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Goldgräber

 

Fallsta und Smyrna ritten häufig zusammen. Irgendwann sagte die Frau: „Bereust du es nicht, dass du all dein Gold geopfert hast, um Cantrel zu befreien? Dank hast du wenig geerntet.“

„Geärgert habe ich mich schon, und das Gold habe ich recht ungern hergegeben. Aber ich bin sicher, es ist nicht das letzte Mal, dass ich Gold in den Händen gehalten habe. Zur Not kann ich ins Ilgaigebirge zurückkehren und mir beim Alten vom Berg Nachschub holen.“

„Und du glaubst, dass er dir wieder etwas abgeben wird?“

„Das weiß ich natürlich nicht. Aber das Gold ist fort. Was hat es für einen Sinn jetzt noch zu trauern? Ich glaube übrigens, wenn man Geld für einen guten Zweck hergibt, kommt neues Geld zurück.“

„Da hast du einen guten Glauben."

 

Und ein andermal sagte sie zu dem Goldgräber: „Wir alle haben auf dieser Reise von unserer Vergangenheit erzählt, nur du hast dich bisher ausgeschwiegen. Ich weiß von dir lediglich, dass auch dein Vater ein Goldgräber war.“

„Da weißt du schon alles über mich. Viel mehr gibt es nicht zu berichten. Ich bin ein einfacher Mann und habe mein Leben lang nur gearbeitet. Ein solches Leben bietet keine erzählenswerten Geschichten“, entgegnete Fallsta verlegen.

„Ich möchte mehr von dir wissen.“

„Dann läufst du Gefahr, dich schrecklich zu langweilen.“

„Dieses Risiko will ich gern eingehen.“

„Nun gut", seufzte Fallsta ergeben, „dann soll deine Neugierde gestillt werden.

Am besten fange ich bei meinen Großeltern an. Sie wohnten am Rand eines Dorfes nördlich der Stadt Walja und hatten viele Kinder. Mein Vater konnte sich später nicht mehr erinnern, ob sie zehn, elf oder zwölf Geschwister gewesen waren. Aber eins wusste er noch genau, sie wurden alle niemals richtig satt.

Großvater arbeitete bei verschiedenen Bauern. Aber sie holten ihn nur, wenn es Arbeit gab. Entlohnt wurde er dann mit Fleisch und Brot. Mal gab es auch einen Sack Korn oder einen Korb Äpfel. Wurde er von den Bauern nicht gebraucht, so gab es für seine Familie kein Essen. Er saß dann zu Hause und schnitzte. Im Schnitzen muss er wohl recht geschickt gewesen sein, denn alle lobten ihn. Zur Jahreswende schenkte er seine Schnitzereien den Bauern, bei denen er das Jahr über Arbeit bekommen hatte. Da er viel Zeit zum Schnitzen hatte, war der Hunger ein häufiger Gast in der kleinen Hütte vor dem Dorf. Die Großmutter bestellte wohl einen Garten hinter dem Haus und zog Gemüse und Kürbisse und einfach alles, was möglich war, aber ein Dutzend Mäuler wollen gestopft sein.

Da kam eines Tages ein Mann vorbei. Er blieb stehen und besah sich die Kinderschar. Schließlich rief er meine Großeltern aus dem Haus. Er sei ein Goldgräber, sagte er, und auf dem Weg ins Silbergebirge. Da bräuchte er noch einen Gehilfen. Die Häusler sollten ihm einen der Jungen mitgeben, dann hätten sie einen Esser weniger, und der Bursche würde zu einem tüchtigen Goldgräber ausgebildet. Bei einem so guten Angebot gab es nicht viel zu überlegen. Man stimmte zu, und der Mann schaute sich alle Söhne genau an. Es sah ihnen hinter die Ohren, ließ sie den Mund aufmachen und blickte hinein, befühlte die Muskeln und die Hände.“

„Das war ja wie auf dem Sklavenmarkt“, unterbrach Smyrna.

„Man könnte sagen, dass es so ähnlich war. Aber der Goldgräber zog in die Einsamkeit, da konnte er kein kränkliches Bürschchen brauchen.

Endlich entschied er sich für meinen Vater. Der Junge bekam von seiner Mutter aus der Lade, die sonst nie geöffnet wurde, ein Schnupftuch. Da hinein wickelte sie zwei große, rote Äpfel. Nun konnte er losziehen und sein Glück machen. Aber der Mann war noch nicht zufrieden. Der Junge hatte nämlich keine Schuhe und barfuß, so sagte der Fremde, könne man nicht in die Berge. Das sahen die Großeltern ein. Deshalb musste der ältere Bruder, der als einziger von den Kindern ein Paar ausgelatschter Stiefel hatte, diese ausziehen und meinem Vater geben.

Dann kam der kurze Abschied, und die beiden zogen los. Vater, der noch nie in seinem Leben Schuhe getragen hatten, kam am Anfang mit dem Tempo des Mannes nicht recht mit und humpelte weit hinterher. Darauf nahm der Goldgräber aber keine Rücksicht, sondern lief einfach weiter. Erst am Abend holte der Junge den Lehrherrn wieder ein. Aber von Tag zu Tag ging es besser, und endlich konnten die beiden neben einander herlaufen. Der Goldgräber war nicht sehr gesprächig, aber er behandelte den Jungen gut, gab ihm ausreichend zu essen und schlug ihn ganz selten. So kamen sie schließlich ins Silbergebirge.

In einem Tal weit oben in den Bergen hatte der Alte eine Silbermine. Die beutete er nun zusammen mit meinem Vater aus. Er habe schon früher einen Jungen gehabt, erfuhr mein Vater in einem der seltenen Momente, wo der Goldgräber etwas sagte, doch der sei ihm gestorben. Deshalb habe er auch so genau auf die Gesundheit des neuen Gehilfen geachtet. Jedesmal wenn sie genug Silber hatten, wanderten der Goldgräber und sein Gehilfe zu den Menschen. Dies war ein Weg von mehreren Tagen. Der Ort, den sie dann erreichten, bestand aus ein Paar Bretterhütten. Dort kauften sie Lebensmittel. Der Händler gab dem Mann aus den Bergen zwar weit weniger, als sein Silber wert war, aber der Alte war dennoch zufrieden. Die Säcke mit dem Salz, den Erbsen und dem Getreide und das getrocknete Fleisch schleppten sie zurück in ihr Tal. Dort musste der Junge noch zusätzlich zu dieser Verpflegung ein Gärtchen mit frischem Gemüse pflegen.

So vergingen zwei vielleicht auch drei schweigsame Jahre. Eines Tages erschien ganz überraschend eine Familie auf dem kleinen Plateau vor der Silbermine. Es waren ein Mann, seine Frau und die Tochter. Sie gaben an, sie wären aus Walja geflohen und weit durch die Ebene gewandert. Irgendwie hatte es sie schließlich in die Berge verschlagen. Nicht nur in der Stadt Walja, sondern im ganzen Land sei eine Krankheit ausgebrochen, an der die Leute reihenweise starben.

Zuerst seien alle Kranken matt und müde. Dann käme hohes Fieber. Die Müdigkeit nehme zu und steigere sich zu ständiger Benommenheit, der Mund sei sehr trocken. Schließlich würden alle von starken Durchfällen befallen, die nicht mehr enden wollten, und die meisten starben schließlich. Besonders die Frau erzählte immer wieder von dieser schlimmen Krankheit. So prägte sie sich ins Gedächtnis meines Vaters so sehr ein, dass auch er sie mir immer wieder beschrieb. Vor dieser Seuche waren die drei geflohen. Der Mann war klein und dürr mit zarten Händen. In der Stadt war er Schreiber gewesen und hatte ein gutes Auskommen gehabt. Seine Frau war groß und befahl häufig und gern.

Die Städter waren ungeschickt und fanden sich in der Wildnis nicht zurecht. Der Goldgräber knurrte zwar unwillig, aber er machte sich mit seinem jungen Gehilfen daran, den Neuen eine Unterkunft zu bauen. Auch gab er von seinen Vorräten ab. Aber es war ein ungewohntes Leben, das der Schreiber und seine Familie nun führen mussten. Er lernte Holzhacken und seine zarten Hände wurden schwielig.

Der Goldgräber wies die Frau an, einen Garten anzulegen. Darüber war sie empört. Sie lasse sich doch von einem einfachen Mann aus den Bergen, ohne Bildung und Kultur, nichts sagen, erklärte sie und rauschte davon. Von diesem Ausflug kehrte sie nicht zurück. Man fand sie ein paar Tage später in einer Schlucht. Ihr Mann wurde bald darauf krank und starb nach einigen Wochen. Nun hatte der alte Goldgräber auf einmal zwei Kinder. Er nahm es gleichmütig hin.

‘Wo es für zwei langt, reicht es auch für drei’, brummte er nur.

Mein Vater und das Mädchen freundeten sich an und irgendwann, du kannst dir schon denken, was jetzt kommt, war ich dann unterwegs. Das Mädchen aus Walja wurde meine Mutter. Und wieder sagte der alte Goldgräber nur einen Satz: ‘Wo es für drei reicht, reicht es auch für vier.’

Inzwischen war im ganzen Land Krieg ausgebrochen. Die Zeiten wurden schwer, und als die beiden Männer wieder einmal mit ihrem Silber hinunter wanderten, um Vorräte zu holen, fanden sie die Bretterbuden niedergebrannt. Weit und breit wohnte keine lebende Seele mehr. Dies war ein schwerer Schlag, und der Goldgräber war zum ersten Mal ratlos. Sie kehrten zurück in die Berge, aber vier Mäuler, ich war damals schon auf der Welt, konnte man nicht allein mit den Früchten eines Gartens stopfen. Hunger kehrte ein, ein Hunger wie ihn mein Vater längst vergessen hatte. Es war absehbar, wann sie alle umkommen würden. Da machte sich der alte Mann auf den Weg in die Ebene. Mein Vater wollte ihn selbstverständlich wie immer begleiten. Aber nun wurde der Goldgräber das erste Mal, seit er ihn kannte, zornig.

‘Du bleibst hier’, herrschte er meinen Vater an und verschwand ohne ein weiteres Wort oder einen Gruß. Er kehrte nicht wieder.

Die jungen Leute waren nun allein und mussten sich zurechtfinden. Sie wagten es nicht, die Berge zu verlassen. Deshalb pflanzte meine Mutter im Garten an, so viel sie konnte, und mein Vater erlernte das Jagen. Oft regierte der Hunger, aber sie kamen über die Runden. Sie waren ganz auf sich selbst angewiesen, und alles, was sie brauchten, mussten sie selbst herstellen. Mein Vater hatte das Talent zum Schnitzen von seinem Großvater geerbt. Doch er fertigte keine Figürchen, sondern Becher und Schüsseln.

So wuchs ich ganz in der Abgeschiedenheit auf. Meine Mutter unterrichtete mich in dem, was sie als Kind von ihren Eltern gelernt hatte. Mein Vater brachte mir den Beruf des Goldgräbers bei.

Ich könnte dir noch lange von meiner Kindheit erzählen, von Lawinen, eiskalten Wintern, von Steinschlägen, und wie mein Vater von einem Falken angegriffen wurde. Aber ich will es kurz machen.

Als ich so an die zwanzig Jahre zählte, waren meine Eltern alt. Das harte Leben hatte seinen Tribut gefordert. Eines Tages schickten sie mich weg. Ich sollte an einem anderen Ort mein Glück machen und nicht in den Bergen als Einsiedler bleiben. Der Abschied fiel mir schwer, und ich hatte auch große Angst vor der Welt. Diese Angst war durchaus berechtigt, denn ich war dumm und unbedarft, als ich meine Berge verließ.

Nach dieser glücklichen Jugend hat mir das Leben viele Schläge erteilt, und ich bin hart geworden. Es wundert mich heute noch, dass ich überlebt habe.“

Schweigend hatte Smyrna dem Freund zugehört. Nun streckte sie die rechte Hand aus und ergriff die seine. Sie drückte sie fest und herzlich. Dann gab sie ihrem Pferd die Sporen.

 

 

Kräftemessen

 

Dann kam der Tag, an dem sich die Teufelsberge hoch vor ihnen auftürmten. Am Eingang einer Schlucht erklärte Aramar, sie müssten die Pferde nun zurück lassen. Die Tiere wurden abgesattelt und das Gepäck verteilt. Auch die Rösser der Rauschgifthändler wurden freigelassen. Noch immer hingen an ihren Sätteln die Säcke mit dem Schöntod.

„Was sollen wir mit dem Zeug anfangen?“ fragte Fallsta. „Das sind unermessliche Schätze.“

„Ja“, antwortete der Zauberer, „und auch unermessliches Leid.“

„Ist es das gleiche Gift, mit dem die Königinnen in Equan süchtig gemacht worden sind?“ wollte Galowyn wissen.

„Du meinst diese seltsame Medizin? Nein, das war ein anderes Zeug. Es machte den Geist der Frauen von den Vespucci abhängig. Kir hingegen verschafft schöne Träume, die man immer wieder erleben will. Auch giert schon nach einer kurzen Zeit jeder Teil des Körpers nach dem Dreck.“

Das Gift zu vernichten, war nicht einfach. Verbrennen kam nicht in Frage, denn schon der Rauch und die Dämpfe, die dabei aufstiegen, machten krank und süchtig. Das Rösten des Pilzes, erklärte Aramar, würde nur von Süchtigen durchgeführt. Sie müssten sogar dafür bezahlen, die Arbeit machen zu dürfen. Natürlich konnten sie das Zeug vergraben. Doch dann vergiftete es die ganze Gegend und alle Pflanzen starben. Irgendwann würde vielleicht sogar jemand das Pulver wieder ausgraben, denn das Gift verrottete nicht. Aber das mussten sie in Kauf nehmen. Der Zauberer hatte keine bessere Idee. So wurde eine tiefe Grube ausgehoben und alle Säcke hineingeworfen. Wer so ein Teufelszeug herstelle, meinte Smyrna, als sie damit fertig waren, gehöre gevierteilt.

 

Die Pferde wurden in die Ebene hinaus gejagt, die Menschen schulterten ihr Gepäck und drangen in die Schlucht ein. Sogleich begann ein schwieriger Anstieg. Die Nacht verbrachten sie hoch oben in den Felsen, und am nächsten Tag ging es wieder nach unten. Dort fanden sie einen Fluss, dem sie in Richtung Quelle nach Norden folgten. Der Fluss verschmälerte sich zu einem kleinen Bach. Große Felsbrocken versperrten ihnen jetzt den Weg und mussten mühsam umgangen werden. Am Anfang war das Wasser noch mit Pflanzen und verkrüppelten Bäumen gesäumt, die zusätzliche Hindernisse darstellten, aber je höher sie kamen, desto spärlicher wurde die Vegetation. Dann erreichten sie die Quelle und dahinter einen Geröllhang, den sie mühsam auf allen vieren empor krochen.

„Wohin führst du uns eigentlich, Aramar?“ fragte Galowyn keuchend.

„Nach Quantam.“

„Und was ist Quantam?“

„Das wirst du schon sehen.“

Als sie den Pass überschritten hatten und mehr rutschend als laufend ins Tal schlitterten, sahen sie von ferne eine Straße.

Sie führe durch die Wüste Soltai, erklärte ihr Führer. Auf ihr erreiche man Vespucciland. Die Straße werde sicher bewacht. Ihre Überquerung sei der gefährlichste Moment der Wanderung.

 

Tage später lagen sie hinter Felsen verborgen am Rand dieser Straße und hielten Ausschau. Im Westen sahen sie ein Lager aus kleinen Zelten, dort saßen um ein Feuer Männer und auf der Straße standen Gestalten, die nach Westen blickten und Wache hielten. Schon wollten sie rasch auf die andere Seite huschen und dort im Gebüsch verschwinden, da sahen sie im Osten etwas Seltsames herankommen. Es war ein runder, schwarzer Kasten, der auf breiten Eisenrädern fuhr. Zugtiere waren nicht zu sehen, er bewegte sich aus eigener Kraft. Auf seinem Dach waren Geländer aus Seilen gespannt, und drei Vespucci beobachteten von dort aufmerksam die Gegend. Dieser Wagen rumpelte über die unebene Straße langsam auf sie zu.

„Sie werden uns entdecken“, raunte Aramar. „Jetzt wird es gefährlich! Verbergt eure Gedanken! Versucht an Bäume und Steine zu denken und an nichts anderes! Zwing euch dazu!“

Immer näher kam das seltsame Gefährt und blieb schließlich vor ihrem Versteck stehen. Eine schnarrende Stimme mit fremdem Akzent rief: „Wir wissen, dass ihr dort seid. Kommt heraus!“

Da erhob sich der Zauberer und trat hinter den Steinen hervor.

„Wer bist du? Was suchst du hier? Wo willst du hin?“ fragte der Vespucci drohend.

„Ich bin Aramar“, war die Antwort. „Man nennt mich auch den Blauen. Einst war ich Vorsitzender des Weißen Rates.“

„Du lieber Himmel“, flüsterte Galowyn. „Er verrät alles. Sie haben ihn in ihrer geistigen Gewalt.“

Da fuhr der Zauberer mit stolzer Stimme fort: „Ich bin unterwegs in Centratur, dem Kontinent, der so lange meine Heimat war. Und ich werde durch dieses Land gehen, so lange ich es will.“

„Schweige, du Hund!“ rief da der Glatzkopf.

„Ich lasse mir von dir den Mund nicht verbieten, so wenig wie du mir gebieten kannst, wohin ich zu gehe habe.“

Die Wachen im Westen waren inzwischen aufmerksam geworden. Die Männer schlenderten langsam näher. Aramar achtete nicht auf sie, sondern redete weiter und seine Stimme war nun drohend: „Geht aus dem Weg! Verschwindet mit diesem Gefährt, das nicht nach Centratur gehört! Zieht euch in die Wüste zurück! Noch habt ihr nicht die Macht über Centratur, und ihr werdet sie nie bekommen. Und merkt euch den Namen Aramar, der Blaue! Erzittert, wann immer ihr ihn hört!“

Die Vespucci starrten ihn regungslos an. Entweder waren sie verblüfft über die unverschämte Rede, oder sie überlegten, was zu tun sei. Doch sie hatten zu lange gewartet. Ein mächtiger, haushoher Felsbrocken stieg auf einmal am Rand der Straße langsam in die Höhe. Es schien, als würde ihn Aramar mit unsichtbaren Armen heben. Der Felsen schwebte über die Straße und näherte sich dem Wagen. Bevor die Vespucci die Gefahr erkannten und den Wagen wegfahren konnten, krachte der Stein auf sie nieder. Er zerschmetterte und zermalmte sie unter sich. Die Wachen, die diesen Zauber sahen, erschraken und rannten zurück zu ihrem Lager. Aramar aber winkte seine Gefährten rasch über die Straße und verschwand dort mit ihnen zwischen den Büschen.

 

Hastig kletterten sie einen Abhang nach dem anderen empor, bis sie auf einen schmalen, zugewachsenen Weg trafen, dem sie folgten. Irgendwann kam ein halb verwittertes Schild darauf stand: ‘Kehre um! Wie alt du auch sein magst, du bist zu jung zum Sterben!’

Alle erschraken bei diesem Anblick, aber Aramar kümmerte sich nicht darum und ging weiter.

Dann endlich nach vielen Stunden öffnete sich vor ihnen eine Lichtung. Dort stand ein altes, mit Weinranken bewachsenes Gemäuer. Es war achteckig und hatte ein flaches Dach. Auf dessen Mitte stand wiederum ein achteckiger Bau und darauf noch einmal einer, jedes Mal kleiner, aber stets von derselben Form. Man hatte drei Gebäude so übereinander gebaut, dass sie sich nach oben verjüngten. Rund um das seltsame Bauwerk zogen sich Fenster, und in seiner Mitte war ein großer Schornstein. Einige der Fenster waren mit hölzernen Läden verschlossen.

Aramar schritt auf dieses seltsame Gemäuer zu und seine Gefährten folgten zögernd. Da öffnete sich die Tür und heraus traten nacheinander drei alte Männer. Sie eilten auf den Zauberer zu und umarmten ihn. Der erste, er war hoch gewachsen und schlank mit einem Bart bis zu seinem Gürtel, sagte nur drei Worte: „Willkommen zu Hause.“

Der zweite rief aus zahnlosem Mund: „Aramar ist noch immer der alte. Stets zu Unfug und Schabernack aufgelegt. Der junge Spund hat mit seinem Übermut diesmal die Vespucci geärgert.“

Der dritte aber, klein mit einem runden Bauch, sagte: „Kommt herein! Der Tee ist schon aufgebrüht!“

 

 

Raum der Geschichten

 

Der Tee war dampfend heiß und stark und wurde in hauchdünnen Porzellanschalen serviert. Sie saßen in einem Saal, der wie ein unregelmäßiges Achteck gebildet war.

Galowyn sah sich um und bemerkte: „Dies ist also ein Kloster. Das erste Mal bin ich unter Männern, die mein Anblick gleichgültig lässt.“

Da kicherte der Alte, er hieß Westomir, mit dem zahnlosen Mund: „Du hast dir deinen Verehrer doch mitgebracht.“

Als ihn die Sängerin verwundert anblickte, wies er mit dem Kinn, an dem der Tee herunter lief, auf Aramar: „Dieser junge Spund ist doch hinter jedem Rock her.“

„Nun ist es aber gut, Westomir“, beschwerte sich dieser. „Einige unbedeutende Vorfälle die weit zurück liegen, wirst du wohl niemals vergessen.“

„Du wirst dich nie ändern“, bekräftigte der Alte und grinste über das ganze Gesicht. „Dein Übermut wird nämlich nicht vergehen. Das wurde wieder einmal unten auf der Straße deutlich, als du mit den Vespucci gespielt hast.“

„Ich habe nicht gespielt, sondern uns verteidigt“, Aramar wurde mürrisch.

„Du hast noch nie eine Gelegenheit zu einem Streit ausgelassen“, dieser Disput schien dem Alten Spaß zu machen. „Stets ziehst du durch die Welt auf der Suche nach einer neuen Auseinandersetzung.“

Man konnte sehen, wie sich Aramar unter diesen Angriffen wand. Er, der sonst nie um das letzte Wort verlegen war, wusste dem senilen Westomir nichts entgegenzusetzen.

Smyrna mischte sich hilfreich ein. „Woher wisst Ihr, was dort unten auf der Straße mit den Vespucci geschehen ist?“ fragte sie mit der Absicht, das Gespräch auf andere Dinge zu lenken.

„Weil wir zugeschaut haben“, ließ sich Westomir wieder vernehmen.

Niemand erklärte den Frauen diese seltsame Äußerung, denn Aramar sagte nun zu dem zweiten Gastgeber, der sich als Abramawar vorgestellt hatte: „Ich brauche Informationen. Ich muss wissen, was in Centratur vor sich geht.“

„Ein Raum der Geschichten ist schon alles vorbereitet“, war die Antwort.

Dann sprachen sie von der Vergangenheit, und was sich in all den Jahren seit Aramars Weggang in Quantam verändert hatte.

„Ich habe einen Mann namens Feltina getroffen“, bemerkte dieser schließlich. „Er sagte, er komme von euch. Kann man ihm vertrauen?“

„Der liebe Feltina!“ riss Westomir das Wort wieder an sich. „Er hat sich bei uns so verändert. Dabei wollte er doch gar nicht hier bleiben.“ Er bedachte sich einen Moment, dann meinte er entschieden: „Ich mag ihn!“

Abramawar wandte sich mit erklärenden Worten an den Gast: „Als er zu uns kam, war sein Geist zu sehr damit beschäftigt, nach Vorteilen für sich selbst zu suchen. Aber dem Einfluss von Quantam kann sich keiner entziehen. Ohne dass er es selbst merkte, änderte er sich von Tag zu Tag. Endlich hatte er in einem der Räume der Geschichten ein Erlebnis, das ihm die Augen öffnete. Er ist nun einer von uns.“

Gronolor, so wurde der dritte der Mönche gerufen, berichtete dann von dem Besuch Qumaras, der Erits und der Kinder und alle hörten aufmerksam zu.

Nun erfuhr Aramar zum ersten Mal die ganze Geschichte von der Mission der Erits. Er ließ sich Qumara genau beschreiben und stellte viele Fragen.

„Werden sie es schaffen?“ fragte er endlich zaghaft und war sehr erleichtert, als Abramawar zögernd nickte.

„Ihr Weg ist weit und gefährlich“, fügte Gronolor hinzu. „Und wie es ihnen in Rutan und Vespucci ergeht, kann man nicht vorhersehen. Aber wir wüssten niemand, der für diese Mission besser geeignet wäre.“

Bevor sie sich erhoben, bemerkte Aramar noch: „Ich habe Kunde von Simonarum. Er ist der Alte vom Berg im Ilgaigebirge.“

„Das haben wir uns schon gedacht“, sagte Gronolor. „Aber wir konnten es nicht überprüfen, denn die Kraft der Geschichtenräume kann zu einem Zeitenwanderer nicht durchdringen. Er lässt sich nicht beobachten.“

 

Die vier Zauberer, der Goldgräber und die beiden Frauen stiegen auf Wendeltreppen nach oben. Im ersten Stock betraten sie einen Gang, von dem Türen abzweigten. Er war wie alles in diesem Haus achteckig. Von weit oben fiel durch eine Glaskuppel Tageslicht in das Gebäude. Zielstrebig öffnete Abramawar eine der Türen und sie betraten einen wiederum achteckigen Raum. Die Luft war stickig, die Fenster so staubig, dass man kaum nach draußen sehen konnte. In der Luft schwebten kleine Flämmchen. Sie flackerten dicht unter der Decke. Erstaunt sahen die Frauen zwei Mönche, die an hohen Stehpulten standen und schrieben. Auf einem Tisch lag aufgeschlagen ein blaues Buch, in das die beschriebenen Seiten später geheftet wurden.

„Ich bin schon lange nicht mehr hier gewesen“, bemerkte Aramar. „Aber diese Räume haben noch den gleichen Geruch wie damals. In all der Zeit habe ich ihn nie vergessen. Ich weiß nicht mehr, wie viele Jahre ich hier mit Schreiben verbracht habe. Ich habe gegessen, geschlafen und geschrieben. Dabei habe ich nichts vermisst. Schließlich nahm ich an der Welt teil, obgleich ich weit von ihrem Geschehen entfernt war. Ich glaube, irgendwann vergisst man sich selbst und lebt das Leben der Gestalten, die man aus der Ferne sieht.“

„Wir verwechseln das, was wir in der Ferne sehen, mit dem Leben“, sabberte Westomir kichernd. „Wir wissen nicht mehr, was wirklich ist: das, was wir sehen, oder das wenige, was wir hier im Kloster erleben. Vielleicht gibt es die Welt gar nicht, und sie wird uns in den Räumen der Geschichten nur vorgegaukelt? Vielleicht gibt es nur unser Kloster und die Phantasmen, die wir sehen, dienen lediglich unserer Unterhaltung?“

Seine Greisenstimme war bei diesen Worten ernst geworden, und die Blödheit war aus seinen Augen geschwunden.

Doch er wurde unterbrochen durch Bilder, die mitten im Zimmer entstanden. Vor den Zuschauern spielten sich zum Greifen deutliche Szenen ab.

Auf die erschrockenen Blicke seiner Gefährten erklärte ihnen Aramar die Bewandtnis der geheimnisvollen Erscheinung: „Die Räume der Geschichten im Kloster Quantam machen es möglich, in die Ferne zu sehen und zu erleben, was anderswo in der Welt vor sich geht. So können die Mönche Geschehnisse in Centratur verfolgen und in das Blaue Buch schreiben.

Dann hieß er sie still sein und den lebendigen Bildern zu folgen. Mit all seiner Kraft richtete er den Blick auf das südliche Thaurgebirge. Wie es wohl Axylia, Urial und Feltina ergangen war? Hielten sie den kostbaren südlichen Custo noch in ihren Händen?

 

 

Die Jagd

 

Schwere Stiefel trampelten über Moose, stampften durch Farne und zertraten die seltenen blauen Blumen. Sie stiegen über Felsbrocken und kletterten Steilhänge hinauf. Schwarze, schuppige Hände drückten Büsche beiseite, wälzten Steine um und zerrissen das Rankengeflecht vor Höhlen. Schwarze Augen spähten in jeden Winkel. Es kam auch vor, dass einer mit einem Schrei in einen Abgrund stürzte, ohne dass dies von den anderen besonders zur Kenntnis genommen wurde. Raue Stimmen riefen sich über breite Schluchten hinweg Befehle und Mitteilungen zu. Das ganze Thaurgebirge wimmelte von Orokòr.

Axylia, die Trägerin des Custo, und ihre Begleiter Urial und Feltina waren müde und hungrig. Schon vor Tagen war ihnen der Proviant ausgegangen. Sie waren auf der Flucht, und kein Ort in den Bergen war mehr sicher. Überall tauchten die schwarzen Gestalten mit den Reißzähnen auf. Ormor hatte aus allen Ländern seine Orokòr abgezogen und ins Thaurgebirge geschickt. Der Zauberkönig wollte Arare, das Netz, mit aller ihm zur Verfügung stehenden Gewalt zerstören.

Kurz nach dem Morgengrauen waren die drei Menschen von den Orokòr entdeckt worden. Sie waren noch schlaftrunken gewesen und hatten ihre Decken noch nicht einmal zusammengerollt, als schon von allen Seiten die grässlichen Gestalten auf sie zugerannt kamen. Es war ihnen nicht viel Zeit zum Überlegen geblieben. Sie verließen die Felsnische, die ihnen als Nachtquartier gedient hatte und hasteten, begleitet vom Gejohle der Meute, zu einem steilen Geröllfeld, das sich viele Fuß breit zwischen zwei Felsplateaus ausdehnte. Weit unten an seinem Ende konnten sie Bäume und Gras erkennen. Urial ging voraus, dann kam Axylia und schließlich Feltina. Unter den Füßen des jungen Zauberers aus Nowogoro lösten sich Steine und rollten, andere Steine mit sich reißend, in die Tiefe. Jeder Schritt, den sie taten, brachte sie einem Sturz näher.

Vorsichtig tastete sich Urial voran, aber seine Gefährten trieben ihn zur Eile an, denn auch die Orokòr hatten todesmutig das Geröllfeld betreten. Ihre Anführer feuerten sie mit rauen Stimmen an, und sie rannten, ohne auf die Gefahr zu achten, mit ihren Eisen beschlagenen Stiefeln den Flüchtigen hinterher. Es war nur eine Frage der Zeit, wann die drei eingeholt sein würden. Doch die Verfolger waren wohl zu wagemutig, denn die Vordersten glitten aus und rissen die anderen in einer Steinlawine mit sich in die Tiefe. Donnernd und mit einer riesigen wirbelnden Staubwolke riss der Berghang ab. Die beiden Männer und Axylia konnten im letzten Moment auf der gegenüber liegenden Seite den festen Boden erreichen.

Doch wenn sie geglaubt hatten, nun in Sicherheit zu sein, so irrten sie sich. Kaum hatte sich der Staub verzogen, da trieben die Hauptleute die Orokòr auch schon erneut an. Ungeachtet der Gefahr mussten sie den gefährlichen Hang wieder betreten. Feltina, der die Führung der kleinen Gruppe übernommen hatte, zögerte nicht lange und hielt sich nach Norden, tiefer hinein in die Berge. Sie fanden auch einen Weg, dem sie folgen konnten und der ihnen die Flucht erleichterte.

Nicht lange, und Axylia war am Ende ihrer Kräfte. Sie ließ sich auf einen großen Stein am Wegrand sinken und schnappte keuchend nach Luft.

„Eine solche Hetzjagd ist nichts mehr für eine alte Frau wie mich“, stöhnte sie endlich. „Ich möchte nur wissen, wie diese Bestien immer wieder aufs neue unsere Spur finden.“

„Sie spüren den Custo“, erklärte Urial. „Er hält das Kraftfeld über Centratur und damit ruft unser Schatz, ständig ‘hier bin ich’.“

„Dann haben wir keine Chance“, sagte Feltina. „Sie werden uns früher oder später schnappen“.

„Doch bis dahin werde ich laufen, soweit mich meine alten Beine tragen“, sagte Axylia entschieden und erhob sich.

Der Weg endete vor einem Abgrund. Eine breite Schlucht tat sich vor ihnen auf, die nur von einer schwankenden Hängebrücke überspannt wurde. Sie bestand aus Seilen und runden Hölzern, Äste, die man notdürftig auf die gleiche Länge geschlagen hatte.

„Diese Brücke ist alt und schon lange nicht mehr benutzt“, stellte Feltina sachkundig fest. „Ich glaube nicht, dass sie uns heute noch trägt.“

„Wichtig ist nicht, was du glaubt“, antwortete Urial lakonisch, „sondern das, was hinter uns kommt.“

Er deutete mit dem Daumen über die Schulter, und seine Begleiter sahen dort zu ihrem Entsetzen schwarze Gestalten auftauchen. Diesmal ging Axylia allein voran. Wie eine Mutter trug sie den Custo unter ihrem Herzen, und wie Väter achteten die Männer, dass ihr nichts geschah. Vorsichtig setzte sie Fuß vor Fuß und hielt sich mit weißen Knöcheln an den Seilen fest. Tief unter ihr schäumte die Gischt eines Gebirgsbaches. Als Axylia etwa in der Mitte angekommen war, begann die Brücke zu schwanken, und sie drohte auszugleiten. Nun hörte sie auch das Schreien der Jäger und schob sich tapfer weiter voran. Ihre Begleiter konnten nicht mehr länger warten und folgten ihr auf die Brücke. Durch ihr Gewicht spannten sich die alten Seile fast zum Zerreißen. Bei jedem Schritt vibrierte und schwankte der Übergang. Feltina war der Schwerste von ihnen, und unter ihm brach auch als erste Sprosse. Er hing mit den Füßen in der Luft und konnte sich erst im letzten Moment mit den Händen halten. Verzweifelt ruderte er mit den Füßen, um wieder Halt zu finden. Urial eilte ihm zu Hilfe und zog ihn wieder empor.

„Und ich Narr könnte nun sicher in Quantam sitzen“, murmelte Feltina. „Warum muss ich auch immer den Helden spielen?“

„Ich bin froh, dass du bei uns bist“, antwortete ihm der junge Zauberer.

Da lächelte der Edle Feltina: „Es ist wahrscheinlich alles gut so!“

Obwohl sie es kaum zu hoffen gewagt hatten, erreichten sie unbeschadet die andere Seite der Schlucht. Als sie zurück sahen, polterten die ersten Orokòr auf den schwankenden Steg. Da sagte Urial: „Dieses Problem werde ich jetzt lösen.“

Er breitete die Arme aus und sprach drei Worte. Mit einem Mal ging die Brücke in Flammen auf. Alle Seile begannen gleichzeitig zu brennen und die Verfolger stürzten schreiend in die Tiefe. Ihr Todesmut rang Feltina in diesem Moment so etwas wie Bewunderung ab.

 

 

Der Turm

 

Die drei Wanderer kamen nun in einen Bereich der Berge, wo die Felsen Türme und Zinnen bildeten. Sie hatten den Eindruck, als sei diese Welt nicht von der Natur, sondern von Händen geschaffen worden. Hoch über ihren Köpfen ragten majestätische Gipfel. Sie duckten sich förmlich angesichts dieser Erhabenheit und waren sich plötzlich ihre Schwäche und Hilflosigkeit bewusst. Wie konnte lebende Wesen wagen, neben diesen Giganten der Natur bestehen zu wollen?

Hinter einer steilen Felswand prallten sie zurück. Damit hatten sie nicht gerechnet. Vor ihnen erhob sich ein wuchtiger viereckiger Turm. Als sie näher kamen, sahen sie, dass er aus Bruchsteinen gemauert war. Zu ebener Erde gab es nur einen schmalen Einlass und sonst keine Öffnungen im Mauerwerk. Die darüber liegenden Stockwerke besaßen Schießscharten, die mit zunehmender Höhe immer breiter wurden. Gedeckt war der Turm mit Holzschindeln, die Steinen beschwerten. Zu beiden Seiten des Eingangs stand eine einfach gezimmerte Holzbank. Rechts vom Turm fiel ein kleiner Abhang ab, an dessen Fuß Wasser aus einem hölzernen Rohr in einen ausgehöhlten Baumstamm floss.

Weit und breit war niemand zu sehen. Vorsichtig traten sie näher, und als sich noch immer keine Seele zeigte und ihr Klopfen nicht beantwortete wurde, rüttelten sie an der Tür und stießen sie auf. Sie traten ein und fanden sich in einem düsteren Raum wieder. In den Ecken lagen einige Werkzeuge und Säcke. Hinter der Pforte standen kräftige Balken, mit denen der Eingang verrammelt werden konnte. Ihm gegenüber führte eine breite Holztreppe in die höheren Regionen des Turms.

Zögernd, stets auf der Hut und bereit sich zu verteidigen, schlichen die alte Frau und die beiden Männer nach oben. Sie fanden eine Küche, Kammern mit Schlafstätten, einen Aufenthaltsraum mit gemauertem Kamin und langem Tisch sowie Vorratsräume. Überall stand Steingutgeschirr mit eingetrockneten Essensresten, und die Töpfe hatte man nicht vom Feuer genommen. Bis zum Erlöschen der Flammen war dort ein Brei zu schwarzer Kohle verbrannt. Ein paar Kleider und Waffen lagen unordentlich herum. Die Bewohner des Turms mussten ihn in höchster Eile verlassen haben.

Nachdem sie festgestellt hatten, dass sie allein waren, holte Feltina Wasser. Axylia suchte nach Vorräten, von denen sie reichlich fand, und begann, ein Mahl zu bereiten. Als sie satt waren, hatten sie Muse, über ihre Lage nachzudenken. Sie rätselten, wer wohl die Bewohnern des Turms gewesen sein mochten und was mit ihnen geschehen war.

Axylia erinnerte sich, einst von einer Familie gehört zu haben, die vor langer Zeit auf der Flucht vor Krieg und Plünderung in die Berge gezogen war. Ob der Turm ihre Behausung war?

Doch was hatte die Leute vertrieben?

Nachdem sie sich ein wenig ausgeruht hatten, untersuchten sie sorgsam die Umgebung. Sie fanden nichts Ungewöhnliches. Nur die riesige Felswand mit den dunklen Flecken, die wahrscheinlich Höhlen waren, flößte ihnen ein wenig Furcht ein.

 

Axylia war von der anstrengenden Flucht so erschöpft, dass sie sich in einem der oberen Stockwerke zusammen mit dem Custo hinlegte und schlief. Urial und Feltina hatten ein Fass Wein gefunden, saßen sich gegenüber an dem langen Tisch und tranken sich aus hölzernen Bechern zu. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlten sie sich wieder wohl, geborgen und in Sicherheit.

Sie hatten schon sechs oder sieben Becher getrunken, da sagte der junge Zauberer bestimmt: „Hier werden wir bleiben. Nun erfülle ich doch noch den Auftrag meiner Oberen, werde Herr eines Turmes und bewache den Custo. Dem vorbestimmten Geschick entgeht keiner.“

„Die Hüterin ist immer noch Axylia, und ob wir hier bleiben steht noch nicht fest“, wandte Feltina gutmütig ein.

„Sie hat ihren Auftrag erfüllt. Nun geht die Last der Aufgabe wieder auf mich über.“

„Aramar hat unsere Freundin dafür bestimmt. Wir sollen sie lediglich unterstützen.“

„Sein Wort ist für mich nicht maßgebend. Er hat keine Funktion mehr im Weißen Rat. Aber meine Oberen leiten das Kloster von Nowogoro. Ihre Anweisung ist bindend.“

Als Feltina merkte, dass es seinem Zechkumpan ernst war, wurde seine Stimme schärfer: „Hören wir auf zu diskutieren! Es bleibt wie es ist! Und nun reden wir von anderen Dingen.“

„Keiner von euch kann sich mir widersetzen“, entgegnete Urial stolz. „Ich bin ein Zauberer und in mir ist die Kraft des Weißen Rates. Mein Wille ist unter euch Gesetz.“

„Zum wirklichen Zaubern gehört zuerst einmal Demut“, sagte Axylia, die von dem Streit aufgewacht und unbemerkt die Treppe herunter gekommen war.

„Oh nein, mit dieser Sklavenmoral könnt ihr mich nicht einlullen.“ Urial trank seinen Becher aus und schmetterte ihn wütend auf den Tisch. „Diese Einstellung der alten Zauberer hat den Orden in seinen jetzigen Untergang geführt. Sie haben jeglichen Stolz vermissen lassen, haben die Gabe der Zauberei nicht geehrt, und sich dann gewundert, dass die jungen Leute sich von ihnen abwandten. Verbrecher wie Ormor wagen den Griff nach der Herrschaft doch nur, weil wir, die wahren Zauberer, die Macht nicht übernehmen. Würden wir unserer Pflicht nachkommen und die Geschicke der Welt lenken, dann gäbe es heute keine Kriege mehr. Frieden und Glück herrschten in Centratur. Weil sich aber die Alten, wie Aramar, um die ihnen auferlegte Aufgabe gedrückt haben, wurde Ormor zu seinen bösen Taten ermuntert. Aber dies alles wird sich ändern. Wir Jungen sind nicht feige, sondern geben der Kunst des Zauberns die alte Bedeutung wieder, die sie verdient!“

„Und an Stelle von Ormor herrschst dann du über Centratur?“ Die Stimme der Frau war ohne Ausdruck.

„Natürlich! Und dann wird es nur noch Frieden und Recht geben!“

„Und worin unterscheidest du dich vom Zauberkönig?“

„Meine Herrschaft ist rechtmäßig. Ich will das Gute. Beides kann man von ihm nicht behaupten.“

„Vielleicht ist er da anderer Meinung?“

Urial hatte sich noch einmal einen Becher voll Wein geschenkt und trank ihn mit einem Zug leer: „Genug geredet! Ihr wisst nun woran ihr seid, und dass ihr mir zu gehorchen habt.“

„Junge“, sagte Feltina, „lege dich schlafen! Du bist den Wein nicht gewöhnt. Wenn du aufwachst, reden wir nicht mehr darüber.“

Da wurde der junge Zauberer sehr wütend. Er sprang auf und warf den Becher dabei um. Mit blitzenden Augen spuckte er die Worte in den Raum: „Du wagst es, mich lächerlich zu machen? Du willst mir einreden, ich sei betrunken? Du willst dich mir widersetzen und mich beleidigen? Ich werde dir Gehorsam beibringen!“

Er hob die Hände drohend gegen den Gefährten und rief magische Worte. Doch nichts geschah. Er wiederholte die Beschwörung noch einmal, aber wieder blieb sie ohne Wirkung.

Da kicherte Axylia im Hintergrund: „Mit dem Zaubern ist es wohl heute nichts? Auch ich bin nämlich mit Zauberern in Berührung gekommen und habe so manches von ihnen gelernt. Das solltest du doch inzwischen wissen.“

Erschüttert und gedemütigt ließ sich Urial wieder auf die Bank fallen. Er legte seinen Kopf in seine Arme und schluchzte. Behutsam fassten ihn die alte Frau und der Mann unter den Achseln und führten ihn die Treppe hoch. Dort legten sie ihn auf eine einfache Liege, wo der junge Zauberer sogleich einschlief.

Als es dunkel wurde, verrammelten Feltina und Axylia den Eingang und legten sich schlafen. Sie fürchteten keine Gefahr. Die Orokòr waren durch die tiefe Schlucht abgeschnitten, und diesen Turm konnte so leicht niemand erobern. Endlich hatten sie wieder eine Nacht vor sich, in der sie Kräfte sammeln konnten.

 

 

 

 

Fernsicht

 

Die Zauberer, die Sängerin und ihre Dienerin sowie der Goldgräber hatten atemlos zugesehen. Die Zeit war ihnen wie im Flug vergangen, doch nun, während die Bilder verblassten, spürten sie, dass ihnen die Füße schmerzten. Die beiden Mönche hatten indessen alles eifrig mitgeschrieben.

„Ich weiß nicht, wie ihr das aushaltet“, sagte Aramar nun zu Abramawar. „Ihr seht alles, wisst, was überall vor sich geht und könnt doch nicht eingreifen. Diese Hilflosigkeit war einer der Gründe, warum ich unser Kloster einst verlassen habe. Wenn ich in der Welt unterwegs bin, sehe ich zwar nicht so viel wie ihr, aber ich kann wenigstens handeln.“

„Jeder hat seine Aufgabe“, antwortete dieser. „Du hattest leider nie genug Vertrauen in das Schicksal. Wir hier aber wissen, dass sich am Ende doch alles zum Guten wendet, allen Fährnissen zum Trotz. Deshalb können wir die Geschicke der Welt gelassen betrachten. Wenn aber Zweifel am rechten Gang der Dinge hegt, dann muss man entweder durch eigenes Handeln die Geschicke beeinflussen oder man wird wie Westomir und verschließt seinen Geist. Du hast den Weg der Tat gewählt.“

Der alte Westomir hatte zugehört und blöd gekichert, dann schlurfte er sabbernd aus dem Raum.

 

„Die Hüterin des Custo ist übrigens in höchster Gefahr“, bemerkte Gronolor. „Nicht umsonst ist der Turm verlassen.“

Aramar wollte fragen, worin die Gefahr bestand, aber in diesem Augenblick kehrte Westomir zurück. Er wirkte verwandelt, und man sah ihm an, dass er wütend war.

„Jetzt erst ist mir klar geworden, was ihr eben gesagt habt“, rief er mit zitternder Stimme. „Ich bin ein wenig blöd in euren Augen, weil ich eure Lust, andere Leute in der Welt zu bespitzeln, nicht teile. Ich habe schon immer gesagt, wir müssen endlich diesen Elfenbeinturm verlassen und selbst etwas unternehmen, anstatt immer nur zuzusehen. Aber ihr bleibt lieber im warmen Quantam und badet in Mitleid mit den armen Leuten in Centratur. Ihr... ihr ... ihr kotzt mich an! Ich bin nicht senil, ich halte nur eure Gleichgültigkeit nicht mehr aus.“

Der Alte hätte noch weiter erregt, aber Aramar legte seinen Arm um die dünnen, zerbrechlichen Schultern.

„Wir alle wissen, Westomir, dass du mehr verstehst und siehst, als du zugibst. Keiner hier wollte dich ärgern. Du hast recht, es ist schon hart, nicht eingreifen zu können, wenn es in der Welt drunter und drüber geht.“

Langsam beruhigte sich der alte Mann wieder, obgleich er noch immer am ganzen Körper zitterte. Endlich lachte er wieder und blickte so blöd wie immer. Dann schlürfte er langsam aus dem Raum.

Keiner der Anwesenden erwähnte den Zwischenfall mit einem Wort. Statt dessen sagte Aramar:  „Glaubt ihr, dass Ormor am Ende verlieren wird?“

„Oh, Aramar, mein Bruder! Du zweifelst schon wieder!“ sagte Abramawar traurig.

„Vielleicht bist du zu hoffnungsvoll?“

„Das Ende der Geschichten wird zeigen, wer von uns beiden Recht hat.“

„Ich wünsche, ich könnte deinen festen Glauben teilen! Nun aber lass’ mich sehen, wie es im Norden aussieht. Das Netz braucht schließlich drei Custo, um zu bestehen.“

Die Luft im Raum wurde wieder stickig und heiß, als sich die Zauberer konzentrierten. Die kleinen Flämmchen an der Decke begannen zu tanzen. Die Mönche an den Stehpulten, die gewartet hatten, ergriffen ihr Schreibzeug und machten sich bereit, alles, was sie sahen und hörten, aufzuzeichnen. Der Raum veränderte sich und dehnte sich aus. Berge wurden sichtbar. Im hohen Norden stand die Sonne tiefer als im Süden. Auch hier wimmelte es von Orokòr.

 

 

Der Vogel

 

Glaxca und Marga wussten noch nicht, dass sie gejagt wurden. Sie saßen auf einem Berghang im dünnen Gras, zwischen Steinen blühten Silberdisteln. Das Mädchen hatte den Custo genauso wie Axylia in einem Tuch um den Körper gebunden. Sie berieten gerade, wohin sie sich wenden sollten, da hörten sie tief unter sich das Krachen von Holz. Eine Horde Orokòr brach aus dem Wald am Fuß der Bergwiese. Sie blinzelten ein wenig in die Sonne, und bevor sich die beiden flach auf den Boden werfen konnten, sahen sie ihr Wild. Mit lautem Geschrei begannen sie den Berghang zu erklimmen.

Marga und ihr Begleiter sprangen auf und kletterten mit Händen und Füßen weiter nach oben. Doch ihre Flucht endete an einer steilen Felswand, die sich hinter dem grünen Abhang erhob. Sie versuchten noch, die steile Wand zu erklimmen, waren dazu aber zu ungeübt.

Die Orokòr schienen über unerschöpfliche Kräfte zu verfügen, denn sie rannten ohne innezuhalten den Berghang empor. Die Mäuler mit den Reißzähnen waren aufgerissen, und die Pranken mit den spitzen Krallen weit vorgestreckt. Sie sahen, dass die Beute nicht entkommen konnte und freuten sich schon auf die Belohnung ihres Herrn.

Voller Verzweiflung warf Glaxca Steine nach unten und rollte Felsbrocken auf die Angreifer. Doch diese wichen den Geschossen mit Leichtigkeit aus. Als dennoch einer getroffen wurde und sich überschlagend nach unten stürzte, schreckte es die andern nicht ab. Jeder Jäger weniger würde den Anteil an der Belohnung vergrößern.

Während der Zwerg mit dem Mut der Verzweiflung nach Wurfgeschossen suchte, pfiff Marga aus Leibeskräften. Sie hätte sich ohrfeigen können, weil sie sich von den Vögeln nicht hatte warnen lassen. Nun rief sie die gefiederten Freunde um Hilfe, doch was sollten Schwalben und Meisen gegen Krieger des Dunklen Herrschers ausrichten? Hilflos schwirrten Vogelschwärme über ihrem Kopf.

Als die Orokòr nur noch wenige Fuß von den beiden entfernt waren, griffen sie mit ihren schwarzen Pranken nicht nach der Beute, sondern sie hielten sich gegenseitig zurück. Im Streit darüber, wer als erster die Beute ergreifen durfte, um sich später bei Ormor damit brüsten zu können, erhielten ihre Opfer eine letzte Galgenfrist. Doch schließlich brüllte ihr Anführer ein Machtwort. Sie ließen von einander ab, um endlich den Willen ihres Herrn zu erfüllen. Obwohl Marga sich ganz flach an die Felswand drückte, riss bald darauf eine Kralle an ihrem Kleid. In den nächsten Sekunden würden Zwerg und Mädchen gefangen oder tot sein.

In diesem Augenblick verdunkelte sich der Himmel. Ein Schatten fiel über Beute und Jäger. Ein Brausen erhob sich über den Köpfen. Mächtige Schwingen peitschten die Luft. Dann schoss ein riesiger Vogel nieder. Seine scharfen Krallen zerfetzten die Angreifer, und sein scharfer Schnabel fasste die Orokòr, die fliehen wollten. Die Bergwiese färbte sie rot mit Blut. Fleischstücke flogen durch die Gegend, Köpfe rollten den Abhang hinab. Da lag ein ausgerissener Arm, dort ein abgebissener Fuß. Der Vogel richtete ein Blutbad an, und vernichtete erbarmungslos alle schwarzen Krieger.

Marga und Glaxca hatten sich eng an die Felswand gedrückt. Sie wussten nicht, ob sie die nächsten Opfer des ungeheuren Tieres werden würden. Ihre Furcht vor den Orokòr war dem Entsetzen über den Vogel gewichen. Noch nie hatten sie solch ein Lebewesen gesehen.

Endlich rührte sich kein Orokòr mehr. Der Vogel faltete seine weiten Schwingen zusammen, sprang einige Schritte zurück und wandte sich an das Mädchen. Er stieß einige tiefe Triller aus. Zitternd und mit großen Augen antwortete ihm Marga. Dann erhob sich das Tier wieder in die Luft. Dabei entfachte es mit seinen Flügeln so einen Wind, dass dem Zwerg die Mütze vom Kopf gerissen wurde.

„Was hat er gesagt?“ fragte Glaxca, als der Schatten klein geworden und der Retter in den Lüften verschwunden war.

„Ich solle ihn wieder rufen, wenn ich ihn brauche. Noch nie habe er einen Zweibeiner getroffen, der die Sprache der Vögel sprechen konnte. Er habe noch zu tun. Später wolle er uns wieder aufsuchen und sich alles erklären lassen.“

 

Als sie sich ein wenig gesammelt und den Schrecken verarbeitet hatten, stellte der Zwerg fest: „Wir werden also gejagt. Die schwarzen Bestien haben unsere Spur entdeckt. Sie werden keine Ruhe geben, bis sie uns gefangen haben. Der Dunkle Herrscher will den Custo um jeden Preis. Das bedeutet, wir müssen uns verbergen und zwar in den Tiefen des Gebirges. Die Berge dürfen wir nun lange Zeit nicht mehr verlassen, denn nur hier sind wir einigermaßen sicher. Aber gerade Zeit habe ich nicht.“

„Ich bin die Hüterin des Custo“, antwortete Marga. „Ich werde hier bleiben. Und du wirst weiter nach Aramar suchen.“

„Mit dem Custo in deiner Obhut kann ich dich nicht allein lassen. Er ist so überaus wichtig, und auch um dich sorge ich mich. Ich weiß nicht mehr, worum ich mich mehr kümmern soll: um die Sicherheit des Custo, oder dass Aramar von dem Ultimatum des Achajers erfährt?“

„Der Achajerfürst hat dir doch gesagt, dass er im elften Monat des Jahres im Golf von Orex auf dich warten will. Dann sollst du ihm eine authentische Botschaft von Aramar überbringen, sonst segelt er zu den Inseln und kehrt nie mehr zurück. Wenn also kein Zeichen von Aramar zur Landebucht gebracht wird, erhält Centratur in seinem Kampf gegen die Heere Ormors keine Unterstützung durch die Achajer.“

„Das ist wahr! Und Aramar rechnet fest mit dem Eingreifen der Achajer. Sie sind seine geheime Trumpfkarte in diesem aussichtslosen Kampf. Er geht davon aus, dass ich seine Botschaft überbracht habe und seine Freunde von den Inseln im rechten Moment mit Truppen kommen. Er weiß ja nicht, dass mir sein Brief gestohlen worden ist, und Heliodor auf einer Botschaft von ihm besteht. Was soll ich tun?

Wenn ich weiter suche, finde ich Aramar vielleicht noch rechtzeitig und komme vor Ablauf des Ultimatums zum Golf von Orex? Aber wenn in der Zwischenzeit die Schergen des Dunklen Herrschers dich und den Custo fangen, war alles umsonst. Dann können auch die Achajer nicht mehr helfen.

Bewahren wir aber den Custo, und die Achajer kommen nicht, dann sind unsere Kräfte zu schwach gegen die Übermacht und wir verlieren den Kampf. Wie immer ich mich entscheide, es ist falsch.“

„Bist du denn sicher, dass du Aramar rechtzeitig finden kannst?“ fragte Marga.

„Ich halte es für unwahrscheinlich.“

„Dann bleibe bei mir, denn die Bedrohung durch die Orokòr kennen wir, und sie ist übermächtig. Ich fühle mich zusammen mit dir sicher. Schon einmal hast du mir das Leben gerettet, das ist ein gutes Omen.“

„Dann komm“, sagte der Zwerg. „Lasst uns zurück zu den alten Leuten bei der Spinnenhöhle gehen.“

 

 

Der Beschluss

 

Aramar war so nahe an die Schemen im Raum herangetreten, als wollte er sie mit Händen greifen. Sein Gesicht war bleich geworden, und sein Atem ging stoßweise. Er wollte eingreifen, einen Rat geben, Fragen stellen und wusste doch, dass er nur das Abbild eines Geschehens sah, das sich weit entfernt von ihm abspielte.

„Wenn ich das gewusst hätte“, stieß er zwischen den Zähnen hervor. „Das ist ja furchtbar. Der arme Glaxca. Ich möchte seine Wahl nicht treffen.“

Atemlos hatten auch die anderen Zauberer den Ereignissen zugesehen. Die Federn der Mönche waren in Windeseile über die Seiten geflogen.

Abramawar sagte: „Bruder Fraam war sicher keiner von den großen Äbten. Schließlich war er ursprünglich nur der Koch in Nowogoro gewesen. Jedoch hat er die richtige Hüterin für den Custo gewählt. Das ist ein Verdienst, das berühmtere Äbte nicht für sich beanspruchen können.“

Sie verließen den Raum der Geschichten und kehrten ins Erdgeschoss zurück. Dort im großen achteckigen Raum aßen sie zuerst einmal etwas. In den vielen Stunden des Zuschauens waren sie hungrig geworden. Dann setzten sie sich mit Tee um den Kamin und beratschlagten.

„Ihr wisst, was in Cantrel geschehen ist?“ fragte Aramar seine Brüder aus Quantam. „Die Königin hat uns des Landes verwiesen. Sie verzichtet auf unsere Hilfe.“

„Wir haben es hier miterlebt“, gab Gronolor zu. „Viele ihrer Argumente sind einsichtig, aber warum sie es zum Bruch kommen ließ, wissen auch wir nicht.“

„Sind vielleicht noch Vespucci im Palast, unter deren Einfluss sie steht?“ fragte Galowyn.

„Auch das wissen wir nicht.“

„Warum sehr Ihr nicht nach?“ fragte Smyrna erstaunt.

„Aus dem gleichen Grund weshalb wir auch nicht ständig Ormor überwachen. Wenn wir ihn sehen, kann er uns auch sehen. Wir schleichen uns bei ihm nur ein, wenn wir wissen, dass er beschäftigt ist. Ebenso verhält es sich mit den Vespucci.“

„Ich glaube nicht, dass die Vespucci Lunete bezwingen können“, sagte Abramawar. „Sie ist eine Achajerin.“

„Das mag schon sein. Auf jeden Fall ist Cantrel zu schwach, um sich gegen einen Überfall aus Darken zu verteidigen“, fuhr Aramar fort. „Mit der Hauptstadt fällt aber das ganze Land Whyten.“

„Zumindest wird Ormor vorerst in Whyten nicht angreifen. Seine Gedanken sind ganz auf das Thaurgebirge konzentriert. Er will unbedingt den nördlichen und den südlichen Custo in seine Hände bekommen, um das Netz zu zerstören“, Abramawar machte eine bedeutungsvolle Pause. „Ich weiß nicht, ob wir uns darüber freuen, weil wir Zeit gewinnen; aber wenn seine Schergen erfolgreich sind, können wir alle Hoffnungen begraben.“

Hier mischte sich Fallsta ein. „Irgendwann wird der Zauberkönig im Süden angreifen. Dann brauchen wir Hilfe. Equan ist vom Kampf um Hispoltai noch zu geschwächt. Es kann keine Truppen senden. Whyten aber ist allein zu schwach.“

Westomir, der bisher seinen Tee lautstark geschlürft hatte, hielt plötzlich inne und kicherte mit seinem zahnlosen Mund: „Ich wollte schon immer ‘mal ans Meer. In Arminia ist es sehr schön. Warum darf ich da nicht hin?“

„Westomir“, unterbrach ihn Abramawar ärgerlich, „dies ist eine wichtige Beratung. Störe uns nicht!“

„Aber unser alter Freund hat doch recht“, rief Aramar. „Die großen Städte im Süden könnten Hilfe bringen. Rachis und Arminia waren bisher in keine Kämpfe verwickelt und mussten deshalb auch keine Verluste erleiden. Wir sollten sie um Hilfe bitten. Lasst uns nachsehen, wie es dort aussieht.“

Eilig kehrten alle in einen der Räume der Geschichten zurück. Wieder wurde die Luft stickig, und Flämmchen züngelten unter der Decke, aber so sehr sie sich auch anstrengten, keine der beiden Städte wurde sichtbar. Man sah nur Mauern und Dächer, konnte aber nicht ins Innere der Orte eindringen.

„Was geht dort vor?“ fragte Gronolor entsetzt. „Welche Teufelei ist dort im Gang?“

„Ich werde hingehen und es mir ansehen“, sagte Aramar und erhob sich.

„Wir kommen mit“, sagten seine bisherigen Begleiter wie aus einem Mund.

„Das geht nicht“, antwortete der Zauberer. „Für euch habe ich eine wichtigere Aufgabe. Ihr müsst quer durch Centratur zum westlichen Meer reisen und dorthin eine Botschaft überbringen. Es wird wahrscheinlich die gefährlichste Mission, die ihr jemals ausgeführt habt und gleichzeitig die wichtigste. Dabei seid ihr ganz auf euch selbst gestellt. Niemand wird euch helfen. Ihr müsst durch ein Land, das der Krieg im Griff hält. Zu jeder Stunde wird euer Leben bedroht sein. Wollt ihr dennoch die Aufgabe übernehmen?“

„Ich bin zwar eine Sängerin und keine Amazone“, antwortete Galowyn. „Aber wenn wir diesen Krieg verlieren, gibt es niemanden mehr, dem ich vorsingen kann. Ich habe also keine andere Wahl, als zu gehen.“

„Tapfere Herrin“, fügte Smyrna hinzu, „du sollst nicht ohne deine Dienerin reisen.“

„Seit wann habe ich wieder eine Dienerin", fragte diese erstaunt. „Du hattest mir den Dienst doch schon vor langer Zeit aufgekündigt. Ich kann dich immer noch nicht bezahlen.“

„Dann stunde ich dir meinen Lohn bis nach dem Krieg.“

„Das kann aber noch noch lange dauern.“

„Ich werde es in Kauf nehmen.“

„Wie lange wollt ihr dieses Spiel eigentlich noch fortsetzen?“ fragte Fallsta ärgerlich. „Ihr seid doch Freundinnen, und Smyrna ist keine Dienstbotin.“

„Willst du mir etwa meine Dienerin abspenstig machen?“ fragte die Sängerin streng. „Was weißt du von unseren Abmachungen?“

„Ach macht doch, wenn ihr wollt“, knurrte der Mann. „Euch Frauen werde ich nie verstehen.“

Da lachten die beiden.

„Kommst du auch mit?“ fragte Smyrna den Goldgräber.

„Ich kann doch zwei verrückte Frauen nicht allein durch die Welt ziehen lassen.“

Aramar sagte: „Ihr habt für die weite Reise nur elf Wochen Zeit. Dann müsst ihr den Golf von Orex im Westlichen Meer erreicht haben. Dort übergebt ihr einen Brief. Lasst euch diesen Brief von niemandem abnehmen. Schon einmal hat mein Bote die Botschaft verloren, und es mag sein, dass er dadurch, ohne es zu wollen, den Untergang Centraturs verschuldet hat. In der Landebucht wartet der Achajerfürst Heliodor. Er ist ein stolzer und mächtiger Mann. Er wird euch auf Herz und Nieren prüfen. Sagt ihm die Wahrheit.“

„Woran erkennen wir diesen Fürsten?“

„Er hat sechs Finger an jeder Hand.“

Die alten Zauberer aus Quantam hatten schmunzelnd zugehört. Nun erhob sie die Frage, welchen Weg die Frauen und der Goldgräber nehmen sollten. Alle wussten, dass die südliche Route, am Tal Rotamin vorbei, die Alte Südstraße nach Norden und den Tabakweg nach Westen, versperrt war. Dort lagerten große Heere, die ein Durchkommen unmöglich machten. Abramawar schlug einen Weg durch das Thaurgebirge vor, aber Aramar, der die Berge gut kannte, widersprach. Die Berge konnten nur sehr geübte Bergsteiger bezwingen. Sie bildeten ein unüberwindliches Hindernis. So blieb nur die Route durch das feindliche Darken bis zur Alten Oststraße. Auf ihr sollten die drei das Gebirge überqueren und dann direkt nach Westen reisen.

Gronolor hatte sich bisher nicht eingemischt. Aber nun sagte er vorwurfsvoll: „Willst du deine Freunde in den sicheren Tod schicken? Wenn sie in Darken aufgegriffen werden, bringt man sie unter der Folter um.“

„Weißt du, wie sie sicher zum Golf von Orex kommen?“

„Das weiß ich nicht. Aber ich würde sie nicht töten lassen.“

Die Betroffenen hatten zugehört und waren unbehaglich auf ihren Stühlen herum gerutscht. Nun versuchte sich Galowyn selbst zu beschwichtigen: „So schlimm wird es schon nicht werden. Wir passen auf, dann geht es gut.“

Man sah ihr aber an, dass sie die eigenen Worte nicht so recht glaubte.

„Ich will euch nicht abhalten“, sagte Gronolor begütigend, „aber ihr solltet wissen, in welche Gefahr ihr euch begebt.“

„Das wissen sie“, bestätigte Aramar, der auf keinen Fall seine Boten entmutigen wollte.

„Du solltest ihnen reinen Wein einschenken“, die Stimme Gronolors war mahnend.

„Na gut, vielleicht hast du recht“, seufzte Aramar.

Aber bevor er weiterreden konnte, eilte einer der Schreiber aus den Räumen der Geschichten herbei.

„Nun ist der Krieg offen ausgebrochen“, rief er. „Die Heere aus Darken haben die Grenze zu Whyten überschritten.“

Aramar, der die Vorgänge in Darken nicht mitverfolgt hatte, erfuhr jetzt von den Zauberern in Quantam, dass die Krieger dort immer ungeduldiger geworden seien und endlich losschlagen wollten. Ihre Führer hätten sie nicht länger zurückhalten können. Wahrscheinlich seien sie deshalb ohne Zustimmung Ormors auf eigene Faust in den Süden marschieren.

„Heute ist der Tag der schlimmen Enthüllungen“, rief Aramar. „Die Lage ist aussichtsloser, als ich dachte. Doch wir werden nicht aufgeben. Auch wenn die Geschehnisse nun ins Laufen gekommen sind und keine Zeit mehr zu Vorbereitungen bleibt.“ Er wandte sich an den Schreiber, der die Meldung überbracht hatte: „Bruder, wo sind die Soldaten jetzt?“

„Sie haben nördlich vom Grauen Wald ein großes Lager aufgeschlagen. Dort bauen sie eine Festung. Sie heben Gräben aus und errichten Palisaden. Wersch lässt sich Zeit. Die Niederlage vor Hispoltai hat er noch nicht vergessen. Damals glaubte er den Sieg schon in der Tasche und büßte dennoch sein Heer ein. Nun will er langsam und systematisch vorgehen, um jedes Risiko zu vermeiden. Er will den Sieg diesmal nicht gefährden. Angreifen wird er erst in einigen Wochen. Bis dahin werden seine Soldaten in Whyten kleinere Überfälle machen und die eine oder andere Ortschaft verwüsten. Vielleicht wartet Wersch auch auf die Unterstützung durch Ormor. Im der Tiefe seines Herzens ist er nämlich ein Zauderer und ein Feigling. Aber auch Feiglinge können gefährlich sein. Besonders schlimm ist ihre Unberechenbarkeit. “

„Wir habe ich keine Zeit mehr zu verlieren“, stellte Aramar fest. „Ich muss in den Süden und Hilfe auftreiben. Meine größte Hoffnung ist aber noch immer das Eingreifen der Achajer.“ Er wandte sich an seine Gefährten. „Ihr müsst durchkommen!“ sagte er eindringlich.

Abramawar schüttelte bedenklich den Kopf, aber er sagte nichts.

Nur Westomir trank unbeteiligt seinen heißen Tee, der ihm wieder aus den Mundwinkeln lief, und kicherte: „Endlich wird es spannend. Ich habe mich schon gefragt, wie lange ich mich noch langweilen muss?“

„Du kannst mich ja begleiten“, bemerkte Aramar böse.

„Bewahre! Wir haben uns in Quantam doch so schön ans Zuschauen gewöhnt. Diese Gewohnheit wollen wir nicht aufgeben.“

Aramar erhob sich mit den Worten: „Für Ironie ist jetzt keine Zeit!“ und verließ den Raum.

 

Noch am selben Tag sollten Fallsta und seine Begleiterinnen aufbrechen, während Aramar noch eine Nacht bleiben wollte. Jede Stunde war wertvoll. Vorräte wurden zusammengesucht und verpackt, Kleider ausgebessert und Karten ausgebreitet. Über all der Hektik vergaßen die Reisenden ihre Angst. Die Mönche gaben ihnen noch einen dicken Beutel mit Reisegeld und viele Ratschläge mit auf den Weg. Dann brachen sie auf. Als sie vor die Tore des Klosters traten, fielen vereinzelte Tropfen, aber noch während sie sich verabschiedeten, entwickelte sich ein heftiger Wolkenbruch.

„Die Reise lässt sich gut an“, bemerkte Fallsta trocken. „Wenn es so weitergeht, kann es vergnüglich werden.“

Aramar umarmte seine Freunde und dankte ihnen. Dann gab er ihnen noch eine Fülle von Ermahnungen und Hinweisen, aber die Frauen und der Goldgräber hörten ihm kaum noch zu.

Abramawar sagte: „Wir werden bei euch sein.“

Sie wussten dass dies der Wahrheit entsprach und keine hohle Floskel war.

Westomir hatte einen seiner seltenen lichten Momente, als er ihnen die Hand schüttelte. Er gab ihnen, beinahe ein wenig verstohlen, ein kleines, altes Kissen.

„Ich habe nicht viel“, meinte er dabei verlegen. „Das Kissen habe ich schon lang, deshalb ist es ein wenig abgenutzt. Aber man liegt gut auf ihm. Ich brauche es nicht mehr. Aber ihr habt eine anstrengende Reise vor euch. Da müsst ihr ausgeruht sein. Schlaf ist besonders wichtig. Immer der von euch, der am meisten erschöpft ist, kann dann auf meinem Kissen schlafen.“

„Aber worauf werdet Ihr Euch legen?“ fragte Smyrna betroffen.

„Das ist nicht so wichtig. Ich bin nur ein Zuschauer, während ihr die handelnden Personen seid. Eure Nachtruhe ist auch für mich von Bedeutung.“

Die Dienerin hatte Tränen in den Augen, als sie spontan ihre Arme um den Hals des alten Mannes schlang.

Der stottere: „Nun bandle ich auch schon mit Frauen an, wie dieser junge Spund, dieser Aramar.“

Dann kicherte er auf seine gewohnte Art, setzte sein blödes Grinsen auf und verschwand im Haus.

„Nehmt es ihm nicht übel“, bemerkte Gronolor. „Er meint es nicht so!“

„Doch er meint es so“, antwortete Galowyn erregt. „Und er meint es sehr gut! Westomir ist ein feiner Kerl!“

Die Zauberer standen im Regen, sahen ihnen nach und winkten bis sie zwischen den Bäumen verschwunden waren. Dann erst kehrten sie ins Haus zurück.

„Ich will noch nachsehen, wie sicher die Custo sind. Dann werde auch ich mich auf den Weg machen“, sagte Aramar und ging, gefolgt von den Mönchen, in die Räume der Geschichten.

 

 

Überraschung in der Nacht

Urial war es den ganzen Tag nicht gut gegangen. Der ungewohnte Alkoholgenuss hatte ihm Kopfschmerzen beschert. Während sich Feltina und Axylia satt aßen und die Ruhe und den Frieden dieser abgelegenen Berglandschaft genossen, irrte der junge Zauberer ruhelos umher, uneins mit sich selbst und der Welt. An die Auseinander­setzung vom vergangenen Abend erinnerte er sich nur noch dunkel. Er hatte ein schlechtes Gewissen, wollte sich dies jedoch nicht eingestehen. Zu gern hätte er gewusst, was er tatsächlich gesagt hatte. Weder Axylia noch der Edle Feltina hatten über den Vorfall gesprochen, und Urial hatte sie nicht gefragt.

Die Sonne ging schon früh hinter den hohen Berggipfeln unter. Während die Frau ein Abendbrot bereitete, ging Urial mit einem kurzen Gruß nach oben, um sich hinzulegen. Die beiden anderen unterhielten sich noch eine Weile, dann legten sich auch schlafen. Die Türe hatten sie wie in der letzten Nacht mit dicken Balken verschlossen. Nur die Schießscharten waren offen und ließen das milde Licht des Mondes herein.

Es mochte kurz nach Mitternacht gewesen sein, als dunkle Schatten auftauchten, die den einsamen Turm umkreisten. Sie flogen durch die Luft, saßen auf dem Boden und setzten sich an den Außenwänden fest. Ihre Zahl nahm immer mehr zu, bis schließlich die ersten von ihnen durch die Schießscharten ins Innere krochen.

Feltina erwachte von einem stechenden Schmerz am Hals. Als er nach der Ursache tastete, spürte er etwas Pelziges und gleich darauf auf der auf deren Seite wieder diesen Schmerz. Entsetzt fuhr er hoch und hörte von dort, wo Axylia schlief einen Schrei. Er wollte diese pelzigen Dinger vom Hals reißen, aber sie hatten sich zu sehr in sein Fleisch verbissen. So tastete er nach der Kerze neben seinem Lager und machte Licht. Was er sah, ließ ihm den Atem stocken, und ihm war klar, was die bisherigen Bewohner des Turms vertrieben hatte.

Der Boden, die Wände, die Decke alles war bedeckt mit Fledermäusen. Sie flatterten durch die Luft, umkreisten ihn und krochen über die Möbel. Durch die offenen Luken in den Mauern drangen ununterbrochen neue Tiere ein. 

Nun kamen die alte Frau und Urial angerannt umflattert von Fledermäusen. Auch an ihnen hafteten sie in Trauben. Axylia schrie und schlug um sich, zerrte an den behaarten Körpern und hielt wieder inne, wenn der Schmerz zu groß wurde. Der junge Zauberer hingegen hatte die Ruhe behalten. Er übernahm ganz selbstverständlich den Befehl, öffnete die verrammelte Eingangstür und führte sie nach draußen. Im Mondlicht wurden sie aber erst recht von den Blut saugenden Tieren angefallen. In blinder Panik rannten Feltina und Axylia los, verfolgt von Wolken kleiner Vampire. Deren scharfe Zähne verbissen sich in jedes freie Stück Haut, und selbst in ihren Gesichtern hingen sie dicht an dicht. Schreiend und hilflos rannten die beiden im Kreis. Axylia begann durch den Blutverlust bereits zu taumeln. 

Der junge Urial behielt die Nerven. Sein Gesicht wurde hart. Seine Gestalt straffte sich, und ohne auf die Tiere zu achten, die an ihm saugten, rief er: „Fürchtet euch nicht! Ich bin bei euch, und ich verkörpere die Macht von Nowogoro. Wir werden diesen Bestien das Fürchten lehren.“

Er hob seine beiden Arme und rief mächtige Worte. Als erstes zerbarst der Turm und mit ihm alle Fledermäuse, die auf und in ihm gesessen hatten. Dann erhellte ein gleißendes Licht die Nacht und verschlang die gierigen Tiere in der Luft und auf der Erde. Und als das Leuchten verblasste, war keine Fledermaus mehr weit und breit zu sehen. Nur die Vampire, die an den Menschen hingen, hatten überlebt. Die drei Menschen versuchten ihre Nerven wieder unter Kontrolle zu bekommen. Sie klaubten sich die Plagegeister gegenseitig ab und töteten sie. Als alles vorüber war, bluteten Axylia und die Männer aus vielen Wunden und schwankten vor Schwäche. Ihre Gesichter waren grausam entstellt und ihre Kleider zerfetzt, aber sie lebten.

„Das war eine große Tat“, sagte Feltina voller Anerkennung zu Urial, als er wieder zu Atem gekommen war.

„Es war der mächtigste Zauber, den ich kannte. Aber ich kann ihn nur einmal benutzen. Nun ist er für immer für mich verloren.“

„Ich danke dir“, sagte Axylia, „das war Rettung aus höchster Not. Doch nun haben wir keinen Ort mehr, an dem wir uns verbergen können. Auch ist all unsere Ausrüstung verloren. Zum Glück trage ich den Custo stets unter meinen Kleidern. Er ist unversehrt. Wohin sollen wir uns nun wenden?“

Sie sahen sich um, und ihnen war klar, dass die Vampire aus den dunklen Höhlen weit oben in den Felswänden gekommen waren. Sie fragten sich, warum sie nicht schon in der ersten Nacht überfallen worden waren, und weshalb die Turmbauer nicht sogleich mit den Blutsaugern Bekanntschaft gemacht hatten. Feltina vermutete, dass die Tiere nur selten und dann nur bei einem bestimmten Stand des Mondes hervor kämen.

In dem diffusen Licht suchten sie an der Stelle, wo noch vor kurzem der Turm gestanden hatte, ob etwas Brauchbares der Vernichtung entgangen war, aber sie fanden nichts. So machten sie sich noch in der Dunkelheit auf den Weg, um eine neue Bleibe zu suchen.

Ein Zurück gab es nicht, denn die Brücke über die Schlucht war zerstört. Also blieb nur der Weg noch tiefer ins Gebirge. Vom ehemaligen Turm aus führte ein schmaler, steiniger Pfad nach Osten. Im folgten sie. Er schimmerte im Mondlicht hell, war aber dennoch gefährlich, denn bald schlängelte er sich über einem steilen Abgrund an einer Felswand entlang.

Während sie sich vorantasteten, überlegte Feltina, was wohl aus den ehemaligen Bewohnern des Turms geworden war. Sie hatten schließlich keine Leichen gesehen.

„Doch, ich sah sie, als ich über die Hängebrücke lief“, gab Axylia zu. „Tief unten in der Schlucht lagen Körper. Ich habe euch nicht darauf hingewiesen, um euch nicht zu ängstigen.“

„Dann sind sie vor Schmerz und Verzweiflung dorthin geeilt und haben sich in die Tiefe gestürzt?“ fragte der Edle.

„Ich kann es mir nicht anders erklären.“

„Aber Fledermäuse sind doch friedliche Tiere, die sonst niemandem etwas zu leide tun?“

Urial hatte bis jetzt schweigend zugehört und meinte nun: „Unsere Welt ist voller Geheimnisse. Wir glauben alle zu kennen, nur weil wir ihnen bisher noch nicht begegnet sind.  Wir sollten lernen, dass wir auf der Welt nur geduldete Gäste sind und uns entsprechend darauf einstellen. In jeder Sekunde kann uns dieses Gastrecht aufgekündigt werden.“

Die beiden andern sahen ihn erstaunt an. Diese Äußerung hätten sie von ihm nicht erwartet. Der junge Zauberer bereitete ihnen immer wieder Überraschungen.

 

Im Morgengrauen standen sie vor einer hohen Felswand. Hier war der Weg zu Ende, er mündete genau vor einem verzierten Stein. Girlanden und Säulen waren in den Fels gemeißelt. Sie waren zwar verwittert und mit Moos überzogen, aber noch zu erkennen.

„Dies ist ein Zwergentor“, stellte Axylia fest. „Hier war einst ein Eingang in den Berg.“

„Können wir hinein?“ fragte Feltina.

„Nur wenn uns der Zufall zu Hilfe kommt. Zwergentore kann man nicht mit Gewalt öffnen. Aber ich weiß gar nicht, ob ich hinein will.“

„Wir haben keine Wahl“, stellte Urial fest. „Zurück können wir nicht, und den Rest unseres Lebens werden wir kaum hier am Fuß der Bergwand verbringen wollen. Also mache dich an die Arbeit und öffne die Tür!“

Seine Worte klangen nach einem Ratschlag, sondern eher nach einem Befehl. Nachdem er die Vampire besiegt hatte, betrachtete er sich als Führer der Gruppe. Axylia und Feltina sahen sich an, widersprachen aber nicht.

Die Frau versuchte halbherzig einige Zaubersprüche, die sie vor langer Zeit gehört hatte, blieb aber ohne Erfolg. Auch Urial versuchte einige Zaubereien, doch so sehr er sich auch anstrengte, das Tor im Fels wollte sich nicht öffnen. Deshalb standen sie noch immer rat- und hilflos dort, als bereits die Sonne hoch am Himmel stand. Sie waren inzwischen sehr durstig. Und wieder einmal waren sie am Ende und wussten, dass nur noch ein Zufall oder ein Wunder sie retten konnte. Und das Wunder geschah.

Als nämlich Axylia enttäuscht ausrief: „Dieser Berg wird uns für immer verschlossen bleiben", und sich umwandte, rief eine Stimme hinter ihr: „Vielleicht doch nicht!“

Dort stand ein alter Zwerg und hatte die Arme in seine Hüften gestützt. Neben ihm in der Felswand klaffte ein großes Loch.

Obgleich Axylia schon aufgegeben hatte, war sie von allen am wenigsten erstaunt über die Erscheinung. Sie sagte zu ihren verblüfften Begleitern: „Ihr müsst euch nicht wundern. Wir sind zwar schwach und ständig am Rande des Scheiterns. Aber wir sind nicht allein. Solange wir das Rechte tun und dabei unschuldig bleiben, stehen uns Mächte bei, die wir nur erahnen können. Aramar wusste dies, als er uns das Schicksal von Centratur anvertraute.“

Der Zwerg rief mit schnarrender Stimme: „Wollt Ihr euch noch länger unterhalten und kommt ihr mit mir?“

Da lachte selbst Urial und zusammen eilten sie in die Höhle, die sich aufgetan hatte. Kaum hatten sie das Dunkel betreten, das wälzte der Zwerg mit einem wundersamen Mechanismus den Stein wieder vor den Eingang.

 

 

Erinnerungen

 

Aramar rieb sich die Augen. Er war zwar müde aber auch beruhigt, dass der südliche Custo vorerst einmal in Sicherheit schien

„Ich habe einen langen und gefährlichen Weg vor mir“, sagte er zu den anderen Zauberern. „Seit Tagen schlafe ich nicht mehr, sondern sehe anderen Leuten zu, wie sie ihr Schicksal meistern. Nun muss ich mich hinlegen, sonst kann ich meine Aufgabe nicht erfüllen. Berichtet mir, wie es weitergegangen ist.“

Als er die Räume der Geschichten verließ, waren sein Schultern gebeugt und seine Augen rot vor Übermüdung. Bedächtig lief er die Treppe hinunter und betrat die Schlafräume. Wie lange war er hier nicht mehr gewesen, und wie viel Zeit hatte er einst hier verbracht. Damals war sein Freund Willmar pfeifend und singend durch die Räume gelaufen. Er war ein fröhlicher Mensch gewesen, aber auch ehrgeizig. Stets wollte es den Oberen recht machen und ihre Achtung gewinnen. Besonders wichtig war ihm die Anerkennung ihres gemeinsamen Meisters Simonarum gewesen.

Aramar legte Schuhe und Oberkleidung ab und streckte sich auf der harten Pritsche aus, die ihm schon in seiner Jugend als Nachtlager gedient hatte. Doch, obgleich er sehr müde war, konnte er nicht einschlafen. Immer wieder wanderten seine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Er musste wieder an das verhängnisvolle Gespräch denken, mit dem damals alles begann.

 

Es war zwar schon spät gewesen, aber Willmar und er hatten noch nicht schlafen wollen. Sie saßen hier in der Zelle zusammen auf dieser Pritsche. Den ganzen Tag über hatten lange Beratungen statt gefunden, wie man dem Zauberkönig Ormor das Handwerk legen könnte. Man war zu keiner vernünftigen Lösung gekommen. Schon damals ging von ihm eine Bedrohung aus, die die Mönche des Weißen Rates beunruhigte. Willmar verknüpfte die Sorgen des Tages mit seinem Lieblingsthema, den Zeitenwanderern.

Er frage sich, so hatte er begonnen, ob Ormor vielleicht ein Zeitenwanderer sei?

„Wir Zauberer sind alle in einer gewissen Weise Zeitenwanderer“, hatte Aramar entgegnet. „Unsere Lebensspanne reicht weit über die von normalen Sterblichen hinaus.“

Zeitenwanderer seien unsterblich, war die ungehaltene Antwort gewesen. Sie erlebten eben nicht nur einige Zeitalter, sondern das Aufblühen und Vergehen von ganzen Kulturen im Verlauf der Geschichte der Welt. Dies sei etwas anderes, als das lange Leben von Zauberern.

Dann nach einer Pause hatte Willmar versonnen hinzugefügt: „Es heißt, dass in jeder Epoche einer in ihren Kreis aufgenommen wird. Dieser eine werde ich sein.“

Aramar hatte die Worte seines Freundes als Scherz aufgefasst und wollte ihn neckten: „Und was wirst du sagen, wenn ich es bin?“

„Du kannst es nicht sein. Ich bin besser als du!“

„Wir sollten es darauf ankommen lassen!“

 

'Mit diesen Worten', dachte Aramar, 'zerbrach damals unsere Freundschaft. Von nun an waren wir Konkurrenten. Willmar mochte damals durchaus der Bessere gewesen sein, denn ich war noch jung und meinen Leidenschaften ausgeliefert. Man konnte mich allzu leicht verführen.[1] Aber es war nicht recht, dass wir uns in so frühen Jahren schon untereinander maßen und in Konkurrenz traten. Dies war Eitelkeit, die uns nach unseren Exerzitien nicht mehr hätte quälen dürfen.

Ein paar Tage später war ich zu den Oberen gerufen worden und hatte die Anordnung erhalten, nach Nowogoro zu gehen. Dort sollte ich nach dem Rechten sehen. Dieser Auftrag war nicht von Simonarum ausgegangen. Ausgewählt hatten ihn damals die Vorsteher von Quantam. Warum die Wahl wohl auf mich gefallen war?'

Der Zauberer wälzte sich auf seinem Lager und sehnte den Schlaf herbei. Doch die Erinnerungen hielten ihn weiter gefangen.

'Eigentlich hätten sie Gronolor, Abramawar oder Westomir schicken müssen. Sie waren älter als ich und in ihrer Einweihung weiter fortgeschritten. Aber keiner der drei wollte das Kloster verlassen. Warum fiel die Wahl nicht auf Willmar? Haben die Oberen ihm nicht getraut?

Auf jeden Fall war unsere Freundschaft zerbrochen, als ich zurückkam. Er lachte nicht mehr, er lief nicht mehr pfeifend durch das Kloster. Willmar war in seinem Innersten verletzt. Heute kann ich mir vorstellen, warum. Er hatte seine Hoffnung verloren, als Zeiten­wanderer ausgewählt zu werden. Dabei gönne ich ihm die Unsterblichkeit. Ich will nicht ewig leben. Das Leben in dieser Welt ist so schwer, dass ich gern darauf verzichte.

Vielleicht wäre es einfacher für mich, wenn ich mich aus dem Getriebe der Welt heraus hielte und alles treiben ließe? Ich könnte wie Willmar irgendwo in der Einsamkeit meinen Forschungen nachgehen. Aber selbst mein geruhsames Leben auf den Inseln habe ich verlassen, um mich wieder um die Geschicke von Centratur zu kümmern. Statt zu lesen und zu schreiben bin ich nun wieder gehetzt und gejagt und taumele von einer Gefahr in die nächste. Die Berufung zum Zeitenwanderer überlasse ich gern meinem ehemaligen Freund. Er braucht meine Konkurrenz nicht zu fürchten.'

 

Doch nun forderte der Körper des Alten sein Recht. Die Erschöpfung ergriff auch seinen Geist, und der Schlaf kam tröstend und erquickend über ihn. Er schlief bis zum Abend. Dann erhob er sich. In der Ecke des kleinen Raumes stand noch immer eine Waschschüssel und eine Kanne mit frischem, kaltem Wasser. Nachdem er sich gewaschen und angekleidet hatte, kehrte er zu den Räumen der Geschichten zurück.

Als er auf den runden Gang trat, kamen ihm Gronolor und Abramawar entgegen. Sie sahen sehr müde aus, und Aramar wusste, dass sie seit langem nicht geschlafen hatten.

„Wie ist es Axylia und ihren Gefährten dort im Berg ergangen?“ fragte er gespannt.

„In der alten Zwergenunterkunft sind sie in Sicherheit. Es ist eine Art Burg im Berg, wo sie sich aufhalten. Man nennt den Ort Xohr. Vielleicht hast du davon gehört? Bereits vor dem Großen Krieg haben ihn die Zwerge verlassen. Doch vor einiger Zeit ist Wrok aus dem Volk der Wrusak mit seinen Verwandten dorthin zurückgekehrt.[2] Sie haben die Arbeit dort wieder aufgenommen, wo ihre Ahnen sie niedergelegt hatten. Damals hat der Überfluss die Zwerge hochmütig gemacht. Sie waren sich zu gut, um im Dunkel der Berge zu graben. Lieber trieben sie Handel und bauten ihre Macht aus, was ihnen viel Ärger und Ablehnung unter den Menschen einbrachte. Doch das Volk der Zwerge hat gelernt. Es besinnt sich nun auf seine Ursprünge, und das ist gut so. Wenn in Centratur wieder Frieden herrscht, wird man auf die Zwerge bauen können.

Wrok hat die drei Verfolgten aufgenommen. Nun haben sie eine Atempause. Dort im Berg sind sie für die Schergen Ormors fürs erste unerreichbar.“

Aramar atmete auf und man sah, dass ihm ein Stein von Herzen fiel. Doch sogleich verdüsterte sich sein Gesicht wieder vor Sorge: „Was ist mit Marga und Glaxca, den Hütern des zweiten Custo?“

„Auch um sie musst du nicht bangen. Sie haben zu der Einsiedlerhütte auf der Alm zurückgefunden. Dort wird sie so rasch niemand entdecken. Allerdings erwartete sie eine traurige Überraschung. Die alte Frau ist gestorben. Sie kamen gerade zurecht, um sie zu begraben.“

„Das sind trotz allem gute Nachrichten“, sagte Aramar. „Dann kann ich mich beruhigt auf den Weg machen. Brüder, wünscht mir Glück! „

„Glück wünschen wir dir nicht“, entgegnete Gronolor streng, „aber den Beistand der Unsichtbaren.“

„Centratur bedarf deiner Hilfe“, schaltete sich Abramawar vermittelnd ein, „und wir alle danken dir für deinen Mut und deine Mühen.“

Viel gab es nicht mehr zu besprechen, deshalb brach Aramar sogleich auf. Er wollte Hilfe suchen gegen die Truppen aus Darken, die Whyten überfallen hatten. Tief im Süden hoffte er sie zu finden.

Kurz bevor er außer Hörweite war, drehte er sich noch einmal um und rief: „Was machen Fallsta und die beiden Frauen?“

Als Antwort hörte er: „Sie sind unterwegs!“

Dann schritt er kräftig aus.

 

 

Im Heimland

Es ist eine alte Gewohnheit, daß die Leute zu jeder Jahreszeit über das Wetter stöhnen. Dies nicht nur, weil die Natur den augenblicklichen Bedürfnissen aller Menschen niemals gleichzeitig entsprechen kann, sondern auch weil das Reden über Regen, Sonnenschein oder Schnee eine soziale Aufgabe erfüllt. Worüber sollte man denn miteinander sprechen, wenn nicht über das Wetter? Auch die Erits machten da keine Ausnahme. Sie waren in der Erläuterung der Wetterlage sogar wahre Meister. Einmal war es ihnen zu heiß und einmal zu kalt, einmal zu trocken und einmal zu naß, einmal schien zu viel Sonne und einmal zu wenig. Der Himmel konnte es ihnen einfach nicht recht machen.
Doch in diesem Frühjahr schienen die Klagen tatsächlich berechtigt. Der Boden war von der Schneeschmelze noch völlig aufgeweicht, und dennoch prasselte auf ihn Tag und Nacht der Regen nieder. Wer sein Haus verließ, mußte durch tiefen Schlamm waten. Die Leute schimpften über die Nässe, den Schmutz und die unbegehbaren Straßen. Die Bauern prophezeiten eine schlechte Ernte, weil die Frühjahrssaat erst verspätet ausgebracht werden konnte. Das Wasser erschien allen wie ein Fluch des Himmels. Aber es sollte noch schlimmer kommen.
Ende März schien sich endlich alles zum Besseren zu wenden. Die Sonne vertrieb die Wolken und verwöhnte das rasch sprießende Grün. Langsam trocknete der Boden aus. junge und Alte waren auf Straßen und Feldern, entweder um zu arbeiten oder um spazierenzugehen. Es wurde ein Bilderbuchfrühling. Nach ein paar Wochen hieß es dann aber, es wäre zu trocken, die Obstbäume brauchten für ihre Blüte mehr Wasser, und auch der Saat täte etwas Regen gut. Die Bauern meldeten sich wieder zu Wort. Wenn es weiter so trocken bliebe, könne mit einer vernünftigen Ernte nicht gerechnet werden. Um die Gemüsegärten war es natürlich auch nicht zum besten bestellt. Die Regentonnen waren längst leer gegossen, und das Wasser der Brunnen durfte nur noch zum Kochen und Waschen verwendet werden.
Man gewöhnte sich an, bereits morgens mit kritischem Blick zum Himmel zu sehen, ob nicht doch ein Wölkchen zu entdecken sei. Überhaupt hätte ein Besucher des Landes in dieser Zeit wohl fragen müssen, was denn am Heimlandhimmel so interessant sein konnte. Selbst die Gespräche am Gartenzaun wurden regelmäßig unterbrochen, weil man zwischendurch rasch nachsehen wollte, ob sich nicht doch eine Wolke zeigte. Das Wetter beherrschte alle Diskussionen.
Im Juli kam noch ein anderes Thema auf. Am vierzehnten kurz nach drei Uhr nachmittags schob sich plötzlich ein Schatten vor die Sonne. Es wurde etwa eine Viertelstunde lang so dunkel wie in der Nacht. Alle schauten entgeistert zum Himmel. Manche Erits fielen sogar auf die Knie. Von den Flüchtlingen auf der Oststraße hörte man später, daß sie in Verzweiflungsrufe ausgebrochen und verwirrt und hilflos hin und her gelaufen sein sollen.
In der darauffolgenden Nacht ereignete sich ein weiteres Mirakel. Am wolkenlosen, sternenübersäten Nachthimmel erschien ein großer, heller Stern, der einen Schweif hinter sich her zog. Wie ein Lauffeuer sprach sich diese seltsame Naturerscheinung herum und jedermann lief ins Freie' um das Schauspiel zu bewundern. Während alle in die Nacht starrten, stürzte ein runder, feurig lodernder Ball aus der Unendlichkeit des Universums zur Erde und verschwand am Horizont. Die Erits waren zu Tode erschrocken. Viele liefen zurück in ihre Häuser, andere warfen sich zu Boden und bedeckten den Kopf mit den Händen. Manche rannten in den nächsten Wald und wollten nicht mehr zurück ins Dorf. Noch am nächsten Tag, als alles wie ein böser Traum der vergangenen Nacht erschien, waren noch die meisten Leute im Heimland verunsichert. Es wurde heiß debattiert und die Naturerscheinungen kommentiert. Die Jungen äußerten in diesen Gesprächen viele Vermutungen, wußten aber nichts Genaues. Die Alten hingegen waren in ihrem Element. Aus den reichen Erfahrungen ihres Lebens gaben sie den Grünschnäbeln Hinweise, was sie von den Ereignissen zu halten hatten. Die einen sagten, daß sich durch diese Himmelszeichen ein schlimmes Schicksal ankündige, und daß man sehr auf der Hut sein müsse. Sie sprachen von Pestilenz und Krieg, von Erdbeben und sogar vom Weltuntergang. Andere mit grauen Haaren lachten über den Aberglauben. Derartige Zeichen der Natur hätten sie in ihrem Leben schon häufig gesehen, und nie sei etwas Schlimmes danach passiert. Sie schalten die Mahner und Unheilkünder als Narren und Angstmacher.
Die Leute im Heimland spalteten sich in zwei Lager und bekämpften sich erbittert. jedes Gespräch, ob im Wirtshaus oder am Gartenzaun, endete in unversöhnlichem Streit. Über der Sonne, dem Nachthimmel und der Hitze vergaßen die Erits alles andere, was in der Welt vorging.


Dabei gab es gewiß wichtige Themen, die zu besprechen gewesen wären. Die Nachrichten aus dem Ausland wurden nämlich immer besorgniserregender. Täglich liefen Zwerge und andere fremdartige Gestalten hastig über die Straßen zu unbekannten Zielen. Bei ihrer kurzen Rast in Gasthöfen oder am Straßenrand berichteten sie über so manche seltsame Begebenheit und verbreiteten mit ihren Erzählungen Angst und Schrecken.
Dazu wuchs der Strom der Flüchtlinge mit jeder Woche an. Lange Trecks durchquerten das Heimland. Den Leuten war nur die armselige Habe geblieben, die sie mit sich schleppen konnten. Auf ihren Gesichtern stand noch immer die Furcht, und ihre Körper waren gezeichnet von den durchgemachten Leiden. Diese Fremden, die nun überall anzutreffen waren, erschreckten die Erits und machten sie gleichzeitig wütend. Was wollten diese Menschen in ihrem schönen Heimland? Brachten sie das Unheil nicht gleichsam mit? Gab es bei den Erits nicht schon Sorgen genug? Kriege sind sicherlich schlimm, doch wen kümmern Kriege jenseits der Grenzen, wenn im eigenen Garten die Pflanzen verdorren?
Die Trockenheit hielt den ganzen Sommer über an. Dann, Mitte August, schlug das Wetter radikal um, und verheerende Regenfälle setzten wieder ein. Es goß sintflutartig Tag und Nacht. Bald traten die Flüsse über ihre Ufer und überschwemmten die Felder. Sogar Brücken wurden weggerissen, und das Nordostviertel war tagelang vom übrigen Heimland abgeschnitten. Die Ernte ertrank, und die Pflanzen verfaulten von innen heraus. Die Sorgenfalten auf den Gesichtern der Leute wurden immer tiefer. Alle Erits waren sich einig, seit Menschengedenken hatte es ein derartiges Wetter im Heimland nicht gegeben.
Das größte Unglück aber war, daß die beiden Grafen, Pet von Hagen und Marrham von Golwin, von ihrer Fahrt ins ferne Whyten noch immer nicht zurückgekehrt waren. Der Tod des Königs war für alle überraschend gekommen. Nie hätte jemand damit gerechnet, daß Meliodas aus dem Geschlecht der großen Hochkönige sterben könnte. Nun, nachdem das Ungeheuerliche doch eingetreten war, ging der Kontinent einer ungewissen Zukunft entgegen. In den Herbergen und an den Lagerfeuern, von den Küsten bis zum Thaurgebirge wurde gefragt und gerätselt, warum der Friede nach so kurzer Zeit ein so jähes Ende gefunden hatte. Frech und keck krochen die Kreaturen der Dunkelheit aus ihren Schlupflöchern, in denen sie sich versteckt gehalten hatten. Orokòr tauchten auf und überfielen Reisende. Dörfer und Höfe wurden von marodierenden Soldaten geplündert und in Brand gesteckt. Die Straßen waren nicht mehr sicher.
Wer würde nun die Regentschaft übernehmen? Wer die Guten schützen und die Bösen strafen? Die Ehe von Meliodas mit Lunete, der Achajertochter, war kinderlos geblieben. Es gab keinen Erben, und einer Frau konnte man den Schutz des Reiches nicht überlassen. Schon meldeten sich Noble, die bereit waren, die Last der Krone zu tragen. Streit entbrannte unter ihnen um die Königswürde. Ein andermal hieß es, Meliodas habe ein Testament hinterlassen. Der Inhalt sei aber nicht bekannt und seine Gültigkeit umstritten. In Wirklichkeit wußte niemand etwas Genaues von den Vorgängen im fernen Whyten.


Es war ein trüber Abend im Herbst. Mog, seine Frau und die Kinder hatten es sich um den großen Kamin in Gutruh bequem gemacht, als es leise an die Tür klopfte. Verwundert blickten alle auf. Man erwartete so spät keine Gäste mehr. Als Pet die Tür öffnete, drang dröhnendes Gelächter in die Stube. Es war ein Gelächter, das Mog über all die Jahre nicht vergessen hatte.
"Aramar" rief er und sprang auf.
Da trat ihm an der Zimmertür schon der Zauberer entgegen. Er hatte Pet einfach beiseite geschoben. Der große und der kleine Mann lagen sich in den Armen. Kurze Zeit später, der Gast hatte seine nassen Kleider abgelegt und die Stiefel ausgezogen, saßen sie alle behaglich um das warme Kaminfeuer. Während Ev in der Küche ein spätes Abendessen zubereitete, trank der Alte gemütlich aus seinem Krug Bier und fragte Mog, was sich in all den Jahren in Heckendorf getan habe.
Nachdem Mog ausführlich berichtet hatte, wandte er sich an den Zauberer und fragte: "Was führt dich ins Heimland, Aramar?"
Dieser schaute durch Mog hindurch in weite Fernen. Sein Gesicht war plötzlich sehr ernst und sehr alt geworden. Ein eisiger Schrecken legte sich bei diesem Anblick auf Mogs Herz. So hatte er Aramar nur in größter Not gesehen.
Nachdem die Kinder zu Bett gegangen waren, breitete sich tiefes Schweigen im Raum aus.
"Eure Welt", sagte der Zauberer endlich, "so die Nachrichten, die mir zugekommen sind, steht vor dem Abgrund. Ich mußte zurückkommen, obgleich ich mir vorgenommen hatte, dieses Land nie wieder zu betreten. Ihr hattet endlich einen guten und mächtigen König. Malomar war besiegt, und ihr, so meinte ich, solltet ab jetzt eure Probleme ohne uns Zauberer lösen. Aber ich glaube, für das, was jetzt auf euch zukommt, wird meine Hilfe noch einmal gebraucht. Schlimme Dinge, so hat man mir hinterbracht, sind in der Zwischenzeit geschehen. Aber noch weiß ich zu wenig und bin auf Vermutungen angewiesen. Im übrigen eignet sich die Nacht nicht für solch düstere Geschichten. "
"Du machst mir wirklich Angst", sagte Mog. "Ist die Not denn schon wieder so groß? Wir haben den Feind doch besiegt und all seiner Macht beraubt?"
"Ich weiß selbst noch nichts Genaues, aber das Wenige erschreckt mich sehr. Doch wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren. Vielleicht kommt noch Hilfe, obgleich ich keine Vorstellung habe, wer sie bringen sollte. Auf jeden Fall werden wir kämpfen, und ich zähle dabei auch auf euch. Ihr Erits seid ein zähes Volk, wie sich in der Vergangenheit immer wieder erwiesen hat. Aber nun genug für heute. Bei Tageslicht ist das, was ich zu sagen habe, leichter zu ertragen."
Trotz der Wiedersehensfreude gingen sie bedrückt zu Bett, und Mog und seine Frau konnten lange nicht einschlafen. In dieser Nacht hörte der Regen endlich auf.


Am nächsten Tag war die Luft klar und rein. Ein kühler Wind trieb die letzten Wolken hinweg, und die ersten Sonnenstrahlen fielen durch die runden Fenster von Gutruh. Die Wege und Straßen waren aufgeweicht, von den Ästen der Bäume tropfte Wasser. Die Bäche und Flüsse standen noch immer hoch, aber Hoffnung hatte sich auf den Gesichtern der Leute ausgebreitet. Es versprach, ein schöner Tag zu werden.
Als die beiden Männer auf der schmalen Bank vor der Haustür sagen und ihre Pfeifen rauchten, begann Mog vorsichtig: "Aramar, du hast gestern abend Andeutungen über die Lage in der Welt gemacht. Darf ich dich nun bei Tageslicht bitten, mir reinen Wein einzuschenken?"
Der Zauberer antwortete nicht sogleich. Nach einer Weile brummte er: "Das ist schon richtig. Du hast ein Recht, alles zu erfahren. Das Dumme ist nur, das ich selbst bisher recht wenig Konkretes weiß. Also rufen wir uns noch einmal die Geschehnisse der Vergangenheit ins Gedächtnis zurück. Vielleicht sehen wir dann etwas klarer. Du schreibst doch alles, was du hörst und erlebst auf, Mog. Lies uns noch einmal die ganze Geschichte vor, damit wir uns genau erinnern."
Der Erit nickte, ging ins Haus und kam nach kurzer Zeit mit einem roten Buch zurück. Daraus las er nun mit ruhiger Stimme vor. Er erinnerte noch einmal an den Großen Krieg, und wie es dazu gekommen war. Während er die gemeinsame Not beschwor, unter der sie damals alle gelitten hatten, schlug Mog das Herz bis zum Hals. Es war ihm, als seien die alten Zeiten wiedergekehrt. Zwar kannte der Erit die ganze Geschichte auswendig, er hatte sie schließlich selbst aufgeschrieben, aber sie ließ ihn noch immer jedesmal aufs neue erschauern, wenn er an sie dachte.
Noch einmal kehrten die lange vergangenen Ereignisse in ihre Erinnerung zurück. Wie Malomar, allen Friedensbeteuerungen zum Trotz, eines Tages seine Heere in Darken zusammengezogen hatte und gegen die Länder im Süden ins Feld gezogen war. Wie seine Schergen rücksichtslos alle umgebracht hatten, die sich ihnen in den Weg stellten. Am schlimmsten von allen wüteten die Orokòr. Schwarze, wilde Gestalten mit Raubtierzähnen. Sie mordeten ohne Ausnahme und dies mit Lust. Ihr Fleisch aßen sie roh, und manchmal verspeisten sie sogar gefallene Gegner. Sie waren brutal und ohne Erbarmen.
Die Leute von Whyten und Equan leisteten Widerstand. Malomar ließ daraufhin ganze Landstriche verwüsten und alle Siedlungen niederbrennen. Er wollte Unterwerfung und Anerkennung seiner Herrschaft erzwingen. Längst drohte der Krieg ganz Centratur zu verbrennen. Aber von überall her strömten Leute nach Whyten, um zu helfen. Es waren keine Soldaten, die ihr Leben dem Kampf gewidmet hatten, sondern Menschen, Zwerge und auch Achajer, die sich bewußt waren, in dem fremden Land auch für die eigene Freiheit zu kämpfen. Die Schlachten waren furchtbar, die Toten unzählig. Die Freiwilligen, im Kämpfen unerfahren, wurden von den geübten Horden aus Darken niedergemäht. Doch sie gingen singend und guten Mutes in den Tod, mit der Gewißheit, ihr Leben für etwas Sinnvolles zu geben.

In dieser Zeit war Aramar in Heckendorf aufgetaucht. Er kam in Begleitung von Meliodas, der aufgebrochen war, die Königswürde zurückzufordern. Sein Vater war vor vielen Jahren von seinem Bruder vom Thron vertrieben worden. Er lebte dann noch eine Zeitlang verbittert in den nördlichen Wäldern, starb aber bald an seinem Gram. Er ließ in der feindlichen Welt, die ihm so übel mitgespielt hatte, seine Frau und einen Sohn zurück. Der Junge wuchs in der Wildnis auf und führte das Leben eines Jägers und Fallenstellers. Erst viel später erfuhr er von seiner hohen Geburt und seinem königlichen Anspruch. Aber die Zeit war noch nicht reif, um den Usurpator vom Thron zu verjagen. So hielt Meliodas sich in Bereitschaft, tat das Seine für den Frieden im Land und bewachte die Grenzen des Heimlands, das er ins Herz geschlossen hatte. Die Erits kannten ihn gut, wußten aber nichts von seiner vornehmen Herkunft. So redeten sie mit ihm ohne Scheu und betrachteten ihn als armen Freund. Sie fühlten sich diesem wilden Menschen aus den Wäldern in seinen abgerissenen Kleidern sogar ein wenig überlegen.
Auch den Zauberer kannten die Heckendorfer. Er war schon in früheren Zeiten durchs Heimland gewandert und im Gasthaus 'Hirsch' an der Mühlendorfer Straße eingekehrt. Dort saß er nun wieder einmal an einem schönen Tag im Frühjahr zusammen mit dem Menschen aus den Wäldern. Die große Buche spendete erfrischenden Schatten, und vor ihnen auf dem blanken Tisch standen große Krüge mit dunklem Bier. Am Nebentisch tafelten drei junge Burschen und ein älterer Mann. Sie tranken und aßen mit Lust und in Mengen, dabei lachten sie und neckten die Fremden, deren düstere Gesichter sich mit der Zeit aufheiterten. Dieser Ort, an dem sie rasteten, war so friedlich und das Morden so weit entfernt, daß sie ihre Sorgen für eine Weile vergaßen.
Die jungen Zecher waren Mog, Marc und Pet. Der vierte hieß Til, war viel älter als seine Freunde und feierte an diesem Tag Geburtstag. Aus diesem Anlaß hatte er die jungen Leute eingeladen. Er konnte es sich leisten, denn er besaß ein großes Vermögen. Til bewohnte ein schmuckes Anwesen, das er Gutruh nannte. Dort gab er sich seltsamen Studien hin. Er schrieb die Geschichte der Welt in ein großes rotes Buch.
Man saß also zusammen, und ein Wort gab das andere. Es wurde viel gelacht und noch mehr getrunken. Endlich, der Schatten der Buche wurde bereits länger und die Luft kühler, erinnerten sich die beiden Wanderer wieder an ihre Mission und den Schrecken, der über der Welt lag. Die Heiterkeit gefror auf ihren Gesichtern, und sie machten sich zum Aufbruch bereit. Die Erits waren verwundert über die plötzliche Wandlung ihrer Zechgenossen und erkundigten sich nach dem Grund. Aramar und Meliodas, die schon aufgestanden waren, blickten unwillig in die Runde und fragten dann ernst, ob man im Heimland nicht wisse, was in der Welt vor sich gehe.
Natürlich habe man von allem Kunde, erwiderte Til stolz. Es sei Krieg, erklärte der Zauberer, und sie beide seien auf dem Weg in den Kampf. im Süden würden viele Menschen sterben, damit man im Heimland friedlich vor dem Gasthaus sitzen und dunkles Bier trinken könne.
Aramar hatte diese Provokation bitter hervorgestoßen. Er wollte diese unschuldigen Erits nicht beleidigen, aber die Sorgen, die ihn seit langem begleiteten, machten sich einfach Luft. Die vier Heimländer widersprachen, und so gab ein Wort das andere. Bald war ein heftiger Streit unter den bisher friedlichen Zechern ausgebrochen.
Nach weiteren Vorhaltungen stand Mog auf. Er reckte sich zu seiner vollen Größe und sagte, er lasse sich nicht länger der Feigheit bezichtigen. Die Erits seien trotz ihrer geringen Körpergröße ein tapferes Volk. Das wolle er beweisen, indem er mit in den Süden zöge. Auch seine Freunde sprangen bei diesen Worten auf und versprachen mitzukommen.
Meliodas und der Zauberer waren von der Entwicklung überrascht und verwirrt. Sie beschwichtigten, erklärten, sie hätten durch diese lange Rast schon zuviel Zeit verloren und könnten nicht warten, bis die Erits zur Abreise bereit wären.
Doch da hatten sie die Rechnung ohne die jungen Burschen gemacht, die erklärten, daß weitere Vorbereitungen nicht nötig seien. Einem Aufbruch stünde nichts im Wege. In spätestens einer halben Stunde könne der Weg in den Süden beginnen.
Dann lief Til nach Hause, um Gutruh abzuschließen. Pet und Marc beauftragten den Wirt, ihre Familien zu benachrichtigen, und Mog rannte zu seiner Verlobten Ev und teilte dem entsetzten Mädchen seinen Entschluß mit, in den Krieg zu ziehen. Und wirklich, die halbe Stunde war noch nicht völlig vergangen, da standen vier Erits mit Gesichtern rot vor Aufregung bereit zum Marsch in das größte Abenteuer ihres Lebens.
Auf der langen Reise in den Süden erlebten sie viele Gefahren und gerieten schließlich in den Großen Krieg.


Hier unterbrach Aramar seinen Freund. Er lächelte bei der Erinnerung an die Szene vor dem Wirtshaus und den spontanen Entschluß der Erits.
"Ja", sagte er, "heute sind wir euch dankbar, daß ihr in diesen Krieg gezogen seid, obgleich ich es damals für eine törichte Bierlaune gehalten habe. Aber ohne euch wäre alles anders gekommen. Am meisten haben wir jedoch dir, Mog, und auch Til zu verdanken. Ohne euch hätten wir den Krieg nicht gewonnen. Malomar war zu stark und unsere Kräfte zu schwach."
Mog nickte bedächtig und las weiter vor. Nun war er bei der Szene, als sie in das Zelt von Meliodas bestellt worden waren.
Noch hatte sich Meliodas damals nicht zum König ausgerufen, aber alle erkannten bereits seine Autorität und seine Herrschaft an. Um den kleinen runden Tisch mit den Landkarten standen die Feldherren. Die Fürsten der Achajer, die Großen der Menschen, und Aramar, der Zauberer. Auf allen Gesichtern lag Unruhe, tiefe Besorgnis, wenn nicht sogar Angst. Im Zelt war es kalt. Die Holzkohlen in der kleinen Pfanne, die in der Ecke stand und wärmen sollte, waren lange verglüht und zu Asche zerfallen.
Der künftige König wandte sich an die vier Erits, die schüchtern in dieser vornehmen Runde standen. ihre Kleider waren von den Anstrengungen und Entbehrungen der letzten Monate zerschlissen und schäbig, aber ihre Körper hart und stark geworden. Meliodas war nicht mehr der freundliche Jäger, der in Heckendorf sein Bier getrunken hatte, sondern ein mächtiger Herrscher, der über Tod und Leben Tausender Krieger befahl. In seinen Händen lag das Schicksal der Welt.


"Ich habe euch rufen lassen", sagte er mit sanfter Stimme, "um euch um Hilfe zu bitten."
Alle die vornehmen und berühmten Männer sahen bei diesen Worten mit Verwunderung auf die kleinen Gestalten. Wie konnten diese unscheinbaren Geschöpfe dem großen König helfen?
Zaghaft und scheu antwortete Til: "Was können wir kleinen Leute schon tun?"
"Es steht schlecht um unsere Sache. Der Feind steht am Tessenfluß. Bald wird er auf Cantrel marschieren. Eine Vorhut von ihm dringt nach Westen vor. Sie überquert gerade den Aganga, um Hispoltai zu erobern. Boten melden, daß auch Vangart und Bajar eingenommen sind. Malomar will mit dieser Großoffensive die Entscheidung erzwingen. Wir haben diesem Angriff an allen Fronten kaum mehr etwas entgegenzusetzen. Es steht schlecht um Centratur. Wenn nämlich die Länder östlich des Thaurgebirges fallen, dann sind auch die Westreiche nicht mehr zu halten.
Ihr seht, die Lage ist sehr ernst, und wir wissen uns keinen Rat mehr. Unsere Leute haben tapfer und todesmutig gekämpft, aber gegen die Übermacht und Gewalt der feindlichen Truppen müssen sie unterliegen.
Es gibt noch eine letzte, sehr kleine Chance. Malomar glaubt, daß wir ihm alle unsere Kräfte am Tessenfluß entgegenwerfen, um seinen Vormarsch zu stoppen. Wir aber könnten ihn gewähren lassen und, statt die Furt zu verteidigen, die Ruburhöhen östlich umgehen. Wenn es uns gelingt, seine Hauptstadt Blutschah einzunehmen und ihm in den Rücken zu fallen, können wir das Blatt vielleicht noch einmal wenden.
Um dieses Wagnis aber einzugehen, brauche ich Informationen. Alle Späher, die ich nach Darken gesandt habe, wurden entdeckt und grausam umgebracht. Man hat sie gepfählt, gevierteilt und uns ihre Überreste voller Hohn präsentiert. Es hat keinen Sinn, noch mehr der besten Männer zu opfern. Nun wissen wir, daß es unter den Orokòr eine Rasse von kleinem Wuchs gibt. Ihr seht ihnen ähnlich, wenn wir an eurem Äußeren noch ein wenig arbeiten. Ihr könntet euch vielleicht unbemerkt in die Reihen von Malomar schleichen. Der Feind erwartet Helden als Kundschafter und keine Erits. Natürlich ist diese Mission sehr gefährlich und eure Chancen, lebend zurückzukehren, sind gering. Aber wir haben keine andere Wahl. Ohne Nachrichten sind wir verloren.
Ich befehle es nicht, aber ich bitte zwei von euch zu gehen. Wenn ihr nicht wollt, so habt ihr mein Verständnis, und wir werden nie mehr über diese Sache reden. Geht ihr aber, so werden noch unsere Kindeskinder von eurer Heldentat berichten. Vor langer Zeit in Heckendorf habt ihr euch eine halbe Stunde ausbedungen, die gebe ich euch nun wieder, um eine Entscheidung zu fällen."
Die großen Männer sahen die kleinen Leute an, und ihre Mienen drückten Zweifel aus. Woher sollten diese schwachen Gestalten den Mut zu solch einem mörderischen Auftrag nehmen? Und jeder fragte sich, ob er wohl selbst ginge und erschauerte. Doch zu aller Erstaunen sagte Til mit fester Stimme: "Ich brauche keine Bedenkzeit. Ich werde gehen."
Und Mog fügte hinzu: "Ich werde dich begleiten."
So wurden die beiden verkleidet und für ihren Auftrag gerüstet, während Marc und Pet mit Aramar nach Equan ritten. Dieser wollte dort den Widerstand gegen die Invasion organisieren und den König von Equan beraten.


Während er las, sah Mog das Bild von damals wieder ganz deutlich vor seinen Augen. Er spürte die Kälte des Herbstes und den Nieselregen, der durch die Kleider bis auf die nackte Haut drang. Er roch den Gestank der Orokòrkleider, die man Toten ausgezogen hatte, und spürte den Händedruck der Freunde und den Schlag auf die Schulter von des Königs Hand. Die Todesangst von damals stieg wieder in ihm hoch, diese wütenden Bauchschmerzen, dieses Gefühl, die Beine würden ihm versagen. Er wollte damals weglaufen, sich verkriechen und doch marschierte er weiter, kroch durch die feindlichen Linien und schließlich zusammen mit Til ins Lager der Orokòr.
Gehetzt und schweißgebadet blickte Mog um sich. Da merkte er, daß er zu Hause in Gutruh war. Die Sonne schien, und er sah in das lächelnde Gesicht des Zauberers. Langsam verschwand die Erinnerung an die Not und das furchtbare Grauen. Er atmete tief durch und war froh, daß alles wie ein böser Alptraum weit hinter ihm lag.


Auf Aramars Wunsch las er weiter. Er beschrieb nun den Vormarsch der Heere des schrecklichen Feldherrn aus Darken.
Wie eine riesige Todeswalze hatten sie sich unaufhaltsam in alle Himmelsrichtungen ausgedehnt. Die Verteidiger mußten endlich eine Entscheidung treffen. Aber von den Spähern kamen keine Nachrichten. Meliodas war unschlüssig, zögerte jeden Befehl hinaus, lief Tag und Nacht unruhig durch das Lager. Hinter seinem Rücken wurde getuschelt. Es sei töricht von ihm gewesen, auf diese kleinen Leute zu hoffen. Er habe ihnen sogar seinen letzten Plan anvertraut, den sie sicherlich bei ihrer Gefangennahme dem Feind verraten hätten. Es stellte sich die Frage, ob dieser Meliodas tatsächlich das Zeug zu einem großen König habe, wenn er derartige Fehlentscheidungen treffe. Man hieß ihn einen Zauderer. Sogar das Wort >Feigheit< wurde gemurmelt.
Dann war es soweit. Die feindlichen Heere stürmten in breiter Front über den Fluß. Die Verteidiger kämpften mit dem Mut der Verzweiflung. Als sie aber die letzten Pfeile verschossen und die schartigen und stumpfen Schwerter weggeworfen hatten, da blieb ihnen nur noch die Flucht. Mit Geheul und blutrünstigem Zähnefletschen folgten die Orokòr und die Männer aus Darken. Wen immer sie erwischten, machten sie nieder. Da wurden Köpfe gespalten und Arme abgehackt, gebogene Messer fuhren durch die Harnische ins Fleisch. Die tapferen Krieger spuckten Blut und brachen zusammen. Der Tod hielt eine reiche Ernte. Selbst die Tapferkeit und der Heldenmut der Achajer konnten das Blatt nicht mehr wenden.
Außer Meliodas und Aramar dachte in dieser Situation niemand mehr an die zwei kleinen Gestalten, die auf die schreckliche Mission geschickt worden waren. Es ging nur noch um das eigene überleben. Was konnten diese Erits aus dem fernen Heimland jetzt noch bewirken?
Doch als das Gemetzel seinen Höhepunkt erreichte, ging ein Ruf durch die feindlichen Linien: 'Der Herr ist tot. Die Feinde haben Malomar ermordet. Wir sind alle verloren. Lauft, wenn euch euer Leben lieb ist!'
Damit kehrte sich das Blatt. Die Feinde wandten sich zur überstürzten Flucht. Ihre Anführer vermochten sie nicht zurückzuhalten. Die Verbündeten reagierten rasch. Sie wußten zwar nicht, weshalb die bisher siegreichen Truppen flohen, aber sie setzten ihnen nach und nahmen noch vielen das Leben. Dann war die Schlacht geschlagen und der Krieg beendet. Es gab noch einzelne Scharmützel, aber die Macht aus Darken war vernichtet. Friede kehrte in Centratur ein. Erst viel später wurde bekannt, daß die beiden Erits nicht nur ihren Auftrag ausgeführt, sondern im entscheidenden Moment Malomar selbst umgebracht hatten.


"Ich habe dich noch nie gefragt, wie es euch gelungen ist, Malomar zu töten? Euer Auftrag war doch nur zu kundschaften. Ihr habt mehr getan, als alle von euch erwartet hatten."
"Das ist eine wundersame Geschichte", antwortete Mog leise. "jetzt, nachdem so viel Zeit vergangen und Til nicht mehr da ist, kann ich darüber sprechen."
In diesem Moment erschien Ev vor der Haustür. Das Essen sei fertig, sagte sie, und die Herren mögen doch bitte gleich kommen.
Der Zauberer nickte verständig: "Dann mußt du mir eben ein andermal erzählen, was sich in Darken zugetragen hat."
Beim Essen sagte Aramar zwischen zwei Bissen versonnen: "Dann kam die Aufbruchstimmung, die große Hoffnung auf den ewigen Frieden. Meliodas, der letzte Sproß aus dem alten Geschlecht der großen Könige übernahm die Krone, und alle Völker unterwarfen sich ihm. Sein Onkel war im Krieg gefallen, so daß um den Thron nicht gekämpft werden mußte. Ein gerechter König herrschte nun und brachte den geschundenen Ländern Frieden und Wohlstand.
Mog, du hast für Centratur mehr getan als die meisten Menschen, Achajer und Zwerge zusammen. Die Früchte des Ruhms aber haben Marc und Pet geerntet. Sie gelten heute als die eigentlichen Helden. Du hast Pech gehabt. Während du die Welt gerettet hast, haben Marc und Pet mit den Mächtigen derselben Welt Freundschaft geschlossen. Sie mußten nicht tapfer sein, sondern lediglich nett und fröhlich. Dich und Til hat man als Helden geehrt, jene aber liebgewonnen. Das macht schon einen Unterschied. Der König hat dich respektiert, aber geliebt hat er deine Gefährten. Mir scheint, die alte Weisheit hat sich wieder einmal bestätigt: Es ist nicht so wichtig, was man tut, sondern vielmehr, was man daraus macht. Die beiden haben sich auch im Heimland geschickt darzustellen gewußt. So sind sie zu wichtigen Persönlichkeiten geworden. Du hingegen hast dich dem Alltag wieder hingegeben und bist Gärtner geblieben. Der Ruhm, der dir gebührt hätte, ist an dir vorübergegangen."
"Ach, ich wollte gar nicht berühmt werden", wandte Mog bescheiden ein.
"Das ehrt dich. So habe ich dich auch eingeschätzt, und deshalb mag ich dich. Es wäre vielleicht besser, wenn die Länder mehr von den Bescheidenen regiert würden, die sich nicht nach der Macht und dem Ruhm drängen. Doch da sie eben bescheiden sind, können sie auch nicht an die Macht kommen. In diesem Widerspruch liegt die Tragik der Welt."


Nach dem Essen, die Söhne waren ins Dorf gegangen, zogen sich die beiden Männer noch einmal zur Beratung zurück. Wieder saßen sie auf der Bank vor dem Haus und sahen in die untergehende Sonne. Mog schnitzte an einem Stock. Scheu sah der Erit, daß der Zauberer sein Gesicht in den Händen geborgen hatte.
"Meliodas", murmelte der große Mann, "du warst mein Freund. Ich habe dich mit einer großen Last allein gelassen. Du aber hast dich nicht beklagt. Mit keinem Wort hast du mich zurückgehalten. Heute weiß ich, daß du schon damals die Gefahr geahnt hast. Aber du warst zu stolz, um Achajer oder Zauberer um Hilfe zu bitten. Meliodas, verzeih mir!"
Mog sagte nichts, und die beiden saßen und schwiegen.
Endlich sagte Aramar mehr zu sich selbst: "Ich möchte wissen, wie Meliodas ums Leben gekommen ist."
Mog antwortete ungeduldig: "Nun aber genug des Darumherumredens und der Erinnerung an vergangene Zeiten. Nun sage endlich, was du weist!"
"Wenig genug! Krieg ist in Centratur, und ich weiß nicht, von wem er ausgeht. Die Orokòr sind wieder aufgetaucht und treiben ihr Unwesen. Der Fürst von Rolos hat seine Krieger mobilisiert und marschiert nach Norden. Aus Darken hört man von starken Truppenkonzentrationen. Selbst im tiefen Süden, in Mykontex, soll man sich auf Kämpfe vorbereiten. Die Straßen sind unsicher, die Menschen fliehen in Strömen nach Westen. Unschuldige Bauern werden umgebracht, Städte verwüstet."
"Aber warum das alles? Welche Ziele werden verfolgt und wer steckt dahinter?"
Aramar murmelte: "Mein guter Mog, das ist ja das Problem! Seit Tagen zermartere ich meinen Kopf, von wem die Gefahr ausgehen könnte. Malomar, soviel steht auf jeden Fall fest, ist es nicht. Er lebt nicht mehr. Ich kenne aber niemand anderen, der so mächtig wäre, um den Schrecken hervorzurufen, der Centratur jetzt in Atem hält." Er machte eine Pause und fuhr dann verwirrt fort: "Niemanden, außer dem Alten. Aber der ist unschädlich gemacht. Er ist in einem Berg gefangen. Vor ihm müssen wir uns nicht fürchten."
"Wer ist 'der Alte', und was hat es mit dem Berg auf sich? Kann er sich nicht befreit haben?" "Das ist schon wieder eine lange Geschichte, die ich heute nicht mehr erzählen möchte. Ich glaube nicht, daß wir uns vor dem Alten fürchten müssen. Aber wenn er frei wäre, dann gnade uns Gott. Das wäre das Schlimmste, was passieren könnte. Allen Wesen in Centratur bliebe dann nur die Wahl zwischen Unterwerfung und Versklavung oder dem Tod."
Der alte Erit schauderte bei diesen Worten. Er kannte den Zauberer und wußte, daß dieser niemals übertrieb. Irgendwann brach die Dunkelheit vollends herein. Mog zog seinen gelben Hausmantel an, über den der Gast heimlich schmunzelte. Zusammen mit Ev und den beiden Söhnen saßen sie am Kamin. Die Schrecken des Nachmittags verblaßten. Man ging früh zu Bett, denn der nächste Tag würde anstrengend werden. Aramar brauchte Informationen und wollte das Schloß des Markgrafen in Hochhag besuchen. Ein weiterer Ritt stand bevor.

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