also, ich bin davon ausgegangen, dass uns die Suzan persönlich eingeladen und
auch alles selbst bezahlt hat. Wenn ich gewusst hätte, dass alles auf
Staatskosten geht, hätte ich diese Einladung niemals angenommen.“
Suzan Bergstoh
war es im Verlauf der Sendung immer heißer geworden. Aber als sie ihre
Parteifreunde hörte, packte sie die kalte Wut.
‚Diese
Heuchler! ‘ dachte sie. ‚Das zahle ich ihnen heim. ‘
Doch sie konnte
nicht länger über diese Infamie nachdenken, denn nun sagte der Anchorman: „Wir
wollten die Frau Minister natürlich zu dem Vorfall befragen. Aber sie zog es
vor, uns davonzulaufen. War es etwa das schlechte Gewissen, dass Suzan Bergstoh
getrieben hat?“
Nun kamen die
Filmaufnahmen vom Morgen.
„Doch
inzwischen hat sich die Ministerin eines Besseren besonnen und will uns Rede
und Antwort stehen. Wir haben sie jetzt am Telefon. Frau Minister, ich hoffe
Sie hatten gestern einen vergnüglichen Abend und heute keinen schweren Kopf?“
Suzan versuchte
so ruhig und gelassen, wie möglich zu antworten.
„Danke der
Nachfrage, es geht mir ausgezeichnet.“
„Es freut uns
alle, dies zu hören.“ Die Stimme des Moderators triefte vor Ironie. „Dann
können Sie uns ja im Vollbesitz Ihrer Sinne in aller Ruhe erklären, ob Sie für
Ihre Gäste immer den Steuerzahler aufkommen lassen?“
„Ich zahle
natürlich auch den gesamten gestrigen Abend. Das ist doch selbstverständlich.
Ich hatte nur meine Kreditkarte vergessen, deshalb musste vorübergehend
dienstlich abgerechnet werden. Doch natürlich ist im Lauf des Vormittags alles
an die Regierungskasse zurückgezahlt worden. Das ist doch eine Selbstverständlichkeit.“
„Nun das wird
sich ja überprüfen lassen“, sagte der Mann, „wir bleiben dran, darauf können
Sie sich verlassen.“
War dies nun
eine Drohung oder ein Versprechen an die Zuschauer?
Als der
Fernsehapparat wieder abgeschaltet war, herrschte Totenstille im Amtszimmer.
„Frau
Minister“, sagte endlich der Leiter der Öffentlichkeitsabteilung, „Sie haben
ein Problem!“
9
Die nächsten
Tage waren hektisch, und Suzan hätte sie später gern aus ihrem Leben
gestrichen. Obgleich sie die Zeche umgehend zurückgezahlt hatte, wurde sie von
den Medien als Diebin oder etwas noch Schlimmeres behandelt. Wie die Geier
stürzten sich alle auf sie. Sie wurde mit dem Ex-Postchef Zumwinkel und den
anderen Betrügern in einen Topf geworfen und an ihr die sinkende Moral in der
Politik und das mangelnde Verantwortungsbewusstsein der Politiker dingfest
gemacht.
Das
Kesseltreiben und die Hetzjagd der Medien waren sogar noch zu ertragen. Am
Schlimmsten war für Suzan die Einsamkeit. Plötzlich schien sie niemand mehr zu
kennen. Man ging ihr aus dem Weg, so als habe sie die Krätze und man wolle sich
nicht anstecken. Auch die Kanzlerin schwieg sowohl in der Öffentlichkeit als
auch intern. Als Bergstoh einen Termin bei ihrer Chefin bekommen wollte, wurde
sie abgewimmelt. Leider sei die Bundeskanzlerin unter ungeheurem Zeitdruck.
Sobald sich aber eine Möglichkeit böte, werde man auf die Frau Minister
sogleich zukommen.
Berlin ist eine
Schlangengrube, das wusste Suzan schon lange. Doch nun erfuhr sie es am eigenen
Leib. Mit dem Chef des Bundespresseamtes hatte sie mehrere Termine. Schließlich
musste er auf der Bundespressekonferenz zu dem Vorfall Stellung nehmen. Er war
höflich, aber Suzan war sich im Klaren, dass sie in ihm keine Unterstützung
hatte.
So, wie es
aussah, war ihre Karriere am Ende, und das wegen eines derart banalen Vorfalls.
Sie hätte sich vor Wut selbst ohrfeigen mögen.
Ein paar Tage
später, ihre Affäre beruhigte sich nicht, sondern kochte höher und höher,
meldete die Sekretärin, Graf Manderscheidt sei am Telefon und wolle die
Ministerin sprechen.
Unwillige
befahl diese: „Stellen Sie durch.“
Bevor der
Anrufer ein Wort sagen konnte, fauchte sie schon: „Warum lassen Sie mich nicht
in Ruhe. Habe ich mich bei meinem Besuch neulich nicht deutlich genug
ausgedrückt?“
„Mädchen, ich
rufe an, weil du Hilfe brauchst.“ Es war diese tiefe, ruhige, angenehme Stimme.
„Ich brauche
keine Hilfe.“
„Doch du
steckst in Schwierigkeiten. Man muss nur die Nachrichten hören und lesen.“
„Sie meinen
diese Bewirtungs-Affäre? Das ist eine Lappalie. Bald wird niemand mehr darüber
reden. Ich bin mir auch keiner Schuld bewusst.“
„Ob du dir
etwas bewusst bist oder nicht, darauf kommt es nicht an. Eine Lappalie ist es
sicherlich. Aber dennoch brauchst du meine Hilfe. Du hast eine Menge wichtiger
Leute gegen dich aufgebracht.“
„Das kann ich
mir nicht vorstellen. Glauben Sie etwa, Sie bekommen mich wieder zu Ihren
Perversitäten herum, wenn Sie in Panik machen? Nein, ich habe keine Angst. Und
nun lassen Sie mich bitte zufrieden. Ich habe zu tun!“
„Mädchen, du
weißt doch gar nicht, in welchen Schwierigkeiten du tatsächlich steckst. Diese
Bewirtungskiste ist doch nur der Anfang. Die wollen dich fertigmachen. Die
wollen, dass du zurücktrittst. Ist dir das noch immer nicht klar?“
„Und warum,
bitte schön sollten die Leute das wollen? Und wer bitteschön, sollen diese
Leute sein? Und was bitteschön, haben Sie damit zu tun.“
„Oh, das sind
eine Menge Fragen. Die möchte ich nicht am Telefon beantworten. Wenn du willst,
können wir uns treffen. Rufe mich an. Ich habe meine Telefonnummer deiner
Sekretärin gegeben. Jetzt nur so viel, du hast auf einer Veranstaltung
gesprochen, auf der du nicht hättest auftauchen sollen. Es war ein Symposium,
und es war töricht von dir.“
Ohne ein
weiteres Wort legte der Graf auf, und Suzan starrte auf den toten Telefonhörer.
Sie begann,
nachzudenken. Was hatte er gemeint? Auf welches Symposium hatte er angespielt?
Und plötzlich erinnerte sie sich. Es war vor vier Wochen gewesen.
Ihr Referent
Doktor Jan Blister war in ihr Zimmer gestürzt. Er war sehr aufgeregt gewesen.
„Frau
Minister“, hatte er schon in der Tür gerufen, „ich habe eben erfahren, dass Sie
auf dem Symposium ‚Wege zu einer lebensfreundlichen Welt‘ die Eröffnungsrede
halten wollen.“
Sie hatte ihn
verwundert angesehen, wie er sich erschöpft auf den Stuhl vor ihrem
Schreibtisch hatte fallen lassen.
„Na und? Wo ist
das Problem?“
„Sie müssen
unbedingt absagen.“
„Und warum?“
„Dort tritt ein
CO2-Leugner auf.“
Er spuckte
dieses Wort mit der gleichen Verachtung aus, wie er wohl Kinderschänder,
Massenmörder oder Brandstifter sagen würde.
„Was meinen Sie
damit?“
„Die
Veranstalter lassen auch den Schmidt eine Rede halte. Man hat ihnen zwar schon
sämtlich Zuschüsse gestrichen, aber sie wollen diesen Schmidt nicht ausladen.“
Bergstoh
verstand noch immer nicht: „Wer ist dieser Schmidt?“
Man sah dem
Mann an, was er von der Ignoranz seiner Chefin hielt: ‚Und so jemand ist
Umweltministerin!“
Doch dann
bequemte er sich zu einer Erklärung: „Professor Josef Schmidt ist Physiker, hat
sich aber inzwischen auf Klimaforschung spezialisiert. Eine Zeit lang war er
recht angesehen und hat sogar einen renommierten Lehrstuhl bekommen. Doch dann
begann er, durchzudrehen. Er wollte einen Artikel in ‚Nature‘ veröffentlichen,
in dem er bezweifelte, dass die Klimaerwärmung allein auf das von Menschen
produzierte CO2 zurückzuführen ist. ‚Nature‘ hat den Beitrag
natürlich abgelehnt, aber es hat sich herumgesprochen, dass Schmidt ins Lager
der CO2-Leugner gewechselt ist. Man hat ihm daraufhin den Geldhahn
zugedreht und seine Fördergelder gestrichen. Doch glauben Sie, der Mann sei zur
Vernunft gekommen? Nein. Er hat dann den Aufsatz doch noch in irgendeiner
obskuren Zeitschrift publiziert.“
„Und was ist
dran an seinen Argumenten?“ Die Ministerin verstand die Aufregung noch immer
nicht.
Ihr Referent
sah sie an, als habe sie den Verstand verloren: „Das weiß ich nicht. So einen
Unsinn lese ich nicht.“
„Ich soll zwar
nur die Eröffnungsrede halten, also mehr ein Grußwort, aber mich würden die
Argumente dieses Professor Schmidt schon interessieren. Man muss schließlich wissen, welche Thesen in
der Welt sind, schon um sich gegen sie wappnen zu können. Es handelt sich doch
um ein Symposium und keine Festveranstaltung. Auf Symposien sollen doch
konträre Meinungen ausgetauscht werden.“
Suzan sah dem
Mann an, dass es ihm schwerfiel, einen respektvollen Ton gegenüber seiner
Chefin beizubehalten.
„Würden Sie
auch eine Veranstaltung eröffnen, zu der man einen Holocaustleugner eingeladen
hat?“
„Natürlich
nicht. Das ist doch nicht vergleichen. Sie sollten darüber keine Witze machen.“
Der Mann war so
erregt, dass er, ohne um Erlaubnis zu fragen, nach der Sprudelflasche für
Besucher griff und sich einschenkte. Gierig trank er ein Glas leer, bevor er
antwortete: „Aber ich mache keine Witze. Sie können nun mal kein Symposium
durch Ihre Anwesenheit adeln, auf dem ein CO2-Leugner zu Wort kommt.
Schließlich sind Sie die Ministerin für Umweltschutz in diesem Land.“
„Ist es nicht
unanständig, Holocaust und Kohlendioxid miteinander zu vergleichen?“
Blister
schüttelte erregt den Kopf.
„Sie scheinen
die ganze Dimension der Problematik nicht zu überblicken. Es ist sogar schon
die Forderung gestellt worden, die CO2-Leugnung unter Strafe zu
stellen, ebenso wie die Leugnung des Holocaust.“
„Moment! Es
soll also verboten werden, hypothetische Klimamodelle aus dem Computer infrage
zu stellen?“
„Es gilt als
eine Tatsache, und an ihr darf nicht gerüttelt werden. Die Erde erwärmt sich
und dafür ist allein der CO2-Ausstoß, den wir Menschen mit unserer
Zivilisation verursachen, verantwortlich.“
„Und damit
basta?“ fragte sie ironisch.
„Und damit
basta!“ hatte er ernst geantwortet.
Suzan wusste
nicht mehr, welcher Teufel sie damals geritten hatte. Natürlich hatte ihr
Referent recht gehabt. Aber sie war trotzig und stur geblieben und hatte sich
geweigert, ihre Teilnahme rückgängig zu machen. Und nun hatte sie die Quittung
bekommen.
In einem waren
sich die Atomlobby, die Umweltschutzverbände, die Windkraft- und
Solarenergielobby, die Ökofreaks aber auch alle Politiker einig, der Feind hieß
CO2 und mit dem Hinweis auf diesen Feind ließ sich jede Investition
– und sei sie noch so unsinnig- , jedes schwachsinnige Gesetz, wie zum Beispiel
das Verbot von Glühbirnen, ja sogar der weltweite Emissionshandel
rechtfertigen. Bei der CO2-Problematik ging es um unendlich viel
Geld und niemand wagte inzwischen noch zu widersprechen, wenn das
Totschlagargument CO2-Emission‘ fiel. Und sie, die frischgebackene
Umweltministerin Doktor Suzan Bergstoh, war in diese Falle getappt, hatte sich
mit Kreisen angelegt, deren Einfluss so groß war, dass selbst sie als
zuständige Ministerin ihn nicht einmal überblicken konnte.
Sie war
natürlich zu dem Symposium gefahren und nach ihrer Eingangsrede sogar noch
geblieben, um das Referat dieses Professor Doktor Josef Schmidt zu hören.
Er hatte ganz
vernünftig gesprochen, auf die Probleme der derzeitigen Klimamodelle
hingewiesen und erläutert, dass das meiste CO2 nicht von der
Menschheit produziert wird, sondern natürlichen Ursprungs ist. So sondert ein
Vulkan jährlich mehr CO2 ab, als mehrere Großstädte zusammen. Er
erwähnte die in der Erde brennenden Kohleflöze in China, die man nicht löschen
kann, und vieles mehr. Schmidt rief in Erinnerung, dass die Erde auch bisher
ohne menschliches Einwirken immer wieder Wärme- und Kälteperioden durchgemacht
hat.
Nachdem er
geendet hatte, gab es nur dünnen Applaus. Dennoch verbeugte er sich tief. Er
schien diese Reaktion gewöhnt zu sein.
Vor seinem
Vortrag hatte sich bereits der Diskussionsleiter von ihm distanziert. Natürlich
seien die Thesen des Kollegen höchst fragwürdig und hielten einer
wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Fraglos könnten derartige Thesen,
wenn sie an die Öffentlichkeit gelangten, die Menschen verunsichern. Weshalb er
der Meinung sei, der Beitrag von Professor Schmidt solle nicht im
Kolloquiums-Reader publiziert werden. Doch im Sinne der wissenschaftlichen
Neutralität und der Freiheit von Forschung und Lehre habe man auch dem Kollegen
Schmidt die Möglichkeit geben wollen, seine - wenn auch fragwürdigen -Thesen
vorzutragen.
Als die
Ministerin mit ihrem Stab - den Referenten, Sicherheitsleuten, einigen
Honoratioren und den Gastgebern - zu ihrem Wagen eilte, tauchte plötzlich
dieser Schmidt auf und stellte sich der Korona demonstrativ in den Weg. Suzan
Bergstoh kam nicht umhin, ihm die Hand zu schütteln.
Wie ihr sein
Vortrag gefallen habe, wollte er wissen.
Sogleich eilte
einer ihrer Referenten herbei und wies auf den Zeitdruck hin. Man müsse
unverzüglich losfahren, wenn man den nächsten Termin noch schaffen wolle.
Aber Suzan
Bergstoh gefiel dieser Schmidt. Er war nicht besonders groß und etwas füllig,
hatte aber ein verschmitztes Gesicht und eine sympathische Stimme. Deshalb ging
sie nicht auf die Rettungsversuche ihres Referenten ein, sondern sah dem
Professor offen ins Gesicht und sagte: „Sie vertreten sehr seltsame Thesen!“
„Inwiefern?“
„Sie stehen
konträr zu allen Wissenschaftlern, die ich kenne.“
„Darf ich
Anatole France zitieren? ‚Auch wenn fünf Millionen Menschen eine Dummheit
sagen, so bleibt es dennoch eine Dummheit‘.“ Sie hörte deutlich den Schalk in
seiner Stimme.
„Haben Sie noch
nie von der Schwarm-Intelligenz gehört?“ antwortete sie daraufhin ebenso
spöttisch.
Doch so leicht
ließ sich der Professor nicht aus der Ruhe bringen: „Sie glauben an die Intelligenz
des Schwarms? Nun, da sich der Schwarm der Fernsehzuschauer in erster Linie für
die privaten Sender entscheidet, senden die wohl die Programme, die die
Menschheit voranbringen.“
Das war
schlagfertig pariert. Langsam machte Suzan das Gespräch Spaß. Obgleich der
Referent mehr und mehr drängte, antwortete sie lächelnd: „Sie sind zynisch und
eingebildet, wenn Sie glauben, als Einziger die Wahrheit zu wissen.“
„Ich bin nur
einer von vielen, der sich Gedanken macht. Aber im Gegensatz zu Ihrem Schwarm
weiß ich zumindest, dass wir wenig bis gar nichts wissen.“
„Wow“, sagte
die Ministerin, „Sokrates lässt grüßen. Es ist doch immer schön, wenn man sich
hinter einem Philosophen verstecken kann. Aber wahrscheinlich glauben Sie
ebenso wie der liebe Sokrates, der mit seinem Nichtwissen doch nur kokettiert
hat, dass Sie die Wahrheit kennen. Sind Sie auch bereit, wie Sokrates den
Schierlingsbecher zu trinken? Darum werden Sie wohl nicht herumkommen, wenn Sie
weiterhin gegen den wissenschaftlichen Strom schwimmen.“
Mit diesen
Worten ließ sie ihn stehen und eilte mit raschen Schritten zu ihrem Wagen.
Die
Umweltministerin hatte als Dienstwagen einen Audi A8 mit 326 PS. Der Wagen
schwebte über die Straße, und Bergstoh versuchte sich zu entspannen. Sie dachte
über das Gespräch nach und stellte erneut fest, dass ihr dieser Professor
gefiel. Deshalb reagierte sie etwas unwirsch, als ihr Referent sagte:
„Vielleicht wäre es besser gewesen, sogleich loszufahren und dieses Gespräch zu
vermeiden.“
„Wie meinen Sie
das?“
„Ich bin sicher,
dass Ihr Verhalten genau beobachtet wurde und nun den betreffenden Leute
berichtet wird.“
„Ich habe
niemanden gesehen. Im Gegenteil fand ich Ihre Bemühungen, das Gespräch mit dem
Professor zu verhindern, unhöflich und peinlich.“
Der Referent
antwortete nicht. Erst nach einer Weile sagte er: „Ich habe auf jeden Fall mein
Möglichstes getan, um das Schlimmste zu verhindern.“
Und dieser
läppische Vorfall sollte dieses Erdbeben ausgelöst haben? Suzan Bergstoh wollte
es nicht glauben.
Dabei hatte
dieser Schmidt den Klimawandel und damit die Erderwärmung doch sogar zugegeben.
Er hatte auch nicht geleugnet, dass CO2 dabei eine Rolle spielt.
Allerdings hatte er die Klimakatastrophe nicht ausschließlich auf das von
Menschen produzierte CO2 zurückgeführt, und er hatte die gängigen
Klimamodelle angezweifelt und sie lediglich als unbewiesene Hypothesen
bezeichnet.
Diese ganze
Angelegenheit war künstlich hochgespielt worden und würde sich schon wieder in
Ordnung bringen lassen. Da war sich die Ministerin sicher.
In der Post
lagen an diesem Tag die Versetzungsgesuche ihrer beiden Referenten, die von der
Ministerin abgezeichnet werden mussten, bevor sie auf dem Dienstweg
weitergegeben werden konnten.
Sie ließ die
beiden rufen und fragte nach den Gründen. Ob sie eine schlechte Chefin sei? Ob
der Job bei ihr keinen Spaß mache?
Die beiden
waren etwas verlegen und meinten, sie wollten noch andere Ministerien
kennenlernen. Nein, sie hätten nichts gegen die Frau Minister ganz im
Gegenteil.
Während die
Männer herumdrucksten, wurden Suzan plötzlich die Hintergründe für ihr
Verhalten klar. Die beiden Referenten wollten nicht mit ihr untergehen. Die
Ratten verließen das sinkende Schiff. Wahrscheinlich musste sie ab jetzt mit
einer Flut derartiger Gesuche rechnen. Und es war ja auch verständlich, dass
die jungen Leute auf ihre Karriere achteten. Später würde es schließlich
heißen: ‚Wo kommen Sie her? Ach, von der geschassten Bergstoh! Na das ist ja
wohl keine Empfehlung. ‘
Suzan
befürwortete die Versetzung. Als sie unterschrieb, krampfte sich ihr Herz
zusammen. Was würde wohl aus ihr selbst werden?
Am späten
Nachmittag schließlich ließ sich ihr Mann Simon anmelden. Erstaunt über den
Besuch bat sie ihn herein.
Sie hatte in
all dem Trubel der letzten Tage wenig an ihn gedacht. Wenn sie nach Hause
gekommen war, lag er schon im Bett und schlief. Und sie hatte andere Dinge im
Kopf, als sich um diesen Mann zu kümmern. Schon allein der Gedanke an Sex mit
ihm war ihr unangenehm. Sie konnte ihn im wahrsten Sinn des Wortes nicht mehr
riechen.
Und nun tauchte
er plötzlich bei ihr hier im Büro auf. Er wusste doch, dass sie derartige
Besuche nicht mochte. Dienstliches und Privates sollten nicht vermischt werden.
Außerdem hatte sie für private Dinge jetzt weder Zeit noch Muse. Das Private
musste in so einer Situation einfach zurückstehen.
Ärgerlich bat
sie Simon, Platz zu nehmen und beauftragte die Sekretärin sie bei den
eingeplanten und wartenden Besuchern zu entschuldigen und um Verständnis zu
bitten. Es würde nicht lange dauern.
Barsch sagte
fragte sie ihren Mann: „Was willst du?“
Der hatte die
Anweisungen an die Sekretärin gehört und fragte höhnisch zurück: „So, es wird
nicht lange dauern. Woher willst du das wissen?“
„Weil ich noch
immer meine Zeit selbst einteile, und es nicht dir überlasse!“
„Siehst du“,
sagte er, „und da liegt unser Problem.“
„Bist du etwa
gekommen, um eine Debatte über unsere Ehe zu führen? Gibt es dafür keinen
besseren Zeitpunkt?“
„Ich will keine
Debatte führen. Ich will dir nur mitteilen, dass ich mich heute bei drei
Partneragenturen angemeldet habe.“
„Du hast was?“
Suzan glaubte, nicht recht zu hören.
„Ich habe mich
offiziell bei Partnervermittlungen eingeschrieben. Ich suche eine Frau.“ Die
Stimme war triumphierend.
„Bist du
verrückt? Der Mann der Umweltministerin der Bundesrepublik Deutschland sucht
über irgendwelche Agenturen ein Betthäschen? Willst du die Auflagen der
Boulevardpresse und der diversen Klatschblätter steigern? Wenn das herauskommt,
gibt es einen unendlichen Skandal, und ich bin erledigt.“
Er schien mit
dieser Reaktion gerechnet zu haben, denn nun kam wie aus der Pistole
geschossen: „Gut, dann lassen wir uns scheiden. Aber billig wird es für dich
nicht, das sage ich dir.“
Suzan
versuchte, sich zu beruhigen. Damit hatte sie nicht gerechnet.
„Und warum das
Ganze?“
„Ich habe es
satt, das Leben eines Singles zu führen. Ich sehe dich kaum noch. Hin und
wieder gehen wir zusammen zu offiziellen Einladungen. Das ist ätzend aber kein
Vergnügen. Sex findet nicht mehr statt. Und wer weiß, mit wem du zusammen bist,
wenn du angeblich von Termin zu Termin eilst.“
„Sei doch
vernünftig. Du hast deinen Beruf und ich den meinen. Bisher ging es doch ganz
gut. Ich werde versuchen, ein wenig kürzerzutreten. Vielleicht sollten wir
einen Kurzurlaub einschieben? Die Insel Föhr hat dir doch immer gut gefallen.
Wir werden am Strand spazieren gehen und Wattwanderungen machen.“
„Das hätte dir
früher einfallen müssen“, war die barsche Antwort. „Jetzt will ich nicht mehr.
Ich habe auch meinen Stolz. Im Übrigen habe ich morgen Abend bereits mein
erstes Date. Ich glaube, ich bin sehr fair, dass ich dich rechtzeitig
unterrichte, damit du dich darauf einstellen kannst.“
Wie um seine
Worte zu unterstreichen schob sich in diesem Moment eine Wolke vor die Sonne,
und es wurde düster im Zimmer.
„Du willst also
tatsächlich einen Skandal“, sagte sie mit unterdrückter Wut. „Und du glaubst,
du kommst dabei ungeschoren davon, und es trifft nur mich? Mein Lieber, da
irrst du. Du bist dabei, ein Erdbeben auszulösen, das uns beide vernichten
wird.“
„Um dich zu
vernichten, fehlt nicht mehr viel!“ Seine Stimme war höhnisch. „Für deine
Vernichtung sorgst du schon selbst. Kaum im Amt und schon häufen sich die
Skandale. Ich hätte dich für klüger gehalten. Ich weiß auch nicht, wie du aus
diesen Affären wieder herauskommen willst.“ Er machte eine bedeutungsvolle
Pause. „Das ist auch ein Grund, warum ich mich jetzt absetze. Ich will nicht
mit dir untergehen.“
„Untergehen“,
„Absetzen“!
Die Ministerin
musste an ihre beiden Referenten denken. Inzwischen hatte sie zehn weitere
Versetzungsgesuche auf dem Tisch gehabt und auch unterschrieben. Auch ihr
Büroleiter war zu ihr auf Distanz gegangen. Und die Staatssekretäre hatte sie
auch schon ein paar Tage nicht gesehen.
‚Man hat mich
isoliert‘, wurde ihr klar. ‚Man behandelt mich wie eine Aussätzige, an der man
sich nicht anstecken will. ‘
Ihr eigener
Mann ergriff schließlich gerade auch auf drastische Weise die Flucht.
Obgleich die
Opposition einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss gefordert hatte,
schwieg die Kanzlerin bisher zu allen Vorwürfen. Sie hatte der Presse lediglich
gesagt: „Ich habe bisher keinen Grund meiner Ministerin mein Vertrauen zu
entziehen.“
Das war ja wohl
die dürftigste Solidaritätserklärung, die man sich denken konnte. War Suzan
denn bisher blind gewesen? Wo war ihr politischer Instinkt geblieben, auf den
sie sich bisher stets verlassen konnte? Sie musste etwas unternehmen! Aber was?
Zuerst aber
musste sie Simon loswerden.
„Ich muss jetzt
weitermachen. Ich komme heute Abend früher nach Hause, dann reden wir noch
einmal über alles!“
„Da gibt es
nicht mehr viel zu reden“, maulte er, zog aber ab.
10
Mit zitternden
Fingern goss sich Suzan Bergstoh aus der Thermoskanne auf ihrem Schreibtisch
eine Tasse Kaffee ein. Damit ging sie ans Fenster und sah gedankenverloren
hinaus, während sie das heiße Getränk schlürfte.
Wer stand noch
auf ihrer Seite? Auf wen konnte sie noch zählen?
Der Graf fiel
ihr ein. Er hatte sie gewarnt. Ob sie ihn wohl anrufen sollte? Aber sie wollten
mit diesem Mann nichts mehr zu tun haben. Doch hatte sie jetzt noch eine Wahl?
Sie ließ sich
von der Sekretärin verbinden und so, als habe er auf ihren Anruf gewartet,
hatte sie Sekunden später Graf Manderscheidt am Apparat. Er war überhaupt nicht
erstaunt, dass die Ministerin ihn sprechen wollte.
Bevor sie etwas
sagen konnte, fragte er: „Soll ich es in Ordnung bringen?“
Suzan zitterte
so stark, dass sie den Hörer mit beiden Händen halten musste.
Endlich sagte
sie stockend: „Können Sie denn helfen?“
„Ich glaube
schon. Aber ich brauche natürlich deine Kooperation.“
Suzan schwieg
und überlegte, was er damit meinte.
Schließlich
stammelte sie: „Ja!“
„Dann hole ich
dich um neun Uhr ab, und wir gehen essen.“
Als er
aufgelegt hatte, fiel ihr ein, dass sie doch ihrem Mann den Abend versprochen
hatte. Wie sollte sie ihm klarmachen, dass er schon wieder zurückstehen musste?
In der Verfassung, in der er war, konnte er durchdrehen. Er war jetzt zu allem
fähig. Aber einen weiteren Skandal konnte sie in der derzeitigen Situation gar
nicht gebrauchen.
Sie entschloss
sich zu einem Kompromiss. Sie würde sich bereits um halb sieben Uhr mit Simon
treffen. So lange würde die Aussprache mit ihm sicher nicht dauern. Sie würde
dann den Termin mit dem Grafen doch noch wahrnehmen können.
Simon war sehr
erfreut, dass seine Frau so früh nach Hause kam. Er schloss daraus auf ihr
großes Interesse, den Konflikt beizulegen.
Noch in der Tür
versuchte er, sie zu umarmen. Aber sie wich einen Schritt zurück. So als sei
nichts geschehen, eilte er nun in die Küche, holte zwei Gläser und eine Flasche
Rotwein, während seine Frau den Mantel auszog. Sie setzten sich in die mächtige
Couchgarnitur, und er schenkte ein.
Suzan hatte
nicht die geringste Lust jetzt Rotwein zu trinken. Sie würde mit dem Grafen am
späten Abend noch genügend Alkohol konsumieren müssen. Und sie brauchte bei
diesem Treffen einen nüchternen Kopf. Aber sie wollte Simon nicht schon wieder
enttäuschen. Deshalb stieß sie mit ihm an und nippte an ihrem Glas.
„So, nun erzähl
mal“, sagte sie freundlich. „Was ist denn los?“
Der mütterliche
Ton öffnete bei dem Mann alle emotionalen Schleusen. Er begann, sie mit
Vorwürfen zu überschütten. Dass sie so gefühlskalt geworden sei, sich nur noch
für ihre Karriere interessiere. Er könne gern auf diese prachtvolle Wohnung
verzichten und wieder in die schäbige Studentenbude von damals zurückkehren,
wenn damit auch ihre alte Gemeinsamkeit wiederkäme.
Innerlich
nickte Suzan. Das konnte sie gut verstehen. Auch ihre war diese Wohnung mit
ihren sechs großen Zimmern ziemlich gleichgültig. Man hatte sie für die
Ministerin ausgesucht, und sie bekam auch einen Mietkostenzuschuss. Die Größe
und Ausstattung der Wohnung war wichtig, denn man erwartete, dass sie hierher
auch offizielle Gäste einlud und für die Regierung repräsentierte.
Die banalsten
Dinge wurden nun von ihm zur Sprache gebracht. Dass sie ihn auf irgendeinem
Empfang den wichtigen Leuten nicht vorgestellt hatte. Dass sie ihn und seine
Arbeit nicht respektiere. Und natürlich, dass sie keinen Sex mehr mit ihm
hatte. Dies schien ihn am meisten zu bedrücken und zu verletzen.
Sie hörte sich
das alles ruhig an und entgegnete nichts. Sie verteidigte sich nicht und
verzichtete auch auf Gegenangriffe. Dabei hätte sie auch eine Menge
vorzubringen gehabt. Seine ewig weinerliche Art, die er sich angewöhnt hatte.
Diese ständigen stummen Vorwürfe. Sein wichtigtuerisches Gerede, wenn er sie zu
offiziellen Feiern begleitete. Merkte er denn nicht, wie sehr er sich blamierte
und sie mit? Die Leute waren höflich und hörten ihm zu, aber sie suchten bei
der erstbesten Gelegenheit das Weite. Und sie schämte sich dann für ihren Mann,
dem jegliches Feingefühl für gesellschaftliche Nuancen fehlte.
Irgendwann
fragte sie: „Und was willst du wirklich?“
Nun änderte
sich sein Ton. Er verlor seine Aggressivität und wurde weinerlich. Sie
befürchtete schon, er würde in Tränen ausbrechen. Das hätte sie wahrscheinlich
nicht ertragen. Aber er beherrschte sich und berichtete dann von seinen
Problemen im Beruf. Dass er wegen seiner Ehe mit der Frau Minister unter
besonderer Beobachtung stand. Dies sei für ihn eine enorme psychische
Belastung.
Noch werde er
mit Vorsicht und Respekt behandelt, aber, so seine Befürchtung, wenn seine Frau
in der Öffentlichkeit weiterhin so kritisiert würde oder sogar zurücktreten
müsste, dann würden sie alle über ihn herfallen. Dann würde man ihm im
Lehrerzimmer nur noch mit Häme begegnen. Er würde von allen Kollegen den
schlechtesten Stundenplan bekommen. Seine Stunden wären dann über die ganze
Woche verteilt und jeden Tag hätte er eine Menge Leerstunden, sodass er sich
von morgens bis zum späten Nachmittag in der Schule aufhalten müsste. Bisher
sei sein Stundendeputat konzentriert. Er hatte sogar zwei Tage in der Woche
frei. Auch mit den Schülern und den Eltern seien Probleme zu erwarten.
„Und was soll
ich tun?“ fragte sie trocken und nahm nun doch einen großen Schluck von dem
Wein. Ihr Mann hatte sich, während er redete, schon mehrfach nachgeschenkt und
seine Zunge wurde inzwischen schwer.
„Du musst mir
helfen, dass ich an eine andere Schule versetzt werde.“
„Du bist gut!
Du suchst ganz offen eine neue Frau, drohst mir mit Scheidung und gleichzeitig
erwartest du, dass ich deine beruflichen Probleme löse?“
„Diese Probleme
habe ich doch nur wegen dir.“
„Das behauptest
du.“
Sie sah, wie
seine Lippen ganz schmal wurden, und hörte seine gepresste Stimme: „Wenn du mir
nicht hilfst, so mache ich dich fertig! Du bist doch schon am Kippen. Ich kann
dir den Todesstoß versetzen.“
Wütend stellte
sie ihr Glas auf den Tisch und sprang auf.
„So kannst du
mit mir nicht reden. Was geht eigentlich in deinem Kopf vor sich? Bist du denn
noch zu retten? Was du hier versuchst, ist eine glatte Erpressung. Du glaubst
doch nicht, dass ich mir von meinem eigenen Ehemann mit Erpressung drohen
lasse!“
Nun brach Simon
völlig zusammen.
„Bitte, so habe
ich es nicht gemeint. Ich will dich doch nicht erpressen“, rief er weinerlich.
„Ich brauche doch nur deine Hilfe! Hast du denn gar kein Mitleid?“
Suzan setzte
sich wieder und zwang sich zur Ruhe. Es hatte keinen Sinn, mit diesem
betrunkenen Mann zu streiten.
„Ich will dir
gerne helfen“, sagte sie beschwichtigend. „Aber das ist nicht so einfach. Wie
du weißt, sind Schulen Ländersache. Der Schulsenator von Berlin mag es gar
nicht, wenn Mitglieder der Bundesregierung an ihn Forderungen stellen. Aber ich
will mein Möglichstes tun.“
Inzwischen war
es halb neun Uhr und Suzan musste bald gehen. Das teilte sie dem nun völlig
betrunkenen Mann mit. Der brach in Tränen aus.
„Du willst mich
schon wieder verlassen? Dabei dachte ich, wir würden miteinander schlafen, ein
wenig kuscheln. Bitte, ich brauche dich so sehr! Schlafe wenigstens noch mit
mir, bevor du gehst. Dann habe ich das Gefühl, es wird alles gut.“
Sie
überlegte, ob sie auf diesen Wunsch eingehen sollte. Zeit für ein Quicky war
noch. Dann wäre er zufrieden und ruhiggestellt, und sie hätte den Rücken frei.
Doch dann beschloss sie, sich auch nicht für den eigenen Mann zu prostituieren.
Sie stand auf und zog den Mantel an. Dabei hörte sie, wie er zur Toilette
rannte und sich dort übergab.
11
Punkt neun Uhr
stand die schwarze Limousine unten vor dem Haus. Woher hatte der Graf gewusst,
dass sie zu Hause war? Sie hatten keinen Ort ausgemacht, wo sie sich treffen
würden.
Als sie ins
Auto stieg, spürte sie den Rotwein. Sie war aber nicht wirklich betrunken.
Der Graf
begrüßte sie, als habe es nie einen Streit zwischen ihnen gegeben.
„Zuerst werden
wir uns öffentlich sehen lassen“, sagte er. „Das ist zu deinem Schutz.“
„Ich muss
meinem Personenschutz Bescheid sagen“, meinte sie darauf hin.
„Das wird nicht
nötig sein. Uns folgt ein Auto mit Bodyguards. Ich habe auch daran gedacht.“
„Wohin fahren
wir?“
„Zuerst einmal
ins Café Einstein. Ich möchte, dass man uns zusammen sieht.“
Suzan nickte
innerlich. Das war eine gute Idee. Das Café Einstein war ein Szenentreffpunkt.
Dort verkehrten Politiker ebenso wie Künstler, Autoren oder Medienleute. Wenn
man mit jemandem gesehen werden wollte, so war das Einstein dazu der beste Ort.
Dem Fahrer
sagte der Graf, dass sie nach genau dreißig Minuten wieder erscheinen würden.
Dann setzten sie sich an einen Ecktisch und bestellten Espresso und Cappuccino.
Natürlich sah niemand auffällig zu ihnen herüber. Aber wer die Ministerin und
den Grafen erkannte, der würde am nächsten Tag darüber sprechen. Die Isolation
der angefeindeten Ministerin für Umweltschutz, Suzan Bergstoh, war damit
durchbrochen.
Für das
Abendessen hatte Graf Manderscheidt das Margaux, eine
exklusive Gaststätte ausgesucht, die zumindest einen Stern hatte. Er stellte
souverän das Menü zusammen und orderte einen exquisiten Chablis.
Seit sie zu ihm
in den Wagen gestiegen war, hatte der Graf ununterbrochen amüsant geplaudert.
Dabei war es Suzan gar nicht nach Small Talk zumute. Sie wurde immer
ungeduldiger wollte den Grafen aber auch nicht drängen. Zuviel stand für sie auf
dem Spiel.
Nun endlich kam
er zur Sache.
„Mädchen“,
sagte er, „da hast du dir ganz schön etwas eingebrockt. Ist dir denn nicht
klar, dass du unter permanenter Beobachtung stehst?“
„Auch jetzt?
Hier in diesem Lokal?“ fragte sie entgeistert.
„Auch hier und
jetzt“, war die trockene Antwort. „Ich wusste gar nicht, dass man so naive
Leute wie dich zu Ministern macht. Aber wahrscheinlich muss man ein wenig naiv
sein, um den Posten zu bekommen und auch anzunehmen.“
Da war sie
wieder diese entwaffnende Ironie.
„Und wer lässt
mich beobachten?“
„Aber das
kannst du dir doch denken. Die CO2-Mafia.“
Suzan Bergstoh
war ratlos. Zwar hatte ihr Referent schon entsprechende Andeutungen gemacht,
aber ihr war noch immer nicht klar, wer mit dieser Mafia gemeint war. Und das
sagte sie auch.
Inzwischen
hatten die Kellner die Suppe serviert und der Graf kostete vorsichtig einen
Löffel voll, so als müsste er testen, ob die Speise auch nicht giftig war.
Abwägend wandte er den Kopf hin und her und sagte dann: „Es fehlt ein Hauch Salz,
und ein Tropfen Zitronensaft mehr hätte auch nicht geschadet. Das bin ich von
dem Koch hier nicht gewohnt. Aber ich werde nicht reklamieren. Ansonsten ist
die Suppe essbar.“
Die Suppe war
nicht essbar, sondern köstlich und der Chablis passte genau dazu.
„Also, wer ist
denn nun diese Mafia?“ nahm die Ministerin den Gesprächsfaden wieder auf.
„Zu ihr gehören
die unterschiedlichsten Kreise. Da ist auf der einen Seite die Atomlobby, die
für neue Kernkraftwerke und verlängerte Laufzeiten der alten kämpft.
Schließlich produziert Kernkraft kein CO2. In dem gleichen Boot
sitzen aber auch die Hersteller und Betreiber von alternativer Energie,
Solarenergie, Windenergie, Wasserenergie. Ich hoffe dir ist inzwischen klar, es
geht um sehr, sehr viel Geld. Damit aber nicht genug. In dieser Mafia vereinen
sich die alten, erbitterten Gegner. So gehören zu ihr die Umweltschutzverbände
mit ihrem enormen Spendenaufkommen. Und alle haben gemeinsam einen Feind - oder
soll ich sagen Freund - nämlich das von Menschen produzierte Kohlendioxid, also
CO2. Es wird für den Klimawandel, für die Erwärmung der Erde
verantwortlich gemacht. Dabei ist diese Kausalkette noch gar nicht ausreichend
nachgewiesen.
Doch es geht
gar nicht mehr nur um Geld. Die CO2-Hysterie ist zu einem Instrument
der hohen Politik geworden. Da werden Emissionsrechte zwischen den Staaten
verkauft, die Europäer setzen die USA unter Druck, und die benutzen den CO2-Ausstoß
wiederum dazu, die aufblühende Wirtschaft der Schwellenländer zu diffamieren.
Wie du siehst, geht
es hier um eine ganze Menge. Die Anti-CO2-Liga ist wohl zurzeit der
expansivste, nein der wichtigste Wirtschaftszweig weltweit.
Und keiner
wagt, zu widersprechen. Wer will schon verantworten, dass der Meeresspiegel um
einen Meter steigt und ganz Holland im Meer versinkt? Wer kann schon das
Abschmelzen der Gletscher in den Alpen gut finden? Wer kann schon die sich
ausbreitende Dürre in Afrika gutheißen?
Und weil das so
ist, gibt es ein Dogma, dem jeder, Mann oder Frau in verantwortlicher Stellung,
gehorchen muss: es darf nicht angezweifelt werden, dass wir in eine
Klimakatastrophe hineintaumeln, die ihre Ursache in dem von Menschen
verursachten CO2-Ausstoß hat. Wer gegen dieses Dogma verstößt, wird
erbarmungslos vernichtet. Kein Politiker würde dies wagen. Aber das Dogma geht
so weit, dass Leute die diesen Mechanismus leugnen, isoliert sind und der
Umgang mit ihnen sanktioniert wird.
Genau gegen
dieses Dogma hast du verstoßen. Dieser Professor Schmidt muss ein Verrückter
sein. Er hat seine eigene Karriere vernichtet und sich selbst jede
Existenzgrundlage entzogen. Aber Schmidt ist gefährlich. Schon ein einziges
Treffen mit ihm kann verhängnisvoll sein, wie du ja inzwischen leidvoll
erfahren hast.“
Der Graf wurde
in seiner langen Rede durch den nächsten Gang unterbrochen. Zanderfilet wurde
serviert. Wieder kostete Manderscheidt ganz vorsichtig, so als sei er bereit,
den giftigen Brocken sogleich wieder auszuspucken. Doch der Zander im
Kräutermantel fand seine Zustimmung.
Das gab Suzan
die Gelegenheit zu einer Frage, die ihr schon eine Weile auf der Zunge lag:
„Welche Position nehmen Sie denn selbst ein?“
Obgleich der
Mann sie beharrlich duzte und noch dazu ‚Mädchen‘ nannte, konnte sich die Frau
nicht dazu durchringen, es ihm gleichzutun. Sie brachte nur ein ‚Sie‘ über die
Lippen.
Der Graf legte,
als er die Frage hörte, das Besteck aus der Hand und lachte. Dieser sonst so
distinguierte Mann lachte so laut, dass die Gäste von den Nebentischen zu ihnen
herüberblickten.
„Was ich selbst
meine, fragst du? Ich gehöre doch auch zu dieser Mafia und verdiene nicht
schlecht. Das CO2-Dogma ist die lukrativste Ideologie, seit die
römisch-katholische Kirche entmachtet worden ist. Sie hält sich nun schon seit
beinahe zwei Jahrzehnten. Weder das Waldsterben, noch das Ozonloch, weder die
Vogel-, Schweine- und sonstige Grippen haben bisher so viel Profit abgeworfen.“
Sein Zynismus
machte das Gespräch für die Ministerin immer unerträglicher. Doch sie musste es
aushalten. Schließlich ging es um ihren eigenen Kopf. Ungeduldig fragte sie:
„Hat der Mensch nun den Klimawandel verursacht oder nicht?“
„Mädchen, ich
weiß es nicht. Das weiß eigentlich niemand, wenn er ehrlich ist. Sicher die
Computer spucken Klimamodelle aus. Aber Computer können nur das berechnen, was
man ihnen eingibt. Solange unsere Computer nicht einmal das Wetter der nächsten
vierzehn Tage mit einiger Wahrscheinlichkeit voraussagen können, glaube ich
ihnen keine Vorhersage der nächsten hundert Jahre. Aber es spielt für uns heute
doch gar keine Rolle, ob wir in eine Wärmeperiode hineinschliddern oder gar in
eine neue Eiszeit, ob das CO2 wirklich der auslösende Faktor ist,
und wenn, ob es das von Menschen erzeugte Kohlendioxid oder das natürlich
Entstehende ist.
Wichtig ist
allein, dass wir es geschafft haben, CO2 zum Totschlagargument hoch
zu stilisieren, mit dem alles, aber auch wirklich alles begründet und
durchgesetzt werden kann. Noch nie hatten es die Lobbyisten so leicht. Sie
müssen nur das Wort ‚Klimakatastrophe‘ sagen, und schon widerspricht ihnen
niemand mehr, und sie erhalten alles, was sie wollen. Und du glaubst doch
nicht, dass wir uns das von ein paar Querköpfen, die immer an allem zweifeln
müssen, kaputtmachen lassen! “
Den letzten
Satz hatte der Graf mehr zu sich selbst gesagt. Nun wandte er sich wieder
seinem Zander zu.
Suzan hatte
inzwischen Gänsehaut. Nun erst war ihr klar geworden, in welche gigantische
Maschinerie sie da hineingeraten war, und wen sie sich zu Feinden gemacht
hatte.
„Und, was soll
ich jetzt tun?“ fragte sie mit erstickter Stimme.
Sie war so
aufgeregt, dass sie von dem Essen nichts mehr schmeckte. Man hätte ihr auch
Kartoffeln pur servieren können, und sie hätte sie auf die Nachfrage des Grafen
hin gelobt.
„Ich bringe das
schon in Ordnung“, sagte er beruhigend. „Ich werde dich exkulpieren, und in
zwei Wochen redet niemand mehr über deine angeblichen Affären. Doch bitte nimm
dich in Zukunft in Acht und ganz besonders, meide diesen Josef Schmidt und
jeden anderen CO2-Leugner, der dir begegnen sollte. Denke immer
daran, du stehst weiter unter Beobachtung, und man kann es nicht zulassen, dass
ausgerechnet du, die Umweltministerin, gegen das zentrale Tabu verstößt.“
Die letzten
Worte hatte er sehr scharf, beinahe drohend hervor gestoßen. Nun wurde seine
Stimme wieder weich: „Und nun sprechen wir von anderen, von erfreulichen
Dingen! Ich sehe dir doch an der Nasenspitze an, dass du eine Menge Fragen auf
der Seele hast. Nun, heraus damit!“
Suzan Bergstoh
war noch immer in Gedanken bei den bisherigen Ausführungen ihres Gegenübers,
und sie schauderte vor den mächtigen Gegnern, die sie sich gemacht hatte.
Konnte der Graf ihr tatsächlich helfen? Hatte er so viel Macht, sie vor dem
Untergang zu bewahren? Ihr war inzwischen klar geworden, dass es nicht nur um
ihre Demission als Ministerin ging. Man wollte ihr Leben zerstören, und die
Weichen dafür waren schon gestellt.
Doch der Graf
erwartete eine Frage. Er wollte nun zum gemütlichen Teil des Abends übergehen.
Ihr fiel nichts Besseres ein als: „Sind Sie der Graf von Saint Germain?“
Diesmal lachte
der Mann nicht, obgleich sie es erwartet hatte. Er sah sie ruhig an, während
seine Hände, diese wundervollen Hände, den letzten Bissen Zander mit dem Messer
auf die Gabel schob.
„Wie kommst du
darauf?“
„Man sagt so
etwas. Ich weiß natürlich, dass es Unsinn ist. Aber irgendetwas muss an dem
Gerücht doch sein?“
„Oh je,
Gerüchte gibt es viele, und Wahrheiten sind hingegen spärlich gesät.“
„Wie alt sind
Sie?“
„Was spielen
Lebensjahre schon für eine Rolle? Ich bin jung und sehr alt zugleich.“
„Was meinen Sie
damit?“
„Ich habe viel
gesehen und erfahren und habe mir doch die geistige Jugend, die Neugierde, das
Staunen und den Mut zu Fehlern bewahrt.“
Sie saßen bis
nach Mitternacht in dem Lokal. Der Kellner hatte inzwischen verschiedene Weine
gebracht, und stets hatte der Graf gut gewählt. Er war wie immer geistreich und
amüsant, erzählte Geschichten aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart. Er
schien alle wichtigen Leute zu kennen und mit ihnen vertraut zu sein.
Suzan stellte
mit Verwunderung fest, dass es Graf Manderscheidt tatsächlich gelungen war, sie
für eine Weile ihre Probleme vergessen zu lassen und sie auf andere Gedanken zu
bringen.
Dann fuhren sie
in der großen Limousine durch die Nacht zurück. Suzan saß entspannt in den
Polstern. Sie war satt, wohlig müde und irgendwie heiter. Ein Gefühl, das sie
lange nicht mehr empfunden hatte. Die Lichter Berlins huschten an den Fenstern
vorbei. Der Verkehr war zu dieser Tageszeit schwach, und sie kamen rasch voran.
Der Graf und die Ministerin schwiegen.
Plötzlich sagte
er: „Weißt du eigentlich, dass dein Mann erpresst wird?“
Mit einem
Schlag war das schöne Gefühl wie weggewischt. Die Spannung hatte wieder von
ihrem Körper Besitz ergriffen. Der schöne Abend war beendet.
„Wer erpresst
ihn?“
„Vier seiner
Schülerinnen.“
„Was haben sie
gegen ihn in der Hand?“
„Eigentlich
nichts Ernstes. Er hat mit einer von ihnen ein wenig geknutscht.“
„Und was wollen
sie von ihm?“
„Anfangs nur
gute Noten. Er sich nicht zur Wehr gesetzt, sondern nachgegeben. Nun steigen
die Forderungen. Sie wollen Geld.“
Deshalb also
wollte Simon versetzt werden. Es ging nicht um Sanktionen, denen er nach ihrem
Rücktritt ausgesetzt wäre. Nein, er hatte sich in der Schule in eine unmögliche
Situation gebracht und wollte fliehen. Dieser feige Lügner!
Aber sie hatte
auch Schuldgefühle. Nur weil sie ihn vernachlässigt hatte, musste er sich seine
Selbstbestätigung bei den eigenen Schülerinnen holen. Die haben mit weiblicher
Intuition seine Schwäche erkannt und auch ausgenutzt. Sie war unfair zu Simon
gewesen, hatte ihre Karriere über die Ehe gestellt. Das war Unrecht, das wusste
sie.
„Ich werde das
in Ordnung bringen“, sagte sie dem Grafen.
Dann waren sie
vor ihrem Haus angekommen. Das Auto hielt und sie erwartete, dass der Graf
wieder eine seiner demütigenden sexuellen Handlungen von ihr verlangte. Doch er
machte keinerlei Anstalten.
Sie bedankte
sich für den Abend, für sein Verständnis, für seine Hilfe und für seine
Informationen. Dann wollte sie aussteigen. Als sie ihm jedoch die Hand zum
Abschiedsgruß hinhielt, drückte er ihr den bekannten Ring in die Hand.
„Bitte trage
ihn wieder“, sagte er mit weicher Stimme.
Sie nickte
stumm.
Sodann sagte er
in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ: „Du wirst ab jetzt keinen Sex
haben, wenn ich es dir nicht erlaube. Weder mit deinem Mann, noch mit einem
anderen Mann, noch allein. Wenn du es brauchst, rufe mich um Erlaubnis an.“
Da war sie also
wieder die sexuelle Anmaßung, die Demütigung. Er konnte es einfach nicht
lassen. Doch sie widersprach nicht.
‚Das ist eine
leichte Bedingung‘, dachte sie und nickte. ‚Ich komme kaum vor 24 Uhr nach
Hause und muss bereits um sechs Uhr schon wieder aufstehen. Da bleibt nicht
viel Zeit für Sex. Und wie will er überhaupt überprüfen, ob ich mich daran
halte? ‘
Und tatsächlich
hatte sie in den letzten Jahren von sich aus kaum an Sex gedacht und ihn auch
nicht vermisst.
Doch kaum war
die Abmachung getroffen, da verspürte sie so etwas wie Sehnsucht. Es war ein
Sehnen, das sich mehr und mehr über ihren Körper ausbreitete.
Der Graf schien
in sie hineinsehen zu können.
„Siehst du,
es beginnt schon“, sagte er. „Es wird schwer für dich werden.“
12
Während der
nächsten Tage schien sich alles wie durch ein Wunder zum Guten zu wenden. Die
bösartigen Artikel in den Zeitungen wurden weniger, auf SPIEGEL-online und
FOCUS-online wurde ihr Name nur noch im Zusammenhang mit der nächsten
Klimakonferenz erwähnt.
Die FAZ
brachte sogar in der Wochenendausgabe einen Leitartikel:
„Vox populi
Bei den alten
Römern gab es ein Sprichwort ‚vox populi, vox bovi‘, also die Stimme des Volkes
ist die Stimme des Rindviehs. Wenn man das absurde Kesseltreiben verfolgt, mit
dem seit einiger Zeit die Autorität der Umweltministerin, Suzan Bergstoh,
untergraben wird, dann muss man den alten Römern Recht geben.
Was ist
eigentlich geschehen? Die Ministerin hatte Leute aus ihrem Wahlkreis
eingeladen, und weil sie ihre eigene Kreditkarte vergessen hatte, wurde die
Zeche mit der Kreditkarte des Ministeriums bezahlt. Am nächsten Tag hat sie
ordnungsgemäß den Betrag an die Staatskasse zurücküberwiesen. Eine Banalität
also, über die man eigentlich kein Wort zu verlieren bräuchte.
Aber was hat
Volkes Stimme daraus gemacht? Wie hat der Neidfaktor die Gemüter aufgeputscht?
Das ging so weit, dass man sogar den Rücktritt der Ministerin gefordert
hat, so als ob unser Land über eine unbegrenzte Zahl hoch qualifizierter
Politiker verfügen könnte. Da hat man nun endlich eine international anerkannte
Fachfrau, und was tut man, man versucht sie mit allen Mitteln zu demontieren.
Vox bovi!“
Dieser Artikel
tat Suzan unendlich gut und beruhigte ihre Nerven. Sie las ihn dreimal und
fühlte sich endlich rehabilitiert.
Noch am
Wochenende rief die Kanzlerin bei ihr zu Hause an und versicherte Suzan
Bergstoh, dass sie hinter ihr stehe und ihr volle Rückendeckung gebe. Diese
unsinnige Polemik in den Medien müsse nun endlich ein Ende haben.
Im Büro
kamen von den verschiedensten Leuten den ganzen Tag über Anrufe. Die Themen
waren zum Teil an den Haaren herbeigezogen, man wollte sich lediglich bei der
Ministerin, die so überraschend von den Toten auferstanden war, in Erinnerung
bringen. Suzan ging auf das Spiel ein. Sie war heiter und charmant und
verabredete sich mindestens mit fünfzehn Leuten zum Essen.
Vor dem
Deutschen Bundestag hielt sie eine Rede, die zu einem vollen Erfolg wurde. Der
Fraktionsvorsitzende ihrer eigenen Partei gratulierte ihr enthusiastisch, und
selbst die Opposition war des Lobes voll.
Sie hatte
geendet mit den Worten: „Wir übernehmen heute die Verantwortung für die
Zukunft. Eine Verantwortung, der wir uns in der Vergangenheit leider nicht
gestellt haben. Doch wenn wir unseren Kindern und Enkeln jemals noch offen in
die Augen sehen wollen, dann müssen wir jetzt alles tun, um die
Klimakatastrophe zu mildern. Verhindern können wir sie wohl nicht mehr. Kein
Aufwand darf für die Reduzierung von CO2 in der Atmosphäre zu groß
und keine Kosten dürfen zu hoch sein. Alle anderen Vorhaben müssen hinter
diesem existenziellen Problem der Menschheit zurückstehen. Die Bundesregierung hat dies erkannt und ist
bereit, unter Berücksichtigung aller Konsequenzen den richtigen Weg zu gehen.
Ich bitte Sie alle, uns auf diesem Weg zu folgen.“
Auch die
Versetzung ihres Mannes war leichter zu bewerkstelligen, als sie es sich
vorgestellt hatte. Sie rief die Schulsenatorin von Berlin an und hatte den
Eindruck, die habe bereits auf ihren Anruf gewartet.
Aber natürlich
werde man helfen. Da sei doch gar keine Frage. Natürlich würde man für den Mann
der Frau Minister eine Schule finden, die näher an seiner Wohnung gelegen war.
Der Mann einer Bundesministerin habe schließlich eine Fülle von
Verpflichtungen, sodass für ihn Zeitersparnis eine absolute Notwendigkeit sei.
Zu den vier
erpresserischen Mädchen wurde der Rechtsanwalt Doktor Jung geschickt, ein
langjähriger Freund der Bergstohs. Der machte den jungen Damen klar, was eine
Verleumdungsklage ist, und wie teuer ein derartiges Verfahren für sie werden
konnte.
Damit war auch
dieses Problem aus der Welt. Zwischen Suzan und Simon wurde das Thema
Erpressung aber nie besprochen.
Auch ihr
Personenschutz wurde wieder zurückgefahren auf normale Gefährdungsstufe.
Kurz, die
Welt der Ministerin Suzan Bergstoh war wie durch ein Wunder auf einmal wieder
in Ordnung, obgleich sie sich selbst schon im Abgrund gesehen hatte.
Anders war es
mit Verdikt des Grafen. Damals im dunklen Auto hatte Suzan gedacht, dass ihr
Sexleben niemanden etwas anginge, und sie sich um keine Verbote zu kümmern
gedenke. Sie war eine erwachsene Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand.
Was kümmerten sie obskure Anweisungen eines perversen Grafen!
Doch in den
folgenden Tagen hatte sie zwar ständig sexuelle Wünsche, erlaubte sich jedoch
nicht, ihnen nachzugeben. Sie schalt sich selbst als dämlich und völlig
verrückt, aber sie hielt sich gegen ihre eigene Überzeugung an das Verdikt des
Grafen.
Überhaupt
beschäftigte sie sich in Gedanken häufig und intensiv mit dem geheimnisvollen
Mann. Jeder schien ihn zu kennen, und doch wusste man so gut wie nichts über
ihn.
Suzan Bergstoh
hatte vor ein paar Wochen Geburtstag gehabt und natürlich eine Menge Geschenke
erhalten. In erster Linie waren es Bücher gewesen. Schließlich, was schenkt man
jemandem, dessen Geschmack man nicht kennt? Einen teuren Bildband. So dachten
die meisten Leute undso hatte die Ministerin identische Bildbände teilweise
dreifach bekommen.
Sie wollte
eigentlich an ihrer Rede für die nächste Weltklimakonferenz arbeiten, aber ihre
Gedanken waren noch immer bei dem Grafen. Sie konnte einfach nicht vernünftig
arbeiten. Um überhaupt etwas zu tun, nahm sie das oberste Exemplar von dem
Stapel der Geschenkbücher und begann geistesabwesend darin zu blättern. Sein
Titel war: „Deutsche Geschichte in Wort und Bild“.
Plötzlich fiel
ihr Blick auf ein Gruppenfoto. Es war 1908 gemacht worden und zeigte eine
Gruppe von Männern in der damaligen Kleidung, die sich, wie es so üblich war,
in Pose geworfen hatten. Sie stutzte, rief die Sekretärin und ließ sich ein
Vergrößerungsglas bringen. Aufmerksam studierte sie die Gesichter. Es gab
keinen Zweifel, der Mann in der zweiten Reihe von links war Graf Manderscheidt.
Hastig
blätterte sie weiter und fand noch zweimal ein Gesicht, das Manderscheidt wie
ein Ei dem anderen glich. Auf dem dritten Bild waren sogar seine Hände zu
sehen, diese langen, schmalen, unvergleichlichen Hände.
Begann sie nun
total zu spinnen? Hatte sie Halluzinationen? Sah sie schon Gespenster?
Sie legte den
Bildband zurück und griff zum nächsten Geschenk. Diesmal waren es Fotografien
aus der europäischen Geschichte. Und wieder fand sie Personen, die dem Grafen
aufs Haar glichen. Selbst auf dem Bild „Kongress zu Berlin in seiner
Schlusssitzung am 13. Juli 1878“ von Anton von Werner entdeckte sie
Manderscheidt.
Das konnte doch
nicht wahr sein! Ihre Fantasie verifizierte die selbst gestrickte Legende des
Grafen als historische Tatsache. Hatte sie Manderscheidtso sehr in seinen Bann
gezogen?War sie von ihm hypnotisiert?
Wer war dieser
Mann wirklich? Wie groß war sein Einfluss, und wodurch hatte er diese Macht?
Aber, was viel wichtiger war, was wollte dieser Mann von ihr?
Sie wurde in
ihren Gedanken unterbrochen durch einen Anruf. Und wer war am Apparat? Der
Graf!
„Gut gemacht,
Mädchen“, begann er das Gespräch. „Deine Rede vor dem Bundestag war ausgezeichnet.
Du hast rasch gelernt. Aber ich habe von dir auch nichts anderes erwartet. Du
bist auch in anderer Hinsicht tapfer. Ich habe deinen Anruf erwartet, mit dem
du mich um Erlaubnis bittest.“
Suzan ging auf
diese Anspielung nicht ein.
„Ich habe mir
eben hundert Jahre alte Bilder angesehen, auf denen ich Sie zu erkennen glaube.
Bitte sagen Sie mir, dass ich mich täusche und mir etwas einbilde.“
„Es ist schön,
dass du dich mit mir beschäftigst. Aber bevor du auf alten Fotografien nach mir
suchst, schicke ich dir lieber ein aktuelles Bild von mir.“
Sein leises
Lachen dröhnte in ihren Ohren wie Donnerhall.
„Ich möchte
mich bei Ihnen bedanken“, fuhr Suzan fort. „Sie haben mein Leben wieder in
Ordnung gebracht. Ohne Sie wäre ich verloren gewesen.“
Doch er
wiegelte nicht höflich und bescheiden ab, sondern sagte sehr bestimmt: „Da hast
du recht. Du warst bereits zum Abschuss freigegeben, und es war nicht leicht,
für dich eine neue Basis zu schaffen. Doch es ist gelungen, und darüber sollten
wir beide froh sein.“
„Also noch
einmal herzlichen Dank! Ich freue mich, wenn wir in Kontakt bleiben.“ Suzan
blieb kühl und höflich.
„Da ist noch
etwas. Du wirst doch bald nach Peking zur Weltklimakonferenz reisen und dort
eine Rede halten. Um dir die Vorbereitungen etwas einfacher zu machen, haben
ein paar Leute einen Teil deiner Rede schon geschrieben. Du kannst den Text so
übernehmen, wie er ist. Ein Bote hat ihn bereits für dich abgegeben. Ich weiß
nicht, wer deine Post vorkontrolliert. Der Brief an dich ist ‚Unter Umschlag! Vertraulich!‘.
Vielleicht gibst du Anweisung, dass derartige Post direkt auf deinen Tisch
kommt.“
„Ich soll in
Peking also etwas verlesen, was Sie formuliert haben?“
„Nicht ich habe
es geschrieben, sondern eine kleine Gruppe kluger Köpfe. Das Ganze ist doch eine
Hilfe für dich und soll dir Zeit sparen. Die Gruppe hat sich viel Mühe gemacht.
Bitte enttäusche sie nicht. Benutze ohne Scheu das Manuskript, dann haben sie
nicht umsonst gearbeitet.“
„Ich werde es
zumindest erst einmal lesen.“
„Mädchen, mache
nicht schon wieder Schwierigkeiten“, klang es auf einmal drohend aus dem
Telefon.
Sie antwortete
nicht.
Da sagte der
Graf wieder auf seine verbindliche Art: „Heute solltest du früher nach Hause
gehen. Mein Verbot ist aufgehoben.“
Vor ihrem
geistigen Auge konnte sie sehen, dass er schmunzelte.
Nachdem sie den
Hörer wieder aufgelegt hatte, fragte sie im Vorzimmer nach, ob dieser
angekündigte Brief bereits eingetroffen sei. Er war da. Es handelte sich um
einen DIN A4-Umschlag, in dem 8 Seiten steckten.
Doch, als sie sich
ans Lesen machen wollte, fiel ihr die Erlaubnis des Grafen ein, und auf einmal
musste sie schmunzeln.
‚Warum nicht? ‘
dachte sie.
Sie bat ihren
Staatssekretär, die restlichen Termine des Tages von ihr zu übernehmen. Der war
natürlich nicht begeistert, denn auch er hatte einen vollen Terminkalender. Da
die Ministerin aber gesundheitliche Probleme vorgab und nach Hause wollte,
konnte er sich nicht verweigern.
Der Verkehr in
Berlin war dicht, und ihr Fahrer kam nur langsam voran. Suzan wurde immer
ungeduldiger. Nun hatte sie es so lange ohne Probleme ausgehalten, und diese
halbe Stunde Verzögerung machte sie beinahe wahnsinnig.
Zu Hause
erwartete sie ein völlig überraschter Simon, dessen Erstaunen noch wuchs, als
sie zu ihm ohne Umschweife sagte: „Komm, geh mit mir ins Bett!“
Dann war alles
vorüber, und sie war enttäuscht wie immer. Simon hatte es routiniert
durchgezogen. Nach so vielen Jahren des Zusammenlebens wusste sie genau, was er
als nächstes tun, und wann er stöhnen würde. Er ging immer nach dem gleichen
Schema vor und war beim Sex völlig fantasielos. Und darauf hatte sie nun
wochenlang gewartet? Das konnte doch nicht wahr sein!
Später kochte
sie Kaffee und taute Kuchen auf. Sie saßen an dem großen Esstisch und zwischen
ihnen war ein verlegenes Schweigen.
„Was ist
eigentlich aus deinen Dates über die Partneragenturen geworden?“ fragte sie
endlich ein wenig spitz. „Oder gab es die gar nicht und du wolltest mich nur
unter Druck setzen?“
Das Thema war
im sichtlich unangenehm.
„Doch, ich bin
schon hingegangen. Aber ich war dann froh, als es vorüber war.“
„Das musst du
mir aber erzählen.“ Sie bemühte sich, dass man den Triumph nicht aus ihrer
Stimme hörte.
„Ach, ich
möchte eigentlich nicht darüber sprechen. Du musst dir auf jeden Fall keine
Sorgen mehr machen. Ich bin geheilt.“
Sie tat ganz
kameradschaftlich: „Nun erzähl schon! Sei kein Frosch! Ich bin ganz einfach
neugierig. Wie sahen sie denn aus? Dick?“
Man sah, welche
Überwindung ihn die Antwort kostete: „Nein, sie waren nicht dick. Sie sahen
sogar für ihr Alter noch recht gut aus. Aber die eine konnte nur von ihren
Katzen reden, die andere erzählte ständig, wie gemein ihr geschiedener Mann
gewesen war und die Dritte bekam die Zähne gar nicht auseinander. Die eine
Stunde mit ihr im Café war quälend. Dann hatte ich die Nase voll und habe mich
wieder abgemeldet.“
„Du Armer!“
sagte Suzan mütterlich. „Du hast ein wenig fremdgehen und Mami ärgern wollen
und bist so enttäuscht worden. Waren sie denn nicht einmal fürs Bett gut?“
„Bitte mache
dich nicht über mich lustig“, er war nun sehr ärgerliche. „Es ist schon schlimm
genug, dass ich überhaupt auf diese Schnapsidee gekommen bin.“
14
Das Erste, was
die Ministerin am Morgen des nächsten Tages in die Hand nahm, war der
Redeentwurf des Grafen.
Dort las sie
eine Passage, die ihr Herz schneller schlagen ließ.
„Wir alle, die wir hier aus allen Ländern zusammen gekommen
sind, verbindet die große Sorge um die Zukunft unserer Mutter Erde. Wir tragen
alle und ohne Ausnahme die Verantwortung dafür, wenn dieser Planet lebensfeindlich
wird. Und diese Entwicklung ist bereits weit fortgeschritten. Daran sind die
Sünden der Vergangenheit schuld. Begangene Sünden kann man in der Regel nicht
wieder gut machen. Man kann nur neue Sünden vermeiden. Und das bedeutet ganz
konkret, den CO2-Ausssstoß weiter und weiter zu reduzieren.
Aber was ist mit dem Kohlendioxid, mit dem wir bereits die
Atmosphäre vergiftet haben?
Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir, dass ich ein Bild
aus dem Bereich der Medizin gebrauche.
Wir haben die Prävention vernachlässigt und äußerst ungesund
gelebt. Darüber ist unser Patient, die Erde, sehr, sehr krank geworden. Nun
diagnostizieren wir und diagnostizieren und streiten uns über die Diagnosen. Um
die kranke Erde zu heilen, machen wir große Anstrengungen, die Prävention
nachzuholen. Natürlich muss der Kranken gesund leben, aber mit Prävention wurde
noch nie eine ausgebrochene Krankheit geheilt.
Deshalb sage ich Ihnen, wir müssen endlich mit der Therapie
beginnen. Unser Patient stirbt, und wir diagnostizieren immer noch und rufen
nach noch mehr Prävention. Deshalb wiederhole ich es noch einmal: Es ist
höchste Zeit für eine umfassende Therapie!
Inzwischen gibt es zum Glück eine Methode, wie man diese
Umweltsünden heilen kann. Wir müssen das CO2, das wir als Gift in
die Atmosphäre geschickt haben, wieder einfangen.
Sie fragen sich natürlich, wie kann dies möglich sein?
Ich will es erklären. Es hat sich ein internationales
Konsortium aus verantwortungsbewussten Menschen gebildet, die ‚SPM
incorporation‘. Sie trägt den ehrgeizigen Namen ‚Salus pro mundum‘, also
‚Rettung für die Welt‘, und die Therapie unserer Probleme kann dieses
Konsortium tatsächlich leisten. Es wird
nämlich riesige Anlagen bauen, mit denen man das CO2 wieder aus der
Atmosphäre entfernt, es verflüssigt und dann in großen unterirdischen Kavernen
endlagert.
Die deutsche Bundesregierung unterstützt diese Projekt von
ganzem Herzen und wird mit Steuergeldern die Entwicklung vorantreiben, damit
die Anlagen so bald wie möglich ihren Betrieb aufnehmen können.
Aber wie soll das Ganze finanziert werden?
Wir wissen heute ziemlich
genau, wie hoch die CO2-Emissionen in den einzelnen Ländern sind.
Der Plan ist, die Staaten kaufen sich diese Emissionsmenge bei der
Rückgewinnungsfirma ein. Und die dafür nötigen Finanzen holen sie sich bei den
Verursachern wieder. Wie Sie sehen, es ist ein einfaches aber wirksames
Modell.“
Suzan Bergstoh
konnte nicht weiterlesen. Dieses einfache aber wirksame Modell war für das
Betreiberkonsortium die Erlaubnis zum Gelddrucken.
Sie wusste
inzwischen, dass der größte Teil des in die Atmosphäre entweichenden
Kohlendioxids natürlichen Ursprungs war. Es kam aus dem Meer, aus Vulkanen, von
brennenden Kohleflözen und natürlich aus brennenden Ölquellen, abgefackelten
Gasen. Diese Rückgewinnung von CO2 aus der Atmosphäre kam dem
Versuch gleich, das Meer mit einem Eimer leerschöpfen zu wollen, wobei das
geschöpfte Wasser sogleich wieder ins Meer zurückfließen würde.
Außerdem würden
diese riesigen Anlagen, von denen die Rede war, natürlich enorme Energien
verbrauchen und nicht gerade umweltfreundlich sein. So wie die per Gesetz
verordneten Energiesparlampen die Umwelt erheblich mehr schädigten, als die
harmlosen alten Glühbirnen.
Und sie sollte
diesen Unsinn im Namen der Bundesregierung verkaufen. Sie würde sich doch
unsterblich blamieren. Nein, das konnte sie einfach nicht. Das musste der Graf
doch einsehen. Aber sie war bereits einmal am Abgrund gestanden, und sie
wusste, wie man sich dort fühlt. Das wollte sie nicht noch einmal erleben. Was
konnte sie tun? Suzan Bergstoh war ratlos.
Sie ließ sich
mit dem Grafen verbinden und hatte ihn kurz darauf am Apparat.
Nach einer
kühlen Begrüßung sagte sie: „Ihre Redevorlage hat mich etwas überrascht. Aber
ich kann keine derartig weitreichende Innovation verkünden, wenn ich nicht
einmal einen Kabinettsbeschluss habe. Im Übrigen bin ich von der Notwendigkeit
einer CO2-Rückgewinnungsanlage absolut nicht überzeugt.“
Hier unterbrach
sie ihr Gesprächspartner: „Derartige Fragen sollten wir nicht am Telefon
erörtern. Man weiß nie, wer mithört. Der Plan ist genial, und ich möchte nicht,
dass er durch eine vorzeitige Indiskretion gefährdet wird. Komm bei mir vorbei,
und wir können alles in aller Ruhe besprechen!“
Ohne auf ihre
Reaktion zu warten und ohne Gruß unterbrach der Graf das Gespräch. Überrascht
starrte die Ministerin auf das tote Telefon. So unhöflich hatte sie den Mann
noch nie erlebt.
Bereits am
nächsten Tag ließ sich Suzan Bergstoh durch ihr Vorzimmer beim Grafen anmelden
und dann zu dessen Villa fahren. Graf Manderscheidt erwartete sie in seinem
Wintergarten, einem gärtnerischen Meisterwerk. Dort war bereits auch ein Tisch
mit Kaffee und süßen Leckerbissen aus aller Welt gedeckt.
Suzan wurde
herzlich begrüßt. Dann entfernte sich das Dienstpersonal.
Nach vielen
Komplimenten und amüsanten Anekdoten fragte Manderscheidt auf einmal: „Was
gefällt dir an dem Redeentwurf nicht?“
„Dieser Plan
mit der CO2-Rückgewinnung ist doch Unsinn. Ich kann ihn in dieser
Form der Weltöffentlichkeit nicht präsentieren“, antwortete die Ministerin
vorsichtig.
„Ob er
durchdacht ist oder nicht, musst du schon uns überlassen“, war die barsche
Antwort. „Glaube mir, wir haben uns eine Menge Gedanken gemacht, und der Plan
ist genial.“
‚Ja, ein
genialer Weg unendlich viel Geld zu verdienen, ohne dass jemand den Betrug
merkt‘, dachte sie. Aber laut antwortete sie dem Grafen: „Er ist doch noch im
Stadium der Vorüberlegung, mehr eine Absichtserklärung.“
„Du irrst! Wir
werden das durchziehen, und du hast die Ehre es auf einer großen
internationalen Bühne zu verkünden. Bist du nicht ein wenig stolz, dass wir dir
diese wichtige Rolle übertragen?“
Plötzlich hatte
Suzan das Gefühl, als würden sich Eisenklammern um ihre Brust legen.
„Und wenn ich
nicht mitmache? Wenn ich mich weigere?“
„Du wirst dich
nicht weigern!“
Die Drohung in
der Stimme war nun unüberhörbar.
Sie versuchte
ruhig zu bleiben und sagte: „Lass uns doch in Ruhe das Projekt diskutieren.“
Die Entgegnung
des Grafen war hart und duldete keinen Widerspruch: „Mit dir diskutiere ich
nicht. Du hast einen Auftrag, und ich erwarte, dass du ihn ausführest. Es kann
dir völlig gleichgültig sein, ob die CO2-Rückgewinnung sinnvoll ist
oder nicht. Auf jeden Fall, so viel kann ich dir verraten, bringt sie viel
Geld. Es wird wahrscheinlich das größte Geschäft seit der Entdeckung des Erdöls
zum Antrieb von Autos. Aber das hast du dir wahrscheinlich schon gedacht. Dumm
bist du ja nicht!“
„Ich frage noch
einmal. Was ist, wenn ich mich weigere, mitzuspielen?“ entgegnete sie trotzig.
„Und ich
antworte dir noch einmal, du wirst dich nicht weigern. Du hast bereits einen
kleinen Vorgeschmack bekommen, wie es ist, wenn von heute auf morgen deine
Existenz ruiniert wird. Und das war nur ein harmloses Geplänkel. Wir wollten
dir nicht wirklich wehtun. Doch wir können auch anders. Wir können es so weit
treiben, dass du dir wünschst, nie geboren zu sein. Wir können dich so
vernichten, dass du an keinem Ort dieser Welt mehr zur Ruhe kommst. Und du
weißt, dass dies keine leere Drohung ist.“
Der Graf machte
eine lange Pause, und sie starrten sich feindlich an. Plötzlich lächelte er,
seine Stimme wurde weich und herzlich, als er sagte: „Mädchen, hast du dir nie
darüber Gedanken gemacht, wieso du als kleine Ortsvereinsvorsitzende plötzlich
mit einem Abgeordnetenmandat im Bundestag gelandet bist? Und hast du nie
darüber nachgedacht, wieso man dich nach kurzer Zeit zur Staatssekretärin
berufen hat? Und dann deine Berufung zur Ministerin, die alle Kenner der
politischen Szene total überrascht hat! So naiv kannst du doch nicht sein, dass
du dies alles auf deine eigenen Leistungen oder gar auf Zufälle zurückführst.
Inzwischen müsste dir doch klar geworden sein, dass wir dahinter stecken, dass
wir dich ausgesucht haben, weil wir noch Großes mit dir vorhaben. Mädchen, du
bist unser Geschöpf und deshalb wirst du deine Aufgabe erfüllen und diese Rede
wortgetreu halten.“
Seine anfangs
warme Stimme war immer drohender geworden, und die mächtige Ministerin immer
mehr in ihrem Stuhl zusammengesunken. Doch nun entspannten sich seine harten
Gesichtszüge wieder. Auch seine Stimme wurde noch einmal weich und
einschmeichelnd.
„Was reden wir
hier für dummes Zeug! Ich weiß doch, dass ich mich auf dich verlassen kann. Und
es wird dein Schaden nicht sein. Ich mag dich nämlich, und ich habe noch Großes
mit dir vor. Du wirst sehen, du hast an diesem Abend beim Bundespräsidenten das
große Los gezogen.“
„Aber ich kann
doch ohne Rückendeckung der Kanzlerin und des übrigen Kabinetts keine
derartigen Pläne verkünden“, stammelte sie.
„Um die
Rückendeckung durch die Kruschka kümmere ich mich! Und dem Kabinett legst du
eine Vorlage vor, die die übrigen Minister garantiert mit Mehrheit beschließen
werden. Mach dir da keine Sorgen!“
Suzan wollte
etwas entgegnen, fragen, ob die Kanzlerin eingeweiht sei, aber Graf
Manderscheidt stand auf, zauberte von irgendwo eine Gartenschere hervor und
schnitt eine wunderbare Blume ab. Es war eine Blüte, wie sie Suzan noch nie
gesehen hatte. Ein seltenes Kunstwerk der Natur, farbenprächtig und von einer
beinahe überirdischen Schönheit.
Diese Blume
überreichte der Graf formvollendet seinem Gast. Dann setzte er sich wieder und
fragte mit weicher, einfühlsamer Stimme: „Bist du neulich meiner Erlaubnis
gefolgt? War es schön?“
Suzan
antwortete nicht. Dieser abrupte Themenwechsel hatte ihr die Sprache
verschlagen. Auch rief diese Direktheit, mit der er ihre innersten Gefühle und
Geheimnisse ansprach, bei ihr Verlegenheit und Abwehr hervor. Was war das für
ein Mann, der innerhalb von Sekunden von eiskalter Drohung auf größte
Liebenswürdigkeit umschalten konnte?
„Ich werde dich
verwöhnen und glücklich machen“, sagte er nun, und Suzan wusste, dass dies kein
leeres Versprechen war.
Doch sie hatte
Angst vor dem Mann und gleichzeitig ganz tief in ihrem Innern die Sehnsucht,
sich ihm auszuliefern, zu übergeben. Dieser Graf strahlte eine ungeheure Macht
aus und gleichzeitig eine Feinfühligkeit, die ihr Gänsehaut bereitete.
Als sie sich
schon verabschiedet hatte, rief er sie noch einmal zurück. In einem Ton, der
keinen Widerspruch duldete, fragte er: „Übrigens, hast du morgen öffentliche
Auftritte?“
„Ja, drei
Reden.“
„Du wirst
morgen den ganzen Tag einen Rock kein Höschen tragen!“
Obgleich sie
den Grafen hasste, wusste sie doch, dass sie seinem Gebot folgen würde.