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Traumzeiten
Geschichten von Menschen und anderen Leuten
Böse Geschichten, Märchen und Satiren – wie aus dem richtigen Leben
Da sitzt ein Mann vor einem mächtigen Steinway-Flügel auf dem
Konzertpodium, um ein Klavierkonzert von Mozart zu spielen. Während er beim Vorspiel
des Orchesters auf seinen Einsatz wartet, wird ihm bewusst, dass er außer
„Hänschen klein“ gar nichts spielen kann.
Da schwebt eine Frau zusammen mit ihrem Mann auf dem schmalen Sitz einer
Drahtseilbahn über einem Abgrund. Der Strom ist ausgefallen. Und nun gesteht
sie ihm, dass sie ihn mit einem jungen Mann betrogen hat. Wird sie es
überleben?
Da befiehlt der König seinem hungernden Volk, jeden Tag ein Huhn zu essen –
und beschwört damit eine Revolution herauf.
Ein Buch zum Gruseln und Schmunzeln. Trotz der absurden Themen beschleicht
den Leser das Gefühl, so etwas Ähnliches selbst schon erlebt zu haben.
Die Lyoner als solche schlechthin
(Ein Bericht für eine Akademie)
Vorbemerkung: Im Saarland
heißt die Fleischwurst Lyoner und ist dort so etwas wie ein Nationalgericht. In
einem Sammelband, genannt das Lyonerbuch, sollten von mir die psychologischen
Seiten der Fleischwurst beleuchtet werden. Der folgende Bericht für eine
Akademie (Kafka lässt grüßen) ist das Ergebnis.
Eure Magnifizenz,
Spektabilitäten, hohe Damen und Herren von der Akademie!
Sie erweisen mir die Ehre,
mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über meine Lyonererfahrungen
einzureichen. Dazu muss ich etwas ausholen und leider Ihre Geduld auf eine,
wenn auch, wie ich hoffe, erträgliche Probe stellen,
Der Genuss von Fleisch ist ein
animalischer Akt. Er führt phylogenetisch beinahe bis zur Entstehung des Lebens
zurück, kennzeichnet aber ontogenetisch eine relativ späte Stufe der
Entwicklung.
Vor Millionen Jahren herrschte
nur nackte Barbarei auf der Erde. Eine Amöbe fraß die andere mit Haut und
Haaren. (Diese Aussage ist unter biologischen Gesichtspunkten natürlich nur sentenzenhaft zu verstehen.) Aber wie auch immer, schon der
Gedanke daran ist unappetitlich. Relikte dieser abscheulichen Sitte finden sich
in der menschlichen Gesellschaft noch bei der Spezies der Gourmets. Jene
Menschen, die Schnecken, Muscheln, ja sogar kleine Fische, wie zum Beispiel Sardinen,
ohne anatomische Differenzierung und der Ausscheidung der Gedärme und was sich
sonst noch alles Ekelerregendes in einem Lebewesen befindet, verzehren.
Selbst die Natur missbilligt
derartige unästhetische Fressgewohnheiten. Deshalb entwickelte sie bei den
höher stehenden Lebewesen ein gesitteteres Vorgehen, nämlich die Teilung der
Beute und deren partiellen Verzehr. Der Löwe frisst das geschlagene Tier nicht
mehr im Ganzen, sondern reißt einzelne Fleischbrocken heraus. Er trifft dadurch
eine Auswahl und erhöht selbstverständlich den Genuss. Nicht das blindwütige
Verschlingen, die totale Einverleibung des anderen Lebens dominiert, sondern
die dezente, taktvolle Ernährung. (Eine Ausnahme von dieser Höherentwicklung
findet sich lediglich bei der Schlange, die deshalb auch zwangsläufig in einem
recht schlechten Ansehen steht.)
Meine Damen und Herren, wieder
einmal stehen wir staunend vor einer höchst sinnreichen Entwicklung der Natur,
die so ganz unserem eigenen hoch stehenden Denken und Fühlen entspricht. Doch
lassen Sie mich fortfahren.
Die Zubereitung der Mahlzeit
durch Kochen, Braten, Würzen ist von allen Lebewesen allein dem homo sapiens
vorbehalten. Er sucht sich die schmackhaftesten Stücke aus seinen Jagd- oder
Haustieren aus, und unterzieht sie einer Sonderbehandlung Dies ist nicht nur
augenfälliges Zeichen für die Beherrschung und Sublimierung seines tierischen
Erbes, dem Fresstrieb, sondern drückt gleichzeitig seine Reverenz vor dem ihm
zur Nahrung dienenden Geschöpf aus.
Die Umwandlung des Fleisches,
eine Transmutatio, lässt den Menschen dessen
tierische Herkunft, das Blut und den Schmerz, vergessen. Beim Verzehr eines Kalbsschnitzels
denkt wohl niemand mehr an die traurigen Augen des jungen Rindes, sondern man
lobt den Koch, der diesen göttlichen Bissen cum grano salis erschaffen hat.
Oh, bedenken Sie, welch' große
kulturelle Entwicklung von der Barbarei der Amöbe bis zum Nierenrollbraten
nötig war. Doch mit dem Drehen des Bratspießes gab sich der menschliche Geist
nicht zufrieden. Er strebt stets nach Totalität, ruht nicht, bevor nicht das
Vollkommene erreicht ist. Deshalb machte sich der Homo sapiens daran, die
fleischliche Nahrung auch äußerlich umzuformen.
Kurz: Auf den Schinken folgte
die Wurst.
Gemessen an evolutionären
Zeitaltern ist diese Entwicklung sehr jung. Aber sie ist ein überaus
augenfälliges Beispiel für die überlegene Beherrschung der Natur. Die Anweisung,
"Macht euch die Erde untertan", wurde mit der Wurst ernst genommen
und akribisch befolgt. Der Mensch formte das ihm vorgegebene Leben nach seinem
Willen. Die Wurst ist deshalb ein zivilisatorischer Akt.
Der Inbegriff der Wurst aber
ist die Lyoner. Sie ist gleichsam die Wurst an sich. In der
Lyoner transzendiert sich die Wurst. Man kann deshalb
zu dem legitimen Schluss kommen: Die Existenz der Lyoner ist der augenfällige
Ausdruck für die kulturelle Entwicklung des Menschen.
Natürlich gebietet die
wissenschaftliche Redlichkeit, dass ich vor Ihnen, erlauchte Damen und Herren,
die Sie sich alle auf Ihren Forschungsgebieten als Koryphäen ausgezeichnet
haben, den Wahrheitsbeweis für diese These antrete. Dazu muss ich meinen
Streifzug durch die Evolution verlassen, und mich der Basis allen Lebens, der
Materie selbst, zuwenden.
Während die Griechen das Chaos
als das absolute Nichts interpretierten, das aus sich selbst Gaia, die Erde, gebar, sahen die Römer im Chaos das
Ungeordnete. Alle Elemente sind bereits vorhanden, aber noch nicht zu
Strukturen und Funktionseinheiten vereinigt. Dies geschieht erst im
Schöpfungsakt. Besser als durch dieses mythologische Bild ist wohl die
"Ursuppe, die von den Biologen als Ausgangsbasis für das Leben auf der
Erde angenommen wird, nicht zu kennzeichnen.
Wer je eine
Fleischwurst-Fabrik besichtigen durfte, der weiß, dass diese Beschreibung auch
auf den Urzustand der Lyoner zutrifft. Der Sud aus geschleudertem Knochenbrei,
aus Fett, Sehnen und Fleischmatsch, der sich schließlich in zarten,
fleischfarbenen Därmen zu der von uns allen geschätzten Wurst materialisiert,
ist der Inbegriff des lateinischen Chaos. In dem von mir entwickelten Sinn
steht er aber nicht mehr allein für Materie und Leben, sondern reicht weit
darüber hinaus. Aus dieser fleischwurstlichen Ursuppe
entsteht nämlich, nach einer faszinierenden Metamorphose, Kommunikation und
damit menschliche Gesellschaft. Diese wiederum ist Grundlage für den Geist, ja
für den Sinn überhaupt,
Ja, wer auch nur einmal in
seinem Leben bei einem Vereinsfest mit Bier und Lyoner dabei war, der weiß,
wovon ich spreche. Bei diesem gemeinsamen Mahl wird die Wurst in der Hand
gehalten, mit Senf verfeinert und schließlich ohne zivilisatorische Hilfsmittel
wie Messer und Gabel zum Mund geführt. Dieser Akt hat nicht nur etwas die ganze
Menschheitsgeschichte umschließendes Ursprüngliches an sich, sondern auch etwas
ungemein menschlich Verbindendes. Das gemeinsame Bemühen von der im Durchmesser
für den Mund zu großen Wurst ein Stück abzubeißen, ohne das künstliche Fell,
die Kleidung zu beschmutzen, schafft Nähe, mindert die Distanz, die die heutige
komplexe Gesellschaft zwischen ihren Mitgliedern aufgebaut hat.
Das vertrauenerweckende,
beinahe auf Symbiose zielende "Du" geht leichter von den Lippen, ein
echter, unverstellter Gedankenaustausch wird in den Gesprächen nicht nur
möglich, sondern geradezu initiiert. Schließlich vereinigen sich dann alle
Individuen zu einem großen, übergreifenden Ganzen. Sie haken in einer Art
dialektischem Prozess ihre Arme ineinander, bewegen die Oberkörper in
gemeinsamem Rhythmus und vereinigen ihre Stimmen zu einem gewaltigen Unisono,
das die Gefühle der Beteiligten im Gleichklang bis in die Grundfesten erbeben
lässt. Landschaften, Getränke und Flüsse werden besungen und der Wunsch
beschworen, dass solch' ein Tag, der diese Unio-mystica
stattfinden ließ, nie vergehen möge.
Kolleginnen und Kollegen, wir
sehen in diesem Beispiel, welche katalysatorische
Wirkung die Lyoner hat. Aus der Verbindung von Archaischem und höchst
Artifiziellem entsteht das Utopische. Hier wird der Übermensch sichtbar, der
nicht mehr singulär vor sich hinlebt, sondern sich mit Seinesgleichen zu einem
höheren Wesen vereinigt. Hier endlich wird mithilfe der Lyoner der Gedanke
Wirklichkeit, den John Donne so trefflich und
bewegend in seinem Sonett ausgedrückt hat:
No man is an Iland intire of it selfe;
every man is a piece of the Continent,
a part of the maine.
Im Vorherigen wurde gesagt,
dass die Lyoner ein artifizielles Produkt ist, das eine sehr späte Stufe der
Menschheitsentwicklung kennzeichnet. Dies ist unstreitig schon allein wegen der
Tatsache, dass nicht einmal die Art des Tieres, das
zu ihrer Erzeugung herangezogen wird, noch erkennbar ist.
Wir alle wissen jedoch, dass
das kluge Schwein für die Lyoner in die Pflicht genommen wird. Sein
Metabolismus ist dem unseren nicht nur so ähnlich, dass das Schwein in der
medizinischen Forschung einen bedeutenden Platz beanspruchen darf, darüber
hinaus wirken die Heilmittel, die man ihm vor der Vollendung seines Lebens
gibt, über die Vermittlungsinstanzen Kotelette, Eisbein und natürlich Lyoner infektionsabwehrend, beruhigend und damit segensreich auf
den Menschen.
Die Fleischwurst schafft also
nicht nur enge, ins Metaphysische gehende Beziehungen zwischen den Menschen,
sondern ist auch sinnfälliger Ausdruck für die Symbiose zwischen Mensch und
Haustier. Und doch verletzt ihr Genuss nicht das tiefe Gefühl der Liebe, das
wir für Bruder Tier empfinden, und dem Franz von Assisi so wortreich Ausdruck
verliehen hat. Wir wissen zwar, dass wir Schwein essen, aber die konkrete
Vorstellung von der Sau ist gleichzeitig weit von uns entfernt.
Lassen Sie mich damit zum Ende
des ersten Teils meiner Ausführungen kommen. Meine ursprüngliche These ist
hinreichend belegt, und ich will diesen philosophischen Bereich verlassen, um
noch einen kurzen psychoanalytischen Exkurs anzuschließen.
Nicht nur C.G. Jung weist auf
die Bedeutung von Mythos und Symbol im Leben des Menschen hin. Auch Freud sah
in Symbolen, speziell aus dem Bereich der Sexualsphäre, die Vergegenständlichung
einzelner Triebkomponenten.
Wenn ich diese Aspekte und
archetypischen Konstellationen im Folgenden untersuche, muss ich Sie, hoch
verehrte Damen, und auch Sie, natürlich nicht minder verehrte Herren, um ihre
Toleranz, Nachsicht und wissenschaftliche Distanz bitten. Selbstverständlich
werde ich mich auf diesem heiklen Gebiet mit Andeutungen begnügen und Ihr Schamgefühl
nur soweit strapazieren, als es für meine wissenschaftlichen Darlegungen
unabdingbar ist. Dabei hoffe ich auf Ihr Vorstellungsvermögen, das mir nähere
Ausführungen ersparen soll.
Die äußere Form der Lyoner ist
nicht langweilig gerade, sondern zu einem Oval gebogen. Die Lyoner schließt
sich damit andeutungsweise zu dem Vollkommensten, was wir denken können, dem
Kreis. Gerade der zum Oval gestreckte Kreis ist tiefenpsychologisch gesehen ein
Symbol für die Vulva.
Durch einen raschen Schnitt
mit dem scharfen Messer wird diese geschlossene Form jedoch zerstört, wandelt
sich der Fleischwurstring in Wurststücke, entwickelt sich aus dem Symbol des
Weiblichen das Männliche, der Penis. (Diese Assoziationen verstärken sich, wenn
beim Erhitzen der Lyoner-Stücke der Wurstinhalt an den Enden über die Haut
hinaus quillt.)
Wie bei allem Lebendigen
begegnen wir bei der Lyoner demnach zuerst dem Femininum,
das aus sich selbst das Maskulinum entstehen lässt. Diese Grundtatsache ist
nicht nur ein Wunschdenken der feministischen Bewegung, sondern biologisch
nachgewiesen. (Es ist schmerzlich, dies darf ich hier in Parenthese anmerken,
dass die Genesis, diese sonst bis ins Detail zutreffende Allegorie, in diesem
Punkt leider irrt.)
Doch ohne auf den
Prioritätenstreit von Henne und Ei näher einzugehen, die Fleischwurst enthält
eine männliche und eine weibliche Komponente. Sie vereinen sich hier auffallend
zu einem Ganzen. Wir finden diese Konstellation auch genetisch beim Mann mit
all den positiven und negativen Auswirkungen, die sich daraus ergeben.
Tiefenpsychologisch bedeutet
dies neue Einsichten in die Triebstruktur des Menschen. Seine unbewussten Wünsche und Regungen werden beim Umgang mit dem
Lyoner nicht nur angesprochen, sondern auch freigesetzt. Sie lässt die tiefsten
und geheimsten Saiten im Menschen erklingen. Ein bedeutender Teil ihrer
Beliebtheit ist darauf zurückzuführen. Doch muss ich
wahrscheinlich konkreter werden, wenngleich auch jetzt Andeutungen genügen
mögen.
Der Genuss der Lyoner löst im Unterbewusstsein, "Ubw",
wie es Freud in seinen späteren Schriften abkürzt, Assoziationen aus wie Fellatio
aber auch Kastration. Ein scheinbarer Antagonismus, der seine Erklärung im
Penisneid der Frau findet.
Dieser Penisneid ist
inzwischen von der psychoanalytischen Schule so oft behauptet worden, dass wir ihn als gegebene Tatsache hinnehmen können.
Andererseits wiederum bedeutet
die Wandlung des Lyoner-Ringes in Wurststücke, dieser Schnitt, der das Feminine
in ein Maskulines wandelt, eine Verstümmlung des Weiblichen, ja sogar seine
Auflösung. Er ist ebenso ein hoch aggressiver Akt.
In Kastration übergehende
Fellatio beim Beißen und Essen hier, Nihilation des
Wesens, Deformation beim Schneiden des Ringes dort. Im Fleischwurstessen kommen
die Schatten des homo sapiens, wie sie C.G. Jung definiert, zum Ausdruck. Seine
latente Aggression und damit natürlich auch deren Januskopf, der Masochismus,
nehmen Gestalt an, brechen sich mit Gewalt Bahn durch die Fesseln von Erziehung
und Zivilisation.
Schon Aristoteles führt in
seiner Poetik aus, dass das intensive geistige Erlebnis zur Katharsis führt,
zur Abreaktion also und damit zur inneren Reinigung des Menschen. Dies wirft
die Frage auf, Kolleginnen und Kollegen, was geht in uns allen vor, wenn wir
Lyoner essen? Welche tiefen Schichten unseres Wesens brechen hier auf? Was aus
unserem Unterbewussten wird mit jedem Bissen Fleischwurst verarbeitet?
Auch Sigmund Freud leugnet
nicht die niederen Instinkte des Menschen. Gerade er hat dafür gekämpft, dass
sie zugelassen und damit kontrolliert werden. Erst wenn wir zu ihnen stehen,
wird Thanatos, der Todestrieb, entmachtet. Triebe,
die im Menschen ständig verleugnet und verdrängt werden, brechen plötzlich und
unkontrollierbar mit ungeheuerer Gewalt hervor. Kriege, Mord und Totschlag,
Vergewaltigungen sind dafür sinnfällige Zeichen.
Nicht die Unterdrückung und
Leugnung negativer Gefühle ist demnach die Aufgabe, die es zu leisten gilt,
sondern deren Sublimierung. So ist die Kompensation von Aggression eine der
vorzüglichsten Aufgaben der Kultur. Da, wo dies nicht gelingt, kann nicht von
Kultur gesprochen werden.
Wie wir gesehen haben, findet
beim Verzehr der Lyoner eine Aggressionsabfuhr statt. Das tiefe Auskosten des
Schneidens und Beißens führt zur Katharsis und baut dadurch aggressive Triebe
ab. So bestätigt sich wiederum meine eingangs vorgetragene These, dass die
Fleischwurst einen wichtigen Platz in der Endstufe der kulturellen Entwicklung
der Menschheit einnimmt, ja die Kultur eo ipso repräsentiert.
Die Sublimierung der
Triebsphäre ist nach Freud die Aufgabe der Kultur. Die Menschheit hat sich
bisher aber als unfähig erwiesen, im Großen und Ganzen
mit der Aggression ihrer Individuen ja, ihrer Völker umzugehen. Kriege werden
noch immer als unvermeidlich angesehen. Feindbilder gepflegt, Überrüstung als
Friedensdienst gefeiert. Das Lyoner-Essen ist da zumindest der Weg zu einem
kleinen bisschen Frieden.
Lassen Sie mich nun, hoch
verehrtes Auditorium, zum Ende kommen. Gar vieles bliebe noch zu berichten. Ich
konnte in dem mir vorgegebenen begrenzten Rahmen nur einzelne Schlaglichter auf
die Gesamtthematik werfen. Doch je mehr man sich mit der
Lyoner auseinandersetzt, desto umfangreicher und unergründlicher
präsentiert sie sich. Mit etwas kreativem Problembewusstsein lassen sich aus der Lyoner noch für Jahre Dissertations-, wenn nicht gar
Habilitationsthemen gewinnen.
Denken Sie, liebe Kollegen,
allein an die politischen Aspekte, die es noch auszuloten gilt. Die Lyoner ist
schließlich eine demokratische Wurst, so wie die Kartoffel eine demokratische
Frucht ist. Ihr Verzehr hat sich erst lange nach der französischen Revolution
durchgesetzt. In der Rezeptionsgeschichte der Fleischwurst lässt sich
nachweisen, dass sie nie das alleinige Privileg einer Gesellschaftsschicht war.
Stets haben sich die unterdrückte arbeitende Klasse, aber auch die herrschenden
Schichten an ihr gütlich getan. Wo sonst ist die Forderung nach égalité und fraternité so
verwirklicht wie bei der Lyoner? Jeder hat in diesem unserem Staat das Recht,
an allen Orten und zu jeder Zeit Lyoner zu essen, wenn er sie bezahlen kann.
Aber die Wirkung der
Fleischwurst reicht bis in die Keimzelle unseres Staates, die Familie, hinein.
Ihr Anwärmen im Wasserbad erfordert zwar Aufmerksamkeit und nicht zu
unterschätzende Fähigkeiten, aber es kann auch vom Mann, dem Pater familia, wie es seit den Römern bekannt ist,
übernommen werden. Damit wiederum ist eine Entlastung im Alltag der geplagten
Hausfrau möglich. Sie kann sich nun stärker ihrer Emanzipation widmen.
Doch trotz dieser Fakten kann
keine gesellschaftliche Gruppe, auch nicht die Feministinnen die Lyoner für
sich okkupieren. Die Fleischwurst bleibt neutral! Sie liefert auch der
Gegenseite Argumente. So kann der Chauvi unter den Männern sie heiß machen, und
sich dann seiner Kochkünste brüsten.
Last but
not least sei noch an die Jugend erinnert, die nicht
vergessen werden darf und immer an erster Stelle kommen muss. Sie, die
inzwischen so gründlich an amerikanische Fastfood
gewöhnt wurde, findet in der Lyoner eine echte deutsche Alternative. Es wäre zu
wünschen, dass sich daraus bei ihr eine stärkere Autarkie gegenüber dem american way of life und der Hamburger-Kultur unserer
Freunde aus dem Westen entwickelte.
Mit diesen Ausblicken auf
künftige Forschungsaufgaben will ich nun schließen. Sie haben mir sehr lange
Ihre Aufmerksamkeit für eine schwierige Thematik geschenkt. Dafür danke ich
Ihnen. Ziel meines Vortrags war es, Ihnen paradigmatisch aufzuzeigen, wie die
Wissenschaft interdisziplinär an einem Sujet Problembewusstsein entwickelt und
dabei neue Relevanzen entdeckt und ausschöpft. Letztlich werden
auf diesem Weg die Freiheit von Wissenschaft und Forschung und deren hohe
staatliche Subvention gerechtfertigt. Unser aller Präferenz für die Lyoner war
dafür zwar eine angenehme Basis. Der Primat der Wissenschaft muss aber
letztlich den Vorrang haben.
Nun folgen ein paar
Märchen. Den Anfang macht die Geschichte vom gütigen Herrscher, der für sein
Volk nur das Beste will. Die zentrale Idee habe ich dabei von Heinrich IV
geklaut, dem wohl beliebtesten König der Franzosen. „Wenn mir Gott zu leben erlaubt, werde ich dafür sorgen, dass es in meinem
Land keinen Bauern gibt, der sonntags nicht sein Huhn im Topf hat!" ("Si Dieu me
prête vie, je ferai qu’il n’y aura point de laboureur en mon royaume qui n’ait
les moyens d’avoir le dimanche une poule dans son pot!")
Er wird von den
Historikern durchaus als Reformer und weitsichtiger Herrscher gerühmt.
Vielleicht, weil ihm der Plan mit dem Huhn nicht so ganz gelungen ist?
Der König in dieser
Geschichte übertreibt es aber auch: Er verordnet seinem Volk täglich das berühmte
Huhn im Topf. Aber vielleicht braucht man einen derart konsequenten Herrscher
damit die Verführbarkeit der Völker und die Entstehung des Kapitalismus aus der
Gunst der Stunde ein wenig deutlich werden.
Das Märchen vom Volk, dem König und dem Huhn im
Topf
Es war einmal ein Volk, dem
ging es zu Zeiten besser und zu anderen Zeiten schlechter. An vielen Tagen im
Jahr hatte es nur Grütze zu essen, aber manchmal gab es auch ein fettes Huhn,
oder es stand, wenn die Jäger erfolgreich waren und man bei Hofe nicht alles
Fleisch brauchte, ein schmackhafter Wildbraten, gespickt mit weißem Speck auf
dem Tisch.
Da waren aber auch
Zeiten, in denen Schmalhans als Küchenmeister regierte. Dann ging man in den
Wald, um Beeren zu suchen und freute sich über eine große fette Kohlrübe, die
noch irgendwo verlassen und vergessen auf einem Feld stand. Sie wurde mit
Sorgfalt gekocht und auf mehrere Tage verteilt.
Doch die Zeiten des Darbens
gingen auch wieder vorüber, und die Menschen hatten darüber ihre Fröhlichkeit
nicht verloren. Weil man den Hunger kannte, wusste man einen gedeckten Tisch
umso mehr zu schätzen.
Im Feiern waren alle ganz
groß. Wenn die Musik zum Tanz aufspielte, drehten sich die Mädchen, dass die
Röcke flogen, und die Burschen hüpften, dass es eine Freude war. Alt und Jung
schmauste, und schon allein das Zusehen war eine Lust.
Die Frauen galten landauf und
landab als besonders gute Köchinnen. Sie wälzten die Täubchen in Honig und
spickten die Hühner vor dem Braten mit süßen Mandeln. Für die Forellen gab es
einen wohlschmeckenden und gut riechenden Sud aus Kräutern, bei dem sich
besonders die Pfefferminze hervortat. Getrunken wurde Holunder- und Erdbeerwein,
Limonade und gegorene Ziegenmilch.
Das Volk hatte auch einen
König. Der lebte in seinem Schloss, umgeben von seinen Hofleuten.
Mit seinem Volk hatte der
König nur wenig zu tun. Er wusste, dass es da war, und das genügte ihm. Zwar
war er sehr stolz auf sein Volk, aber den Umgang mit ihm überließ er lieber
seinen Hofleuten, den Beamten und Ministern. Die sagten ihm, was das Volk
dachte, wollte und brauchte.
Der König fuhr auch manchmal
zu seinem Volk. Er saß dann in der goldenen Staatskarosse, die von acht Pferden
gezogen wurde, und winkte seinen Untertanen huldvoll zu. Die standen am
Straßenrand, verbeugten sich und jubilierten. Wenn er von einer solchen
Ausfahrt zurückkam, fragte sich der König im Stillen oft, ob es wohl noch einen
anderen Herrscher gab, der sich so treu wie er um sein Volk bemühte, und der
dafür so heiß geliebt wurde?
Eines Tages saß der König an
der Mittagstafel. Er hatte bereits die gerösteten Taubenaugen und den Salat aus
Nachtigallenzungen hinter sich und freute sich auf die dritte Vorspeise,
kandierten Auerhahn.
Plötzlich erhob sich wütendes
Gezeter auf dem Hof.
„Du Lump", scholl es
durch das offene Fenster und „du Diebin" und „du Verbrecherin".
Gewöhnlich hörte der König
nicht auf solch gewöhnliche Worte. Gewöhnliches brachte in der Regel Verdruss.
Nichts hasste der König jedoch mehr, als Probleme zur Essenszeit. Deshalb
versuchte er anfangs, das Geschrei zu überhören. Doch der nächste Gang ließ auf
sich warten, und der erste Hunger war bereits gestillt, und auch das beste Essen
verträgt hin und wieder eine kleine Abwechslung. Deshalb lehnte er sich zurück,
rülpste ein wenig und spitzte die Ohren. Und was musste er da hören?
„Erbarmen, Erbarmen, so
habt doch Erbarmen!" schrie eine zarte Mädchenstimme.
Sie klang so flehentlich, dass
es dem König richtig warm ums Herz wurde.
Sein Haushofmeister aber
antwortete barsch: „Mit frechen Dieben machen wir kurzen Prozess. An den Galgen
mit dir!"
Der König war ganz und gar
nicht gegen das Hängen eingestellt. Moral muss sein, sagte er sich, und das
Aufhängen von Missetätern hat der Moral noch nie geschadet. Ganz im Gegenteil,
es führt andere, die im Herzen Untaten begehen wollen, auf den rechten Weg.
Aufhängen war also zum Besten aller. So gesehen war der Galgen sogar eine moralische
Institution.
Aber im Augenblick befand sich
der König in einer gar zu milden Stimmung und drakonische Strafen belasteten
sein gutmütiges Herz. Nein, Aufhängen passte einfach nicht zu einem guten
Essen. Das war degoutant. Vielleicht verstieß es sogar gegen die Etikette, auf
die der Gourmet so viel Wert legte?
Ärgerlich winkte er
einem Pagen und befahl ihm, sich um den Lärm zu kümmern, der inzwischen an
Lautstärke noch beträchtlich zugenommen hatte. Der Page kam voller Eifer zurück
und berichtete, man habe ein junges Mädchen beim Stehlen erwischt. In seiner
Schürze wären ein paar von den festen runden Knollen versteckt gewesen, die
Forschungsreisende aus Amerika mitgebracht hätten.
Diese hässlichen Früchte seien
zwar zu nichts gut und dienten lediglich als Schweinefutter, aber der
Haushofmeister vertrete die Auffassung, gestohlen sei gestohlen. Am Hofe des
hohen Herrn könne man keine Diebe dulden. Deshalb werde das junge Ding
eingesperrt und am nächsten Tag in aller Früh zum Galgen geführt.
Der König war mit der
Auskunft zufrieden und wollte sich dem Auerhahn zuwenden, den die Diener gerade
hereinbrachten.
Doch welche Ungehörigkeit!
Das Mädchen schrie schon
wieder „Erbarmen!", und diesmal klang es noch flehentlicher, aber
gleichzeitig auch süßer als zuvor.
Neugierde erfüllte das Herz
des Königs. Er wollte das Geschöpf, das zu dieser Stimme gehörte, sehen.
Deshalb ließ er alle Beteiligten der Schandtat zu sich rufen, bevor er den
Auerhahn mit einem Ruck seiner gepflegten Hände auseinanderbrach.
Das Mädchen, das bald darauf
in den prächtigen Speisesaal gezerrt wurde, war barfuß und in Lumpen gekleidet.
Es schluchzte jämmerlich und warf sich vor dem reich gedeckten Tisch auf den
Boden.
Der Haushofmeister hatte das
helle, lange Haar seiner Gefangenen wie einen Strick um seine Hand geschlungen
und zog, während er sprach, wie um seine Worte zu unterstreichen, kräftig
daran. Dann flog jedes Mal der Kopf des Mädchens zurück, und der Kleinen traten
die Augen aus den Höhlen.
Kartoffeln habe das
unverschämte Ding gestohlen, erklärte der Bediente auf einen Wink seines Herrn.
Zwar seien diese hässlichen Knollen nichts wert und so gut wie ungenießbar, nur
die Säue hätten ihre Freude an ihnen. Aber auch die Kartoffeln gehörten
schließlich dem durchlauchtigsten und erhabensten Herrscher, deshalb dürfe sich
keine Bauerngöre an ihnen vergreifen.
Der Haushofmeister hatte recht
und der König nickte bekräftigend.
Das Mädchen wurde nun barsch
gefragt, was es zu seiner Verteidigung vorzubringen habe. Anfangs konnte es
nicht antworten, sondern schluchzte still vor sich hin.
„Warum hast du
gestohlen?" wurde drohend wiederholt.
Die Gefangene wimmerte.
„Wenn du nicht reden willst,
so müssen wir dich peinlich befragen."
Bei der Androhung der Folter
warf sich die Kleine wieder auf den Boden, rang die Hände und rief kläglich:
„So habt doch Mitleid mit meiner armen Seele!"
Doch sie bekam barsch zu
hören: „Dann rede!"
Daraufhin stammelte das
Mädchen: „Aber wir haben doch Hunger."
Dieser Unsinn konnte
natürlich nur eine Lüge sein, das wusste der König. In seinem Land hungerte
kein Mensch. Schließlich hungerte er selbst auch nicht. Lügen langweilten den
Herrscher. Er befahl deshalb mit einem Fingerzeig, die Gefangene abzuführen.
Er war wirklich ein gutmütiger Mensch, doch es grenzte schon an
Majestätsbeleidigung, ihn mit haarsträubenden Unwahrheiten beim Essen zu
stören.
Als das junge Ding
merkte, dass alles verloren war, schrie es voller Verzweiflung auf. Der raue
Haushofmeister riss wütend an dem zarten Haar, der kleine Kopf flog zurück, und
in diesem Moment blitzten in dem verschmierten Gesicht zwei strahlend blaue Augen
auf.
Der König sah nicht mehr die
zerlumpten Kleider, die nackten, schmutzigen Füße. Er beachtete nicht mehr den
vor Zorn schnaubenden Haushofmeister, ihn interessierten nicht einmal mehr der
herrliche Auerhahn und die köstlichen Soßen. Er blickte nur noch in die hellen
Augen und die Gestalt vor ihm verwandelte sich wie durch Zauberkraft.
Das gelbe, strähnige Haar, das
um die Hand seines Büttels gewickelt war, verwandelte sich in goldenes
Geflecht. Die schmutzige Haut wurde zart und milchigweiß und hätte einer
Königin wohl angestanden. Eine entzückende Stupsnase ragte aus dem hilflosen
Gesichtchen und wurde umrahmt von Sommersprossen, die wie Sterne blitzten.
Erregt rief der König,
man möge dieses wunderbare Geschöpf sofort loslassen und klatschte in die
Hände, um den Schinder, der dieses zarte Wesen quälte, zu verjagen. Dieser
starrte seinen wild gestikulierenden Herrn verwirrt an und lief dann ängstlich
aus dem Zimmer. Der König winkte nun seinem Gast. Das Mädchen rutschte zögernd
und schüchtern auf den Knien näher. Das genügte dem Mann aber nicht. Er winkte
und winkte und schließlich hatte die Kleine den Tisch erreicht und schielte
furchtsam über die Kante.
„Wie heißt du
denn?" flüsterte der gütige König.
„Ich bin die Froni,
Majestät", war die Antwort.
„Und warum hast du wirklich
gestohlen?"
„Weil ich Hunger habe, und
weil die Meuder Hunger hat, und der Knan hungert, und der kleine Simpl
auch."
„Aber wenn ihr alle Hunger
habt", fragte der König erstaunt und ungläubig, „warum esst ihr dann
nicht?"
„Wir haben doch nichts zum
Essen!"
In diesem Augenblick erinnerte
sich der König seines edlen Vogels, der allmählich kalt zu werden drohte.
Er riss mit seinen kühlen,
gepflegten Händen einen zweiten Schenkel ab und fuhr auf beiden Backen kauend
fort: „Ihr müsst ja nicht gleich so etwas Edles wie einen Goldfasan essen.
Ein Hühnchen werdet ihr doch haben. Wenn euch ein Hühnchen aber nicht gut genug
ist, dann dürft ihr euch nicht bei mir beschweren."
Leise kam darauf die Antwort:
„Wir haben kein Huhn, wir haben kein Brot. Wir finden nicht einmal mehr
Bucheckern im Wald, die wir essen könnten."
Dem König blieb der Bissen im
Hals stecken. Er spuckte ihn quer durch den prächtigen Speisesaal, wo er auf
dem leuchtenden Seidenteppich, der mit echten Goldfäden durchwirkt war, liegen
blieb.
Dann schrie er auf: „In meinem
Reich hungert niemand! Derartige Lügen dulde ich nicht in meinem Palast!
Henker! Wo ist der Henker? Schafft die Göre fort! Hängt die dreiste Lügnerin
auf! Wachen! Henker!"
Die Froni kauerte sich noch
ängstlicher zusammen und Tränen schossen ihr wieder in die Augen. Sie konnte
sich nicht bewegen, sondern starrte nur den fürchterlichen König an. Ganz
leise wimmerte sie in sich hinein und ergab sich ihrem Schicksal.
Der Mann aber, der ihr
Schicksal war, hatte wieder ihre Augen gesehen und den Henker sofort aus dem
Zimmer gescheucht. Das strahlende Blau hatte ihn gnädig gemacht. Nun glaubte er
beinahe seinem jungen Gast.
In seiner Stimme war
Mitleid, als er fragte: „Warum habt ihr denn nichts zu essen?"
„Die Ernten der letzten Jahre
waren schlecht, und die Steuereintreiber sind unerbittlich. Mein Knan sagt
immer, wenn sie von uns nichts mehr holen können, dann werden sie uns selber
nehmen."
„Sage doch nicht solch einen
Unsinn!" sagte der König mild und fuhr fort: „Sonst seid ihr doch immer
fröhlich und guter Dinge. Ihr tanzt und singt, dass es eine Freude ist. Warum
habt ihr euch so geändert und macht mir Kummer?"
„Wir wollen ja auch lustig
sein, wie es sich für ein braves Volk gehört. Aber der Hunger hält uns davon
ab."
„Das muss anders werden",
rief da der gute Herrscher. „Ihr sollt nicht mehr hungern, sondern tanzen und
singen."
Voller Triumph schwenkte er
seinen Fasan durch die Luft.
„Ich befehle, dass in jedem
Haus meines Volkes jeden Tag ein Huhn auf dem Tisch steht."
Schreiber und Minister wurden
alsbald gerufen und in Kürze war der königliche Wille aktenkundig. Ins ganze
Land wurden Boten gesandt und verkündigten die frohe Botschaft, die allem Volke
widerfahren sollte.
Jubel erhob sich von Haus zu
Haus, von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt. Hastig wurden Feste vorbereitet
und der verständnisvolle und gütige Herrscher gepriesen.
Dankgottesdienste fanden
statt, Dichter schrieben Gedichte auf den großen König und Steinmetzen machten
sich ans Werk, seine edle Gestalt noch einmal in Marmor zu verewigen.
Der Gepriesene kümmerte sich
aber nicht weiter um die Beifallsstürme. Er winkte den ihn umbrausenden Dank
bescheiden mit seinen zarten Händen ab. Dann ließ er die süße Froni baden, mit
duftendem Öl salben und zog sich mit ihr in seine Gemächer zurück.
Monate waren seit diesem
denkwürdigen Tag ins Land gegangen, und wirklich stand, getreu dem königlichen
Willen, in jedem Haus jeden Tag ein Huhn auf dem Tisch.
Um die vielen Hühner, die dazu
nötig waren, zu züchten, hatte man die ganze Landwirtschaft umstellen müssen.
Riesige Hühnerfarmen waren aus dem Boden gestampft worden. Alle
wirtschaftlichen Kräfte wurden auf die große Aufgabe konzentriert.
Die Schweine- und Rinderzucht
war verboten worden, denn in dieser historischen Situation von entscheidender
Tragweite konnte man keine Verzettelung der volkswirtschaftlichen Kräfte
zulassen.
Im ganzen Land, wo man stand
und ging, hörte man das Gegacker von Hühnern und das Krähen stolzer Hähne. Das
Königreich war über Nacht ein Hühnerreich geworden.
Die Hühner hatten aber nicht
nur den Hunger im Land gestillt, sondern auch Glück gebracht. Im ganzen Jahr
hatte es kein Unwetter gegeben, und der Herbst brachte eine gute Ernte. Auf den
Äckern standen der Weizen und die Gerste in Fülle. Aber kein Korn wurde gemahlen
und kein Brot gebacken. Man brauchte alles Getreide, um die ungeheure Menge
Hühner zu füttern. Für Müller und Bäcker brachen schwere Zeiten an. Es gab für
sie keine Arbeit und ohne das tägliche Gratishuhn hätten sie verhungern müssen.
Einen ungeheuren
Aufschwung nahm die Zunft der Hühnerschlachter. Sie stellten jeden Tag neue
Leute ein, bauten immer größere Hallen und schlachteten immer mehr Hühner und
verdienten immer mehr Geld. Dieses Geld wollten sie natürlich auch ausgeben.
Zuerst kauften alle
Hühnerschlachter Kutschen, die mit Silber beschlagen waren, dann welche mit
Gold und schließlich fuhren sie alle mit Diamanten besetzten Wagen durch die
Gegend. Ihre Häuser waren bald prachtvolle Paläste und ihre Frauen trugen den
Pelz seltener Tiere aus fernen Ländern. Störend empfanden sie nur das tägliche
Huhn auf dem Tisch. Sie, die sich alle Leckerbissen dieser Erde hätten leisten
können, bekamen täglich ihre eigenen Hühner serviert und mussten sie auch noch
essen. Aber sie nahmen es hin. Der Befehl des Königs war schließlich die Quelle
ihres Wohlstands.
Wenn aber alle Bürger ihr Huhn
täglich umsonst bekamen, wer bezahlte dann den Reichtum der Hühnerschlachter?
Wer bezahlte all die Hühner, die gegessen wurden? Wer bezahlte das Korn, das
die Hühner fraßen? Wer bezahlte die Fuhrleute, die die Hühner durch das Land
fuhren? Von wem bekamen die Hühnerärzte ihr Geld? Wer gab den Hühnerhändler,
die für die Verteilung des Gratisessens sorgten, ihren Lohn?
Die Steuern, von denen
man das alles hätte bezahlen können, wurden täglich weniger. Durch die Hühner
verloren viele Menschen ihre Arbeit, und andere wollten wegen der kostenlosen
Ernährung nicht mehr arbeiten. Die Lage wurde immer ernster.
Man darf auch den König
nicht vergessen. Der wollte natürlich weiterhin seine Fasane, Rebhühner und
Tauben, seine Hirsche und Rehe und nicht zuletzt sein Rinderfilet essen. Man
muss nämlich wissen, dass für Könige die eigenen Gesetze nicht gelten. Sie
gehören schließlich nicht zum Volk, für das die herrschaftlichen Verordnungen
gemacht werden.
Die Jäger, die das
Wildbret für die königliche Tafel in den königlichen Wäldern erlegten, wollten
ihren Lohn. Das Gleiche forderten die Hirten für ihre Arbeit auf den
königlichen Weiden und die königlichen Händler, die durch alle Lande streiften,
immer auf der Suche nach neuen Leckerbissen.
Dann wollte Ihre Majestät noch
einen neuen Pavillon im königlichen Park für seine Froni bauen.
Wer sollte die Kosten tragen?
Die Schatzkammern hatten sich durch die Hühnerzucht im Lande rasch geleert.
Zum Glück war einer im Reich,
der sich über diese wichtigen Dinge Gedanken machte und an das Allgemeinwohl
dachte: der königliche Schatzmeister.
Der war zwar nicht glücklich
über den Hühnerbefehl seines Herrn, aber nach drei schlaflosen Nächten hatte er
die Lösung gefunden.
Er rief vertrauenswürdige
Landeskinder zu sich. Leute, für die eine Stellung bei Hofe das höchste Ziel
war. Sie unterwies der kluge Schatzmeister im Geldprägen. Er sagte sich
nämlich, wenn Geld gebraucht wird, so muss man es eben erzeugen. Natürlich
verwendeten sie für die neuen Münzen nur Eisen und Blei und sparten das Gold
und das Silber für andere königliche Zwecke.
Bei Tag und bei Nacht wurde
nun in der königlichen Münze gearbeitet. Die Männer schlugen und schlugen, und
ein Strom neuen Geldes übergoss das Land. Das Volk wurde aufgerufen, die alte
Gold- und Silberwährung gegen das neue Zahlungsmittel umzutauschen. Und weil diese
Aufforderung nur sehr zögernd befolgt wurde, währte es nicht lange und ein
neues Dekret verbot den Besitz von Edelmetall und stellte ihn unter Strafe.
Die Bevölkerung musste das
gute alte Geld abgeben, und die Schatzkammern füllten sich wieder. Das neue
Geld aber war wenig wert und keiner wollte etwas Ordentliches dafür geben. Im
Ausland konnte man schon gar nicht damit einkaufen. Reisende, die dort mit dem
neuen Geld zahlen wollten, wurden nur ausgelacht.
Und doch war das Problem des
fehlenden Geldes gelöst, und man war wieder zufrieden, nur die Hühnerschlachter
nicht. Ihr Schatz an wertlosem Blei und Eisen wurde zwar von Tag zu Tag größer,
aber neue Kutschen konnten sie dafür keine kaufen, und ihre Frauen bestellten
im Ausland vergeblich Geschmeide und Pelze. Die Hühnerschlachter fühlten sich
deshalb um den gerechten Lohn ihrer Arbeit betrogen.
Die erfolgreiche Sanierung der
Staatsfinanzen währte leider nicht lange. Der König dachte nämlich nicht ans
Einschränken. Immer neue Delikatessen wurden im Ausland gekauft und einen
Lustpavillon und einen Seerosenteich und einen Wintergarten nach dem anderen
ließ er für Froni bauen. Außerdem kaufte er ihr noch viele Kleider und eine
große goldene Kutsche, mit der sie gemeinsam weite Reisen in ferne Länder unternahm.
Die Schatzkammern waren
deshalb bald wieder leer, und der Schatzmeister hatte wieder drei schlaflose
Nächte. Am Morgen des dritten Tages fand er die Lösung. Er schickte Boten zu
den umliegenden Königen, mit dem Auftrag zu verhandeln. Gehandelt wurde um
Landeskinder und schließlich, nach langem Feilschen, erreichten sie einen guten
Preis. Für hundert Köpfe erhielt der König jeweils 50 Dukaten.
Der König lobte seinen weisen
Schatzmeister und verlieh ihm einen Orden.
Dieser hatte mit seinen
Verhandlungen sogar zwei Ziele erreicht: Geld floss wieder in die Schatzkammern
des Königs, und die hungrigen Mäuler im Land wurden weniger.
Ein königlicher Wunsch ist ein
Befehl, ja sogar eine Art Naturgesetz, und ein König muss darauf achten, dass
diese seine Befehle auch befolgt werden. Er darf keine Nachlässigkeiten
einreißen lassen, denn stets wäre dies der Anfang vom Ende. Unser König machte
deshalb von Zeit zu Zeit Inspektionsfahrten durch sein Königreich und prüfte
nach, ob auch in jedem Haus ein Huhn auf dem Tisch stand. Wurden ihm dabei von
der dankbaren Bevölkerung die Hände geküsst, so war er es zufrieden und
schenkte Froni noch ein goldenes Armband.
Im eigenen Land war er also
geehrt und geliebt, aber in den anderen Ländern neidete man ihm die Zuneigung
seines Volkes. An den angrenzenden Königshöfen riss man Witze über ihn und
nannte ihn den Hühnerkönig.
Unser König wusste zum Glück
nichts von soviel Bosheit, denn sein Hofgesinde hielt derartige abscheuliche
Nachrichten von ihm fern.
Jahre gingen ins Land, und
jeden Tag gab es in jedem Haus ein Huhn auf dem Tisch. Der König war inzwischen
auf einer langen Reise durch die Welt und kaufte Froni in jeder Stadt, durch
die sie kamen, ein Kleid. Die Sache mit den Hühnern hatte er längst vergessen.
Wer denkt schon an Hühner, wenn er die Pyramiden und die chinesische Mauer
sieht!
Seine Untertanen aber konnten
inzwischen keine Hühner mehr sehen. Schon der Geruch von gekochtem oder
gebratenem Federvieh verbreitete im ganzen Land Übelkeit. Dennoch achteten die
Beamten des Hofes sorgsam darauf, dass täglich Hühner serviert wurden und man
nicht gegen das Gebot des Königs verstieß. Sie hatten die Anzahl der Polizisten
verdoppelt und ließen jeden Tag die Mahlzeiten kontrollieren. Wehe, wenn ein
Büttel jemanden erwischte, der keine Hühner essen wollte! Dies war eine
Subordination, eine Missachtung der Gnade des allergnädigsten Königs.
In ihrer Not erprobten die
Leute allerlei Hühnerkochrezepte. Die Hühner wurden gespickt und mariniert, sie
wurden kandiert und paniert, und einige Mutige aßen sie sogar mit süßer
Schlagsahne. Aber Huhn bleibt eben Huhn, und auch die beste Speise hängt einem,
wenn man sie täglich essen muss, zum Halse heraus. Andere Lebensmittel wiederum
konnte keiner kaufen, so war die Lage aussichtslos.
Die Leute sammelten heimlich
Bucheckern in den Wäldern und vergruben dafür die gebratenen Hühner bei dunkler
Nacht im Garten, obwohl dies ein Staatsverbrechen war und mit dem Tode bestraft
wurde.
Das Wort „Huhn“ geriet
allmählich zum Schimpfwort und hat sich als solches bis auf den heutigen Tag
erhalten.
Das Volk, das einst so
fröhlich und zufrieden war, das stets lachte und tanzte und sogar Hungerzeiten
ergeben hinnahm, dieses Volk ächzte unter der Last der Hühner. Die Empörung
wurde immer größer, eine Revolte bahnte sich an. Mochte der König doch machen,
was er wollte, mochte er sie alle verkaufen oder aufhängen lassen, wenn er nur
den Hühnerfluch von ihnen nahm! Aber genau dies konnte er nicht, schon allein
deshalb, weil er gar nicht da war.
Die Polizei musste immer
schärfer durchgreifen und blieb doch erfolglos. In den Nächten wurden
Hühnerschlachtereien angezündet. Das Federvieh wurde getreten, wo man es traf.
Dies war natürlich ungerecht, denn was konnten die armen Hühner dafür, dass
sie keiner mehr essen wollte? Am meisten aber hasste man die Hühnerschlachter.
Keiner von denen wagte sich noch ohne eine starke Leibwache vor die Haustür. So
konnte es nicht weitergehen!
Da kam eines Tages ein junger
Königssohn aus einem weit entfernten Land. Ursprünglich nur auf der Durchreise
hatte er seinen Aufenthalt verlängert, weil er so gerne Hähnchen aß.
Unser Prinz freute sich über
die kostenlosen Hühner und schlug sich Tag für Tag den Magen voll. Er war so
mit Essen beschäftigt, dass er lange Zeit nicht merkte, welcher ein Groll in
den Menschen um ihn war.
Eines Tages aber, er
ging ruhigen Schrittes irgendeine Straße entlang, hörte er durch das offene
Fenster irgendeines Hauses eine Frauenstimme.
Schrill und hart klang es auf
die Gasse: „Wenn du nicht folgst. dann musst du heute dein Hähnchen
essen!"
Da schall ein
markerschütterndes und steinerweichendes Geheul aus dem Haus. Die fürchterliche
Drohung hatte bei dem Kind ihre Wirkung nicht verfehlt.
Dies war für den Studiosus ein
Schlüsselerlebnis. Er achtete von nun an mehr auf seine Umgebung. Dabei musste
er entsetzt feststellen, dass alle Menschen um ihn herum einen schrecklichen
Ekel vor Hühnern hatten. Das Paradies, in dem er zu leben glaubte, war doch
nicht so fleckenlos. Sein Interesse war erwacht. Er fragte nach und erfuhr die
ganze tragische Geschichte.
Da er ein gutmütiger
Königssohn war, dauerten ihn die Leute in diesem Königreich und er beschloss,
ihnen zu helfen.
Der Studiosus grübelte und
grübelte. Bei all dem Grübeln verging ihm sogar der Appetit auf Hähnchen. Er
dachte daran, die überschüssigen Hühner ins Ausland zu exportieren und an
ihrer Stelle Runkelrüben einzuführen. Aber diesem Plan stand das Verdikt des
Königs entgegen.
Er zog Radikallösungen ins
Kalkül, wie zum Beispiel alle Hühner mit Hühnerpest zu infizieren, und verwarf
sie wieder.
Je mehr er nachdachte, desto
mehr wurde ihm bewusst, dass die Wirtschaft des ganzen Landes völlig auf die
Hühner abgestellt war, und der Ausfall dieses einzigen Produktionszweiges ein
unermessliches wirtschaftliches Chaos heraufbeschworen hätte.
Der Königssohn sah deshalb nur
zwei Alternativen: entweder man aß weiter Hühner, obwohl sie allen zum Hals
heraushingen, oder man nahm den Untergang von Gesellschaft und Staat in Kauf.
Selbstverständlich gab es noch
eine dritte Möglichkeit: Man wartete, bis alle Landeskinder an andere
Königreiche verkauft waren. Dort bekamen die Menschen zumindest keine Hühner
zu essen. Aber was ist schon ein Königreich, in dem es keine Landeskinder
sondern nur Hühner und Beamte gibt? Der Studiosus verwarf diesen Plan.
Weil ihm nun gar nichts mehr
einfiel, beschloss der Prinz, den Urheber aller Hühner aufzusuchen und um
Abhilfe zu bitten. Er packte sein Ränzel, steckte sich viele gebratene
Hähnchen in den Sack und machte sich auf den Weg.
Unterwegs im Wald traf er eine
alte Frau und dann ein verwunschenes Reh. Beiden gab er ein Hähnchen ab.
Als er den gläsernen Berg
überquert hatte, stand da ein zerlumpter Mann und begehrte ein Huhn, das er
natürlich auch bekam.
Bald war so der ganze
Reiseproviant aufgebraucht.
Unser Held musste jedoch
keinen Hunger leiden, denn seine Reise führte ihn zu dem Kuchenberg, der das
Schlaraffenland umgibt. Nachdem er sich da hindurchgegessen hatte, ließ er sich
gebratene Tauben so lange in den Mund fliegen, bis er sich an den feinen Knöchelchen
beinahe verschluckt hätte. So vermisste er seine Hähnchen nicht. Seinen Durst
aber löschte mit dem kühlen Wein aus den Flüssen.
Endlich hatte er sich
auf der anderen Seite aus dem Schlaraffenland wieder herausgegessen, war
gesättigt und konnte die Suche nach dem König fortsetzen.
Wenn er dabei nicht mehr
weiter wusste, fragte der Prinz die Schneekönigin und manchmal einen Furcht
erregenden Troll mit drei Köpfen, und selbst Herzeleide gab ihm Auskunft. Der
Held wanderte entlang an Seen, Flüssen und Meeren. Er schlief am Herz der Welt
unter den Gebirgen und in den Spiegelsälen der Zwerge.
Lange Zeit später, sein Haar
wurde schon grau, fand er den König in Rom. Ärgerlich schalt sich der Prinz,
warum er sich nicht schon früher in die Heilige Stadt aufgemacht hatte. Er
hätte doch wissen müssen, dass alle Wege nach Rom führen, und man deshalb dort
auch jeden treffen kann, den man sucht. Er hätte besser zuerst in Rom nachgesehen,
bevor er durch die ganze Welt gelaufen war!
Der König saß mit Froni an
einem kleinen Tisch in einem Straßencafé auf der Via Apia und schlürfte einen Cappuccino.
Höflich stellte sich der Studiosus vor und nahm auf einen Wink des Königs artig
Platz.
Ohne lange Umschweife begann
er das Gespräch mit dem Hinweis, dass er direkt aus dem Königreich seiner
Majestät komme.
„Mein Gott", erinnerte
sich da der König, „ich bin ja König! Wie steht es denn in meinem Königreich?
Ist alles bestens?"
„Prinzipiell kann man nicht
klagen. Wenn nur die Hühner nicht wären."
„Welche Hühner? Es wird doch
nichts Ernstes sein?"
„Das Volk will eben keine
Hühner mehr essen!"
„Dann soll das Volk dies sein
lassen. Wer zwingt denn das Volk dazu, Hühner zu essen, die es nicht mag?"
„Euer kluger Ratschluss,
Majestät."
„Wie kann ich die Leute
zwingen, Hühner zu essen, wenn ich hier friedlich auf der Via Appia sitze und
sogar vergessen habe, dass ich überhaupt König bin?"
Nun erzählte der Studiosus die
ganze Geschichte, und Froni bekam große Augen.
Der König aber sagte nur
lakonisch: „Wenn ich wieder in meinem Reich bin, werde ich den ganzen Hofstaat
aufhängen lassen.“
Er machte eine kurze Pause und
überlegte. Dann fuhr er fort, während er sich bequem zurücklehnte, dass ihm die
ganze Geschichte, wenn er ehrlich sein sollte, völlig gleichgültig sei. Wer je
den Petersdom gesehen habe und den Koloss von Rhodos und die hängenden Gärten
der Semiramis und die Golden Gate Bridge, der könne für Hühner kein Interesse
mehr aufbringen. Mögen sich doch seine Untertanen darob die Köpfe einschlagen.
Er jedenfalls werde sich nicht mehr in derartig banale Niederungen ziehen
lassen.
Dies war klug gesprochen. Der
Studiosus nickte auch bedächtig. Solchen überzeugenden Argumenten hatte er
natürlich nichts entgegenzusetzen. Aber dann erinnerte er an die Gefahr einer
Revolution in der Heimat. Diese würde bedeuten, dass der König kein Geld mehr
erhielte. Wovon sollte er dann leben und seiner Froni Schmuck kaufen?
Schließlich hatte er nichts anderes gelernt, als Geld auszugeben, und niemand
gibt gern den erlernten Beruf auf.
Dieser Einwand machte den
König nachdenklich. Seine Weisheit sagte ihm, dass nur ein zufriedenes Volk zufriedenstellend
viel Geld herbeischafft, damit sein König zufrieden ist. Er musste sich also,
ob er wollte oder nicht, mit den Schwierigkeiten in der Heimat befassen.
„Was rätst du mir?"
fragte er den Sohn seines Kollegen. „Wie kann ich meinem Volk, dessen oberster
Diener ich bin, helfen? Wie kann ich die Not lindern? Was muss ich tun, damit
wieder Fröhlichkeit einkehrt? Wie kann ich wieder positives Denken in die Welt
bringen?
„Majestät", bekam er zur
Antwort, „die Lage ist ernst, aber ich hoffe, sie ist nicht hoffnungslos.
Betrachten wir die Problematik im Einzelnen. Wenn Ihr den Hühnererlass
rückgängig macht, so stürzt Ihr das Land in ein Wirtschaftschaos. Noch mehr
Arbeitslosigkeit breitet sich dann aus. Damit wächst auch die Gefahr einer
Revolte. Unternehmt ihr aber nichts, so müsst ihr ebenso mit einer Revolution
rechnen.
Die gesamte Wirtschaft wieder
umzustellen dauert Zeit, und die haben wir nicht. Auch müssen wir an den Feind
denken, der nicht ruht. Er sieht seine Chance und überschwemmt euer Land mit
Agenten, die das Volk aufwiegeln. Oder meint ihr etwa, einer eurer Untertanen
hätte sich je über die von euch gnädig verordneten Hühner empört, wenn er nicht
aufgewiegelt worden wäre?"
„Wie wär’s denn mit einem
Krieg?" warf nun der unglückliche König ein.
„Krieg ist im Prinzip keine
schlechte Idee. Er beschäftigt die Leute, sodass sie nicht auf dummen Gedanken kommen.
Weil dann alle zusammenstehen müssen, ist in Kriegszeiten jede Art von Kritik
ein Verrat am Allgemeinwohl. Auch Entbehrungen müssen bei bewaffneten
Konflikten in Kauf genommen werden. Jeder rechnet damit und findet sich damit
ab.
Ein Krieg hat also tatsächlich
vieles für sich, und wir sollten ihn als Lösungsmöglichkeit in die engere Wahl
ziehen.
Das Problematische am Krieg
ist nur die Gefahr, dass man ihn eventuell auch verlieren kann. Ein derartiger
Unglücksfall würde das Einkommen Eurer Majestät erheblich schmälern. Ein Sieg
würde allerdings die finanzielle Lage erheblich verbessern.
Wenn mich Majestät um meinen
ehrlichen Rat fragen, so halte ich nach Abwägung aller Fakten das Risiko bei
einem Krieg für sehr hoch. Wir sollten deshalb noch andere Rettungsaktionen ins
Auge fassen."
So rätselten die drei von der
Verantwortung gebeugten Menschen noch lange und fanden keine Lösung. Sie
wollten nur das Beste für alle und bei jedem neuen Plan tauchte auch ein neuer
Haken auf. Nach vielen Stunden intensiver Beratung und ungezählten Camparis,
Cinzanos und Vini rossi gaben sie endlich auf und beschlossen, sich erst einmal
am Ort des Geschehens kundig zu machen, also ins Königreich zurückzukehren.
Dem König fiel der Abschied
schwer. Er versprach seiner Froni, so bald wie möglich zurückzukehren. Dann
küsste er ihr die Fingerspitzen mit den goldenen Ringen, die Handrücken und die
von prächtigen Diamantbändern gesäumten Unterarme. Seine Lippen suchten ihren
Hals, den eine dreireihige Perlenkette umschlang, und brachten das smaragdene
Ohrgehänge zum Klingen. Schließlich fuhren seine zarten Hände sanft durch das
diademgeschmückte Haar.
Dann kam die Zeit des
Aufbruchs. Die beiden Männer stiegen am Hotel, wo der König das Notwendigste
packte, in die Kutsche und, weil sie es eilig hatten, gingen diesmal statt der
üblichen sechs Pferde zehn Rösser im Geschirr.
Aber so sehr sie sich auch
gesputet hatten, sie kamen doch zu spät. Die Revolution hatte bei ihrer
Ankunft bereits stattgefunden. Sie fanden alle Hofbeamten eingekerkert, bis
auf die Unglücklichen, die im Verlauf der Aufstände ihr Leben hatten lassen
müssen.
Den König hatte man in
Abwesenheit abgesetzt und freie Wahlen ausgeschrieben. Die Lage schien
wirklich hoffnungslos.
Das Schloss durften der König
und der Prinz nicht mehr betreten. Hühnchenschlachter und Fuhrknechte hatten
sich darin breitgemacht. Aus den Fenstern der prunkvollen Räume, in denen
früher niemand außer dem König es gewagt hätte, seine Stimme zu erheben, drang
Keifen und Schreien. Kinder brüllten, Frauen beschwerten sich bei ihren Männern
und forderten sie auf, Dienstpersonal herbeizuschaffen. Schließlich müssten sie
als neue Schlossbewohner ebenso Bedienstete haben, wie ehemals der König.
Die Straßen waren unsicher,
denn die Polizei hatte sich aufgelöst. Das Land wurde von einem Revolutionsrat
regiert, der in sich zerstritten war und eigentlich nicht so recht wusste, was
zu tun sei.
Es herrschten also chaotische
Zustände, und der bisherige König hatte gute Gründe, sich um seine Apanage zu
sorgen.
Prinz und König hatten
Quartier im besten Gasthaus der Hauptstadt bezogen. Dort wurden sie noch immer
mit Hochachtung behandelt. Man wusste, was man blaublütigen Herrschaften
schuldig war. Ein von Jugend an geübter Respekt verliert sich nicht durch eine
kleine Revolution.
Ganz anders erging es dagegen
den Hofbeamten. Besonders niedere Bedienstete bekamen den Zorn des Pöbels zu
spüren, und der König musste ohnmächtig von seinem Hotelbalkon aus zusehen, wie
treue Gefolgsleute unter dem Johlen der Menge durch die Straßen getrieben
wurden.
Er beriet sich stundenlang mit
dem Königssohn, was zu tun sei. Sie überlegten, Truppen aus den Nachbarländern
zu Hilfe zu rufen und verwarfen den Plan wieder.
Der König schlug vor, mit
einer flammenden Ansprache dem Volk ins Gewissen zu reden und so alle wieder
zur Vernunft zu bringen. Doch sein Berater schüttelte zweifelnd den Kopf.
Dabei drängte die Zeit,
denn schon am nächsten Morgen sollte in einer Volksabstimmung eine neue
Regierung gewählt werden, die das Vertrauen aller Bürger hätte. Wäre dies erst
einmal geschehen, so war alles zu spät. Dann wären Kultur und Sitte aus dem
Königreich ein für allemal vertrieben, und nur noch die Dummheit und die Gier
der niederen Stände würden regieren. Vorbei wären die Zeiten der schönen
Künste, der prächtigen Bauwerke. Niemand würde mehr Gnade vor Recht ergehen
lassen und hin und wieder ein gerechtes Todesurteil aufheben, wie es damals bei
Froni geschehen war.
Der König und der Prinz waren
verzweifelt, und wären sie nicht beherrschte Männer gewesen, vielleicht hätten
sie sogar geweint.
Als sie in ihrer Verzweiflung
nicht mehr ein noch aus wussten, öffnete sich plötzlich die Tür. Herein traten
eine alte Frau, ein verwunschenes Reh und ein zerlumpter Mann. Sie blieben
schweigend in der Mitte des Zimmers stehen und sahen die beiden Männer von blauem
Geblüt an.
„Was ist euer Begehr?"
fragte der Königssohn.
Da antwortete das Reh für alle
drei: „Als wir Hunger hatten, hast du uns von deinen Hähnchen abgegeben, obwohl
du dich auf einer langen Reise befandest und hättest verhungern können. Nun
sind wir gekommen, um unsre Schuld zu begleichen. Hört auf unsere Worte, und
alles wird sich zum Besten wenden."
Und der Mann und die Frau und
das Reh sprachen zusammen wie mit einer Stimme: „Stelle dich zur Wahl, aber
achte des Volkes Stimme!"
So still, wie sie gekommen
waren, verschwanden dann die seltsamen Besucher.
Der Sonntag der Wahl rückte
näher, und die Spannung im ganzen Land wuchs. Wer würde von nun an die
Geschicke des Volkes bestimmen? Niemand wusste Genaues, und alle erhofften sich
das Beste. Gute Chancen gab man den Hühnerschlachtern.
Endlich war es soweit. Alles
Volk versammelte sich auf dem großen Platz vor dem Schloss. Eine hohe
Rednertribüne war aufgestellt und alle harrten der Dinge, die da kommen
sollten.
Zuerst kam der Führer
der Revolutionäre und wurde, noch bevor er zu reden begann, frenetisch
bejubelt. Er sprach von Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit und alle
klatschten begeistert in die Hände. Bei soviel Beifall schien der Wahlausgang
sicher.
Der Vertreter der
Schlächter machte nicht viel Worte. Er betrat das Podium und zwei seiner
Mitarbeiter schleppten einen schweren Sack hinterher. Sie traten mit ihm ganz
vorn an die Rampe, griffen hinein und schleuderten mit vollen Händen Geld
unter die versammelte Menge. Die Leute wälzten sich am Boden und schrieen vor
Begeisterung.
Der Schlachter aber sagte nur:
„Nun wisst ihr, warum ihr mich wählen müsst."
Dieser Auftritt war sehr
wirkungsvoll, und das Rennen um die Herrschaft im Land wieder völlig
unentschieden.
Der nächste Redner galt
als Vertreter feindlicher Könige und wurde, noch bevor er den Mund geöffnet
hatte, ausgebuht. Er versuchte von Frieden und Verständigung zu sprechen, aber
keiner hörte zu, bis er mutlos aufgab.
Nun stand kein Kandidat mehr
auf der Rednerliste. Der Form halber trat der Wahlleiter vor und rief: „Bewirbt
sich noch jemand um das höchste Amt, das dieser junge Staat zu vergeben hat,
so trete er vor!"
Schweigen breitete sich
auf dem Platz aus. Alle sahen sich um. Plötzlich rief eine ruhige,
befehlsgewohnte Stimme: „Ja, ich bewerbe mich."
Der König trat
gemessenen Schrittes aus der Menge heraus, schritt zur Tribüne und alle machten
ihm noch immer ehrfürchtig Platz.
Dann ergriff er das Wort und
sprach: „Freunde, Landsleute! Man hat euch übel mitgespielt. Zuerst zwangen
euch meine ruchlosen Beamten, täglich Hühner zu essen, bis das ganze Land vor
Übelkeit ächzte. Hätte ich es gewusst, mit dem Schwert des Henkers wäre ich
drein gefahren, um euch zu retten.
Doch ihr habt euch aus eigener
Kraft befreit. Ich beglückwünsche euch zu dieser heldenhaften Tat. Nun aber
steht ihr in Gefahr, euch wiederum in die Hände von Rattenfängern zu begeben.
Heute wirbt man um eure Stimme. Doch wenn ihr sie aus der Hand gegeben habt,
wird man euch wieder schamlos ausnutzen.
Bedenkt doch nur, womit man
euch lockt. Der eine verspricht euch Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Fürwahr hohe Ziele, es sind wahrscheinlich die höchsten, die es für uns
Menschen gibt. Aber ich weiß es, und ihr wisst es auch, sie sind auf Erden nicht
zu verwirklichen und deshalb bleiben sie nur leere Worte.
Der andere Mitbewerber wurde
schon konkreter. Ihr habt aber sofort gemerkt, dass dieses sogenannte Geld aus
Blei und Eisen geschlagen und so gut, wie nichts wert ist. Mit diesem Plunder
lasst ihr euch doch nicht kaufen.
Am schlimmsten aber hat es der
Dritte getrieben. Er hat versucht, euch mit seinem Gefasel vom Frieden an den
Feind zu verkaufen.
Nein, ich will nicht wieder
euer König werden. Die Zeit der Könige ist vorbei. Alle Macht dem Volk ist heute
die Devise, der auch ich mich gern beuge. Wenn ihr mich wählt, will ich euer
Präsident sein.
Dann aber, so verspreche
ich euch, wird in diesem Land nie wieder ein Huhn auf dem Tisch stehen. Wir
werden die Hühner aus dem Land jagen, und kein ein Huhn soll je unsere Grenzen
überschreiten. Wir werden wachsam sein. Immer wenn der Feind versucht, Hühner
ins Land zu bringen, werden wir mit aller Macht zurückschlagen. Die Vergangenheit
hat uns gelehrt, auf der Hut zu sein, und wir vergessen die Lehren der
Vergangenheit nicht.
Natürlich müssen wir, um diese
hohen Ziele zu verwirklichen, die gesamte Wirtschaft umstellen. Dies fordert
Entbehrungen von euch allen. Doch ich bin sicher, dass ihr gerne Hunger und
Mühsal auf euch nehmt, wenn ihr nur keine Hühner mehr essen müsst.
Gelingt aber unsere große
Reform, und ich zweifle keine Sekunde daran, dann soll wieder Lachen und Spaß
in unserem Lande sein. Die Schatten der Vergangenheit werden vergehen, und
glückliche Menschen sich täglich mit frohen Gesichtern in den Häusern um die
Tische versammeln. Doch was werden sie essen?
Halt! Dies ist die
entscheidende Frage. Ich sehe Ungeduld in eueren Gesichtern. Ihr wollt die
Antwort wissen! Bevor ich sie euch aber gebe, stelle ich euch eine Frage: Mögt
ihr Kuchen?
Als Antwort schallte dem
ehemaligen König ein donnerndes „Ja!" entgegen und erhob sich zum Himmel.
Der König ließ dieses
„Ja" verhallen, wartete noch einige Momente und sprach dann sehr eindringlich,
aber so leise, dass die Menschen die Ohren spitzen mussten: „So verspreche ich
euch heute und hier und ihr alle seid Zeugen meines Schwurs, dass jeden Tag in
jedem Haus ein Kuchen auf dem Tisch stehen soll."
Der Jubel, der diesen Worten folgte, war unermesslich und dauerte noch
lange an. Dann schritt man zur Wahl. Wer wohl die Wahl gewonnen hat?
Der König wurde Präsident und
der Prinz sein Kanzler. So kam die Herrschaft des Volkes in die Welt. Und wenn
sie nicht gestorben sind, dann leben der König, will sagen der Präsident und
seine Froni und wahrscheinlich auch der Königssohn noch heute.
***
Das Essen war einfach aber ausgezeichnet gewesen. Es hatte Käsenockerln
gegeben und dazu ein kräftiges Bier. Zufrieden lehnte sich William zurück und
rülpste leise in die hohle Hand. Dann legte er seinen Arm um Hilda, zog sie an
sich und hatte den Wunsch, die Zeit möge stehen bleiben.
Nach dem Aufstieg über steile, steinige Gebirgspfade waren beide
rechtschaffen müde gewesen. Doch die imposanten Berge mit ihren weißen Spitzen,
die sich gebieterisch über ihnen erhoben und die prächtige Fernsicht hatten sie
für alle Mühen entlohnt.
Die Sonne hatte sie auf der ganzen Wanderung nicht im Stich gelassen. Der
Gesang der Vögel und tanzende Schmetterlinge waren ihre Begleiter gewesen.
Durch das Fernglas konnten sie sogar eine Herde Gämsen beobachten. Sie hatten
sich wie in einem dieser alten, kitschigen Heimatfilme gefühlt.
Dann war hinter einem Berghang die Hütte aufgetaucht. Beim Eintreten
hatten sie sogar den Kopf einziehen müssen, so nieder waren die Tür und auch
die Zimmerdecke. Der kleine Gastraum mit den drei Tischen und Bänken war leer.
Außer ihnen hatte heute niemand hier heraufgefunden. Die Wirtin war dann auch
gleich nach nebenan gegangen, um das Essen zuzubereiten, und ihr Mann hatte
zwei Flaschen Bier und Krüge auf den Tisch gestellt.
Nun nach der guten Mahlzeit fühlten sich beide wieder erholt. Ein
kleines Mittagsschläfchen würde aber das Glück vollkommen machen, sagte sich
William und fragte den Herbergswirt nach Übernachtungsmöglichkeiten. Es gab ein
kleines Zimmer unter dem Dach. Nicht besonders komfortabel, mit schrägen Wänden
und natürlich ohne Toilette und Bad. Das war genau richtig, und William mietete
es sogleich.
Dorthin zog er sich mit Hilda zurück. Sie kamen aber doch nicht zum
Ausruhen, denn als Hilda ihr fesches Dirndl auszog, das sie am vergangenen Tag
unten im Tal in der teuren Modeboutique gekauft hatte, wurde die schlummernde
Lust in Williams Lenden zu einem übermächtigen Feuer. Die nächste Stunde wurde
das alte Bett dann sehr strapaziert. Doch es hielt stand. William und Hilda
kannten sich schon einige Monate, und noch immer rief die Frau in William
Stürme des Verlangens und der Lust hervor.
Es war schon spät, als sie sich auf den Rückweg ins Tal machten. Sie
würden den letzten Teil der Strecke im Schein der Taschenlampen bewältigen
müssen.
Die Wirtsleute waren großzügig entlohnt worden und standen winkend in
der Tür der Hütte.
‚Hierher möchte ich wieder zurückkehren‘, dachte sich William, ‚und dann
soll es ebenso schön sein wie heute.‘
Er winkte seinen Privatsekretär herbei und gab entsprechende
Anweisungen. Während William und Hilda frohgemut und singend zusammen mit den
acht Bodyguards und den beiden Bergführern weiter wanderten, kehrte der zur
Hütte zurück. Er wusste, was er zu tun hatte, schließlich hatte er einen
derartigen Auftrag nicht zum ersten Mal erhalten.
Er würde nun die Hütte und die umliegenden Grundstücke kaufen und die
Herbergsleute als Bedienstete seines Chefs engagieren. Diese würden recht
erfreut sein, denn William zahlte gut.
Anschließend galt es alles zu fotografieren, damit der Originalzustand
dokumentiert war und für immer erhalten werden konnte.
Später, wenn alles erledigt war, begann für die Menschen hier oben die
Wartezeit. Wann würde sich William an die schöne Zeit, die er hier verbracht
hatte, erinnern und wiederkehren? Noch in diesem Sommer? Im nächsten Jahr? In
zehn Jahren? Vielleicht nie?
Es stand außer Frage, dass in der Zwischenzeit keine Gäste mehr
aufgenommen werden durften. Schließlich hatte William den Gastraum leer in
Erinnerung, ohne fremde Wanderer. Sollte er unverhofft aufkreuzen, wären
missliebige Fremde eine Katastrophe. Und natürlich würden die Wirtsleute jeden
Tag die Kleider tragen, die sie an diesem einem, diesem entscheidenden Tag
angehabt hatten. Im Tal würde man dazu einen Schrank voll identischer Kleider
und Hosen anfertigen lassen.
Die Frau mit den schweren Brüsten und der Mann mit dem eindrucksvollen
Bart erzählten in den kommenden Jahren wieder und immer wieder von den
seltsamen Gästen, die ihr Leben so radikal verändert hatten. Dabei dampften in
der Küche Tag für Tag frische Käsenockerln und warteten auf Gäste, die
vielleicht niemals kamen. Und das alles wurde überwacht von einem Beauftragten
Williams, der sich aber leider mit dem Paar in der Hütte nicht besonders gut
verstand. Es kam häufig zu Streit.
Irgendwann verfluchten die Herbergsleute die damaligen Gäste, die ihnen dies
alles beschert hatten. Aber es half nichts. Verträge sind Verträge und müssen
eingehalten werden, und ihre Einhaltung wurde streng überwacht.
Nur einem Faktum konnte nicht Einhalt geboten werden: der Zeit. Zwar
konnte man die Hütte und ihre Einrichtung immer wieder getreu restaurieren, und
im Lauf der Jahre wurde praktisch alles erneuert. Aber die beiden Menschen
ließen sich nicht konservieren. Sie wurden eben älter. Sicher die Haare und den
eindrucksvollen Bart konnte man färben. Aber die Gesichter bekamen mehr und
mehr Falten. Der Mann ging nun gebückt, und die Frau hütete immer häufiger das
Bett. Dann dampften in der Küche keine Käsenockerln.
Deshalb kamen die Beauftragten von William nicht umhin, das verbrauchte Herbergspaar
gegen ein frisches auszutauschen. Man richtete sich nach den alten Bildern und
hatte auch bald Ersatz gefunden. Wer wollte nicht gern ein sorgenfreies Leben
hoch oben in den Bergen ohne Arbeit aber bei guter Bezahlung führen!
So ging die Zeit ins Land und auch dieses Paar wurde in Rente geschickt
und durch ein neues ersetzt. Und keiner der Erben von William wurde je auf die
Hütte in den Bergen aufmerksam, in der man noch immer ein strenges Ritual einhielt.
Den Erben war auch das Lokal an dem idyllischen Bergsee gleichgültig, in dem
William mit Angie wunderschöne Stunden verbracht hatte. Sie wussten nicht
einmal etwas von der kleinen Dorfkirche, in der neun alte Frauen den Rosenkranz
lautet gebetet hatten, was William damals zu Tränen rührte. Dort beteten neun
Frauen noch immer und lösten sich schichtweise ab.
Nein, diese und viele andere Erinnerungen hatte der Verblichene mit ins
Grab genommen. Wahrscheinlich hatte er zuletzt nicht einmal mehr selbst gewusst,
dass er diese Erinnerungen überhaupt besaß.
Und wieder gingen Jahre und Jahrzehnte ins Land, und irgendwann wurden
auch die Zahlungen aus dem Vermögen Williams, das seine Erben inzwischen recht
dezimiert hatten, sang- und klanglos eingestellt. Doch die Hütte in den Bergen,
das Lokal am See, das Rosenkranzbeten und alle die anderen Erinnerungen
Williams waren inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Niemand
kannte mehr ihren Ursprung, denn der Name William war längst vergessen. Aber die
Erinnerungen existierten eben, und dies schon solange, wie man denken konnte. Deshalb
machte man einfach weiter.
Zwar wurden die Akteure nicht mehr dafür bezahlt, aber sie taten es nun
für die Gemeinschaft und wurden dafür hoch geehrt.
Endlich entdeckten auch die Ethnologen von irgendwelchen Universitäten
die seltsamen Bräuche. Sie begannen, Bücher darüber zu schreiben und ihren
Ursprung in das frühe Mittelalter zu verlegen. Ursprünglich sollten ihrer
Meinung nach böse Geister gebannt werden, auch von Fruchtbarkeitszauber war die
Rede.
Langsam entdeckte auch der Tourismus die Orte. Von überall her kamen
Busse mit Menschen, die sich für die seltsamen Bräuche interessierten. Zu der
Berghütte wurde irgendwann sogar eine Straße gebaut und Würstchen- und
Andenkenbuden in ihrem Umkreis aufgestellt.
Williams hatte sein Ziel erreicht. Seine Erinnerungen entwickelten sich
zu einem Wirtschaftszweig und wurden unsterblich.