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Genehmigung von Horst Neisser wiedergegeben werden.
Die Welt Verschwörung
Wer regiert tatsächlich die Länder dieser
Erde? Von wem werden die Geschicke der Völker gelenkt?
Sind es die Parlamente und Regierungen? Es
gibt daran ernsthafte Zweifel. - Aber wer sonst übt tatsächlich die Macht aus?
Wessen Pläne werden im Verlauf von vielen Jahren verwirklicht?
Woher kommt das Geld für die gigantischen
Schulden der Staaten? Wer verbirgt sich hinter den „internationalen
Finanzmärkten“? Sind es vielleicht internationale Bankiersfamilien, die so
reich sind, dass sie in keiner Forbesliste auftauchen? Und wer wiederum steht hinter
den Bankiersfamilien?
Die Austauschstudentin Jeannette Grashuber hat
sich über diese Fragen keine Gedanken gemacht, bis sie eines Tages den Sohn
einer dieser unendlich reichen und mächtigen Familien in Cambridge kennenlernt.
Durch ihn bekommt sie Zugang zu seinem Familienschloss und den großen
Geheimnissen dieser Welt. Sie erfährt von Mächten, die seit sieben
Jahrtausenden stets im Hintergrund und unsichtbar die Geschichte unserer Welt
bestimmen.
Das Schicksal der Familie Lapisvent,
die ehemals Arepo hieß, beginnt mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. In
dem geheimnisvollen Palindrom „sator-arepo“ ist ihre Aufgabe in dieser Welt
verschlüsselt beschrieben. Es ist Jeannettes Schicksal, diese mächtige Familie
endlich zu ihrer wahren Bestimmung zu führen und damit die Welt zu retten. Doch
bis es so weit ist, muss sie um ihr Leben fürchten. Sie wird quer durch Europa
gejagt bis zum Showdown in Sibirien.
Der spannende Roman gewährt einen Blick hinter
die Kulissen der Macht, gibt Einblicke in eine Welt, über die sich die
etablierten Medien ausschweigen. Eine Welt, von der die Wenigsten wissen, dass es
sie überhaupt gibt.
Der Leser erfährt viel Hintergrundwissen und
wird gleichzeitig bis zur letzten Seite in Atem gehalten.
Teil I
Mittelmeer, 65 Seemeilen südwestlich von Nizza, Juni – Jeannette Grashuber
1
Der
Hubschrauber umkreiste das Schiff in großem Abstand. Ebenso die vier
bewaffneten Schnellboote. Die Menschen auf der großen, weißen Jacht durften
nicht gestört werden. Außer Sichtweite wachte ein zweites, ein bewaffnetes
Schiff.
Die
Sonne spiegelte sich im blauen Wasser. Ein leichter Wind strich über das Deck.
Die Jacht war über achtzig Meter lang und schaukelte leicht auf den Wellen.
„Es
ist beinahe ein wenig zu schön hier. Es überschreitet schon die Grenze zum
Kitsch“, dachte Jeannette.
Sie
lag auf dem dicken Polster einer breiten Liege, halb im Schatten eines
Sonnenschirms, der von einem eifrigen Bediensteten immer wieder nach dem Stand
der Sonne neu ausgerichtet wurde. Im Hintergrund warteten zwei Diener, um auch
wirklich jeden Wunsch umgehend zu erfüllen. Trotz der Hitze trugen sie schwarze
Hosen und weißes Jackett. Alles kam Jeannette unwirklich vor, so als träumte
sie und würde jeden Moment erwachen. Sollte es wahr sein, dass sie vorgestern
noch in Cambridge im College über ihren Büchern gesessen war?
Bernard
kraulte mit langen Zügen zum Beckenrand und stieg dann aus dem Swimmingpool.
Wassertropfen perlten von seinem muskulösen, gebräunten Körper. Das lange
schwarze Haar war zu einem Zopf gebunden, so konnte man sehen, dass nur eines
der beiden Ohrläppchen angewachsen war. Sie fragte sich, ob er das Haar wohl
färben ließ. Dieses tiefe Schwarz konnte nicht natürlich sein. Aber was machte
das schon aus? Natur oder die Kunst des Friseurs: Er sah gut aus, verdammt gut,
und er wusste es.
Sogleich
eilte einer der Diener herbei und rieb ihn mit einem großen, weißen Badetuch
trocken.
Jeannette taxierte ihn noch immer. Mindestens
einen Meter neunzig, dachte sie. Damit war er größer als sie. Bei ihren
Freundschaften war ihre Körpergröße bisher meist ein Problem gewesen, sie war
einfach zu groß für die meisten Männer. Dabei sah sie gut aus mit ihren langen
Beinen, der durchtrainierten Figur und den brünetten Haaren.
„Sag
mal“, meinte sie schnippisch, als er wieder auf der Liege neben ihr lag,
„übertreibst du es mit dem Service nicht ein wenig?“
Er
lachte schallend und fragte: „Du meinst, ich habe das Ganze hier inszeniert, um
dir zu imponieren? Nein, wirklich nicht! An diesen Service bin ich von Kindheit
an gewöhnt. Ich nehme ihn gar nicht mehr wahr.“
Dass er vor ihr angeben wollte, hatte sie in der Tat gedacht. Überhaupt
wusste sie, seit sie Bernard getroffen hatte, nicht mehr was Inszenierung und
was Realität war. Sie erlebte eine Welt, die sie nicht einmal aus dem Kino
kannte und bislang für die Hirngespinste eines schlechten Schriftstellers
gehalten hätte.
2
Angefangen
hatte es auf dem Mai-Ball des Clare College in Cambridge. Dieser Ball, der
entgegen seinem Namen im Juni stattfand, war ein großes Ereignis und die Karten
schon lange im Voraus ausverkauft. Nicht einmal prominente Alumni durfte
teilnehmen, wenn sie nicht rechtzeitig gebucht hatten. Es sollte eine Zeitreise
ins achtzehnte Jahrhundert werden. Man war angehalten, sich zu verkleiden. Aber
für die richtige Stimmung sorgte in erster Linie die Umgebung: der alte Hof des
Colleges aus dem siebzehnten Jahrhundert und die gepflegten Gärten.
Jeannette
Grashuber hatte ein Stipendium und war Gaststudentin in Cambridge. Sie kam aus
Deutschland und machte mit Fleiß und Eifer ihre fehlenden Finanzmittel wett.
Der Vater war Fernfahrer gewesen. Auch er hätte in seiner Jugend gern studiert,
aber die Finanzen seines Elternhauses reichten eben nicht. Doch seine Tochter
sollte, wie es in solchen Geschichten so oft der Fall ist, all das nachholen,
was er versäumt hatte. Seine Frau war nach der Geburt des Kindes nicht mehr
arbeiten gegangen. Auch sie unterstützte diesen Plan aus ganzem Herzen. Die
Tochter wurde deshalb nicht Lena oder gar Vanessa genannte, sondern Jeannette.
Der Name hatte in den Ohren der Eltern einen weltoffenen, einen intellektuellen
Klang. Das Mädchen litt zeit seines Lebens unter dem Erwartungsdruck der
Eltern. Doch bemühte es sich nach Kräften, ihn auch zu erfüllen. Sie war stets
eine gute Schülerin und schrieb sich nach dem Abitur für Biologie und Physik an
der Universität in Frankfurt ein. Leider erlebten die Eltern ihren Erfolg nicht
mehr. Sie waren kurz zuvor bei einem Autounfall gestorben. Der Vater war um
fünf Uhr morgens von einer langen Fahrt aus Griechenland zurückgekommen und Mutter
hatte ihn vom Fuhrpark abgeholt. Wahrscheinlich war sie noch nicht ganz wach
gewesen. Obgleich sie eine vorsichtige, ja ängstliche Fahrerin gewesen war,
musste sie eine Kurve zu schnell genommen haben. Sie schleuderte auf die
Gegenfahrbahn. Dort stieß sie mit einem entgegenkommenden Auto zusammen. Beide
Eltern starben noch an der Unfallstelle.
Jeannette
brauchte Wochen, bis sie mit ihrer Trauerarbeit so weit war, dass sie das
Studium beginnen konnte. Doch dann siegte ihr Ehrgeiz. Sie stürzte sich in die Arbeit,
und je mehr sie sich ihren Studien widmete, desto geringer wurde der Schmerz
über den Verlust. Sie lud eine Austauschstudentin aus England ein, die bei ihr
zwei Semester lang wohnte. Schließlich ermutigte sie einer ihrer Professoren,
sich um das Gates-Stipendium zu bewerben - und sie gewann. Nun studierte sie in
England und noch dazu am Clare College, das als das fortschrittlichste und
liberalste in ganz Cambridge bekannte war. Sie konnte dort sogar ihrem Hobby,
dem Cello spielen frönen. Kurz, die Studentin verlebte die glücklichste Zeit
ihres Lebens.
Auf
den Mai-Ball ihres College hatte sie sich besonders gefreut und schon Monate
zuvor das Kostüm ausgesucht und sich beim Kostümverleih zurücklegen lassen.
Dann war es endlich so weit. Park und Hof waren mit Fackeln beleuchtet, Musik
spielte, man traf sich, parlierte, betrachtete die Spektakel und flirtete. Doch
leider nahm das Fest, zumindest was die Studenten betraf, den gewohnten
englischen Gang: Sie ließen sich hemmungslos mit den unterschiedlichsten
Alkoholsorten volllaufen.
Jeannette
beteiligte sich an dem Besäufnis schon deshalb nicht, weil sie sich die Preise
für die Getränke nicht leisten konnte. Außerdem machte sie sich nicht viel aus
Alkohol. So saß sie ein wenig ratlos auf der steinernen Brüstung der Clare
Bridge.
Ihr
war klar geworden, dass sie nicht zu dieser Gesellschaft gehörte und nie
gehören würde. Dabei spielte ihre Nationalität keine Rolle. Aber hier trafen
sich Familien, für die Geld etwas war, das man ganz einfach hatte. Für den Champagner,
den ein einzelner Student in kurzer Zeit versoff, hätte ihr Vater eine Woche
lang arbeiten müssen.
Jeannette
dachte an ihren amerikanischen Freund, der sich gerade auf einer Exkursion in
Grönland befand. Sie vermisste ihn.
Sie
war so in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie den Typ in dem Barockkostüm
gar nicht bemerkt hatte. Erst als er ihr ein Glas Champagner in die Hand
drückte, hatte sie aufgesehen.
„Cheers,
schöne Unbekannte!“
Er
lächelte so herzlich, dass Jeannette hell auflachte und mit ihm anstieß. Sie
tauschten ihre Vornamen aus und gingen dann durch den Park spaziert. Bald
hatten sie das Licht der Fackeln hinter sich gelassen. Das Mädchen wartete
darauf, dass der Fremde nun seinen Arm um sie legen und sie küssen würde. Es
wäre ihr nicht unangenehm gewesen, und sie hätte sich auch nicht gesträubt. Sie
war über diese unverhoffte Gesellschaft froh, und er war ja auch wirklich nett.
Doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen berichtete Bernard, dass er zwar
als Student in Cambridge eingeschrieben sei und auch einen Platz am King‘s
College habe, aber die Universität nur sporadisch besuche. Er habe einfach zu
wenig Zeit. Doch das Diplom werde er auf jeden Fall bekommen. Anfangs habe er
zwischen Cambridge und Harvard als Studienorte geschwankt, sich dann aber für
Cambridge entschieden, weil sein Vater einst dort studiert hatte.
Eliteuniversitäten
könne man sich doch nicht so einfach aussuchen und nach Belieben am Unterricht
teilnehmen, hatte sie gerufen.
Doch
Bernard machte eine abfällige Handbewegung und setzte sein gewinnendes Lächeln
auf.
Trotz
des lauen Sommerabends, der romantischen Stimmung und dem Champagner ging der
neue Bekannte mit seinen Angebereien Jeannette bald auf die Nerven. Aber sie
zeigte es ihm nicht und ließ sich von ihm sogar zu einem gemeinsamen Essen am
nächsten Tag überreden. Er sollte sie gegen acht Uhr am Abend abholen.
Der nächste
Tag begann ganz normal. Sie erzählte schon beim Frühstück ihrer Freundin Lena
alles von dem charmanten Fremden. Die war besonders neugierig, wenn es um
Männer ging. Die Wohnung in der Barnabas Road, ganz in der Nähe der Bibliothek,
war wegen der teuren Mieten in Cambridge klein. Die beiden Frauen schliefen
zusammen in einem Zimmer. Wenn eine von ihnen Besuch mitbrachte, musste die
andere die Wohnung verlassen. Daran hatten sie sich schon in Deutschland
gewöhnt, als Lena Gast bei Jeannette gewesen war. Jeannette war damals und auch
jetzt erheblich häufiger als Lena in einem Café gesessen und hatte gewartete.
Am
späten Nachmittag trafen sie sich wieder und besprachen natürlich noch einmal
Jeannettes neue Bekanntschaft. Irgendwann sagte Lena bitter: „Lass dich von dem
Typ nicht gleich querlegen. Er scheint ja mit seiner Masche bisher stets Erfolg
gehabt zu haben. Gerade die Typen mit Geld glauben, dass ein Abendessen, das
sie bezahlen, im Bett enden muss. Auf diese Weise kommt sie der Sex billiger,
als bei einer Professionellen.“
„Mach
dir keine Sorgen! Aus der Verabredung wird nichts. Ich habe, vergessen Bernard
unsere Adresse zu geben.“
Lena
hatte die Angewohnheit, Tasse und Untertasse mit sich herumzuschleppen und beim
Gespräch im Zimmer auf und ab zu gehen. Plötzlich blieb sie am Fenster stehen
und sagte heiter: „Da unten steht eine dunkle Limousine mit Männern. Werden wir
etwa überwacht?“
„So
weit kommt es noch“, Jeannette musste lachen und verschluckte sich beim
Trinken.
Punkt acht
Uhr klingelte es an der Tür. Die beiden Frauen hatten es sich bequem gemacht
und erwarteten keinen Besuch mehr. Draußen stand Bernard.
„Sind
wir nicht verabredet?“ fragte er verschmitzt.
„Aber
...“, Jeannette war völlig verwirrt, „wie hast du mich gefunden?“
„Das
war eine leichte Übung. Wollen wir gehen?“
„Gleich,
ich muss mich nur noch umziehen.“
„Das
ist nicht nötig. Es ist alles vorhanden, was du brauchst.“
Jeannette
war so aus der Fassung, dass sie sich ohne weitere Widerrede zum sofortigen
Aufbruch nötigen ließ und sich nur noch flüchtig von Lena verabschiedete.
Unten
wartete eine Stretchlimousine, ein großer Lincoln mit Chauffeur. Bernhard schob
sie auf die hinteren Polster, und ein kleiner Konvoi setzte sich in Bewegung.
Voraus fuhren zwei schwere Wagen voll besetzt mit Männern in dunklen Anzügen,
und das Auto, das vor ihrem Haus gewartet hatte, folgte ihnen. Jeannette war
sprachlos. Noch verwirrter wurde sie, als die Kolonne schließlich auf dem
Flughafen von Cambridge haltmachte. Sie stiegen dort in einen Privatjet ein.
Die
Turbinen surrten gleichmäßig, eine Stewardess servierte Getränke, die
Bodyguards hatten sich auf die hinteren Sitze verdrückt. Bernard und Jeannette
saßen nebeneinander auf bequemen Sesseln.
„Ich
habe dir doch ein Essen versprochen, wie du es noch nie erlebt hast“, sagte der
Mann.
„Und
die Bodyguards?“ stammelte die Frau.
„Die
sind Routine. Sie gehören einfach zu meinem Leben und auch zu dem Leben der
Menschen, die ich neu kennenlerne.“
„Dann
hast du mich also den ganzen Tag überwachen lassen?“
„Natürlich.“
„Und
warum habt ihr keine Leibesvisitation bei mir vorgenommen? Ich könnte doch Waffen
bei mir tragen.“
„Nein,
du bist sauber. Wir haben alles überprüft. Seit dem ersten Wort, das wir
gewechselt haben, wirst du kontrolliert. Wo hättest du in der Zwischenzeit eine
Waffe auftreiben sollen? Wir wissen alles von dir. Mit wem du zur Schule
gegangen bist, mit wem du geschlafen hast. Kompliment, du bist relativ keusch
gewesen. Das gefällt mir an dir. Ich könnte dir sogar die Farbe deines Höschens
sagen.“
Beleidigt
erhob sich Jeannette und legte sich auf einem der hinteren Sitze zum Schlafen nieder.
Bernard ließ sie gewähren und folgte ihr nicht.
Sie
landeten mitten in der Nacht auf einem Flughafen, den Jeannette nicht kannte.
Der Jet rollte zu einem Platz weit ab vom Fluggebäude. Dort wartete bereits ein
Hubschrauber. Schließlich endete die Reise auf dieser Jacht.
In
ihrem Zimmer hatte Jeannette tatsächlich einen gefüllten Kleiderschrank vorgefunden.
Kleider und Wäsche waren neu und teuer und genau in ihrer Größe.
„Ich
habe dir doch gesagt, dass alles vorhanden ist“, sagte Bernhard, der sie
zusammen mit einem Diener zu ihrer Kabine begleitet hatte.
3
Am
nächsten Morgen war Jeannette schon früh auf den Beinen. Zuerst erkundete sie
ihre Unterkunft. Eine geräumige Kabine. Bett, kleiner Schreibtisch, eingebauter
Schrank, kleine Sitzecke mit bequemen Ledersesseln. Aus dem großen
Kleiderangebot wählte sie eine kurze, weiße Hose und eine helle Bluse an. Dann
trat sie hinaus auf den Gang und von da ans Deck. Die Sonne stand noch tief,
und es lag ein Geruch in der Luft, wie man ihn nur auf dem Meer am frühen
Morgen atmen kann.
Übermütig
lief sie zur Reling und schaute auf das blaue Wasser. Das Schiff machte leichte
Fahrt und zog langsam durch die sich kräuselnden Wellen. Sie war in den
ungewohnten Anblick vertieft und schreckte erst aus ihrer Versunkenheit, als
sie jemand leicht an der Schulter berührte.
Ein
Diener im weißen Jackett fragte, ob sie Kaffee wünsche. Im Frühstückssalon sei
bereits alles gerichtet.
„Oh,
ich warte auf Bernard.“
„Der
junge Herr pflegt aber lange zu schlafen.“
‚Redet
der geschwollen’, dachte Jeannette und sagte laut: „Dann frühstücke ich eben
allein.“
Sie
hatte einen Bärenhunger.
4
Und
nun lag sie neben ihrem geheimnisvollen Freund auf einer weichen Liege und
wusste noch immer nicht, was sie von alledem halten sollte.
Um
ein Gespräch zu beginnen, fragte sie: „Wer bist du nun wirklich?“
„Ein
netter junger Mann, der dich auch nett findet“, feixte er.
„Du
sollst dich nicht über mich lustig machen!“
„Gut,
ich werde dich ein wenig einweihen. Beginnen wir mit dem Wesentlichen. Du
darfst nicht fragen ‚wer bist du? ‘, sondern ‚wer seid ihr?‘. Wir sind eine der
Familien, die die Geschicke der Welt bestimmen.“
„Und
wie heißt ihr?“
„Wir
sind die Barone Lapisvent. Unser Name leitet sich aus dem Lateinischen ab von lapis,
der Stein, und venetus, blau. Das Symbol unserer Familie ist der Saphir, den du in
unserem Wappen und auch sonst überall bei uns findest. Wenn irgendwo einen
Saphir angebracht ist, so ist in der Regel unsere Familie mit im Spiel.“
„An
Geld scheint es euch nicht zu mangeln. Wie kommt es, dass ich euch noch nie auf
der Forbesliste der reichsten Leute gesehen habe?“
„Da
stehen doch nur Emporkömmlinge. Bill Gates oder die russischen Milliardäre sind
aber nicht wirklich reich. Auch der Reichtum der Queen ist lächerlich. Über die
Buffetts, die Abramovitchs oder Waltons kann ich nur schmunzeln. Du glaubst
doch nicht, dass sich die echten Reichen in ihre Karten und auf ihre Konten
sehen lassen, um dann in läppischen Listen aufzutauchen. Bei den großen und
alten Bankiersfamilien findest du den wahren Reichtum. Dagegen sind Bill Gates
oder der Maharadscha von Dingsbums Bettler. Unsere Familien besitzen mehr Geld
als die USA oder Russland zusammen. Wir finanzieren nämlich diese Staaten.
Erinnerst du dich noch an die Thurn und Taxis? Die haben auch ganze Königreiche
finanziert und die Politik deren Herrscher bestimmt.
Zu
unserem Glück gehört die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht uns, sondern
den Fürsten- und Königshäusern, Medienstars und ein paar Pseudoreichen. Von den
wirklich Mächtigen und Reichen erfährt niemand etwas. Hin und wieder taucht
zwar ihr Name in der Presse auf, es gibt ein paar Gerüchte. Sonst erfährt die
Öffentlichkeit nichts.“
„Gehört
ihr zum Hochadel?“
Bernhard
wälzte sich auf den Bauch und gab dem Bedienten einen Wink, er wollte ein wenig
Sonne tanken – keinen Schirm.
„Im Lauf der Geschichte ging es mit uns auf und ab. Aber seit dem
neunzehnten Jahrhundert gehören wir auch wieder dazu.“
„Und
du behauptest, ihr regiert die Welt?“
„Wir
ziehen unsere Fäden im Hintergrund und sagen den Regierungen, was sie zu tun
und zu lassen haben. Wir bestimmen, wann und wo Kriege geführt und wofür
Steuergelder ausgegeben werden.“
‚Wieder
dieser unsinnige Größenwahn’, dachte Jeannette. ‚Er kann es einfach nicht lassen.’
- „Und weshalb sollten demokratisch gewählte Regierungen auf euch hören?“
fragte sie laut.
„Ganz
einfach, weil wir sie finanzieren. Zwar werden jeden Tag die Zeitungen
vollgeschrieben mit Artikeln zum Thema ‚Staatsverschuldung‘. Da heißt es, ‚die
Staatsverschuldung wächst’ oder ‚der Schuldendienst ist unerträglich hoch’.
Aber niemand fragt, woher denn das Geld kommt, das die Staaten schulden, und an
wen sie die Zinsen zahlen. Wer sind die Gläubiger von vielen Ländern, so von
den USA, den Japanern oder von euch Deutschen? Für wen arbeiten die
Ratingagenturen? Wer bestimmt die Höhe der Zinsen, die verschuldete Länder
zahlen müssen?“
„Aber
das Geld der Staatsverschuldung bringen doch die Bürger auf, indem sie
Staatsanleihen oder Kommunalobligationen kaufen. Auch Lebensversicherungen, so
habe ich gelesen, legen dort die Prämien ihrer Kunden konjunktursicher an.“
Bernard
stöhnte über so viel Naivität. „Das sind doch nur Peanuts. Kennst du überhaupt
die Größenordnungen, über die wir reden? Dein Land war 2010 mit 1.500
Milliarden Euro verschuldet, die Länder Europas brachten es damals zusammen auf
über zehn Billionen Euro, das sind 10.000 Milliarden. Die USA standen mit weit
mehr als 10.000 Milliarden Dollar in der Kreide und Japan mit 8.000 Milliarden
Dollar. Inzwischen ist es durch all die Krisen, die wir provoziert haben, noch
erheblich mehr geworden. Wie viel weiß ich nicht. Ich habe einfach den
Überblick verloren. Aber in Großbritannien und auch in den USA ist die
Staatsverschuldung inzwischen auf mehr als 100 Prozent des
Bruttoinlandsproduktes angestiegen. Von EU-Pleiteländern ganz zu schweigen.
Diese
enormen Summen überschreiten das Vorstellungsvermögen. Wer, glaubst du denn, hat so viel Geld, dass er derartige Unsummen den
Staaten auf immer und ewig leihen kann? Sicher keine
Lebensversicherungs-Gesellschaft oder die Kleinanleger! Weißt du eigentlich,
dass alle Lebensversicherungen deines Landes zusammen insgesamt nicht mehr 700
Milliarden Euro angelegt haben. Und natürlich sind da noch die Rentenfonds
speziell aus den USA, die Geld anlegen. Es gibt sicher eine Menge
Einrichtungen, die an der Verschuldung der Staaten profitieren, aber die
wirklich großen Beträge kommen von uns! Wir sind diese ominösen ‚Internationalen
Finanzmärkte‘, von denen die Medien und die Finanzfachleute raunen. Wir legen
fest, wie viel Zinsen jedes Land zahlen muss und wie kreditwürdig es ist.“
„Und wo habt ihr die gigantischen Tresore, in denen
all die Billionen und Aberbillionen lagern?“ fragte Jeannette spöttisch.
Doch
der Mann blieb ganz ruhig: „Die gibt es natürlich nicht. Wir horten nicht irgendwo eine Menge Geldscheine. Im
Grunde verleihen wir Geld, das wir selbst geschöpft haben. Wir wollen es auch
gar nicht zurückgezahlt bekommen. Es genügt, wenn man uns auf Ewigkeit die
Zinsen dafür bezahlt."
„Ihr
druckt also euer Geld selbst?" Jeannette Stimme wurde immer spöttischer.
„So könnte
man sagen", Bernard blieb völlig ernst. „Um das zu erklären, muss ich ein
wenig ausholen. Die meisten Menschen glauben, dass die Zentralbanken in der
Hand des Staates wären. Dem ist aber nicht so. So ist die amerikanische Federal
Reserve, die berühmte FED, keine Institution des Bundes, sondern gehört einer
Gruppe von Großbanken. Ebenso die Zentralbanken in Europa und in den meisten
anderen Ländern. Diese Banken erzeugen das Geld und die Staaten zahlen dafür
Zinsen. Voilà, und über diesen Weg schöpfen wir Geld aus dem Nichts, für das
wir dann die Zinsen einstreichen."
Jeannette
schüttelte ungläubig und verwirrt den Kopf. „Warum willst du mich für dumm
verkaufen?"
„Das tue
ich doch gar nicht. Das ist nun einmal die Realität. Die amerikanische
Regierung druckt die Geldscheine, wir zahlen die Druckkosten und der US Staat
zahlt uns für dieses so geschaffene Geld Zinsen. Aber tröste dich, nur ein
geringer Teil des Geldes kommt auf diese Weise in den Umlauf. Heutzutage ist
das meiste Geld nur eine Ziffer auf Computerbildschirmen. Was glaubst du
geschieht, wenn du zu einer Bank gehst und dir Geld für den Kauf eines Hauses
leihen willst? Da geht niemand zu dem Tresor im Keller und holt von den dort
gestapelten Geldscheinen die nötige Summe. Die Bank erzeugt das Geld vielmehr
ganz einfach im Computer. Da sie aber von dir für dieses Geld eine
wertbeständige Sicherheit hat, nämlich dein neues Haus, erhöht sich im gleichen
Moment ihrer Mindestreserve. Deshalb kann sie an einen anderen Kunden das
gleiche Geld noch einmal ausleihen und so weiter und so fort."
Jeannette verstand nicht, wovon er
sprach und begann sich zu langweilen. Das Ganze war völlig absurd, und sie
schätzte ihren Gegenüber mehr und mehr als überdrehten Sonderling ein. Sie
wollte das Thema wechseln.
Aber Bernard war von seiner eigenen
Rede so fasziniert, dass er fortfuhr: „Wenn du dir die ungeheuren
Staatsschulden weltweit vorstellst, dann kannst du vielleicht ermessen, welche
hohen Zinsen wir und die anderen großen Bankerfamilien daraus beziehen. Und natürlich
investieren wir unser Geld auch in die Wirtschaft, spekulieren auf
Aktienmärkten und auf dem Immobiliensektor. Öl und andere Energiereserven sind
ebenso in unseren Händen wie Waffenschmieden und Forschungslabors. Verstehst du
nun, weshalb ich über einen Reichtum von acht oder zehn Milliarden nur müde
lächele, wenn wir doch tausend Milliarden einfach so verleihen können?“
Noch immer gelangweilt und des Themas
überdrüssig fragte Jeannette: „Und warum weiß man in der Öffentlichkeit nichts
davon? Sind
denn alle Politiker, alle Journalisten, all die Wirtschaftswissenschaftler
blöd?“
„Natürlich
wissen einige Leute über die tatsächlichen Verhältnisse Bescheid. Aber die
reden nicht darüber. Die meisten Menschen werden mit vordergründigen
Erklärungen abgespeist. Und wenn du mich fragst, so sind sie damit zufrieden.
Niemand will wirklich wissen, woher das Geld kommt, das die Staaten ausgeben. Zwar möchte jeder möglichst viel Geld haben, aber die
meisten Menschen betrachten es als unheimlich langweilig, sich mit dem Thema
Geld näher zu beschäftigen. Sei ehrlich, du langweilst dich inzwischen doch
auch und möchtest, dass ich das Thema wechsele."
Jeannette fühlte sich ertappt und
sagte ein wenig zu engagiert: „Nein, nein, das ist sehr interessant, was du da
erzählt."
„Gut, dann bist du eben eine
Ausnahme, aber in der Regel interessieren sich die Menschen nur dafür, dass Geld
ganz einfach da ist. Es ist ihnen gleichgültig, wie teuer dafür bezahlt werden
muss. Was glaubst du, wie nieder die Steuern wären, wenn die Staaten bei uns
keine Schulden hätten!“
Jeannette
war aufgestanden und unruhig hin und her gelaufen. Gedankenverloren nahm sie
ein eisgekühltes Glas von einem Tablett, das ihr ein Diener hinhielt. Abrupt
drehte sie sich um und starrte böse auf Bernard, der die Hände hinter dem Kopf
verschränkt hatte und mit geschlossenen Augen vor sich hin redete.
„Dann
seid ihr also eine Mafia? So etwas wie eine Camorra der Banken?“ Ihre Stimme
war sarkastisch. Sie wollten diesen Angeber beleidigen. „Und wer ist euer
Pate?“
„Unsinn“,
antwortete er ganz ernst. „Wir begehen keine Verbrechen. Unsere Instrumente
sind Geld und politischer Einfluss.“
„Und
du bist der Pate und machst all die Pläne?“
„Unsinn!
Ich bin nur ein Mitglied einer Bankerfamilie. Ich weiß im Grunde recht wenig.
Meine Brüder und ihre Berater bestimmen die Geschicke. Ich werde erst
eingeweiht, wenn alles schon gelaufen ist. Einzelheiten kenne ich nicht, nur
die großen Zusammenhänge.“
Sein
Eingeständnis beeindruckte Jeannette. Bisher hatte sie Bernard für einen Angeber
gehalten, der sich ohne Maß und Ziel wichtigmachen wollte. Aber selbst wenn
seine Story nur zu zehn Prozent stimmte, so wäre dies schon unglaublich.
Doch
die Achtzigmeter-Jacht, die Schnellboote, die Hubschrauber, sie alle sprachen
eine deutliche Sprache und deuteten auf seine Glaubwürdigkeit hin. Es war wie
in einem Film. Was würde als nächste Action kommen? Vielleicht würden sie nun
von Piraten überfallen? Oder plötzlich Fallschirmspringer am Himmel auftauchen?
‚Du
hast zu viel James Bond Filme gesehen’, zwang sie sich zur Ruhe.
Doch
die Sonne war warm, das Meer ruhig, der Pool sauber und der Caipirinha richtig
gemixt. Der Mann auf der Liege neben ihr sah gut aus, war nett und intelligent.
Es konnte ihr eigentlich nicht besser gehen. Was kümmerten sie diese Storys
über Weltherrschaft und gigantischen Reichtum?
Und
dennoch war da tief in ihrem Innern ein Gefühl der Angst. Dieser Bernhard hatte
sie in unglaubliche Geheimnisse eingeweiht. Sie wusste nun zu viel. Würde sie
je wieder dieses Schiff verlassen dürfen, ihr normales Leben führen?
Spontan
fragte sie ihn, und er lachte: „Ich bin doch kein Mädchenmörder! Oder glaubst
du, du bist die erste Freundin, die ich hierher gebracht habe? Keine hat den
kleinen Ausflug auf mein Schiff bereut. Sicher, ich habe dir ein wenig von
unserer Familie erzählt, damit du mich kennenlernst, aber doch alles wohl
dosiert. Du kannst es gern weiter erzählen. Es wird dir niemand glauben. Du
würdest nicht einmal eine Zeile in der Klatschpresse füllen. Und wenn schon? Es
hätte doch keine Wirkung. Die Wahrheit glaubt nämlich niemand! Nein, habe keine
Angst! Wenn du willst, kannst du in dieser Sekunde in den Helikopter steigen
und wirst zurückgebracht. Das würde ich zwar bedauern, aber nicht verhindern.
Ich mag dich nämlich und habe dich sorgfältig ausgesucht.“
Jeannette
hörte diese Worte mit Genugtuung, aber so richtig sicher fühlte sie sich nicht.
5
Das
Mittagessen nahmen sie auf dem mit einem Sonnensegel überspannten Oberdeck ein.
Zu ihrer Abkühlung waren in einiger Entfernung große Ventilatoren aufgestellt,
die einen schwachen, aber angenehmen Wind erzeugten. Von oben wurde Wasser auf
das Segeldach gesprüht, das sofort verdunstete, und dabei die Temperatur um
einige Grad senkte. Die beiden Menschen, die dort aßen, sollten es so angenehm
wie möglich haben und gleichzeitig den Blick auf das Meer genießen können.
Jeannette
und Bernhard hatten sich umgezogen. Er trug einen leichten weißen Anzug und sie
ein dünnes blaues Kleid, das an den Rändern weiß abgesetzt war. Auch das Essen
war leicht und wurde formvollendet serviert.
Am
späten Nachmittag, sie lagen wieder am Pool und unterhielten sich träge. Bernard
hatte noch immer keinen Annäherungsversuch gemacht, und Jeannette wunderte
sich. Warum hatte dieser Mann sie auf das Schiff gebracht? Dabei wusste sie gar
nicht, ob sie mit ihm wirklich schlafen wollte. Aber sie würde nach all dem
Aufwand, den er getrieben hatte, wohl nicht ‚nein’ sagen können. Wie er wohl im
Bett war? Zärtlich? Brutal? Versnobt?
Neugierig
war sie schon. Bisher hatte er ihr aber noch nicht einmal die Hand gegeben,
sondern jede Berührung vermieden.
Bevor
sie über möglichen Sex weiter nachdenken konnte, erschien der Kapitän und
versuchte durch dezentes Räuspern die Aufmerksamkeit des Schiffeigners zu
erlangen. Träge wälzte sich Bernard herum und fragte: „Was gibt es?“
Der
Kapitän, korrekt in weißer Uniform, überreichte schweigend einen gefalteten
Zettel. Als Bernhard ihn gelesen hatte, sprang er aufgeregt auf. Er rief noch:
„Entschuldige bitte! Ich muss weg. Mache dir eine schöne Zeit. Sobald es geht,
komme ich zurück.“
Eine viertel
Stunde später hob der Hubschrauber vom Vorderdeck ab und verschwand im blauen
Himmel.
England, Cambridge, Juni – Julian Strawman
1
Nach
dreißig Stunden Reise war Julian hundemüde. Zuerst waren sie mit dem Bus quer
durch Grönland gefahren, dann zwanzig Stunden vom Flughafen Kangerlussuaq nach
Heathrow geflogen. Zwanzig Stunden in der Holzklasse. Ihr Mentor, Mister
Benedikt, war der Meinung, es schicke sich nicht für Studenten, Business Class
zu fliegen. Dabei hatten sie für den Flug mit der Skandinavien-Airline gerade
mal achthundert Pfund gezahlt und in der Business Class wären es vielleicht
zwölfhundert gewesen. Wegen der blödsinnigen Prinzipien eines alten
Hochschullehrers war nun sein Rücken steif.
Dieser
Ausflug nach Grönland war ganz einfach Unsinn gewesen. Julian Strawman
studierte vergleichende Sprachwissenschaft, und ihr Dozent wollte ihnen etwas
ganz Außergewöhnliches vorführen, nämlich Kalaallisut, eine Eskimo-Sprache.
Kalaallisut hatten sie dann ganze zwei Mal während der Reise gehört, und die
grönländischen Inuit sahen sie meistens nur durch die Fenster des Busses. Sie
wurden zwar von einem Vertreter der Universität von Grönland betreut, der
Ilisimatusarfik in Nuuk, wo gerade mal hundertzwanzig Studenten studieren. Der
studierte selbst noch und wollte ihnen so viel wie möglich von seinem Land
zeigen, auf das er so stolz war. Aber weshalb sie sich für Eskimos
interessieren sollten, das konnte er nicht begreifen.
2
Jetzt
war Julian endlich wieder in Cambridge und freute sich auf seine deutsche
Freundin. Noch bevor er sich schlafen legte, wollte er sie begrüßen. Er parkte
den uralten Austin in der Barnabas Road. Oben in der Wohnung traf er dann eine
aufgeregte Lena, die ihm erklärte, Jeannette sei seit gestern verschwunden.
Nachdem
sie Julian einen starken Kaffee gekocht hatte, erzählte sie ihm von dem geheimnisvollen
Fremden, von dem sie nur den Vornamen, Bernard, wusste. Sie erzählte von der
dunklen Limousine auf der Straße und dem Lincoln mit Bodyguards.
Julian
war verwirrt und beunruhigt. Als er dann die Toilette im Bad benutzte und die
winzigen Überwachungskameras entdeckte, war es um seine Fassung gänzlich
geschehen. Akribisch untersuchte er die gesamte Wohnung und kümmerte sich nicht
um die hysterische lachende und plappernde Lena. Gemeinsam fanden sie vier
Kameras und acht Mikrofone. Als schließlich der Tisch voller elektronischer
Geräte lag, entschied Julian, die Polizei zu holen. Lena aber war strikt
dagegen. Mit der Polizei wollte sie nichts zu tun haben.
„Was
hast du gegen die Polizei? Ich habe bisher keine schlechten Erfahrungen mit ihr
gemacht."
Verlegen
antwortete Lena: „Die haben mich mal mit Hasch erwischt, und seitdem stehe ich
bei denen in den Akten."
Doch
Julian gab nicht nach. Aber es dauerte lange, bis endlich ein Streifenwagen vor
dem Haus hielt. Dann erschienen zwei Uniformierte und hörten sich geduldig die
Story von dem geheimnisvollen Fremden an. Als Julian geendet hatte, sagte der
Sergeant: „Ich bin immer wieder erstaunt, was ihr Studenten euch einfallen
lasst, um uns Polizisten auf den Arm zu nehmen."
Geringschätzig
wies er auf all die Elektronik auf dem Tisch: „Das ist doch alter Kram. Den
würde heute niemand mehr benutzen. Wo habt ihr den aufgetrieben?"
Als
aber die beiden Studenten Stein und Bein schwuren, sie hätten die Abhöranlage
eben erst entdeckt, wurden die Polizisten doch ein wenig nachdenklich.
Schließlich erhob sich der Sergeant und ging hinunter zum Streifenwagen, um mit
der Zentrale zu telefonieren. Heiter kam er zurück.
„Ich
habe euch grundlos verdächtigt, dass ihr uns einen Streich spielen wollt. Diese
Wohnung wurde tatsächlich vor einiger Zeit überwacht. Damals wohnten hier
Islamisten. Die führten nichts Gutes im Schild. Nach ihrer Verhaftung hat man
vergessen, das elektronische Zeug wieder zu entfernen."
Sie
packten die ganze Elektronik in eine Plastiktüte vom Supermarkt und
verabschiedeten sich. Zurück blieben zwei ratlose Menschen.
Julian
fragte verstört: „Glaubst du diese Geschichte?"
„Ja",
antwortete Lena. „Warum sollte ich wohl überwacht werden? Und was könnte das
Ganze mit Jeannette und ihrem Verschwinden zu tun haben?"
„Ich
weiß es nicht. Aber ich werde es herausfinden.“
Unvermittelt
sagte Lena: „Ich bin sicher, sie sind geflogen.“
„Und
wieso bist du dir so sicher?“
„Nun
ich denke mir das einfach. Es ist doch wahrscheinlich.“
Auf
dem Weg zu seinem Austin dachte Julian über Lena nach. Spiele sie ein falsches
Spiel? Es gab eigentlich keinen Grund für Misstrauen. Doch wie war die
Überwachungsanlage in die Wohnung gekommen? Wirklich durch die Polizei?
Vielleicht hatte Jeannette tatsächlich einen Mann gefunden, der ihr besser
gefiel? Es passte aber nicht zu ihr, einen alten Freund sang- und klanglos zu
verlassen. Nein, er wollte an ihr nicht zweifeln! Sie war in Gefahr, das spürte
er tief in seinem Inneren. Trotz allem Misstrauen war es nun seine wichtigste
Aufgabe Jeannette zu finden. Julian
ahnte nicht, dass er es hier mit einer Macht zu tun hatte, mit der nicht zu
spaßen war.
3
Julian bewohnte ein
schickes Zweizimmerapartment. Als er dort endlich angelangt war, und seinen
Koffer auf das Bett geworfen hatte, schaltete er den Computer und rief seine
Mailbox auf.
Vor seiner Abreise
hatte er bei Google Mail einen Account eingerichtet, über den er mit seiner
Freundin Jeannette in Verbindung bleiben wollte. Google Mail hat ebenso wie Yahoo
oder GMX den Vorteil, dass man zum Lesen und Schreiben der Mail kein eigenes
Computerprogramm braucht. Ein Browser genügt und den findet man schließlich auf
der ganzen Welt in jedem Internetcafé.
Jeannette hatte für
den Account als Name "Sonnenaufgang" vorgeschlagen und war sehr stolz
auf ihre originelle Idee gewesen.
Nun loggte sich Julian
ein und hoffte auf eine Nachricht seiner Freundin. Doch da waren nur alte
Mails, die er schon kannte und schon mehrmals gelesen hatte.
4
Cambridge
Airport ist ein kleiner Regionalflughafen etwa zweieinhalb Kilometer von der
Innenstadt von Cambridge entfernt. Er gehört einer privaten Gesellschaft und
bietet keinen regulären Flugbetrieb. Vielmehr steht er Privatfliegern zur
Verfügung und unterhält eine Flugschule. Schon allein seine Existenz ist ein
Zeichen für die exklusive Gesellschaft, die sich in Cambridge angesiedelt hat.
Obwohl
Julian bereits drei Jahren in Cambridge studierte, hatte er den Flughafen
bisher nur aus der Ferne gesehen. Wenn er verreiste, fuhr er mit dem Zug nach
London und bestieg dort einen regulären Flieger. Nun stand er vor einem
rostigen Zaun, einer weitläufigen, kurz geschnittenen Wiese und sah in deren
Mitte eine Landebahn. Begrenzt wurde das Areal von ein paar Gebäuden, Hangars
und dem Tower, vor dem er schließlich seinen Austin parkte. Es war kein
Flugbetrieb. Totenstille! Nur der Wind pfiff über die weite Fläche.
Nach
einigem Suchen fand er eine junge Frau, die gerade aus der Mittagspause kam.
Bei ihr erkundigte sich Julian nach den Flügen am Vorabend. Aber erst eine 50
Pfundnote verhalf ihm zu einem Zugang zu dem Computer. Dort stellte die Frau
fest, dass am Abend des 19. Juni lediglich eine Falcon 900 in Richtung Nizza
gestartet war.
Julians
nächster Weg führte zur Verwaltung der Universität. Dort suchte er in der Liste
der eingeschriebenen Studenten nach einem Kommilitonen mit dem Vornamen
Bernard. Er erhielt zweiundsechzig Treffer, die er sich ausdrucken ließ. Im Zug
nach London studierte er dann die Liste. Er saß dabei in einem Abteil der
Ersten Klasse.
Stunden
später rief er vom Flughafen Heathrow aus Lena an und teilte ihr mit, die Spur
führe nach Nizza.
5
Der
Flughafen von Nizza ist eine beeindruckende Konstruktion. Eine lichte und
freundliche Halle wird von einem weiten Glasdach überspannt. In zwei Terminals
herrscht reger Flugbetrieb. Schließlich kann man vom Aéroport Nice Côte d'Azur
das ganze nordwestliche Mittelmeer erreichen. Da gibt es Hubschrauberflüge nach
Cannes, St. Tropez oder Monaco. Autofähren fahren zu Städten auf Korsika. Vom
Bahnhof Nice St. Augustin, der nur 500 Meter vom Terminal des Flughafens
entfernt liegt, fahren Regionalzüge über Cannes nach Vintimille. SNCF-Züge
verkehren im 30-Minuten-Takt zwischen Les Arcs-Drag, St. Raphael und von
Marseille nach Ventimiglia. Busse fahren zu allen größeren Städten an der
Riviera und in Südostfrankreich, darunter Nizza, Monaco, Cannes, Toulon,
Aix-en-Provence, Fréjus, Marseille und Avignon.
Es
war viel Betrieb. Leuten mit Koffern schoben sich an Julian vorbei. Der stand
inmitten des Getümmels und fragte sich, was er hier suchte. Welche der
Weiterreisemöglichkeiten, die er in einem Prospekt gelesen hatte, sollte er
nutzen? Er stellte sich am Auskunftsschalter an und fragte die Frau hinter dem
Tresen. Doch die sah ihn an, als ob er nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte.
Wenn sie ihm helfen sollte, so müsse er zumindest ein Reiseziel angeben.
Langsam
wurde Julian klar, dass dieser Flug nach Nizza eine blödsinnige Idee gewesen
war. Wen sollte er hier fragen, ob gestern Abend eine Falcon 900 aus Cambridge
angekommen war und wohin die Passagiere weitergereist seien? Er würde wohl
unverrichteter Dinge zurückfliegen müssen.
Die
Türen zum Vorplatz standen offen und gedankenverloren verließ Julian die große
Abflughalle. Während er noch unentschlossen den abfahrenden Taxis nachsah,
traten zwei Männer auf ihn zu. Sie trugen schwarze Anzüge und helle Krawatten.
Wortlos nahmen sie ihn in ihre Mitte und schoben ihn mit sanfter Gewalt vor
sich her. Julian war so überrascht, dass er nicht protestierte. Ein großer,
schwerer Wagen fuhr vor, und bevor sich der Student versah, saß er auf dem
Rücksitz eingeklemmt zwischen den Typen.
Der
Flughafen lag hinter ihnen, als einer der Männer endlich sagte: „Bevor du noch
weiter herum schnüffelst, frage lieber uns. Von uns bekommst du alle nötigen
Auskünfte.“
„Ich
suche meine Freundin Jeannette. Mit euch habe ich nichts zu schaffen. Lasst
mich in Frieden!“
„Du
bist ein wirklich kluger Junge", war die Antwort.
Und
der zweite Mann bekräftigte: „Ist er nicht ein kluger Junge!“
Der
erste fuhr fort: „Der kluge Junge hat es sogar bis nach Nizza geschafft.“
Und
der zweite bekräftigte wieder: „Er ist ein kluger Junge! Er hat es bis Nizza
geschafft!“
Der
Fahrer des Wagens wandte sich um und meinte: „Deine Freundin ist in guten
Händen. Es geht ihr blendend. Sie will nichts mehr von dir wissen. Du bist
deshalb hier überflüssig und nur lästig."
„Was
wisst ihr von Jeannette?“ Julian war überrascht und erschreckt.
„Ihr
geht es gut, und du bist abserviert. Sie ist jetzt mit jemandem zusammen, dem
du nicht das Wasser reichen kannst.“
Julian
wunderte sich über sich selbst. Er blieb ganz ruhig und hatte keine Angst. Noch
hatten ihm diese Männer nichts getan, aber sie waren gefährlich. An ihrer
Sprache erkannte er in ihnen Landsleute aus den Südstaaten der USA.
Der
Fahrer schien sich in Nizza auszukennen, denn er schlängelte sich routiniert
durch den Verkehr. Die Fahrt endete schließlich in einem Parkhaus in der Rue
Massenet. Von dort liefen sie zum Strand, der durch die Promenade des Anglais
von der Innenstadt abgetrennt ist. Keiner der Männer sprach bis dahin ein
weiteres Wort. Auch Julian schwieg und harrte der Dinge, die da noch kommen
sollten.
Als
das Meer endlich sichtbar wurde, blieb der Fahrer, der augenscheinlich auch der
Anführer war, stehen: „Du willst wissen, wo deine Freundin ist? Ich habe dir
versprochen, dass ich dir die Wahrheit sage. Sie ist da!"
Bei
diesen Worten deutete er mit seinem Arm hinaus auf das Mittelmeer und grinste
über seinen gelungenen Witz. Seine beiden Begleiter packen Julian am Oberarm
und führten ihn zurück in die Rue Massenet. Dort betraten sie in kleines Lokal.
Der Kellner erwartete sie schon und führte sie zu einem Tisch in der Nähe des
Fensters. Die Männer hatten zur Überraschung von Julian einen Tisch
vorbestellt. Sie hatten ihn erwartet und eine Inszenierung vorbereitet. Woher
wussten sie von ihm, wann er ankam, was er wollte? Lena schoss ihm durch den
Kopf, aber er schob den Gedanken sogleich wieder als unsinnig beiseite. Aber dennoch
blieb die Frage: Wer kontrollierte ihn und warum?
Die
Männer hatten ihn bisher in Ruhe nachdenken lassen und sich inzwischen über das
Wetter unterhalten. Er beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Sie trugen
schwarze Anzüge, weiße Hemden und auffällige Krawatten, aber die Ärmel der
Jacken waren abgewetzt und die Krawatten am Knoten schmutzig.
„Ihr
kommt doch aus den USA“, begann er neugierig ein Gespräch. „Was macht ihr hier
in Frankreich. Ihr seid doch nicht wegen mir hierher geflogen.“
„Nein
sicher nicht“, lachte der Anführer. „Wir arbeiten sonst in den Staaten. Hatten
aber hier in Europa einen anderen Auftrag, und weil wir in der Gegend waren,
hat man uns dir auf den Hals geschickt.“
„Ja,
man hat uns dir auf den Hals geschickt“, bekräftigte einer der anderen Männer.
Der
Kellner brachte die Suppe und unterbrach das Gespräch. Das Essen war
ausgezeichnet. Julian aß Lamm, und das Fleisch war zart und saftig. Dazu
tranken sie einen kalten, weißen Wein.
Endlich
wurde der Espresso aufgetragen, und der Anführer der Männer wandte sich wieder
an Julian: „Du bist doch ein heller Junge?"
„Ja,
er ist ein heller Junge", bestätigte einer seiner Männer.
„Und
helle Jungens wissen immer, was gut für sie ist."
„Er
ist ein heller Junge", sagte einer der Männer. „Er studiert sogar an einer
Universität."
„Und
weil du so ein heller Junge bist, und weil wir dich mögen, und weil heute so
ein schöner Tag ist, und weil du nicht umsonst nach Nizza geflogen sein sollst,
wollen wir dir ein Geschäft vorschlagen."
„Es
ist ein gutes Geschäft", sagte einer der Männer.
„Dann
lasst mal hören!" Julian war die Ruhe selbst. Er strahlte Coolness aus,
auf die er richtig stolz war.
„Du
wärest wirklich dumm, wenn du dieses Geschäft ausschlagen würdest",
stellte der andere Mann fest.
„Also,
worum geht es?" Julian wurde ungeduldig.
„Wir
wollen, dass du deine Freundin vergisst. Sie ist ein Flittchen und hat dich
verlassen."
„Da
bin ich mir gar nicht so sicher. Aber, wie wollt ihr feststellen, dass ich sie
tatsächlich aufgebe?"
„Wir
haben uns das so gedacht. Du schreibst ihr jetzt gleich einen netten
Abschiedsbrief. Und für diese Mühe zahlen wir dir zehntausend Dollar. Ist das
nicht ein gutes Geschäft? Und in Cambridge suchst du dir eine neue Freundin,
schließlich gibt es dort genug Mädchen, und machst dir mit dem Geld ein schönes
Leben."
„Ja,
du machst dir ein schönes Leben mit einer neuen Freundin", sagte einer der
anderen Männer. „Ich würde das machen!"
„Ein
gutes Geschäft", sagte der Dritte.
„So
ein gutes Geschäft ist das auch wieder nicht", meinte Julian.
"Schließlich mag ich Jeannette."
„Wir
nun das Problem lange genug besprochen", sagte nun der Anführer
ungeduldig. Er holte einen Schreibblock, zwei Kugelschreiber und einen dicken
Briefumschlag aus der Tasche. „Hier sind die Zehntausend, und hier ist Papier
für den Brief. Wenn wir dich beim Schreiben stören, warten wir draußen. Aber
mach nicht zu lange! Wir haben noch zu tun."
„Ihr
braucht nicht zu gehen. Ich schreibe nicht, und eure zehntausend Dollar könnt
ihr euch an den Hut stecken."
Nun
wurden die Augen des Anführers ganz schmal und seine Stimme gepresst: „Heißt
das, du gehst nicht auf unser Geschäft ein?"
„Ja",
antwortete Julian schlicht.
„Du
bist doch der größte Hundsfott, den ich je getroffen habe. Du willst uns also
Schwierigkeiten machen? Du glaubst, du kannst auf zehn Riesen verzichten?"
„Ja,
er ist ein Hundsfott", sagte einer der Männer.
„Ein
Hundsfott", sagte der Dritte, „und dumm. Sehr dumm!"
„Dabei
dachten wir, du wärest ein cleveres Bürschchen. Ein heller Junge, einer der
studiert!"
„Er
ist aber gar nicht so clever, und ein heller Junge ist er auch nicht!"
„Hast
du dir das auch wirklich gut überlegt?" ergriff der Anführer nun wieder
das Wort.
„Ja",
sagte Julian.
„Dann
steigst in den nächsten Flieger und kehrst brav heim nach Cambridge. Dein Flug
ist bereits gebucht und bezahlt. Du bist doch ein fleißiger Student, deshalb
kümmere dich ab jetzt lieber um deine Bücher. Und damit du nicht mehr auf dumme
Gedanken kommst und wieder einmal sinnlos in der Gegend herumreist, muss dir leider
der Geldhahn zugedreht werden. Was nun passieren wird, hast du dir selbst,
deiner Sturheit und deiner penetranten Neugierde zuzuschreiben.“
Julian
wurde bis zum Abflug begleitet. Er hatte nicht die geringste Möglichkeit zu
Entkommen.
Im Flieger
dachte er darüber nach, was die Männer wohl gemeint hatten, als sie drohten,
ihm den Geldhahn zuzudrehen. Er hatte schließlich kein Stipendium, sondern
wurde von seinem Vater unterhalten. Der hatte eine recht gut gehende Praxis in
Salt Lake City und verdiente so viel, dass sich sein Sohn ein luxuriöses Leben
leisten konnte. Zwar wäre es dem Vater lieber gewesen, wenn Julian Medizin
studiert hätte. Doch er war tolerant und geduldig. Diesen elterlichen Geldhahn
würde man ihm wohl so rasch nicht zudrehen können.
Mittelmeer, 45 Seemeilen südwestlich von Nizza, Juni – Jeannette Grashuber
1
Nachdem
Bernard abgeflogen war, lag Jeanette noch eine Weile in der Sonne und ließ sich
bedienen. Sie genoss den Luxus in vollen Zügen. Aber gegen Abend wurde es ihr
langweilig. Der Kapitän kam persönlich und lud sie zum Abendessen ein. Er war
sehr höflich, nur manchmal vielleicht ein wenig ironisch. Stets lächelte er auf
diese seltsame, ein wenig herablassende Art. Sollte ihm Jeannette sagen, dass
sie keine von den Frauen war, die bisher hierher eingeladen worden waren.
Frauen, die sich von all dem Glanz und dem Reichtum hatten beeindrucken lassen?
Sollte sie ihm sagen, dass sie kein Betthäschen seines Chefs war? Doch sie
schwieg. Stattdessen sagte sie sich, dass es ihr gleichgültig sein konnte, was
der Kapitän dachte.
Später
führte er sie in einen kleinen Kinosaal. Sie konnte dort unter den neuesten
Hits wählen. Doch schon während des zweiten Films wurde sie so müde, dass sie
einnickte. Irgendwann lag sie dann in ihrer Kabine im Bett und schlief bis weit
in den Morgen.
Eine junge
Frau in einem hübschen schwarzen Kleid mit weißer Schürze weckte sie. Sie
wollte ihr das Haar machen. Aber Jeannette hatte eine kurz geschnittene Frisur,
die nach dem Waschen von selbst wieder ihre Form fand. Deshalb lachte sie und
schickte die Friseuse wieder fort. Kurz danach kam eine andere Bedienstete in
der gleichen adretten Uniform und wollte ihr beim Anziehen helfen. So viele
Dienerinnen waren der jungen Frau peinlich. Sie bedanke sich verlegen und verzichtete
auf jede Unterstützung.
Das
Frühstück war wieder üppig und von ausgesuchter Qualität, der Pool sauber und
warm, das Meer ruhig, und die Sonne schien wie am Vortag. Die Leute vom Service
waren aufmerksam und nett. Kurz: Jeannette langweilte sich bereits am
Nachmittag. Sie suchte den Kapitän auf und fragte, wann mit der Rückkehr von
Baron de Lapisvent zu rechnen sei.
Darüber
habe man keine Informationen, war die Antwort.
„Dann will ich sofort nach Nizza zurückgebracht werden", verlangte die
Frau entschieden.
„Dazu habe ich keine Anweisungen", der Kapitän blieb kühl.
„Bin ich etwa eine Gefangene auf dieser Jacht? Hat man mich etwa
gekidnappt? Ist Ihnen klar, dass sie sich der Freiheitsberaubung schuldig
machen?" Jeannette war wütend.
„Nun, als sie vorgestern Nacht zusammen mit dem Herrn Baron hier angekommen
waren, hatte ich nicht den Eindruck einer Entführung. In der Zwischenzeit haben
sie es sich gut gehen lassen, und man hat alle ihre Wünsche erfüllt. Behandelt
man so eine Gefangene? Im Übrigen, wenn sie auf einem normalen Kreuzfahrtschiff
sind, können sie dann nach Belieben zum Kapitän gehen und verlangen, dass er
sie unverzüglich mit einem Hubschrauber an Land bringt? Sind Sie nicht ein
wenig vermessen?"
„Dann möchte
ich wenigstens telefonieren und meinen Freunden und meiner Familie mitteilen,
wo ich mich aufhalte, und dass meiner Abwesenheit länger dauern wird. Leider
ist das Telefon in meinem Zimmer tot, aber sie können sicherlich eine
Verbindung zum Festland herstellen."
„Dafür liegt
leider keine Erlaubnis des Herrn Baron vor", antwortete der Kapitän kalt.
„Aber
wenigstens einen Zugang zum Internet können sie mir nicht verwehren!"
Der
Kapitän sah sie von oben bis unten ruhig an, schüttelte den Kopf, drehte er
sich um und ließ sie stehen. Für ihn war dieses Thema erledigt.
Jeannette
kehrte wütend in ihre Kabine zurück. Sie ärgerte sich über den arroganten
Skipper und hätte am liebsten die ganze Einrichtung zertrümmert. Ihr war klar,
dass niemand, wirklich niemand außer diesem Bernard ihren derzeitigen
Aufenthaltsort kannte.
Der
Skipper verweigerte Telefonate und sogar eine Internetverbindung. Und ihr
Mobiltelefon hatte sie in der Hektik des Aufbruchs bei Lena liegen gelassen.
Lena
hatte sie noch am gleichen Abend zurück erwartet. Ob sie wohl die Polizei
verständigte? Inzwischen musste auch die Exkursion von Julian beendet sein.
Julian!
Nun erst wurde ihr bewusst, wie sehr er ihr fehlte. Er war so ganz anders als
Bernard, schüchterner aber auch ernster. Auch Julian war kein armer Mann. Seine
Eltern hatten genügend Geld, um ihm ein angenehmes Leben finanzieren zu können.
Aber natürlich war dies alles nicht mit dem Reichtum und Luxus auf diesem
Schiff vergleichbar. Aber sie würde auf jeden Fall Julian vorziehen.
Sicher,
dieser Bernard war attraktiv und auf seine Art faszinierend. Sie würde sicher
über kurz oder lang mit ihm schlafen, und es würde sicher aufregend werden. Der
Sex mit Julian war intensiv, aber auch beruhigend. Der alte Freund gab ihr
immer ein Gefühl von Geborgenheit, wenn sie zusammen waren. In seinen Armen
einzuschlafen, war das Schönste, was sie sich vorstellen konnte.
Ob
Julian wohl eifersüchtig wäre, wenn er wüsste, wo sie sich gerade aufhielt?
Warum war er auch auf diese dämliche Exkursion gefahren? Die Sprache der Inuits
- so ein Unsinn! Als ob es nicht Wichtigeres auf dieser Welt gäbe.
An
diesem Abend ließ sich das Mädchen wieder mit irgendwelchen Filmen berieseln
und ging dann bald ins Bett.
Wie
die Tage zuvor machte sie sich am Morgen voller Appetit über das Frühstück her,
das diesmal an Deck unter dem Sonnensegel serviert wurde. Wenn sie schon auf
dieser Luxusjacht gefangen war, so wollte sie den Aufenthalt wenigstens
genießen.
Danach
suchte sie den Kapitän noch einmal auf.
„Ich muss dringend zurück nach Cambridge", sagte sie. „Wenn sie mich
schon nicht mit dem Helikopter an Land bringen lassen, so sagen Sie mir
wenigstens, wann wir einen Hafen erreichen. Meine Semesterprüfungen beginnen,
und ich darf sie nicht versäumen. Ich habe mich von Bernard zu einem Abendessen
einladen lassen, aber nicht zu einer mehrwöchigen Schiffsreise."
Der Kapitän saß sie ernst an: „Ich habe bezüglich ihrer Person keine
Anweisungen. Vorerst werden wir keinen Hafen anlaufen. Sie müssen schon warten,
bis Monsieur Bernard zurückkehrt und weitere Entscheidungen trifft."
„Danke!" sagte Jeannette knapp, verließ die Kommandobrücke und kehrte
zum Pool zurück.
Um
sich abzureagieren, kraulte sie immer und immer wieder durch das Schwimmbecken.
Schließlich war sie müde und legte sich auf eine der Liegen. Dort dachte sie
über alle das nach, was ihr Bernard erzählt hatte.
2
Jeannette
zwang sich, an etwas anderes zu denken. Noch immer war sie praktisch eine
Gefangene auf diesem Luxusschiff, auch nach der Zusage des Kapitäns. Deshalb
untersuchte sie nach dem Mittagessen sehr sorgfältig ihre Kabine. Dabei
entdeckte sie unter dem Boden der untersten Schublade der Kommode einen Zettel.
Als sie ihn las, wurde sie blass.
„Liebe Eltern,
ihr werdet es nicht glauben, wo ich mich zurzeit aufhalte. Ich
kann es ja selber nicht glauben. So etwas hätte ich niemals für möglich
gehalten. Ich weiß jetzt Dinge, die euch sprachlos machen. Ich wünschte, ihr
wäret hier und könntet erleben, was ich erlebe. Macht euch keine Sorgen, eurer
Tochter geht es sehr, sehr gut!
...
Langsam erschreckt mich das alles, was ich, ob ich es will oder
nicht, erfahre. Ich fühle mich hier eingesperrt und würde gern das Schiff
verlassen. Es ist wie ein goldener Käfig, in dem man mich gefangen hält. Was
soll ich nur tun?
...
Ich habe mich eingeschlossen. Wird mir aber nichts nützen. Große
Angst. Sie kommen! Gott hilf mir!
Diese Notizen
mussten an verschiedenen Tagen geschrieben worden sein. Die Schrift veränderte
sich. Waren die ersten Zeilen noch in schönster Jungmädchenschrift geschrieben,
so waren die letzten Bemerkungen in aller Hast auf das Papier gekritzelt und
kaum leserlich.
Jeannette
schloss die Tür zu ihrer Kabine sorgfältig ab und dachte nach.
USA, Salt
Lake City, Juni – Julian Strawman
1
Doctor
Strawman hatte schlecht geschlafen, und ausgerechnet heute hatte er seinen
Angel-Day. Mit diesem Scherz erinnerte er an einen Sprachgebrauch im alten
Wien. Damals nannte man Leute, die bei Frauen Abtreibungen vornahmen,
Engelmacher. Schließlich wurden aus den ungeborenen Kindern Engelchen.
Strawman
war Frauenarzt und unterhielt eine recht gut gehende Praxis. Seine Honorare
konnten sich allerdings nur vermögende Frauen leisten. Strawmans Familie konnte
ein luxuriöses Leben führen, und sein Sohn irgendwelchen Unsinn auf einer
Eliteuniversität in Cambridge studieren. Der Arzt war mit sich zufrieden.
Es
war stets der Dienstag, an dem sich Doctor Strawman nicht mit Chlamydien und
Myoma beschäftigte. An diesem Tag operierte Doctor Strawman, und das waren in
erster Linie Schwangerschaftsabbrüche. Die betroffenen Patientinnen mussten
sich bereits am acht Uhr morgens in der Praxis einfinden. Die ersten vier
wurden dann auf die Sprechzimmer verteilt, im Intimbereich rasiert und bekamen
ein Beruhigungsmittel. So vorbereitet warteten sie auf den Doktor.
Der
betrat pünktlich um halb neun Uhr durch das Marmorportal die Praxis und leitete
sogleich, nachdem er sich umgezogen hatte, bei der ersten Patientin die Narkose
ein. Eigentlich wäre ein Narkosearzt nötig gewesen, aber Strawman wollte den
Gewinn nicht teilen. Es handelte sich schließlich nur um eine sehr kurze
Betäubung. Routiniert wie immer dehnte er dann den Muttermund und setzte die
Saugkürettage an. Er war bei der ersten Patientin bereits bei der Ausschabung,
der Abrasio, um alle Gewebereste vollständig zu entfernen, da unterbrach ihn
die Arzthelferin, die im Vorraum an der Theke die Patientinnen verwaltete und
die Telefonate entgegen nahm.
Auf
den Stufen im Eingang liege ein Mann. Er sei ohnmächtig, teilte sie dem Arzt
flüsternd mit.
Der
war konzentriert bei der Arbeit und über die Störung recht ärgerlich: „Er wird
betrunken sein. Rufen Sie einen Rettungswagen!“
Gleich
darauf hatte er den Zwischenfall vergessen und injizierte ein Mittel, damit
sich die Gebärmutter wieder zusammenzog und die Blutung gestoppt wurde. Da die
Narkose nur kurz andauerte, arbeitete er gegen die Uhr. Endlich war er mit der
Patientin fertig und ging, nachdem er sich neu desinfiziert hatte, mit seinen
beiden Assistentinnen in das nächste Behandlungszimmer. Die Patientin auf dem
Stuhl sah in mit ängstlichen Augen an, so dass er sie erst einmal beruhigen
musste, bevor er rasch den Blutdruck messen und dann die Spritze mit dem
Narkosemittel setzen konnte. Doch kaum war die Patientin eingeschlafen, kam die
Gehilfin von der Anmeldung wieder.
Der
ohnmächtige Mann sei immer noch da. Der Rettungswagen sei bisher nicht
gekommen. Es bilde sich langsam eine Traube aus Passanten, die sich über die
fehlende Hilfeleistung des Arztes beklagten.
„Sehen
Sie nicht, dass ich arbeite“, zischte dieser. „Bitte unterbrechen Sie mich
nicht mehr. Telefonieren Sie noch einmal mit der Ambulanz!“
Doctor
Strawman hatte eben die Arbeit an der dritten Patientin dieses Vormittags
beendet, als er schon wieder gestört wurde. Es war erneut die Gehilfin vom Empfang.
Diesmal war sie sehr aufgeregt. Zwei Männer von der Polizei wollten ihn
sprechen. Der Arzt gab seinen Assistentinnen den Auftrag, die operierte
Patientin zu betreuen und ging unwillig nach draußen.
Im
Vorraum mit den ausgesuchten Designermöbeln warteten zwei Polizisten in Zivil.
Sie zeigten ihm ihre Polizeimarken und fragten ihn, ob er Inhaber der Praxis
sei. Strawman bejahte verwundert und wollte wissen, um was es ginge.
Ein
Mann sei auf den Stufen zu seiner Praxis gestorben. Er habe sich der unterlassenen
Hilfeleistung schuldig gemacht, war die knappe Antwort. Dann nahm man ihn zur
Vernehmung mit auf die Wache.
England, Cambridge, Juni – Julian Strawman
1
Julian
Strawman kam gerade vom Essen, als sein Mobiltelefon klingelte. Es war seine
Mutter, die ihn sprechen wollte. Doch bevor sie ihm etwas mitteilen konnte,
überwältigte sie ein Weinkrampf. Julian kannte seine Mutter als beherrschte
Frau, die so leicht nichts aus der Ruhe brachte.
„Ist
Vater etwas passiert? Ist er krank?“ fragte er bestürzt.
„Nein,
es geht ihm gut“, schluchzte sie. „Aber er wurde verhaftet und kam nur gegen
Kaution frei.“
Dann
erfuhr der Student die ganze Geschichte von der unterlassenen Hilfeleistung.
Reporter hatten den sterbenden Mann auf den Stufen der Arztpraxis fotografiert.
Die zwei größten Zeitungen hatten am nächsten Tag die Bilder veröffentlicht und
lange Artikel über den Arzt geschrieben. In dicken Lettern stand dort, ihm sei
das Töten von ungeborenem Leben wichtiger, als die Rettung von gefährdetem
Leben. Sogar das Wort „Schlächter“ war verwendet worden.
„Die
Praxis ist tot. Alle Patientinnen haben sich inzwischen abgemeldet. Die
Arzthelferinnen haben wir abgefunden und entlassen. Vater ist völlig außer
Fassung und spricht dem Whisky mehr zu, als ihm gut tut.“
Endlich
kam die Mutter zu ihren Anweisungen. Julian müsse sein Studium unverzüglich
abbrechen. Man könne ihn nicht weiterhin so großzügig unterstützen, denn die
Ersparnisse hätten für die Kaution eingesetzt werden müssen, und die Familie
habe nun kein Einkommen mehr. Außerdem liefen hohe Schadensersatzklagen gegen
den Vater. Zwar werde sich die Familie bemühen, dem Sohn noch ein
Medizinstudium auf einer kleinen Uni in den USA zu finanzieren, aber eine
Eliteuniversität käme natürlich nicht mehr infrage - und schon gar kein
Orchideen-Fach wie vergleichende Sprachwissenschaft.
Julian
war erschüttert und ratlos. Zur Sorge um Jeannette kam nun auch noch die Sorge
um die eigene Existenz. Verwirrt und wie im Traum exmatrikulierte er sich und
verständigte sein College. Dann sucht er Lena auf und erzählt ihr alles.
Ihre
einzige Antwort war: „Wenn du in die Staaten zurückkehrst, braucht du doch
deinen Austin nicht mehr. Verkaufst du ihn mir?“
„Ich
muss einen vernünftigen Preis für den Wagen erzielen. Du hast doch kein Geld?“
„Oh,
das hat sich inzwischen geändert. Mir ist eben eine Lebensversicherung
ausbezahlt worden.“
„Du
hast eine Lebensversicherung?"
„Ich
habe mich eben schon immer um meine Zukunft gesorgt. Ich kann dir für den
Austin fünftausend Dollar geben."
Julian
sah Lena seltsam an. Doch er hatte keine Wahl, und fünftausend waren ein guter
Preis. So wurden sie handelseinig. Wenige Tage später saß er in einem Flieger
in Richtung USA. Entgegen seiner Gewohnheit flog er Economy. Die Sitze waren
eng und für seine Beine kein Platz. Der Vordermann klappte gleich nach dem
Start seinen Sitz nach hinten, und Julian litt lange acht Stunden.
Frankreich, Languedoc, Departement Aude, ein Schloss, Juni – Familie
Lapisvent
1
Auf
der Europastraße E80, der L’Autoroute Des Deux Mers, gab es eine
Autobahnabfahrt zu einem kleinen, abgelegenen Dorf. Nur ein paar Einheimische
benutzten sie. Touristen sah man dort so gut wie nie. Was sollten Fremde auch
in dieser abgelegenen Gegend oder gar in dem verschlafenen Nest finden? Es gab
dort weder eine Sehenswürdigkeit, noch eine Tankstelle oder ein Hotel. Warum
dann aber die kostspielige Ausfahrt?
Verließ
man jedoch die Autobahn und folgte der Straße eine Weile, so zweigte links ein
breiter staubiger Feldweg ab, der zu einem kleinen Wäldchen führte. Der Feldweg
endete hinter den Bäumen vor einem mächtigen Tor in einer hohen Mauer. Der
Kenner konnte in den Bäumen eine Menge Kameras und Sensoren entdecken.
Hinter
dem Tor beleuchteten in der Nacht Flutlichtlampen ein Wächterhaus und die
breite geteerte Straße, die dort begann und einige Kilometer durch
menschenleeres Gebiet führte. Bevor man aber diese Straße erreichte, musste man
noch zwei undurchdringliche Stacheldrahtzäune passieren. Auch an den Zäunen
waren Sensoren befestigt, die Alarm auslösten, wenn jemand versuchte, sie zu
überklettern. Zwischen den Zäunen patrouillierten Tag und Nacht scharfe
Bluthunde. Dahinter folgte ein dichtes Gewirr von Bewegungsmeldern und
Infrarotkameras, die kein Eindringling durchqueren konnte, ohne Alarm zu
schlagen. Außerdem waren noch Tretminen vergraben.
Ein
fünfter Verteidigungsring diente der Abwehr von Angriffen aus der Luft.
Radarschirme tasteten den Luftraum weitflächig ab. Bei Gefahr konnten
Luftabwehrraketen und Flakgeschütze ausgelöst werden. Die Erbauer dieser Anlage
waren auf größte Sicherheit bedacht gewesen und hatten versucht, alle
Eventualitäten einzukalkulieren.
Doch von all
diesen martialischen Einrichtungen war auf der gepflegten Straße nichts zu
bemerken. Sie führte durch eine idyllisch angelegte Landschaft und endete
schließlich auf dem Parkplatz eines Schlosses.
Das
Schloss stammte aus der Zeit Ludwig XV. und lag irgendwo im Languedoc. Es hatte keinen Namen. Die
Einheimischen nannten es nur scheu „das Château“. Seine genaue Lage war nur
Eingeweihten bekannt. Man hatte seine Existenz aus allen Karten und
Geschichtsbüchern entfernen lassen, und im Grundbuch stand nur ein Deckname.
Keiner
der einheimischen Bauern hatte es bisher mit eigenen Augen gesehen. Das dort
beschäftigte Dienstpersonal stammte nicht aus der Gegend, sondern wurde von
weit hergeholt. Aber obgleich niemand etwas wusste, existierten wilde Gerüchte
über das Leben im Château und seine Bewohner. Geisterbeschwörer sollten es
sein. Wilde Orgien sollte man dort feiern, bei denen jeder mit jedem
kopulierte. Selbst schwarze Messen, bei denen Kinder getötet wurden, sollten
den Gerüchten zufolge dort abgehalten werden. Doch niemand wagte sich in die
Nähe des Châteaus.
Trotz
einer umfassenden Renovierung war der barocke Charakter des Gebäudes erhalten
geblieben. Deshalb hatte man die große Garage eben nicht als klotzigen Bau in
die Landschaft gestellt, sondern sie unter der Erde verlegt und die
Lüftungsschächte in prächtigen Blumenrabatten verborgen. Die großen
Springbrunnen und Wasseranlagen waren gleichzeitig Swimmingpools und passten
mit ihrer Umrandung aus Marmor vorzüglich in das barocke Ensemble. In diesem
Schloss fehlte es an nichts. An Luxus war nicht gespart worden. Die Ausstattung
entsprach dem neuesten Stand von Technik und Innenarchitektur.
Etwas
abseits, hinter Bäumen verborgen, standen Kaserne für die Wachmannschaften,
Wohnhäuser für die Bediensteten und vornehme Gästehäuser mit Speiseräumen,
außerdem eine große Anzahl Büros und Konferenzräume. Die direkt für das
eigentliche Schloss zuständigen Bodyguards waren handverlesen und wurden so gut
bezahlt wie die Direktoren kleinerer Firmen. Sie hatten ihre Quartiere nicht in
den Kasernen, sondern luxuriöse Unterkünfte im obersten Stockwerk.
In
vielen französischen Barockschlössern waren früher Dienergänge eingebaut
gewesen, sodass das Personal ungesehen überall hingelangen konnte. Klingelte
die Herrschaft, so tauchte aus einer bis dahin verborgenen Tapetentür der
Diener auf. Von den Dienergängen aus wurden die Öfen in den Zimmern geschürt
und zurzeit von Ludwig XIV. benutzte man sie sogar als Toiletten. Diese
Dienergänge hatte man in diesem Schloss wieder reaktiviert. In ihnen bewegten sich
nicht nur das Dienstpersonal, sondern auch die Wachleute. Man hatte sie zu
diesem Zweck mit jeder erdenklichen Elektronik ausgestattet, und an den Wänden
hingen Flachbildschirme, mit denen sich alles überwachen ließ.
Die
Zentrale des Imperiums war zwar in New York angesiedelt. Dazu gab es örtliche
Dependancen in allen Hauptstädten der Welt. Dennoch war das Herz des
Lapisvent-Konzerns dieses geheimnisvolle Schloss. Alle wichtigen Entscheidungen
wurden hier im Languedoc gefällt. Für die
leitenden Manager gab es mehrere Hubschrauberlandeplätze. Mit Helikoptern wurde
ein Shuttle Dienst zum Flughafen in Carcassonne aufrechterhalten.
Neben
dem Schlossgebäude, durch einen unterirdischen Gang mit ihm verbunden, lag das
Krankenhaus. Man hatte es architektonisch nicht nur der feudalen Umgebung
angepasst, es war auch mit den neuesten und teuersten medizinischen Geräten
ausgestattet, Apparate, die sonst nur in teuren Universitätskliniken vorhanden
waren. Selbstverständlich war eines der beiden Ärzteteams Tag und Nacht
zusammen mit den Schwestern und Pflegern im Einsatz.
Das
Personal bestand aus Spitzenkräften und war hoch bezahlt, hatten aber wenig zu
tun. Deshalb konnten die Ärzte alle wichtigen Kongresse rund um den Erdball
besuchen und eine wissenschaftliche Arbeit nach der anderen verfassen. Zwar
fehlte ihnen Patientenmaterial für empirische Forschungen, doch das machten sie
wett, indem sie vorhandene Studien zusammenfassten und neu auswerteten.
2
Im
Augenblick hatte die Klinik nur einen einzigen Patienten. Der saß in einem
Rollstuhl und gab keine Regung von sich. Nach einem Apoplex war Arthur Baron de
Lapisvent auf der linken Seite völlig gelähmt. Seine linke Unterlippe hing nach
unten und gab ihm einen blöden Gesichtsausdruck. Er konnte weder den Arm, noch
die Hand oder gar das Bein bewegen. Der Mann war unfähig zu sprechen und machte
den Eindruck, als sei er geistig nicht mehr zurechnungsfähig - zumindest fanden
seine nächsten Angehörigen dies, die sich um ihn versammelt hatten.
Umgeben
von zwei Ärzten und drei Pflegerinnen saß hier einer der mächtigsten Männer der
Welt. Nun konnte er nicht einmal mehr ohne fremde Hilfe essen und trinken.
Seinen Willen konnte er schon gar nicht mehr durchsetzen. Man wusste nicht
einmal, was sein Wille eigentlich war.
Die
Familie Lapisvent starrte entsetzt auf den Kranken, während die Ärzte in
gesetzten Worten die Ursachen und die Folgen eines Gehirnschlages erklärten.
Sie demonstrierten, wo sich das Blutgerinnsel im Gehirn des Patienten befand,
und welche Regionen wohl abgestorben waren. Ihre Prognose war nicht erfreulich.
Wenn überhaupt jemals wieder eine Besserung eintreten würde, dann sicher nicht
vor zwölf oder gar vierundzwanzig Monaten. Und selbst dies erschien nicht
wahrscheinlich.
Irgendwann
erhob sich Helen, seine Schwester, und erklärte, sie habe genug gesehen und
gehört und brauche jetzt unbedingt einen großen Cognac. Ohne auf die anderen zu
warten, verließ sie den Raum und kehrte ins Haupthaus zurück. Im Blauen Salon
warteten schon die Diener in schwarzen Hosen und schwarz-weiß gestreiften
Jacken mit den Getränken.
Vor
einem großen Barockspiegel blieb Helen stehen und schnitt sich selbst
Grimassen. In der Hand hielt sie ein großes Glas mit altem Cognac, an dem sie
von Zeit zu Zeit nippte. An ihrem Finger glänzte ein Saphirring. Sie war eine
schöne Frau mit dunklem Haar und einer noch immer guten Figur, obgleich sie die
Vierzig bereits überschritten hatte. Lediglich an den Falten in ihrem Gesicht
konnte man die Alkoholikerin erkennen. Sie weigerte sich, diese Spuren mit Botox
entfernen zu lassen. Das habe sie nicht nötig, erklärte sie kategorisch: „Die
jungen Typen schlafen doch nur wegen meines Geldes mit mir. Da muss ich mir mit
meinem Aussehen auch nichts abbrechen.“
Langsam
trafen nun auch die anderen Mitglieder der Familie ein. Das waren der jüngere
Bruder Richard und Bernard das Nesthäkchen. Richard war klein und füllig und
hatte eine weit fortgeschrittene Glatze. Er war so ganz das Gegenteil von
Bernard, der hochgewachsen, schlank und sehr sportlich aussah. Ein
Außenstehender hätte sie niemals für Brüder gehalten. Beide Männer trugen
Freizeitkleidung, ganz im Gegensatz zu Sir Ludovic und Doktor Soudam. Die
beiden General Manager fungierten als Chief Executives Officers des Clans oder
CEOs, wie man jetzt sagte. Sie trugen korrekte dreiteilige dunkle Anzüge und
unauffällige Krawatten. Ludovic war ein alter Mann, der sich stets gerade hielt
und sich niemals gestattete, seine Schultern fallen zu lassen. Sein Haar war
weiß, aber das Leben hatte auffällige Spuren in seinem Gesicht hinterlassen.
Bereits bei dem Vater der Brüder hatte er als Generalmanager gearbeitet und
dessen volles Vertrauen gehabt. Er war der Einzige, der alle weitverzweigten
Verbindungen und Engagements von la famille kannte. Deshalb hatte der
Vater in seinem Testament angeordnet, dass seine Kinder keine weitreichende
Entscheidung ohne die Zustimmung von Sir Ludovic fällen durften. Die englische
Königin hatte ihn schon vor über zwanzig Jahren zum Ritter geschlagen, worauf
Ludovic sehr stolz war.
Doktor
Soudam war jünger als Ludovic und galt als härter und rücksichtsloser. Er war
ein brillanter Jurist, der selbst bei den aussichtslosesten Fällen noch eine
Lösung fand. Von seiner Erscheinung her recht unauffällig fürchteten ihn Freund
und Feind. Man hielt ihn für unberechenbar und seinen Partnern ging sein
ständiges Gerede auf die Nerven. Auch er war bereits vom verstorbenen Vater in
seine jetzige Stellung berufen worden.
Im
Verlauf ihrer langen Geschichte hatte sich in der Familie Lapisvent eine
Marotte entwickelt. Man gebrauchte mit leichtem Schmunzeln lateinische
Bezeichnungen für die unterschiedlichen Funktionen. So nannte man die
Generalmanager: „imperator primus“ und „imperator secundus“. Aber der gesamte, weitverzweigte
Konzern, hieß unter Eingeweihten nur „die Familie“, auf Französisch also „la famille“.
3
Zuerst
schwiegen alle, nachdem sie im Salon Platz genommen und sich von den Dienern
mit Erfrischungen hatten versorgen lassen. Der Anblick des hilflosen Arthurs
hatte alle erschüttert. Helen brach das Schweigen. Mit einem Ruck trank sie ihr
Glas leer und fragte: „Und, was machen wir jetzt?“
„Wir
machen weiter wie bisher und warten. Was sonst?“ antwortete Sir Ludovic.
„Das
sehe ich nicht so“, widersprach Richard. „La famille ist ohne Führung.
Uns fehlt der Don. So lange Arthur den Don an sich bindet, mit
ihm aber nichts mehr anfangen kann, ist la famille in Gefahr.“
„Heißt
das, du willst ihm zu einem Abgang aus dieser Welt verhelfen?“ fragte Helen
trocken.
„So
zynisch dies klingen mag, zum Wohle von la famille, ja! Wenn er noch
entscheiden könnte, würde er diesen Schritt wahrscheinlich selbst vollziehen.“
„Sie
sind verrückt“, mischte sich Sir Ludovic streng ein. „Das kommt überhaupt nicht
infrage."
„Dies
ist eine Familiensache. Halten Sie sich da heraus!“, rief Richard unbeherrscht.
„Der Don muss auf mich übergehen, das wissen Sie ganz genau!“
Sir
Ludovic schwieg betroffen. Noch nie hatte man ihm so deutlich gesagt, dass er
nicht zur natürlichen Familie gehörte und lediglich ein Angestellter war.
Helen
mischte sich vermittelnd ein: „Aber Richard, so nimm dich doch zusammen. Unser
Freund Ludovic hat recht. Das, woran du denkst, kommt überhaupt nicht infrage.“
„Das
ist doch Wahnsinn“, schrie Richard. „Auf das Ingenium Aeternum zu
verzichten, kann unser Untergang sein. Ihr wisst, die anderen Familien warten
nur auf eine Schwäche von uns.“
„Richard
hat recht“, sagte auf einmal Bernard ganz ruhig. Alle sahen ihn verdutzt an,
denn bisher hatte sich der jüngste Bruder aus allen Entscheidungen der Familie
herausgehalten.
„Richard
hat recht“, wiederholte er, „wir müssen den Don
rasch von Arthur loslösen.“
„Oh,
ich weiß“, sagte Helen sarkastisch. „Du willst das Zitat von Rockefeller nicht
mehr hören, das dir Arthur bei jeder Begegnung an den Kopf geworfen hat: ‚Von
allen Formen der Verschwendung ist jedoch Untätigkeit die
verabscheuungswürdigste.‘ Wenn du mithilfst, unseren Bruder zu beseitigen, so
wirst du ab jetzt diesen Satz von mir hören.“
Alle
schwiegen.
„Nun
gut“, sagte Richard schließlich und stemmte seine kleine, gedrungene Gestalt
mit dem dicken Bauch aus dem Sessel empor. „Mit Don oder auch ohne, ich
bin auf jeden Fall der Nachfolger von Arthur und damit das Familienoberhaupt.
Und als Oberhaupt berufe ich eine Sitzung des InnerCircle ein. Es gilt, weitreichende Entscheidungen zu treffen.
Schon seit Jahren nimmt la famille
ihre Verantwortung für die Welt nicht mehr richtig wahr. Wir werden uns wieder
einmischen und den uns zustehenden Platz in der Welt behaupten. Wir sind mehr
als ein Bankhaus, mehr als ein Konzern. Arthur war schon lange müde und träge.
Das soll sich jetzt ändern!“
„Gehst
du nicht ein wenig forsch vor?“ fragte Helen mit spöttischem Unterton. „Noch
lebt Arthur und ist das eigentliche Oberhaupt von la famille. Im Übrigen ist es uns doch bisher gut gegangen. Unsere Geschäfte haben sich prächtig
entwickelt. Was willst du eigentlich?“
„Ich
will, dass wir den uns zustehenden Einfluss auch ausüben. Wir haben schließlich
einen Auftrag, wie du wissen solltest. Wir können die Geschicke der Welt nicht
länger treiben lassen. Wir müssen endlich wieder Politik machen.“
„Richard
hat recht“, mischte sich nun auch Bernard ein. „Wir tragen eine große
Verantwortung. Und das verpflichtet.“
„Soudam,
was sagen Sie dazu?“ fragte Ludovic.
Doch
Doktor Soudam antwortete nicht. Er saß ganz entgegen seiner Gewohnheit mit
stierem Blick in seinem Sessel. Die Debatte war inzwischen so hitzig, dass
niemand darauf achtete.
„Schluss
jetzt mit dem Gerede“, bestimmt Richard. „Der InnerCircle tritt zusammen, und wir werden sehen, was er
beschließt. Bis dahin bleibt ihr alle hier.“
„Das
geht nicht“, sagte Bernard. „Ich muss auf mein Schiff zurück. Dort wartet
jemand auf mich.“
„Eine
Frau!“ lachte Helen. „Eine Frau auf der Jacht! Unser Kleiner kann seine
Spielchen nicht lassen. Ficke, wen du willst, aber lasse endlich diese
Spielchen, die zwangsläufig für deine Gespielinnen tödlich enden müssen. Ist
dir eigentlich nicht klar, dass du mit jedem Mal neue Zeugen kreierst. Irgendwann
kannst du diese miesen Spiele dann nicht mehr unter der Decke halten.“
„Ach,
lass mich doch in Ruhe!“ Bernard war wütend. „Jeannette ist reizend und klug
und absolut sauber. Ich habe sie genau unter die Lupe nehmen lassen. Ich kann
sie nicht allein auf dem Schiff lassen. Irgendwann quatscht die Besatzung und
bringt sie zurück an Land. Dann haben wir keine Kontrolle mehr über sie.“
„Also,
was schlägst du vor?“ fragte Richard streng.
„Wir
lassen sie hierher bringen.“
„Du
weißt, dass dieses Schloss der engsten Familie vorbehalten ist.“
„Aber
die Situation ist ja auch außergewöhnlich.“ Bernard lächelte gewinnend. „Warum
sollte man in außergewöhnlichen Situationen nicht einmal eine Ausnahme machen?“
„Nun
gut!“ Richard wollte keine weiteren Konflikte und honorierte, dass Bernard ihm
eben beigestanden hatte. Er brauchte Verbündete, das war deutlich.
Beim
Hinausgehen sagte Helen noch sarkastisch zu Sir Ludovic: „Der will sie doch nur
hierher holen, damit er sein Spiel weiter spielen kann. Richard ist zwar geltungssüchtig,
aber mein kleiner Bruder ist eine miese Ratte.“
Frankreich, Languedoc, Departement Aude, ein Schloss, Juni – Jeannette
Grashuber
1
Jeannette
traf erst nach Mitternacht ein. Sie war erschöpft und gereizt. Man hatte sie
zwar mit dem Helikopter an Land geflogen, aber dann mit einem zweimotorigen
Propellerflugzeug nach Carcassonne transportiert. Es hatte gegen heftigen
Gegenwind ankämpfen müssen. Das war ein anderes Reisen gewesen, als mit dem
Luxusjet Falcon 900, mit dem sie von Cambridge nach Nizza geflogen waren. In Carcassonne
war sie dann in einen kleinen zweisitzigen Hubschrauber verfrachtet worden. Als
sie endlich spät in der Nacht das Ziel erreicht hatten, war ihr schlecht und
sie hatte rasende Kopfschmerzen.
Sie
betrat das Schloss durch einen Nebeneingang, und das Personal brachte sie
sofort in ihr Appartement. Im Schlafzimmer lagen schon die Wäsche für die Nacht
und alle erdenklichen Annehmlichkeiten bereit. Müde kroch die junge Frau unter
die Decke und schlief traumlos bis in den frühen Morgen. Doch bereits um sechs
Uhr wachte sie auf und beschloss, die neue Umgebung zu untersuchen.
Ihre
Unterkunft bestand aus zwei Zimmern und einem Bad. Es war hell und modern
eingerichtet. Wie auf dem Schiff, so war auch hier der Wandschrank gut gefüllt,
und alle Kleider hatten genau ihre Größe. In dem großen Schlafzimmer stand ein
französisches Bett und im Wohnraum eine bequeme Ledergarnitur sowie ein Tisch
mit sechs Stühlen. Alles war gediegen und vom Feinsten. Vom Fenster aus sah sie
den großen Park mit den geometrisch geschnittenen Sträuchern, den Blumenbeeten
und den Springbrunnen.
Nachdem
Jeannette Toilette gemacht hatte, entschied sie sich für ein helles Kleid. Dann
verließ sie ihre Zimmer und schlenderte den langen Gang entlang. Niemand war zu
sehen, und so machte sie vergnügt ein paar Tanzschritte und besah sich in den
alten Spiegeln, die den Gang säumten. Sie wusste nicht, dass jede ihrer
Bewegungen von mehreren Augenpaaren genau verfolgt wurde. Eine der vielen
Kameras zoomte auf ihr Gesicht. Es wurde mehrfach fotografiert und Abzüge des
Bildes sogleich an alle Mitglieder der Wachmannschaft verteilt.
Plötzlich,
als sei er aus dem Erdboden gewachsen, stand ein Diener in Livree vor ihr.
„Mademoiselle wollen frühstücken“, fragte er beflissen und geleitete sie, ohne
dass sie sich hätte weigern können, zum Lift. Zwei Stockwerke weiter unten
führte er sie auf die Terrasse. Dort hatte man eine riesige Marquise
ausgefahren, unter der ein üppiges Frühstücksbuffet aufgebaut war.
An
einem der großen runden Tische saß ein alter, hoch aufgeschossener Mann. Um
seinen blanken Kopf zog sich ein weißer Haarkreis. Der Mann war korrekt mit
einem dreiteiligen Anzug und Krawatte gekleidet und erhob sich, als er
Jeannette bemerkte. Sie trat zögernd auf ihn zu und reichte ihm die Hand, die
er galant küsste.
„Es
wäre mir eine große Freude, wenn sie mir Gesellschaft leisten würden“, sagte er
freundlich und winkte einem Diener, um Jeannette zu versorgen. Nachdem dies
geschehen war, schenkte der Diener dem alten Herrn Tee nach. Der schüttelte
missbilligend den Kopf: „Arthur lässt den Tee noch immer in Silberkannen
servieren. Welch ein Barbar! Dieser vorzügliche Tee schmeckt nur aus Porzellan.
Am besten dünnes, chinesisches Porzellan! Was meinen Sie, meine Liebe?“
„Oh,
ich kenne mich mit Tee nicht so gut aus. Eigentlich trinke ich nur Kaffee.“
„Das
ist nicht gut!“ Der Mann schüttelte kritisch den Kopf. „So viele Leute sind
allergisch gegen Kaffee und wissen es nicht. So mancher chronisch Kranke wäre
rasch gesund, wenn er auf dieses braune Zeug verzichten würde.“
Voller
Ekel zog er die Stirn in Falten.
Jeannette
wusste nicht, was sie antworten sollte und nippte stumm an ihrer Tasse.
„Was
studieren Sie?“ fuhr der alte Mann fort. „Ich nehme doch an, dass Sie
studieren?“
Der
Alte konnte so angeregt zuhören, dass die junge Frau zu ihrer eigenen Verwunderung
ohne Scheu zu erzählten begann. Sie sprach von ihren Studienfächern Physik und
Biologie, dann von ihren Freunden und Freundinnen. Schon nach einer halben
Stunde hatte sie dem Fremden beinahe ihr ganzes Leben erzählt und dabei das
Frühstück völlig vergessen.
Sie
wurden unterbrochen, als Richard Baron de Lapisvent erschien und sich zu ihnen
setzte. Seine Augen waren verkniffen und das Haar trug er straff nach hinten
gekämmt. Dadurch konnte man die beiden Ohren sehen, und dass das eine
Ohrläppchen angewachsen war.
‚Dies
scheint ein genetisches Merkmal der Familie zu sein‘, dachte sich Jeannette.
Richard
schien schlecht geschlafen zu haben, denn statt eines Morgengrußes kam vom ihm
nur ein Grunzen. Dann schnippte er mit den Fingern und bedeutete dem Diener, er
möge endlich Kaffee einschenken.
„Noch
jemand, der sich selbst vergiftet“, bemerkte der Alte spöttisch.
„Ach,
lassen Sie mich doch mit Ihren dämlichen Weisheiten in Ruhe“, war die barsche
Antwort. Richard zeigte sich demonstrativ unleidig.
Doch
Sir Ludovic ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen. „Darf ich Sie mit
unserem Gast, Mademoiselle Jeannette Grashuber, bekannt machen. Sie studiert
Biologie und Physik und kommt aus dem schönen Bayern in Deutschland.“
„Ach,
Sie sind die Nutte von meinem kleinen Bruder?“ knurrte Richard. „Wegen Ihnen
hat es schon Ärger gegeben.“
„Aber,
aber“, vermittelte der Alte. „Ärger kann man dies nun wirklich nicht nennen.
Wir freuen uns doch über eine so charmante Besucherin.“
„Ich
nicht!“
Jeannette
war verängstigt und verwirrt diesem Dialog gefolgt. Sie wusste nicht, wie sie
sich verhalten sollte. Doch Sir Ludovic tätschelte ihr beruhigend die Hand.
„Machen
Sie sich nichts daraus“, sagte er. „Am Morgen ist er immer so. Doch nach dem
Frühstück wird er ganz umgänglich. Ich bin sicher, auch der Baron wird sich
über sie als nette Bereicherung unserer kleinen Gesellschaft freuen.“
Bevor
Richard wieder eine Gemeinheit sagen konnte, tauchte Helen auf. Sie war im
Morgenrock, ungeschminkt und hatte seidene Pantöffelchen an. Sie steuerte
direkt auf Jeannette zu und stellte sich vor ihr mit in die Hüfte gestützten
Armen auf.
„Was
haben wir denn da Hübsches!“ rief sie. „Das ist zum Vernaschen doch besser als
jedes Frühstück. Kleines, gehen wir gleich nach oben oder später?“
Alle
lachten schallend, und die junge Frau wurde immer mehr verlegen. Sie stand auf
und sagte: „Ich gehe jetzt wohl besser auf mein Zimmer.“
„Unsinn!“
rief Helen. „Ich habe für dich gestern ein gutes Wort eingelegt, deshalb musst
du mir jetzt auch Gesellschaft leisten.“
Jeannette
wurde klar, dass man bereits über sie geredet hatte, und dass dabei wohl
geteilte Meinungen aufgetreten waren. Sie wollte verschwinden, sich ein
Mäuseloch suchen, in das sie sich hätte verkriechen können. Aber es gab keinen
Ausweg. Diese Menschen hielten sie fest und zeigten ihr gleichzeitig ihre
Verachtung. Nur dem alten Mann vertraute sie. Doch noch immer war ihr nicht
klar, wer hier welche Rolle spielte, und wer das Sagen hatte.
Alle
wandten sich nun ihrem Frühstück zu, und auch Jeannette kam endlich zum Essen.
Schließlich tauchte Bernard auf. Er war in blendender Laune.
„Ich
bin so froh, dass du da bist“, sagte er herzlich. „Ich habe mir bereits große
Sorgen um dich gemacht, weil ich dich so überraschend verlassen musste. Aber
jetzt ist ja alles gut, und uns stehen schöne Tage bevor.“
„Wau!“
mischte sich Helen trocken ein. „Der Kleine kann aber Süßholz raspeln. Doch
dieses reizende Geschöpf wird dir nicht allein zur Verfügung stehen. Du wirst
wohl teilen müssen.“
„Lass'
doch diese Anzüglichkeiten“, sagte Richard streng. „Eigentlich sollte sie gar
nicht hier sein, und je weniger sie von allem hier mit bekommt, desto besser
für sie.“
Er
sagte dies in einem Ton, der Jeannette Gänsehaut machte.
„Wo
ist eigentlich Soudam?“ fragte nun Sir Ludovic. Vielleicht wollte er dem
Gespräch eine andere Wendung geben, vielleicht interessierte ihn aber wirklich,
wo sein Kollege blieb. „Er steht doch sonst als Erster auf, noch lange vor
mir.“
Ein
Diener wurde herbei gewunken und befragt. Monsieur Soudam habe schon sehr früh
auf seinem Zimmer gespeist. Danach habe man nichts mehr von ihm gehört.
„Gehen
Sie zu ihm!“ befahl Richard. „Für zwei Uhr habe ich eine wichtige Sitzung
einberufen. Wir erwarten gegen ein Uhr dreißig HGBL. Soudam muss unbedingt
teilnehmen. Nächste Woche tagt der InnerCircle.
Dessen Entscheidungen müssen vorbereitet werden.“
Der
Diener verbeugte sich und verschwand.
Bernard
beuge sich zu Jeannette und flüsterte ihr ins Ohr: „Mit HGBL ist das High
Governing Body Lapisvent gemeint, das Lenkungsgremium unseres Konzerns.“
Doch
die Frau hörte ihm kaum zu. Sie stand zu sehr unter innerer Anspannung.
Bald
darauf erschien der Diener wieder. Er war sehr aufgeregt und rief: „Monsieur Soudam
ist etwas zugestoßen. Bitte kommen Sie sofort.“
Alle
rannten hinter dem Diener her. Die Zimmer Soudams lagen im gleichen Flügel wie
die von Jeannette. Seine Tür stand offen, und der Mann lag reglos auf dem Bett.
Alle blieben stehen, als seien sie gegen eine Mauer gelaufen und wichen
vorsichtig zurück.
„Holt
die Ärzte und verständigt die Armati“, befahl Richard und verschwand.