Die Orokòr

oder

"Liebe deine Feinde!"

oder

"Wie kommt Frieden in die Welt?"

 

(Auszüge aus verschiedenen Kapiteln des Ersten Bandes)

 

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"Orokòr sind äußerst gefährliche Krieger. Der Dunkle Herrscher hat sie einst als Geisel für Centratur geschaffen. Sie haben dunkle Hautfarbe und große Reißzähne. Sprichwörtlich ist ihre Grausamkeit. Orokòr treten nur selten allein auf. Sie sind Rudelwesen, die sich bedingungslos ihrem Führer unterordnen. Ormor dem Zauberkönig sind sie blind ergeben. Sie sind die wichtigsten Truppen in seinen gewaltigen Heeren."

 

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Tatsächlich entspann sich am Feuer ein Gespräch, das auch die Reisenden aus dem Heimland in seinen Bann zog.

»Das Essen hat gutgetan«, sagte der große Mann. »Es ist heutzutage schwer, sich unterwegs zu ernähren. Diese verdammten Orokòr sind überall, und sie fressen alles kahl wie Heuschreckenschwärme. Wo einmal Orokòr durchgekommen sind, findest du keinen Krümel mehr. Die fressen jedes lebende Wesen im Umkreis von Meilen und das Korn sogar vom Halm. In den letzten Tagen mußte ich auf ihrer Spur wandern und wäre beinahe verhungert. Es war verbranntes Land, durch das ich gekommen bin. Von jeder Siedlung, jedem Hof sah man nur noch rauchende Trümmer, alle Tiere waren geschlachtet und alles Wild erlegt oder vertrieben. «

»Die Orokòr haben keine andere Wahl«, mischte sich der Weißhaarige in der seltsamen Kutte ein. »Sie werden in großer Truppenstärke ins Land geführt, aber nicht verpflegt. Ihre Oberen sind der Meinung, sie sollen für ihre Nahrung selbst sorgen, und das tun sie auch. Baut keinen Haß gegen die Orokòr auf, verständigt euch lieber mit ihnen! «

»Es sind Geschöpfe des Bösen. Eine Verständigung mit ihnen dürfte recht schwerfallen. Ich kenne niemanden, der bisher mit ihnen vernünftig reden konnte. Die meisten haben bei einer Begegnung mit ihnen ihr Leben verloren. Orokòr reden nämlich nicht lange, bevor sie morden.«

»Das sind doch Greuelmärchen! Es mag schon sein, daß sich die Orokòr hin und wieder so verhalten, aber doch nur, weil wir ihn stets feindlich entgegentreten. Sie mußten sich immer ihrer Haut wehren. Es liegt an uns, daß kein Friede möglich ist!«

»Das ist ein Verrückter! « flüsterte Akandra vor sich hin.

»Vielleicht hat er recht?« antwortete Marc ebenso leise. »Da ist schon etwas dran, an dem, was er sagt.«

Am Feuer war Streit ausgebrochen. Die Krieger hatten sich erhoben und schimpften: »Hast du Oberhaupt schon jemals einen Orokòr gesehen?«

»Nein, aber ich werde sie bald erleben.«

»Die Orokòr wurden vor langer Zeit von Ormor als Geiseln für Centratur ins Land geholt. Man kann zu ihnen keine freundschaftlichen Beziehungen anknüpfen.«

»Man hat es nur noch nie versucht. Diese Gerüchte dienen doch nur dazu, Haß gegen sie zu schüren. Nichts davon ist bewiesen. Im übrigen sollte man nicht alle Orokòr über einen Kamm scheren. Sie sind sicher nicht alle gleich, ebensowenig wie wir Menschen auch. Nur eine Minderheit verstößt gegen die Menschlichkeit. Ich kann mir vorstellen, daß die Orokòr selbst unter ihrem Ruf leiden, und daß sie auch deshalb so unfreundlich mit anderen Völkern umspringen.«

Ein großes Gelächter antwortete ihm.

»Unfreundlich umspringen? Das ist gut! Das wird ein Lacherfolg, wenn ich das weitererzählen, prustete der Dürre, der das Essen gekocht hatte.

Die beiden Krieger hingegen fanden die Äußerungen des Weißhaarigen nicht lustig: »Morden, Plündern und Rauben bezeichnest du mit >unfreundlich umspringen<. Entweder bist du ein Narr oder ein Agent des Feindes.«

Der Mann in der Kutte gab nicht auf: »Ich bin keines von beiden. Gerade weil ich dem Morden nicht mehr zusehen kann, bin ich der Meinung, wir sollten unser Verhältnis zu den Orokòr überprüfen. Bisher haben wir auf ihre Kriege nur mit Krieg reagiert. Wozu hat dies geführt: Zu erneutem Krieg. All das Kämpfen hat der Welt keinen Frieden gebracht. Wir müssen endlich einen neuen Weg probieren, einen Weg der Verständigung, des Abbaus von Vorurteilen. Dazu will ich den Anfang machen. Ich bin auf dem Weg zu den Orokòr und werde bei ihnen um Verständnis für alle Geschöpfe werben. Ich will den Haß mindern. Nur so gibt es eine Chance für wirklichen Frieden.«

»Du wirst wohl nicht viel zum Reden kommen, denn bevor du deinen Mund aufgemacht hast, bist du auch schon tot. Und wenn du Pech hast, fressen sie dich anschließend, weil sie in den vergangenen Tagen nichts Besseres gefunden haben.«

»Das ist schon wieder so ein Vorurteil gegenüber den Orokòr, das ihnen Unrecht tut und jede Aussöhnung verhindert. Ich gehe waffenlos zu ihnen, und meine Hilflosigkeit wird mein Schutz sein. «

»Waren denn die Frauen und Kinder, die sie bisher umgebracht haben, nicht hilflos?«

»Ihr solltet nicht alle Gerüchte glauben, die man über die Orokòr erzählt. Es mag schon sein, daß Unschuldige von ihnen getötet wurden, aber wenn dies tatsächlich vorgekommen ist, so geschah dies im Eifer des Krieges. Auch die Menschen haben viele Greueltaten vollbracht und davon redet niemand. ich bin sogar sicher, daß selbst die Achaj er im Krieg keine Waisenknaben gewesen sind. Orokòr töten, da bin ich überzeugt, nicht ohne Notwendigkeit.«

In diesem Augenblick wurde der Mann in der Kutte durch eine schallende Ohrfeige unterbrochen. Akandra war unbemerkt vor ihn hingetreten und hatte mit aller Kraft zugeschlagen. Da stand das kleine Eritmädchen inmitten der Männer mit blitzenden Augen und rief: »Wenn ihn keiner von euch zum Schweigen bringt, so muß ich es eben tun.«

Betroffenes Schweigen breitete sich am Lagerfeuer aus. Marc saß mit rotem Kopf unter dem Baum und schämte sich für die Freundin.

»Du hast einen Mann, der mutig und guten Willens ist, beleidigt. Er ist vielleicht ein wenig töricht und weltfremd, doch von ehrlicher Gesinnung und großer Friedensliebe.«

»Er hat meine Mutter beleidigt«, war die knappe Antwort.

Am Feuer kam, nachdem sich die Männer von ihrem Erstaunen erholt hatten, wieder ein Gespräch in Gang.

 

 

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Keiner wußte so recht, was er reden sollte. Da begann der junge Erit zu Immith gewandt: »Erinnert Ihr Euch noch an den seltsamen Mann mit der Kutte, der am Lagerfeuer die Orokòr so sehr verteidigt hat? Was wohl aus ihm geworden ist?«

»Nichts Gutes fürchte ich.«

»Er wollte doch zu den Orokòr gehen und sie durch seine Zuneigung zu überzeugen versuchen.«

»Das erinnert mich an die Geschichte von der Fliege.« »Die kenne ich nicht.«

»Dann mußt du sie dir anhören, dann hast du was fürs Leben.« Die anderen lachten, und Marc schaute dümmlich drein.

»Es war einmal eine Fliege, die verliebte sich in einen Menschen. Sie wollte stets bei ihm sein und flog bei Tag und bei Nacht um seinen Kopf. Sie ließ nur von ihm ab, wenn sie selbst schlafen mußte. Sie schaute in die Augen des geliebten Menschen, und das Blau dieser Augen entzückte sie. Auch die Farbe seiner Wangen, rosa von Blut durchströmt, ließ ihr Herz höher schlagen. Ununterbrochen hätte sie seine Haut küssen mögen.

Die Fliege dachte, daß auch der Mensch sie mochte. Hätte er sonst mit ihr jagen und Fangen gespielt? Wahrscheinlich bewunderte er sie, denn aus diesem Spiel war sie stets als Siegerin hervorgegangen. Zärtlich krabbelte sie über seine Arme und sein Gesicht. Natürlich wußte die Fliege, daß Menschen Insekten nicht mögen und sie zu töten versuchen. Aber noch nie, so sagte sie sich, hatte eine Fliege einen Menschen geliebt. Sie wollte den Anfang machen und die Kluft zwischen Mensch und Insekt überwinden. Ihre Gefühle würden auch sein Herz umstimmen. Vielleicht war ihr dies bereits gelungen, hatte sie doch verschiedene Anzeichen dafür. Der Mensch fütterte auch die Fliege. Wenn er nämlich aß, so ließ er sie an seinem Essen naschen.

So gingen die Tage ins Land, und für die Fliege waren es Jahre ihres kurzen Lebens. Bald war sie sich der Gefühle des Menschen für sie so sicher, daß sie daran dachte, Kinder in die Welt zu setzen. Diese sollten mit den Menschen in holder Eintracht leben, doch dazu kam es nicht mehr. Eines Tages, als die Fliege sich wieder einmal auf dem reizenden Gesicht des Menschen niedergelassen hatte, klatschte eine Hand auf sie hernieder. So endete der Versöhnungsversuch zweier gegensätzlicher Arten.«

Die drei Männer lachten schallend über die Geschichte, und besonders Welsin schlug sich immer wieder auf die Schenkel. Marc versuchte, den Sinn der Parabel zu verstehen. Danach wurde nicht sehr viel geredet.

 

 

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Über den Brand sprachen sie auch nicht, als sie zurück in Gutruh waren. Statt dessen tauschten sie kurz ihre Erlebnisse aus.

Blumendorf war schon in den ersten Tagen der Invasion von den Orokòr überrannt worden. Sie hatten sofort alle Einwohner auf die Felder getrieben. Wer nicht spurte, wurde ausgepeitscht. Dabei war es zu einem sonderbaren Vorfall gekommen, den die Blumendorfer nun eifrig erzählten. Mich, der Sohn des alten Bauern Loeff, hatte sich geweigert, den Pflug zu ziehen.

»Ich bin doch kein Ochse und auch kein Pferd«, hatte er geschrien, »und jetzt ist gar keine Zeit zum Pflügen. Der Winter steht vor der Tür. Das ist alles nur Schikane."

Die Orokòr hatten die Zähne gefletscht und ihn gepackt. Dann wurde er mit ausgebreiteten Armen an die Räder eines Leiterwagens gebunden und sollte gepeitscht werden. Alle Leute von Blumendorf wurden zusammengetrieben, um dem schlimmen Schauspiel zuzusehen. Es sollte der Abschreckung dienen. Mich wollte keine Angst zeigen, zitterte aber am ganzen Körper. Betont langsam zog sich ein besonders muskulöser Orokòr den Lederpanzer aus. Er hatte einen dunklen Oberkörper, der vollständig behaart war. Ein anderer Orokòr reichte ihm die Peitsche. Sie war etwa sechs Fuß lang. Die Lederriemen hatte man mit Knoten noch grausamer gemacht. Bei diesem Anblick ging ein Stöhnen durch die Menge. Mich bäumte sich in seinen Fesseln auf. Langsam trat der Orokòr zurück und holte mit der Peitsche weit aus.

In diesem Augenblick geschah etwas Unerwartetes. Ein Mann mit weigern Haar und in dunkler Kutte drängte sich durch die Menge und rannte in den großen Kreis.

»Halt, ihr Orokòr! « rief er. »Macht euch nicht unglücklich. Zeigt doch, daß ihr barmherzig sein könnt, und alle Gerüchte über eure Grausamkeit falsch sind. Ich weiß, daß man euch unrecht tut. Fangt endlich an, der Welt das Gegenteil zu beweisen. Laßt diesen Unglückseligen laufen. Wenn ihr, aus welchen Gründen auch immer, ein Opfer braucht, so nehmt mich.«

Die Orokòr sahen den Mann verwirrt und ungläubig an. Die schon zum Schlag erhobene Peitsche sank wieder zur Erde. Einer der Hauptleute der Orokòr, der bisher das Geschehen aus dem Hintergrund verfolgt hatte, trat vor. Er bleckte seine Zähne und fragte: »Hast du keine Angst?«

»Doch, ich habe entsetzliche Angst. Aber einer muß seine Angst überwinden. Nur wenn wir euch ohne Angst begegnen, besteht die Hoffnung, daß ihr von euren Grausamkeiten ablaßt. ich glaube, daß zwischen Angst und Brutalität ein Zusammenhang besteht. Ich will den Teufelskreis, der um euch Orokòr gewoben ist, durchbrechen. «

»Das ist wirklich großzügig von dir. Warum sorgst du dich so um uns Orokòr?« Die Stimme war spöttisch.

»Ich sorge mich nicht um euch, sondern um den Frieden in der Welt. Ihr seid ein wesentlicher Teil des Unfriedens, also muß man sich, wenn man den Frieden will, mit euch auseinandersetzen.«

»Wirst du noch immer so denken, wenn wir dich halb totgeschlagen haben?«

»Das weiß ich nicht. jetzt denke ich auf jeden Fall so. Ich glaube an das Gute in euch, und daran werde ich bis an mein Ende festhalten!«

Die Orokòr sahen sich ratlos an.

»Alle Geschöpfe dieser Welt sind gut und werden nur zum Bösen verführt. Wir müssen allen, nicht nur euch Orokòr, die Chance geben, gut zu sein.«

Da lachten die Krieger, und ihre schrecklichen Zähne blitzten in der Sonne.

»Wir sind schon jetzt gut«, riefen sie. »Wir sind gut im Kampf mit dem Schwert und mit der Streitaxt. Je mehr Feinde wir töten, desto besser werden wir. Wie gut wir sind, erkennt man daran, wie sehr man uns fürchtet.«

»So verstehe ich das Gute nicht«, sagte der Mann verwirrt.

»Aber wir verstehen es so. Wir nennen gut, wenn wir unbesiegbar sind, wenn wir genügend Nahrung herbeischaffen, wenn Er mit uns zufrieden ist, wenn alle Menschen bei der Nennung unseres Namens erbleichen. Das ist Güte! Wenn du es so siehst, so sind wir gut! «

Alle hatten durcheinandergeschrien. Der Anführer gebot nun Ruhe.

»Du kannst gehen«, sagte er, »dich zu vernichten, bringt uns keinen Ruhm.«

»Oh, ihr Verblendeten, ihr Törichten, wollt ihr denn nicht begreifen? Ich bin gekommen, um euch zu helfen.«

»Wir wollen deine Hilfe nicht. Wir streben nach Ruhm und Ehre.«

»Ich künde euch eine neue Form von Ruhm. Ich gebe euch die wirkliche Ehre.«

»Wovon redest du?«

»Ich spreche von der Barmherzigkeit, von der Liebe zum Leben.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»So will ich dich lehren.«

Aber der große Orokòr schien das Interesse an der Auseinandersetzung verloren zu haben. Er machte nur eine abfällige Handbewegung und gab seinen Männern ein Zeichen, ihm zu folgen. Der Scharfrichter zog sein Lederwams wieder über und rollte die Peitsche zusammen. Der Kreis der fassungslos gaffenden Erits öffnete sich weit, und die Orokòr zogen langsam ab. Als der Anführer an dem Mann in der Kutte vorbeikam, zog er seinen Dolch und trieb ihn bis zum Heft in den Leib des Unschuldigen. Er putzte die Klinge an der Kutte ab und ging dann weiter, als wäre nichts geschehen.

Die Leute in Blumendorf banden Mich vom Leiterwagen los. Aber dem stöhnenden Mann in der schwarzen Kutte wagten sie sich nicht zu nähern, aus Angst vor der Rache der Orokòr. Als er endlich Blut spuckte und mit einem Röcheln starb, war es für alle eine Erlösung. Ein paar Tage später wurden die Orokòr abgezogen und durch Soldaten aus Rolos ersetzt.


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